Neue Orte für Journalismus

„Journalismus muss wieder sichtbarer, anfassbarer, erlebbarer werden", sagt Journalist Alexander von Streit.

Im öffentlichen Raum findet Journalismus kaum mehr statt, sagt unser Autor Alexander von Streit. Und liefert eine Lösung: Statt nur noch Social-Media-Strategien zu entwickeln, sollten Medienhäuser sich wieder auf echte Begegnungen mit ihrem Publikum konzentrieren. Wie kann das gelingen?

Text: Alexander von Streit

Illustration: Jochen Schievink

09.10.2025

Eigentlich haben wir es ja hinbekommen. Es war kein leichter Weg heraus aus der verschwindenden Welt der Druckmaschinen und Sendetechnologien des vergangenen Jahrhunderts. Heute haben wir unsere verloren geglaubte analoge Reichweite im digitalen Raum sogar vergrößert, die Produktion beschleunigt und Präsentationsformen vervielfältigt. Wir schicken komplexe Recherchen per Newsletter auf Smartphones und präsentieren unsere Geschichten auf Social-Media-Kanälen. Das Mindset in den Verlagen hat sich bewegt. Journalismus ist endlich in der digitalen Welt angekommen. Doch leider haben wir jetzt ein viel größeres Problem. Wir sind digital präsent wie nie, verschwinden aber gleichzeitig aus der öffentlichen Wahrnehmung. Journalismus wird immer schwerer sichtbar. Er verliert seine Verwurzelung in der Gesellschaft.

Wir haben die Chance verpasst, genug eigene digitale Orte zu schaffen, die den Menschen eine verbindliche Heimat für ihr Informationsbedürfnis sein können. Warum auch, es ging ja eine Zeit lang gut mit Facebook, Twitter und Instagram. Heute findet die Mehrheit der Begegnungen mit unserem Publikum in einer digitalen Infrastruktur statt, deren Logik nicht unserer Arbeit dient. Wir kommen oft nicht mehr durch zu den Menschen, die wir erreichen wollen. Und das ist erst der Anfang. Mit den Veränderungen der Mediennutzung durch KI wird sich die schlechte Sichtbarkeit von Journalismus exponentiell verschärfen. Deswegen ist es gut, wie intensiv sich viele Medienhäuser mit neuen Technologien beschäftigen.

Aber das reicht nicht aus. Wir müssen auch darüber nachdenken, wie Journalismus in der Gesellschaft neue Wurzeln schlagen kann. Wie kann er erlebbarer werden im physischen Raum, sichtbarer an Orten des öffentlichen Lebens? Denn wo kein direkter Kontakt mehr stattfindet, prägen zunehmend Dritte die Wahrnehmung des Journalismus – durch Social-Media-Debatten, durch politische Instrumentalisierung, durch die Verzerrungen der Aufmerksamkeitsökonomie. Das Ergebnis ist wachsende Distanz und sinkendes Vertrauen der Menschen in die Medien. Eine riskante Entwicklung in einer Zeit, in der Polarisierung zunimmt und die Glaubwürdigkeit der Medien von vielen Seiten infrage gestellt wird.

Wir können das ändern. Journalismus ist mehr als Inhalt, er ist Beziehung. Und an dieser Beziehung müssen wir arbeiten. Hier liegt die Chance für einen neuen Ansatz: Media Rewilding, die bewusste Rückkehr des Journalismus in physische Räume, dort, wo Öffentlichkeit entsteht. Der Begriff stammt aus der Ökologie und beschreibt die Rückführung von Arten in ihre natürlichen Lebensräume. Übertragen auf die journalistische Landschaft heißt das: Journalismus muss wieder sichtbarer, anfassbarer, erlebbarer werden. Dabei geht es nicht um eine Abkehr vom Digitalen, sondern um die Wiederherstellung einer Balance zwischen Reichweite und Präsenz. Wir müssen Orte schaffen, an denen Menschen Journalismus direkt begegnen können, auf Veranstaltungen, im Dialog, an alltäglichen Treffpunkten. Wir müssen Journalismus wieder in die Gesellschaft auswildern.

Ein Schlüssel dafür sind Dritte Orte. In der Stadtsoziologie beschreibt der Begriff Räume des öffentlichen Lebens, die neben Wohnung und Arbeitsplatz eine zentrale Rolle spielen: Cafés, Bibliotheken, Kulturzentren, Vereine, Sportstätten. Es sind niedrigschwellige Orte, an denen Menschen sich begegnen und austauschen. Genau das macht sie zu einem Fundament für neue Beziehungen im Journalismus. Dritte Orte können Resonanzräume sein, in denen wir Vertrauen zurückgewinnen und journalistische Arbeit wieder verankern. Indem wir dorthin gehen, wo Menschen ohnehin zusammenkommen, oder indem wir selbst solche Orte schaffen und sie so gestalten, dass echte Begegnungen entstehen.

Erste Ansätze dafür lassen sich schon heute beobachten. Zahlreiche Redaktionen und Organisationen experimentieren mit verschiedenen Formaten, die Journalismus sichtbar und erlebbar machen – mal als Café, mal als Bühne, mal als interaktive Show. Sie zeigen, dass ein Rewilding, eine Auswilderung der Medien in die Gesellschaft keine abstrakte Idee bleiben muss, sondern in der Praxis funktionieren kann. Correctiv eröffnete beispielsweise im Juni mit Spotlight Gelsenkirchen erstmals eine Gastronomie in der Fußgängerzone, die gleichzeitig eine Lokalredaktion ist. Die Redakteur:innen arbeiten in dem Café, sie suchen das Gespräch mit den Gästen und produzieren einen Newsletter, der mit thematischen Veranstaltungen in den Räumen verzahnt ist.

Das ist ein Gegenmodell zu vielen lokalen und regionalen Verlagshäusern, die sich seit Jahren aus ihren Immobilien in den Innenstadtlagen zurückziehen: Macht die Türen auf und lasst die Menschen rein. Schafft einen Ort, an dem sie sich gerne aufhalten wollen. Und an dem sie mit Journalist:innen ins Gespräch kommen können.

Dann wäre da noch die Sache mit dem Theater. Correctiv veröffentlichte ihre Recherche „Geheimplan gegen Deutschland“ über das Treffen rechter Protagonisten in Potsdam unter anderem als szenische Lesung auf der Bühne des Berliner Ensembles und streamte die Darstellung live an zahlreiche andere Veranstaltungsorte. Das war mutig. Zwar erlauben die dramaturgischen Freiheiten einer Theaterinszenierung dem Publikum einen leichteren Zugang zu komplizierten Recherchen, doch genau das erfordert noch mehr journalistische Sorgfalt. Ein schmaler Grat, der besonders in Bezug auf das Vertrauensverhältnis sehr besonnen gegangen werden muss. Trotzdem könnte journalistisches Theater ein Ort der großen gesellschaftlichen Debatte werden. Es schafft seinen Besucher:innen eine kollektive Gesprächs- und Meinungsbildungsgrundlage, die stark durch das gemeinsame Erlebnis an einem Ort geprägt ist.

Schon seit Anfang der 2010er Jahre sehen wir international Experimente mit Live-Journalismus, der journalistische Recherchen als Show inszeniert. So wie der Reporter Slam, vor fast zehn Jahren in Deutschland gegründet, bei dem Reporter:innen nach dem Vorbild von Poetry Slams in kurzen Slots hintereinander möglichst mitreißend von ihren Recherchen erzählen. Am Ende entscheidet das Publikum, wer am besten war. Oder das Format Jive, das sich als Magazin auf der Bühne versteht. Im Rahmen des Formats sprechen mehrere Journalist:innen vor Publikum über jeweils eine Recherche, begleitet von Orchestermusik und verschiedenen dramaturgischen Elementen. Die Show-Elemente schaffen ein multisensorisches Erlebnis, in dem Musik, Bühnenbild und Visualisierungen sich zu einer mehrschichtigen und emotionalen Erzählung verbinden.

Die Interaktion zwischen Reporter:innen und Zuschauer:innen kann ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen, ein ähnlicher Effekt wie bei der Inszenierung von Journalismus als Theaterstück. Allerdings schafft die Präsenz der Journalist:innen zusätzlich authentische Anknüpfungspunkte zu ihren Recherchen. Man könnte es Lagerfeuer-Journalismus nennen. Hier ist sie, die Nähe, die wir als Medien endlich wiederherstellen müssen.
 

Revue und Live-Podcasts

Auch andere Medienhäuser experimentieren mit solchen Ansätzen. Das Team des Berlin-Newsletters Checkpoint vom Tagesspiegel hat zum Beispiel eine Revue entwickelt und führt sie regelmäßig in einem Berliner Theater auf. Die Zeit tourt mit Live-Podcastaufnahmen durch Deutschland – im Fall ihres True-Crime-Formats Zeit Verbrechen sogar in Stadien in der Größenordnung von Rockkonzerten. Auch kleinere Verlage probieren inzwischen Live-Podcasts aus. Gut so, denn wir brauchen mehr analoge Begegnungen, die eine neue Basis für gesellschaftlichen Dialog schaffen.

Natürlich ist Media Rewilding kein Selbstläufer. Analoge Formate erfordern strategische Planung und oft zusätzliche Ressourcen. Dennoch lässt sich der Aufwand begrenzen: Kooperationen mit Bildungseinrichtungen oder zivilgesellschaftlichen Organisationen können helfen, Reichweite zu erhöhen. Und sie können in unterschiedlichen Größenordnungen funktionieren, von kleinen Gesprächsrunden bis zu großen Bühnenformaten.

Dafür braucht es jedoch eine strategische Verankerung in den Medienhäusern. Begegnungen mit den Menschen, für die wir Journalismus machen, dürfen nicht nur ein Nice-to-have in einer Markenstrategie sein. Sie müssen Teil des Kernprodukts werden. Am Ende sind sie wichtige Kontaktpunkte, über die Menschen Vertrauen zu unserer Arbeit aufbauen und eine dauerhafte Beziehung mit unserem Angebot eingehen.

Klassische Distributionsstrategien reichen nicht mehr aus. Wir sollten nicht mehr Reichweite, sondern Beziehung in den Mittelpunkt stellen. Wir sollten als Gegenstück zu Social-Media-Strategien über Resonanzpläne sprechen: verbindliche Überlegungen, wo und wie man als Redaktion im Alltag der Menschen präsent sein will.

Wer Resonanzräume aufbaut, verlässt die defensive Rolle und wird Gestalter der eigenen Sichtbarkeit. Natürlich kann der direkte Kontakt nicht jede strukturelle Herausforderung lösen. Aber er kann die Grundlage schaffen, auf der Lösungen tragfähig werden. Wenn Journalismus aus dem öffentlichen Raum verschwindet, verlieren wir mehr als ein Geschäftsmodell – wir verlieren die Voraussetzung für gesellschaftliche Verständigung. Wir müssen den Journalismus nicht neu erfinden, sondern ihn wieder dort verankern, wo er seine größte Wirkung entfaltet: im Leben der Menschen.

Alexander von Streit ist Journalist und beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Digitalisierung und Gesellschaft. Media Rewilding ist ein Projekt, das er im Rahmen des Future of News Fellowship des Media Lab Bayern verfolgt. media-rewilding.de