Die Community ist das Produkt
„Wir müssen von einer Ökonomie der Reichweite zu einer Ökonomie der Resonanz wechseln", sagt Martin Fehrensen. Foto: Robert Winter
Martin Fehrensen ist Gründer von socialmedia watchblog.de. In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Fehrensen schlägt vor, das Publikum mehr in den Journalismus einzubinden.
26.01.2026
Journalisten haben jahrzehntelang eine Währung optimiert: Reichweite. Mehr Klicks, mehr Views, mehr Follower. Das galt für Print, Rundfunk und erst recht für Social Media. Doch diese Ära geht zu Ende. Der Grund liegt auf der Hand: Durch generative KI sind die Kosten für Content-Produktion faktisch auf Null gefallen. Das Netz wird geflutet mit synthetischen Texten, Bildern und Videos. Mehr Inhalt bedeutet nicht mehr Information – es bedeutet mehr Lärm.
Die Daten zeigen ein „Empty Room Problem“: Es bringt nichts, hunderttausend Follower zu haben, wenn die Interaktion tot ist. Die Plattformen sind zu Entertainment-Buden verkommen, die Kommentarspalten toxisch. Weniger als die Hälfte der Deutschen sagt, man könne dem Großteil der Nachrichten vertrauen. Vertrauen ist zur knappsten Ressource unserer Zeit geworden.
Was suchen Menschen in diesem Chaos? Nicht noch mehr Informationen – davon haben sie zu viel. Sie suchen Zugehörigkeit. In einer fragmentierten Welt ist Zugehörigkeit die neue Mangelware.
Meine Idee für den Journalismus: Wir müssen von einer Ökonomie der Reichweite zu einer Ökonomie der Resonanz wechseln. Das bedeutet: Community ist nicht mehr das Anhängsel unter dem Artikel. Community ist das Produkt. In einer Welt voller KI-generiertem Slop ist die Community der einzige Ort, an dem Wahrheit noch gemeinsam validiert wird. Konkret heißt das: Statt Faktenchecks zu posten, laden wir Menschen ein, mit uns zu recherchieren. Statt Probleme zu beschreiben, kuratieren wir Lösungen aus der Community. Menschen wollen nicht nur informiert werden – sie wollen Teil der Lösung sein.
Wenn KI Inhalte kostenlos liefert, wird das explizit Menschliche zum Premium-Produkt: Kontext, Nähe, Empathie und die Fähigkeit, Nuancen zu verstehen. Journalismus hat lange Bühnen gebaut – wir da oben, das Publikum da unten.
Die Zukunft liegt darin, Tische zu bauen: Orte, an denen wir uns mit der Gesellschaft auf Augenhöhe zusammensetzen.
Martin Fehrensen ist Gründer von socialmedia watchblog.de.