„KI wird von wenigen Konzernen dominiert“

„Wir haben bisher zu wenig in Alternativen investiert, gemeinwohlorientierte KI-Systeme, denen man vertrauen kann“, sagt Markus Beckedahl. Foto: pa/SZ Photo/Leonhard Simon

Digitalexperte Markus Beckedahl erklärt im journalist-Interview, warum wir KI-Trends oft verzerrt wahrnehmen, wie Europa Widerstand gegen Big Tech leisten könnte – und was guter Journalismus dazu beiträgt.

Interview: Sonja Peteranderl

01.06.2026

Die Geschäftsführerinnen von HateAid dürfen nicht mehr in die USA reisen, hochrangige Mitarbeitende des internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag wurden heftig sanktioniert. Markus Beckedahl beobachtet, dass sich unter deutschen Journalist*innen eine gewisse Selbstzensur einschleicht – und ist beunruhigt. Was muss sich ändern, damit Europa endlich den Weg zu digitaler Souveränität einschlägt?

journalist: Herr Beckedahl, wo versagt die Berichterstattung über KI? 

Markus Beckedahl: Es fehlt an kritischer Einordnung. Stattdessen dominiert ein Hype-Narrativ – etwa die Idee einer allmächtigen Künstlichen Intelligenz, die uns wahlweise zerstören wird oder ein Wunder auf Erden bringt. Beides sind übertriebene Szenarien, die KI fast eine göttliche Kraft zuschreiben – und so tun, als ob die Technologie allein unsere Zukunft bestimmt. Die heutigen KI-Systeme basieren aber im Kern auf mathematischen und statistischen Verfahren. Dahinter stehen Konzerninteressen, keine Magie. Was oft fehlt, ist die Vorstellung, dass wir die Zukunft von KI beeinflussen können und dass Digitalisierung auch ganz anders gestaltet werden könnte. Fachleute sehen die Entwicklung einer Allgemeinen Künstlichen Intelligenz (kurz: AGI für Artificial General Intelligence) auch skeptischer als viele Journalist*innen.

Wie könnte ein besserer Tech-Journalismus aussehen?

Die KI-Berichterstattung wirkt manchmal wie Sportjournalismus: Es geht um neue Features, Releases und Konkurrenzkämpfe statt um Strukturen und Machtfragen. Wer liegt vorne im AI-Race? Zu selten wird hinterfragt, welche Interessen hinter KI stehen, welche gesellschaftlichen Folgen das hat. Medien übernehmen oft Narrative aus der Industrie – bewusst oder unbewusst.

Woran liegt das?

Ich mache seit 25 Jahren netzpolitische Berichterstattung und habe beobachtet, dass das Thema lange belächelt worden ist. Die Politikjournalist*innen in den großen Redaktionen dachten: Internet ist was für Nerds. Digitalpolitik befand sich im Themenranking ganz weit unten. Wenn man Karriere machen wollte, hat man sich andere Bereiche ausgesucht.

Wann hat sich das geändert?

Spätestens 2025, als die Tech-Oligarchen sich bei der Amtseinführung von Donald Trump in die erste Reihe eingekauft haben. Da ist vielen klar geworden, dass Digitalpolitik nicht nur Gesellschaftspolitik ist, sondern Machtpolitik – und das entscheidende politische Feld für die Gestaltung unserer Zukunft.

Inwieweit rüsten deutsche Medien nun mit Tech-Expertise auf?

Ich sehe nicht unbedingt, dass Redaktionen Menschen mit Expertise für Digitalpolitik einstellen würden. Gleichzeitig bestehen riesige Wissenslücken, weil sich lange Zeit kaum jemand mit Digitalpolitik beschäftigt hat.

Sie haben 2025 den Thinktank Zentrum für Digitalrechte und Demokratie begründet. Wo setzen sie in diesem Rahmen an, um die Berichterstattung zu verbessern?

Journalist*innen sind häufig mit Ereignissen konfrontiert, die sie nicht genau verstehen, aber schnell einordnen müssen. Aus Unsicherheit, etwas falsch zu machen, reproduzieren sie technische, juristische oder politische Narrative, die aus der Tech-Industrie stammen. Und sie schreiben auch oft voneinander ab. So ist die Silicon-Valley-Glorifizierung entstanden. Hier setzen wir unter anderem mit einem Newsroom an, der Journalist*innen und anderen Multiplikator*innen bei größeren Ereignissen mit tagesaktuellen Analysen erklärt, was gerade passiert, und wie ihre Zielgruppen von den Veränderungen betroffen sind.

Was beschäftigt Sie aktuell?

Gerade gibt es viele Forderungen nach einem Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche mithilfe von Altersverifikation. Dabei zeigen Studien, dass das weder sinnvoll noch zuverlässig umsetzbar ist. Die Plattformen sollten eher dazu gezwungen werden, ihre manipulativen Designs und Geschäftsmodelle zu verändern – für alle Menschen. Der Digital Service Act (DSA) ist ein Instrument, um gegen suchtfördernde Funktionen, jugendgefährdende Inhalte und Hyper-Personalisierung vorzugehen.

Wie halten Sie es als Datenschützer und Big-Tech-Kritiker persönlich mit KI?

Ich glaube, KI hat großes Potenzial, unser Leben zu bereichern. Die aktuelle Entwicklung macht mir aber Sorgen, weil sie viel zu unreguliert passiert und KI von wenigen Konzernen dominiert wird. Die Intransparenz ist groß. Wir brauchen Alternativen zu den Systemen von Unternehmen wie OpenAI oder Anthropic.

Welche KI-Modelle nutzen Sie? 

Ich hoffe, dass ich mir irgendwann mal die Hardware leisten kann, um leistungsfähige offene Modelle auf meinem eigenen Rechner nutzen zu können. Aber gerade muss ich für vieles auf verschiedene große kommerzielle Dienste ausweichen, die ich eigentlich nicht nutzen möchte.

Wie verändert KI den Journalismus?

Einerseits besteht die Gefahr, dass Journalismus sich früher oder später selbst ersetzt. Automatisierung, AI-Agents, Chatbots werden irgendwann für große Teile des Publikums heutige journalistische Leistungen übernehmen. Andererseits bieten viele Werkzeuge spannende Möglichkeiten, um Newsrooms zu verbessern.

Was würden Sie Redaktionen raten? 

Es lohnt sich, zu experimentieren – aber auch Entwicklungen zu reflektieren und zu schauen, wo Tools Sinn ergeben. Schafft etwas Vertrauen? Macht man sich komplett abhängig von einzelnen Anbietern, die einen früher oder später ersetzen werden? Oder schafft man es, unabhängige, offene Systeme so zu verwenden, dass sie Journalismus und Berichterstattung besser machen? Bleibt man souverän in der Gestaltung seiner eigenen Infrastrukturen?

Wie sieht es mit digitaler Souveränität in der Medienlandschaft aus?

Nach den Snowden-Enthüllungen gab es in Politik und Medien kurz ernsthafte Diskussionen um digitale Souveränität, dann haben sich alle wieder zurückgelehnt. Wir haben uns von wenigen US-Unternehmen abhängig gemacht, die zentrale Teile der digitalen Welt kontrollieren und in der Hand weniger Menschen sind. Die Tech-Oligarchen haben sich bei der Trump-Regierung eingekauft und setzen ihre Interessen mit Hilfe der US-Regierung global durch, um Marktmacht und Monopole zu schützen und auszubauen. Sie verhindern Regulierung und die Entwicklung von Alternativen.

„Überall saßen die Politikjournalist*innen in den großen Redaktionen und dachten: Internet ist was für Nerds.“

Wie groß ist die deutsche Abhängigkeit von Big Tech konkret?

In der Verwaltung sind wir zu 99 Prozent von Microsoft abhängig, bei Suchmaschinen hat Google einen Marktanteil von 90 Prozent, auch im KI-Bereich teilen US-Konzerne den Markt gerade unter sich auf. All das, was wir bei Social-Media-Plattformen in den 2010er Jahren erlebt haben, erleben wir jetzt nochmal mit KI-Systemen.

Wie gefährlich ist das für den Journalismus?

Medien stecken in einem Dilemma. Sie wollen KI nutzen, gleichzeitig werden ihre Inhalte von KI-Anbietern genutzt, um ihre Modelle zu trainieren. Intransparente US-Plattformen steuern, welche Inhalte sichtbar sind und wem, wann und wo sie ausgespielt werden – Medien sind auf sie angewiesen, um überhaupt ihr Publikum zu erreichen und Reichweite zu erzielen. Es besteht die Gefahr, dass politische Entscheidungen aus den USA Einfluss auf die technische Infrastruktur deutscher Medien haben könnten.

Inwiefern?

Wenn Medien zum Beispiel von Microsoft oder Google abhängig sind, könnte Donald Trump ihnen mit Sanktionen sofort das ganze System abschalten, wenn sie mal investigativ seiner Familie hinterherrecherchieren sollten.

Wie beeinflusst es Debatten inhaltlich, dass Tech-CEOs aus den USA die wichtigsten Plattformen kontrollieren?

In dem Enthüllungsbuch „Careless People“ schreibt die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin Sarah Wynn-Williams, dass sie in einem Board-Meeting saß, in dem Marc Andreessen und Peter Thiel, zwei rechtsradikale Tech-Oligarchen, darüber diskutierten, ob man nicht in der EU rechtsradikale Parteien im Algorithmus bevorzugen sollte, um sich ein besseres Regulierungsklima zu schaffen. Wir müssen davon ausgehen, dass das gemacht wird. Seit Oracle-Gründer Larry Ellison das US-Geschäft von TikTok übernommen hat, kann er dort kontrollieren, welche Inhalte auf die Überholspur kommen und welche auf die Trampelpfade geschickt werden. Wir haben das bereits mit Elon Musk bei X gesehen.

Welche Folgen hat das für Deutschland? 

Wenn rechtsextreme Stimmen mehr Raum bekommen, können wir davon ausgehen, dass AfD und Co. nochmal Aufwind bekommen. Aus zivilgesellschaftlicher Sicht müssen wir ein stärkeres Recht auf Datenzugang und Transparenz erkämpfen – sodass unabhängige Wissenschaftler*innen und Organisationen hinter die Kulissen der Algorithmen schauen können. 

Wie sollten Medien mit dieser Einflussnahme von Big Tech umgehen?

Sie sollten inhaltlich nicht über jedes Stöckchen springen, deutlich kritischer berichten und mehr in digitale Souveränität investieren. Das bedeutet auch, Alternativen zu fördern wie das dezentrale soziale Netzwerk Mastodon – selbst wenn alternative Plattformen noch nicht dort sind, wo sie sein sollten. Nur so lässt sich das Henne-Ei-Problem lösen: Plattformen sind nur so relevant wie die Inhalte, die dort geteilt werden.

Journalist*innen sind nicht gerade Fans von Mastodon.

Es stimmt, dass Mastodon ausbaufähig ist. Ein Haufen Entwickler*innen hat Mastodon vor allem in ihrer Freizeit entwickelt, ohne staatliche Unterstützung. Durch staatliche Innovationsförderung oder einen Gemeinnützigkeitsstatus für Open-Source-Projekte könnten nachhaltige Geschäftsmodelle aufgebaut und die Nutzbarkeit verbessert werden.

Auch Amazon und Co. werben jetzt mit europäischem Datenschutz. Wie glaubhaft ist es, wenn Amazon Web Services in Deutschland Datenzentren baut und eine unabhängige Cloud für Europa verspricht?

Das ist Souveränitätswashing. Für Konzerne wie Amazon ist es ein Riesenproblem, dass der US Cloud Act ihnen vorschreibt, der US-Regierung und den Sicherheitsbehörden Zugriff auf ihre Systeme zu geben. Deswegen schaffen sie Konstruktionen, um mit Tochterfirmen Rechenzentren in Deutschland zu betreiben. Aber auch Tochterfirmen von US-Unternehmen in Deutschland unterliegen US-Recht. Donald Trump könnte jederzeit aus Gründen einer diffusen nationalen Sicherheitsgefährdung auf die Idee kommen, die Auslieferung von Updates und Software zu verhindern.

Wie realistisch ist solch ein Szenario?

Wenn Trump Sanktionen erließ, klang das alles immer ein bisschen theoretisch – bis die HateAid-Geschäftsführerinnen oder der frühere EU-Kommissar Thierry Breton plötzlich ein US-Einreiseverbot bekamen und sie Glück hatten, dass sie nicht stärker sanktioniert wurden.

Könnte es Sie auch treffen?

Mir ist bewusst, dass ich für meine Arbeit jederzeit auf so einer Sanktionsliste landen könnte. Wenn beispielsweise Beatrix von Storch ihren Freunden im Weißen Haus eine Liste von unliebsamen Journalist*innen schickt und die Regierung entscheidet: Wer keine Hofberichterstattung macht, der darf nicht mehr mit US-Unternehmen kooperieren oder keine US-Infrastruktur mehr nutzen. Genau das ist ja schon an anderer Stelle passiert: Hochrangige Mitarbeiter des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag wurden sanktioniert, sie verloren Zugriff auf ihre Kreditkarten und Accounts, wurden größtenteils aus der Big-Tech-Welt rausgeschmissen.

„KI-Berichterstattung wirkt manchmal wie Sportjournalismus: Es geht um neue Features und Konkurrenzkämpfe statt um Strukturen.“

Wie wirkt sich dieses Szenario auf die Berichterstattung aus?

Ich beobachte eine Form von Selbstzensur, vor allem bei Journalist*innen, die noch in die USA reisen wollen. Ich kenne viele Beispiele von Menschen, die sich zurückhalten und ihre ganzen sozialen Medien rückwirkend auf Trump-kritische Aussagen überprüfen. 

Die KI-Firma Palantir hat kürzlich gegen das Schweizer Republik-Magazin wegen kritischer Berichterstattung geklagt – ist das eine Gefahr, auf die Medien sich zunehmend einstellen sollten?

Ja. Ich glaube aber, in diesem Fall hat Palantir einen Fehler gemacht. Hätten sie nicht geklagt, hätte die Berichterstattung nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen. Ich hoffe, dass die Berichterstattung so gut abgesichert war, dass Republik sich keine Schrammen vor Gericht holt. Im Idealfall zahlt sich das für sie richtig gut aus, mit mehr Aufmerksamkeit, mehr Mitgliedern und Abonnent*innen, die ihnen eine noch bessere Berichterstattung ermöglichen. 

Netzpolitik.org hat 2015 bei der Landesverratsaffäre eine ähnliche Erfahrung gemacht. 

Genau, wir haben damals massiv von den Ermittlungen wegen vermeintlichen Landesverrats profitiert, die letztendlich substanzlos waren. Der damalige Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen hatte den Generalbundesanwalt aufgefordert, gegen netzpolitik.org zu ermitteln. Plötzlich nahmen uns all jene Journalist*innen halbwegs ernst, die uns vorher belächelt hatten. In den zehn Tagen der Auseinandersetzung haben wir 100.000 Euro Spendengelder erhalten – ein Drittel von dem, was wir in dem Jahr insgesamt eingenommen haben. Das hat uns ermöglicht, die Redaktion nachhaltig auszubauen. Tech-Konzerne wie Palantir gehen aber normalerweise strategischer vor. 

Inwiefern?

Oft reagieren Konzerne nicht auf Presseanfragen oder Berichte, sie kommunizieren eher top-down. Sie haben normalerweise Presseabteilungen, die davon profitieren, dass viele Journalist*innen auf guten Kontakt zu ihnen angewiesen sind, um bei Neuigkeiten weiter exklusive Einblicke zu bekommen. Darüber hinaus beauftragen die Konzerne PR-Agenturen, die durch ihre Ressourcen und Netzwerke öffentliche Debatten massiv beeinflussen können, indem sie überall Berichterstattung einkaufen, Expert*innen mit ihrer Gesinnung platzieren oder ihre persönlichen Kontakte nutzen. Es ist erschreckend: die mächtigsten Konzerne der Welt kommunizieren verschlossener als Waffenhersteller – und gerade verwandeln sie sich ja teilweise selbst in Waffenhersteller.

Als Anthropic sich weigerte, seine KI-Modelle uneingeschränkt für militärische Zwecke zur Verfügung zu stellen, machte OpenAI einen Deal mit dem Pentagon – und die Initiative QuitGPT rief zum ChatGPT-Boykott auf.

Ja, wobei es geradezu absurd ist, dass Anthropic plötzlich die Guten sind – ein Unternehmen, das eine Abspaltung von Open-AI ist und ursprünglich KI-Infrastrukturen für das amerikanische Militär bereitgestellt hat. Nur weil es bei bestimmten Dingen nicht mitmacht, wird es plötzlich als Held dargestellt, und viele Nutzer*innen sind aus Protest von ChatGPT zu Claude gewechselt. Das erinnert an frühere Wechselwellen, bei denen viele erboste Facebook-User aus Protest zu Instagram gewechselt sind, um Mark Zuckerberg den Stinkefinger zu zeigen. Dabei gehörte damals Instagram auch schon zu Facebook.

Halten Sie Boykotte für sinnlos?

Nein, ich halte viel von Boykotten und finde sie notwendig und wichtig. Aber wir müssen konkurrenzfähige Alternativen entwickeln, damit Boykotte greifen. Ich habe verschiedene Wechselwellen zu Mastodon erlebt, aus Protest gegen den Twitter-Verkauf an Elon Musk. Die Leute haben sich dort umgeschaut und sind rückwärts wieder herausgegangen. Ich hab aber noch Hoffnung, dass Mastodon und das Fediverse nutzer*innenfreundlicher werden.

Welche Ansätze sind am wirkungsvollsten, um Druck auf die großen Tech-Konzerne auszuüben?

In der Theorie haben wir viele Gesetze, die man nutzen könnte. In der Praxis sehen wir die totale Abhängigkeit von den USA im Ukraine-Krieg, die Angst davor, dass sie sich aus der NATO zurückziehen, und die ständige Drohung mit Zöllen. Das führt dazu, dass Digitalgesetze wie der Digital Services Act (DSA) und der Digital Markets Act (DMA) nicht durchgesetzt werden. Auch der EU AI Act könnte sich als zahnloser Tiger erweisen. 

Was muss sich ändern?

Hier helfen mediale Berichterstattung und öffentlicher Druck. Sonst lehnen sich Politiker*innen zurück, lassen die Monopole so, wie sie sind, um es sich mit den USA nicht zu verscherzen. Das ist eine sehr devote Strategie, die ich nicht für zielführend halte. Die deutsche Regierung ist ganz vorne mit dabei, Entbürokratisierung zu fordern, um vermeintlich unsere Start-ups zu schützen. Sie fällt damit auf die Narrative von Big Tech rein. In Deutschland warnt selbst der Start-up-Verband davor, Regeln des AI Acts aufzuweichen.

Gibt es auch gute Nachrichten?

Der Wille ist da, sich auf Alternativen einzulassen oder sich zumindest kritisch mit unserer Abhängigkeit zu befassen. Ich beschäftige mich seit Jahren mit Open Source Software. Lange sagte man, die funktioniere angeblich nicht, sei geschäftsschädigend. Plötzlich ist sie eine große Hoffnung. Der Wille ist also da, aber oft steht nur Bequemlichkeit im Weg. Bei Journalist*innen wächst mittlerweile das Bewusstsein, dass wir uns komplett abhängig gemacht haben, dass wir diesen Akteuren nicht vertrauen können – und dass wir das durch unsere eigene Bequemlichkeit und Nachlässigkeit mitverschuldet haben.

Wo sollten Journalist*innen gerade noch genauer hinsehen?

US-Unternehmen investieren in Deutschland, um ihre Marktposition hier zu sichern und weiter auszubauen. Aktuell rollen wir ihnen den roten Teppich aus. Zur Eröffnung von Datenzentren wie dem in Brandenburg kommen Spitzenpolitiker und bedanken sich – anstatt die Unternehmen über Steuern zur Kasse zu bitten, damit wir uns unsere eigenen Rechenzentren leisten könnten. Die Berichterstattung kopiert Zahlen und Zitate von Unternehmen, ohne sie kritisch einzuordnen. Die Firmen schaffen nicht einmal besonders viele Arbeitsplätze. Sie beschäftigen ein paar Admins, Putzkräfte und Security-Personal. Rechenzentren verbrauchen viel Grundwasser, sie werden häufig in Gegenden gebaut, wo es sowieso schon wenig Wasser gibt. Der Strom wird teils teurer für Anwohnende und kommt oft nicht aus regenerativer Energie. Wir schaffen uns hier ein Monster, das auch ohne AGI Potenzial hat, uns zu gefährden.

Sonja Peteranderl berichtet als freie Journalistin über organisierte Kriminalität und Technologien.