Können nur noch Influencer Journalisten werden?
„Wie viel höher sollen die Ansprüche an Nachwuchsjournalisten noch steigen?", fragt sich Carlott Bru. Foto: Amelie Niederbuchner
Growing up online: Das ZDF fragt seine Volontariats-Bewerber nach ihren Social-Media-Followern. Ist das der Abgesang auf den Qualitätsjournalismus? Nein, findet unsere Autorin Carlott Bru.
10.03.2026
Das ZDF hat es endlich geschafft, für GenZ relevant zu sein. Leider mit einem Mini-Shitstorm anstelle von Inhalten. Auslöser war folgende Frage an die Volontariatsbewerber: „Wie viele Follower hat dein größter Social-Account, falls du einen betreibst?“
Auf TikTok und Instagram brandete die Empörung auf: Wie viel höher sollen die Ansprüche an Nachwuchsjournalisten noch steigen? Für ein Volontariat bei der Zeit muss man scheinbar mindestens in Cambridge studiert haben, und für das ZDF muss man jetzt Influencer sein?
Es ist wahr: Journalistische Jobs werden an Influencer vergeben. Wer Beweise sucht, darf beim Content-Netzwerk funk schauen. Die Aufregung ist daher nicht ganz unbegründet. Tatsächlich ist die Frage des ZDF nur konsequent: Medien kämpfen um Aufmerksamkeit, um Reichweite, um Relevanz – und konkurrieren auf Social Media mit Influencern und dem privaten Markt. Bye-bye Gatekeeper und Agenda-Setter. Welcome Influencer, die hoffentlich dem Format noch etwas Reichweite mitbringen.
Was diese Besorgnis vielmehr spiegelt, ist die persönliche Betroffenheit der Kritiker. Einstiegskriterien für den Journalismus sind so intransparent wie eh und die Hürden hoch wie je. Ich selbst habe mich vor meiner Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule bereits einmal erfolglos dort sowie an der Henri-Nannen-Schule und viermal erfolglos bei öffentlich-rechtlichen Anstalten beworben. Dabei hatte ich ein sehr gutes abgeschlossenes Studium, ein Exzellenzstipendium, vier Praktika, Arbeitserfahrung als Redakteurin und On-Camera-Erfahrung. Ich verstehe den Groll.
Das Schizophrene ist doch: Wir brauchen Diversität und Meinungsvielfalt im Journalismus. Und doch nehmen die HR-Abteilungen nur die mit dem heißesten Lebenslauf und dem anschlussfähigen Alman-Background. Ich als Pragmatikerin sehe daher das Positive: Social Media ist transparenter.
Die Kritiker offenbaren allerdings, dass sie nicht viel von den inneren journalistischen Prozessen verstehen. In der Praxis gibt es ganz viele Rollen, die nicht vor der Kamera stattfinden und die nicht einfach von Influencern erfüllt werden können. Sollte es dennoch Influencer geben, die beim ZDF lernen wollen, wissen sie ja jetzt, wo sie sich melden können.
Die Debatte ging schließlich so weit, dass sich das ZDF dazu berufen fühlte, in einem Instagram-Post seine Position einzuordnen: Man wolle herausfinden, wer welche journalistische Erfahrung mitbringe, und wer keinen Zugang zu einem Medienhaus gehabt habe, aber vielleicht über den eigenen Kanal pu-bliziert. Nachvollziehbar – und genau das, was ich mir für die Zukunft mehr erhoffe: Dass Social-Media-Kompetenz ernst genommen wird, denn sie wird dringend gebraucht. Ein gutes Signal also. Das ZDF signalisiert allerdings auch etwas, das ich nicht gut finde: Sie haben unter ihrem Post die Kommentare ausgestellt.
Carlott Bru ist GenZ-Moderatorin und Content Creatorin. Außerdem berät sie zu Social-Media-Strategien. Sie lernte Yoga in Indien, Journalismus in München und Kreativität in Berlin. Für uns schreibt sie auf, was sie in der Medienbranche beobachtet.