In vielen Ländern Europas geraten Medienpluralismus und Pressefreiheit ins Wanken

„Jeder Shitstorm gegen Journalisten verletzt auch ein Stück unserer Demokratie", sagt Andrea Roth. Foto: EFJ

Andrea Roth ist Vorstandsmitglied der Europäischen Journalistenföderation EFJ und Vorsitzende der Europakommission des DJV. In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Roth sieht die Pressefreiheit in Europa in Gefahr.

23.02.2026

Pressefreiheit ist ein Grundpfeiler demokratischer Gesellschaften, doch in vielen Teilen Europas gerät dieser Pfeiler ins Wanken. Laut dem jüngsten Bericht des European Centre for Press and Media Freedom (ECPMF) wurden zwischen Januar und Juni 2025 709 Verstöße gegen die Pressefreiheit dokumentiert, sie richteten sich gegen 1.249 Medienschaffende oder Medienorganisationen. 

Diese Angriffe reichen von verbalen Übergriffen über Online-Belästigung bis hin zu physischen Attacken und juristischen Schikanen. Besonders häufig betroffen sind Journalisten bei Demonstrationen, vor Gerichten oder im öffentlichen Raum. 

Damit arbeiten viele Medienschaffende unter Druck und Angst – ein Klima, das oft zu Selbstzensur führt. Diese Selbstzensur steigert sich auch durch Shitstorms gegen einzelne Journalistinnen und Journalisten.

Zudem schränken viele Regierungen die Pressefreiheit massiv ein: In der Türkei und Ungarn ist das besonders sichtbar: Sie haben den öffentlich-rechtlichen Rundfunk genau wie andere Medien komplett unter Regierungskontrolle gestellt, unabhängige Medien operieren nur noch über Online-Plattformen, auch diese werden teilweise blockiert.
Doch auch in anderen Ländern quer durch Europa wie Italien, Bulgarien, Spanien, Serbien, Griechenland und in der Slowakei geraten Medienpluralismus und Pressefreiheit ins Wanken, steigt die staatliche Einflussnahme und Konzentration von Medieneigentum, strategische Klagen gegen öffentliche Beteiligung (SLAPPs), sowie – durch die Entwicklung von KI – die digitale Zensur, Deepfakes und manipulierte Fakten.

Der European Media Freedom Act (EMFA) soll Medienunabhängigkeit stärken, staatliche Einflussnahme begrenzen und Transparenz über Medieneigentum schaffen. Doch viele Mitgliedstaaten sind nicht gewillt, die neuen Regeln konsequent umzusetzen.

Wie können wir eine Erosion der Pressefreiheit verhindern? Europas Institutionen müssen internationalen Druck ausüben auf die, die die Pressefreiheit verletzen. Wir brauchen starke Institutionen, aber wir benötigen auch den gesellschaftlichen Rückhalt. Jeder Shitstorm gegen Journalisten verletzt auch ein Stück unserer Demokratie. Und: Wir müssen unabhängigen Journalismus schützen und unabhängige Medien, die zum Teil unterfinanziert sind, fördern. Auch dem Lokaljournalismus als eine wichtige Informationsquelle in den Regionen, als ein Instrument gegen Fake News, kommt dabei eine Bedeutung zu. Denn: Nur eine vielfältige und unabhängige Presse wird Öffentlichkeit, Transparenz und Kontrolle, das Rückgrat jeder Demokratie, bewahren. 


Andrea Roth ist Vorstandsmitglied der Europäischen Journalistenföderation EFJ und Vorsitzende der Europakommission des DJV.