Menschlicher Journalismus hat Zukunft

Konstruktiver Journalismus entspricht christlichen Grundanliegen, findet Bernward Loheide. Foto: Julia Steinbrecht/KNA

Bernward Loheide leitet die Katholische Nachrichten-Agentur. In der Serie „Mein Blick auf den Journalismus“ erklärt er, warum wir genau in diesen Zeiten die Sehnsucht nach Menschlichkeit stillen sollten.

Text: Bernward Loheide

21.11.2025

Kaum war der neue Papst, Leo XIV., gewählt, tauchten Vorwürfe auf: Er soll Missbrauchsfälle vertuscht haben. Die Katholische Nachrichten-Agentur berichtete: Experten und Betroffene zeigten sich davon überzeugt, dass die Vorwürfe fingiert waren. Es handele sich um die Racheaktion einer sektenartigen Gruppierung, gegen die der Papst in seiner Zeit als Bischof in Peru vorgegangen war.

Eine kirchliche Nachrichtenagentur erklärt den Papst für unschuldig – ist das glaubwürdig? Zum Glück kann ich sagen: Ja, die KNA hat das Vertrauen ihrer Kunden. Denn sie berichtet auch über die kirchlichen Missbrauchsskandale. Das ist kritischer Journalismus aus christlicher Perspektive. Der Verband der Diözesen Deutschlands unterstützt die KNA dabei mit Zuschüssen.

Damit bringt die katholische Kirche ihre gesellschaftliche Verantwortung zum Ausdruck: Es geht ihr nicht darum, die eigene Institution und ihre Führungskräfte im besten PR-Licht erscheinen zu lassen, sondern um das Wohl der Gesellschaft und der Welt. Dazu gehört kritischer, aber auch konstruktiver Journalismus. Dessen Ziele decken sich mit christlichen Grundanliegen: Lösungsorientierung, Perspektivenvielfalt, öffentlicher Dialog. Und vor allem: Menschennähe.

Es geht der KNA unter anderem darum, auf Krisen und Konflikte zu blicken, bei denen viele wegschauen. Aber auch darum, der Hoffnungslosigkeit zu widerstehen. Wer glaubt, die Welt sei ohnehin nicht mehr zu retten, vertraut niemandem mehr, auch keinen Nachrichten. Damit unterstützt man indirekt jene, die mit Fake-News und Hass ihre egoistischen Interessen durchsetzen wollen. Es geht ums Gemeinwohl und um das Grundvertrauen, dass jeder einzelne ebenso wie die Gesellschaft und die Staatengemeinschaft dazu beitragen kann, Probleme zu lösen. Dass es einen Unterschied zwischen richtig und falsch, gerecht und ungerecht gibt. Ebenso wie die Kirchen dient also auch die KNA keinem Selbstzweck. Eine christliche Perspektive bedeutet dabei nicht, dass unser Blick verengt wäre. Im Gegenteil. Die Berichterstattung des KNA-Basisdienstes macht Folgendes deutlich:

• Viele politische Konflikte haben religiöse Wurzeln oder werden mit religiösen Argumenten befeuert. Wer die politische Relevanz religiöser Überzeugungen unterschätzt, verengt die Perspektive.

• Dies gilt ebenso für gesellschaftliche Kulturkämpfe rund um Identität, Partizipation, Inklusion, Gender und Antirassismus.

• Weltreligionen wie Christentum, Islam und Judentum lenken den Blick immer über die nationale Perspektive hinaus. Manche Debatten in Deutschland leiden darunter, dass sie zu eng geführt werden und die globale Vernetzung ausklammern.

• Auch innerhalb der Religionen und Kirchen gibt es Konflikte und dynamische Richtungskämpfe. Wer zum Beispiel die katholische Kirche für einen monolithischen Block hält, übersieht, dass viele Bistümer in Deutschland damit begonnen haben, geschlechtliche Diversität anzuerkennen.

• Perspektivenreich ist unsere Berichterstattung auch deshalb, weil wir uns stets fragen: Was hat das, worüber wir berichten, mit dem Leben der Menschen zu tun? Welche verschiedenen User Needs können wir damit erfüllen? Und wie kann der Journalismus dazu beitragen, die Verständigung und den sozialen Zusammenhalt zu stärken? In jeder Stadt gibt es Menschen, die mit ihrem Leben ein starkes Beispiel für mehr Menschlichkeit geben. Vorbilder, Sinngeber, Mutmacher – es lohnt sich, mit ihnen zu sprechen, sie zu porträtieren.

 

„Viele politische Konflikte haben religiöse Wurzeln oder werden mit religiösen Argumenten befeuert. Wer die politische Relevanz religiöser Überzeugungen unterschätzt, verengt die Perspektive.“

Ich glaube, menschennaher und perspektivenreicher Journalismus hat Zukunft. Die Medien sind in einer ähnlichen Situation wie die christlichen Kirchen: Die Zeiten, in denen die Mitglieder beziehungsweise Abonnenten ein Leben lang dabeiblieben, sind vorbei. Der Nachwuchs bricht weg und die KI zertrümmert Geschäftsmodelle. Sich jetzt vorsorglich schon selbst zu verzwergen, wäre aus meiner Sicht eine falsche Strategie, denn ist es nicht gerade eine Chance, menschlich zu sein, wenn durch KI und Soziale Netzwerke alles unmenschlicher wird? Ein Medienhaus, das an menschennahen Journalismus glaubt und ihn mit Leben füllt, kann junge Menschen gewinnen – nicht nur als Adressaten und Kunden, sondern als Teil einer Community, die vom kreativen Austausch verschiedener Perspektiven lebt. Die großen sozialen Netzwerke können diesen Austausch kaum noch bieten. Dort werden Menschen, die für Toleranz und Vielfalt eintreten, niedergebrüllt und diffamiert.

Eine Berichterstattung, die Perspektivenreichtum bietet, kann nur funktionieren, wenn dieser auch innerhalb der Redaktionen gelebt wird. Das geht, indem Chefinnen und Chefs mit ihren Redaktionen klar kommunizieren, viel Feedback geben und andere Meinungen zulassen, um eine angstfreie Ideenkultur zu fördern. Eigentlich Selbstverständlichkeiten, aber die Realität sieht manchmal anders aus. In manchen Medienhäusern scheint Unberechenbarkeit als Tugend zu gelten. Nach meiner Beobachtung schlägt das über kurz oder lang auf das Verhältnis zu den Kunden durch.

Die Branche hat die Chancen eines menschennahen Journalismus schon erkannt.  „Wir sind jetzt im sogenannten Age of You“, sagte die Chefin von Antenne Bayern, Valerie Weber, der SZ. „Was einfach nur bedeutet, dass bei etlichen Leuten, die spüren, dass sie von Algorithmen gesteuert werden, eine Sehnsucht aufzieht nach Menschen und einer Menschlichkeit.“

Die ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf beobachtet Ähnliches. „Ich habe gar nicht das Gefühl, dass wir das Publikum locken müssen, sich mit Hintergründen zu befassen“, sagte sie der SZ. „Eines meiner meistgeklickten Videos war eine Geschichte über Israelis, die aus ultraorthodoxen Familien aussteigen (…), eine reine Menschengeschichte. Ich glaube, wir Journalisten müssen mehr auf die langen Stränge schauen, die den aktuellen Entwicklungen zugrunde liegen.“

Auch Martin Fehrensen und Simon Berlin weisen in ihrem (sehr empfehlenswerten) Social Media Watchblog in diese Richtung. Im Juli zitierten sie Jason Koebler, einen der Mitgründer des Start-ups 404 Media: „Es gibt keinen Grund, warum ein Journalist oder Medienunternehmen das Fast Food des Internets produzieren sollte. Es wird bereits hergestellt, von Spammern und den KI-Unternehmen selbst. Es ist unmöglich, es günstiger oder besser zu machen als sie, denn genau dafür existieren sie. Der eigentliche Wandel, der nötig ist, ist einer hin zur Menschlichkeit. Medienunternehmen müssen ihren Journalist:innen erlauben, menschlich zu sein. Und sie müssen mit jedem Artikel beweisen, warum es sich lohnt, sie zu lesen.“

Auf Vertrauen und Menschlichkeit zu setzen, das lohnt sich. Für alle Menschen, und für uns Medienmenschen ganz besonders.

Bernward Loheide ist seit 2022 Chefredakteur der KNA in Bonn. Vorher leitete er das dpa-Landesbüro Baden-Württemberg.

In unserer Serie „Mein Blick auf den Journalismus“ fragen wir kluge Köpfe der Branche, wie wir den Journalismus besser machen.
Zur Übersicht: Mein Blick auf den Journalismus