„Journalismus muss unbedingt selbstbewusster werden“
Michael Brüggemann ist Professor für Kommunikationswissenschaft, Klima- und Wissenschafts-kommunikation an der Universität Hamburg. Er forscht und lehrt an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und ist Projektleiter beim interdisziplinären Exzellenzcluster Climate, Climatic Change, and Society. Foto: Jan Freitag
Wenn die Gesellschaft den Co2-Ausstoß nicht reduziert, wird „die Zukunft weniger lebenswert sein als heute“, stellt Michael Brüggemann klar. Kommunikation hat beim Vermitteln der Klimafakten eine überragende Rolle.
Interview: Jan Freitag
22.09.2025
journalist: Herr Brüggemann, was ist rein sprachlich der Unterschied zwischen Krise und Katastrophe?
Michael Brüggemann: Während sowohl Krise als auch Katastrophe mit einer dramatischen Zuspitzung eines Problems einhergehen, schwingt bei einer Katastrophe Endzeitatmosphäre mit, während man Krisen bewältigen kann. Ältere Mediennutzer haben da womöglich noch die Weltuntergangsstimmung der Achtzigerjahre vor Augen, als der Spiegel den Kölner Dom auf dem Titelblatt fluten ließ.
Sie sprechen also eher von Klimakrise als Klimakatastrophe?
Noch häufiger spreche ich einfach von Klimawandel, weil das der wissenschaftlich etablierte Begriff ist und es im Gegensatz zu vielen Krisen ein schleichender Prozess ist, kein klar abgrenzbares Ereignis. Andererseits stellt sich die Frage, ob „Wandel“ die Dringlichkeit des Handelns ausreichend kommuniziert.
Wie viel Klarheit in der Sprache ist beim Klima angebracht, um die Menschen – wie es so schön heißt – mitzunehmen, statt zu verunsichern, aber dennoch aufzurütteln?
Die Tragweite des Problems muss man so klar wie möglich kommunizieren, aber eben nicht unbedingt mit Katastrophenvokabular. Da schwingt ein Fatalismus mit, als sei eh nichts mehr zu machen. Als Wissenschaftler möchte ich Journalisten keine Sprachempfehlungen geben, aber eine Krise sollte man schon auch als solche benennen. Als wir in der ersten Hitzewelle im Juni Zeitungsartikel analysiert haben, haben wir intensive Berichterstattung übers Thema Hitze gefunden, aber nur in vier Prozent der Texte fiel überhaupt das Wort „Klima“ – übrigens inklusive Klimaanlage.
Das grenzt schon fast an Unterschlagung.
Und zwar in vielfacher Hinsicht. Diesen Sommer sind schon viele Tausend Menschen in Südeuropa an der starken Hitze gestorben. Der Klimawandel fordert ein Vielfaches der Opfer, die zum Beispiel durch Terroranschläge sterben. Trotzdem haben Menschen eher Angst vor einem Anschlag als dem Tod durch Überschwemmung oder Hitze.
Zugleich verweist ihre Unterscheidung von Wandel, Krise, Katastrophe darauf, die Menschen nicht mit Dramatik zu überfordern. Wie hält man da die Balance?
Durch die faktenbasierte Ehrlichkeit, dass bei gleichbleibendem CO2-Ausstoß ein drastisches, dauerhaftes Krisenszenario droht, das nicht nur unzählige Menschenleben, sondern Wohlstand und am Ende unseren Lebensstil kostet. Die Zukunft wird dann definitiv weniger lebenswert sein als heute. Das zeigen die Szenarien, die Klimaforscher für plausibel halten, wenn die Politik nicht viel radikaler und schneller umsteuert als bisher.
Dummerweise nimmt die Verdrängung der Krise im Gleichschritt mit ihrer Evidenz zu. Wie viel Ehrlichkeit ist angebracht, um keine Trotzreaktionen zu provozieren?
Journalisten sind ja keine Politiker, die um Wiederwahl werben, sondern Berichterstatter, deren Aufgabe nicht darin besteht, ihr Publikum zu schonen, sondern zur Not schonungslos mit Fakten zu füttern.
Sie benutzen dafür den Begriff des transformativen Journalismus, der auch appellativen Charakter hat.
Ja. Allerdings als Ergänzung zur Beobachterrolle, die erst einmal die Fakten berichtet. Transformativer Journalismus steht in der Tradition der Watchdog-Rolle, die gezielt auf Missstände hinweist und den Mächtigen in Politik und Wirtschaft kritisch auf die Finger schaut. Und da gibt es beim Thema Ökologie ein ganzes Bündel an Missständen und Versäumnissen, auf die transformativer Journalismus hinweisen kann, wo er Debatten anstoßen und moderieren kann. Dadurch kann Journalismus dazu beitragen, gesellschaftliche Veränderungsprozesse voranzubringen.
Mehr Haltungsjournalismus?
Journalismus mit Haltung wird gerne mit Meinungsjournalismus verwechselt. Es geht aber nicht um persönliche Meinungen, sondern gesellschaftlich weithin geteilte Werte. Ich würde mir wünschen, dass sich Journalisten für Klimaschutz, Artenvielfalt, Ressourcenschonung ebenso unverfänglich einsetzen dürfen wie für Frieden, Freiheit, Menschenrechte.
Wie vermeidet man es dabei als Journalist:in, belehrend zu sein?
Indem man nicht nur über die Bedrohung berichtet, sondern auch über die positiven Aspekte von Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel, und zeigt, was schon passiert, welche guten Ideen und Projekte es dazu gibt.
Darf man den Begriff „Klimakleber“ verwenden?
Wer damit arbeitet, übernimmt das Vokabular von Rechtspopulisten, die damit bewusst demokratisches Engagement für Klimaschutz diskreditieren oder eine Agenda haben, wie die Bild beim Versuch, Robert Habeck mit Begriffen wie „Heizhammer“ abzusägen. Das war strategische Kommunikation, die zwar nichts mit Journalismus zu tun hatte, aber äußerst erfolgreich war.
Gibt es guten oder schlechten, richtigen oder falschen Klimajournalismus?
Grundsätzlich ist mehr Berichterstattung zu Klimawandel und Klimaschutz wichtig. Schlechter Klimajournalismus ist vor allem schlechter Journalismus, der Fakten verdreht, unterschlägt oder manipuliert, wie beim Thema Heizungsgesetz geschehen. Heute sieht sich der Journalismus zudem mit einem politischen Backlash gegen Klimaschutz konfrontiert. Politische Akteure nutzen Narratives of delay, um diesen zu verhindern oder zumindest auszubremsen.
Verzögerungsnarrative?
Rhetorische Ablenkungsmanöver wie jene, dass wir uns jetzt zum Beispiel erstmal um Verteidigungsausgaben und Wirtschaftswachstum kümmern müssten und erst danach um Klimaschutz. Oder die Betonung der Tatsache, dass Deutschland nur zwei Prozent zu den globalen Emissionen beitrage. Das gilt natürlich für die allermeisten Länder. Wenn jeder so denkt, gibt es am Ende keinen Klimaschutz. Andere Verzögerungsstrategien bestehen darin, Nicht-Handeln bei der Reduktion von Emissionen zu rechtfertigen mit technologischen Innovationen in der Zukunft oder Spekulationen über Climate Engineering. Vieles davon ist Science-Fiction, hat problematische Nebenwirkungen oder ist nicht annähernd so effektiv wie Maßnahmen, die zu weniger Flug- und Autoverkehr führen.
Haben Sie ein, zwei Begriffe aus dem wissenschaftlichen Klimadiskurs, die der transformative Journalismus besser vermeiden sollte?
Dekarbonisierung wäre einer, den man vielen ebenso erklären müsste wie Mitigation.
Oh ja, mir zum Beispiel. Was ist Mitigation?
Das sind alle Maßnahmen, die die Ursachen des Klimawandels bekämpfen, indem sie Emissionen reduzieren. Auch bei Begriffen wie Zwei-Grad-Grenze oder Emissionshandel haben die Menschen nur eine vage Vorstellung, was konkret damit gemeint ist, wie unsere regelmäßigen Befragungen im Projekt Down2Earth zeigen. Das gilt wahrscheinlich für viel Fachvokabular, das in der Wissenschaft normal ist. Besonders groß sind die Wissenslücken beim Thema Klimapolitik. Dass es den Klimawandel gibt, wissen die Menschen schon. Dass damit aber ein enormer Handlungsdruck verbunden ist, wird – teils aus purer Bequemlichkeit, teils aus ideologischem Kalkül heraus – verdrängt oder geleugnet.
In Ihrer Ringvorlesung „Medien in der Klimakrise“, die Sie an der Uni Hamburg halten, sagen Sie, jeder habe das Recht, Realitäten zu verweigern. Müssen sich Journalist:innen damit abfinden, dass sie vor allem bereits Überzeugte adressieren, während die Gruppe der Unerreichbaren wächst?
Amerikanische Studien belegen zwar, dass bestimmte Argumente selbst Klimaleugner irgendwie erreichen. Meine Lebens- und Berufserfahrung besagt allerdings ebenso wie die gesamte Medienwirkungsforschung, dass der Einfluss einzelner Argumente, Artikel oder Videos gering ist. Starke persönliche Erlebnisse wie ein Covid- oder Hitzeopfer in der Familie können schon eher Umdenkprozesse bei dem jeweiligen Thema in Gang setzen. Vom Journalismus allein lassen sich festgefügte Weltbilder schwer beeinflussen. Trotzdem prägt die Gesamtheit unserer Medienerfahrungen schon das kollektive Problembewusstsein.
Es klingt zwar machbar, aber ungeheuer anstrengend, Menschen zu erreichen, die den Klimawandel nicht leugnen, sondern relativieren.
Aber immerhin kann man diese Zielgruppe überhaupt noch erreichen. Und es lohnt sich. Eine Aufgabe der Medien besteht darin, Menschen in die Lage zu versetzen, kluge und reflektierte Wahlentscheidungen zu treffen. Politisches Engagement – ob aktiv in Klimaprotesten oder in Wahlen – ist das stärkste Mittel der Bürger für Klimaschutz. Faktenorientierter Journalismus, der transparent seine eigene Haltung zu Werten wie Nachhaltigkeit kommuniziert, kann sein Publikum dabei unterstützen, politisch wirksam zu werden. Klimaschutz kann genauso Teil der publizistischen Mission eines Medienunternehmens sein, wie es bei Springer die Westbindung der BRD war.
Und was raten Sie innerhalb dieser publizistischen Mission: mit Klimawandelleugnern reden oder sie ignorieren? Ein Dilemma, in dem sich – Stichwort False Balance – besonders Talkshows seit geraumer Zeit befinden.
Dort herrschte tatsächlich lange Zeit ein Primat unterhaltsamer Konflikte zulasten der Differenzierung. Während man individuell natürlich mit Klimaleugnern sprechen kann, so würde man ihnen in einer Talkshow aber ein Forum zur Verbreitung von Desinformation bieten.
Wie wichtig sind für solche Formate Faktenchecks in Echtzeit?
Unerlässlich. Ebenso wie umfassende Vorbereitung aller Beteiligten, um Widersprüche jederzeit aufzudecken und Falschinformationen fundiert Kontra zu geben. Recherche und tiefere Einarbeitung auch in das Thema Klimaschutz ist natürlich eine Voraussetzung für kompetente Interviews und Moderationen.
Wie bringt man Anspruch und Wirklichkeit in der Klimadebatte denn nun kommunikativ bestmöglich zusammen?
Guter Journalismus sollte in der Lage sein, gesellschaftlich relevante Fragen zu stellen und zu gewichten. In diesem Tauziehen mit Politik und Öffentlichkeitsarbeit muss er unbedingt selbstbewusster werden.
Jan Freitag arbeitet als freier Journalist in Hamburg.