Journalismus wird unter Druck besser
„Journalismus wird besser durch den Druck, unter dem wir alle stehen", sagt Marion Horn. Foto: Bild
Marion Horn ist Vorsitzende der Bild-Chefredaktionen und Chefredakteurin Bild. In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Horn sagt, zwei Dinge braucht der Journalismus: Effizienz und bewusstes Innehalten.
05.02.2026
Journalismus steht unter Druck. Unter wirtschaftlichem, technologischem, gesellschaftlichem. Schnelligkeit wird verlangt, Verlässlichkeit erwartet, Reichweite gefordert, und immer öfter wird die Glaubwürdigkeit von Medien in Frage gestellt. Egal ob öffentlicher Rundfunk, Regionalzeitung oder großes Onlinemedium. Dieser Druck ist eine enorme Chance. Ich bin überzeugt: Journalismus wird besser durch den Druck, unter dem wir alle stehen. Aber er muss dafür auf zwei stabilen Säulen stehen.
Die erste Säule ist Effizienz. Wir müssen schnell und präzise sein. Das ist heute kein Entweder-oder mehr. Digitale Tools und KI helfen uns dabei, Routinen abzukürzen und Informationen in Sekunden zu verarbeiten. Das ist kein Verrat am Journalismus, das ist eine Befreiung. Je effizienter wir werden, desto mehr Zeit gewinnen wir für das, was wir wirklich können müssen: eigene Nachrichten produzieren, persönlich mit Betroffenen sprechen und einordnen, erklären, relevant sein. Geschwindigkeit darf nie Qualität ersetzen. Aber ohne Geschwindigkeit verlieren wir Anschluss. Effizienz ist das Werkzeug, Wahrheit rechtzeitig zugänglich zu machen.
Die zweite Säule ist das bewusste Innehalten. Journalismus wird nicht im Takt von Algorithmen besser, sondern im Takt von Menschen. Dazu gehört, rauszugehen – wirklich raus –, aus der eigenen Blase, in das echte Leben. Es bedeutet: zuhören, nachfragen, sich irritieren lassen, tiefer zu graben als es bequem ist. Keine KI und kein Datensatz können das ersetzen.
Für die Zukunft des Journalismus ist nicht eine dieser Säulen entscheidend, sondern ihr Zusammenspiel. Denn nur beides zusammen schafft Vertrauen, und Vertrauen wird die wichtigste Währung der Zukunft.
Wir brauchen Technologie, um schneller, präziser und präsenter zu sein. Und wir brauchen den ursprünglichen Kern unseres Berufs, um bedeutsam zu bleiben. Die größte Versuchung unserer Zeit ist es, immer mehr Inhalte zu produzieren. Und die größte Verantwortung ist es, die richtigen Geschichten zu finden und sie so zu erzählen, dass sie etwas bedeuten.
Marion Horn ist Vorsitzende der Bild-Chefredaktionen und Chefredakteurin Bild.