Nach vorne springen!
„Solange Gelingen und Erfolg an dem gemessen wird, was wir gestern gewohnt waren, verschwindet die Veränderungsbereitschaft", sagt Maja Göpel. Foto: Linda Schäffler
Maja Göpel ist Politökonomin, Expertin für Nachhaltigkeitspolitik & Transformationsforschung, Autorin, Hochschullehrerin und Rednerin. In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Sie wünscht sich mehr Bereitschaft zur Veränderung.
09.02.2026
Zeiten der Krisen sind Zeiten von Unsicherheit. Und was machen Menschen häufig, wenn es wackelig wird? Sich an dem orientieren, was sie kennen. Leider fließen damit Aufmerksamkeit, Energie und Investitionen in den Erhalt des Status quo, und nicht in Erneuerungen. Zweitens ist aber wichtig, wenn Krisen eine strukturelle Form angenommen haben, ein Zurück zu vorher also keine Stabilität mehr verspricht. Hier wünsche ich mir von der Berichterstattung, dass sie der Analyse der Problemlage mehr Aufmerksamkeit widmet – nur dann können Resilienzstrategien zur Bewältigung überzeugen. Auch im Resilienzverständnis gibt es zwei Varianten: bouncing back in kurzzeitigen Schocksituationen, also möglichst gut in die vorherigen Abläufe zurückspringen und damit die gewohnte Funktionalität wiederherstellen. Wenn es sich aber nicht um vorübergehende Herausforderungen handelt, sondern dauerhafte Veränderungen der Rahmenbedingungen vorliegen, dann braucht es ein bouncing forward: ein evolutionäres Resilienzverständnis, ein Nach-Vorne-Springen in neue Abläufe.
Aktuell wird unter dem Schlagwort „Geoökonomie“ argumentiert, eine geografische Perspektive auf die Ressourcen in bestimmten Territorien sei wichtig, um politische und militärische Machtausübung besser zu verstehen. Da scheint es bizarr, dass es primär um Wettkämpfe zur Rohstoffextraktion geht, aber sämtliche Fragen dazu, wie Rohstoffe möglichst effizient und langfristig eingesetzt werden, gerade pauschal zu bürokratisch sind. Auch Fragen danach, wie natürliche Ressourcen möglichst schonend abgebaut, produziert und regeneriert werden, welche Standards und Partnerschaften zu sauberen und kooperativen Wertschöpfungsketten führen: alles grüne Wirtschaftlichkeitshemmnisse. Doch gerade im Moment militärischer Auseinandersetzung über Ressourcensicherung ergibt ein Nach-Vorne-Springen in regenerative Landwirtschaft, erneuerbare Energien und kreislauforientierte Prozesse am meisten Sinn.
Um also möglichst nüchtern und aufklärend über die Qualität der Herausforderungen und geeignete Handlungsnotwendigkeiten zu sprechen, wären drei Fragestellungen sehr wichtig, bevor einzelne Maßnahmen kritisiert, parteipolitisch instrumentalisiert und als Kulturkämpfe inszeniert werden. 1. Worum geht’s eigentlich, ist diese Krise strukturell und braucht eine transformative Antwort? 2. Was wäre möglich, welche Optionen liegen auf dem Tisch für ähnliche Funktionalität? 3. Was ist der Umkehrschluss, was passiert, wenn an bisherigen Prozessen und Lösungen festgehalten wird? Solange Gelingen und Erfolg an dem gemessen wird, was wir gestern gewohnt waren, verschwindet die Veränderungsbereitschaft. Doch genau das ist es, was Gesellschaften resilient macht.
Maja Göpel ist Politökonomin, Expertin für Nachhaltigkeitspolitik & Transformationsforschung, Autorin, Hochschullehrerin und Rednerin.