„Radikalität zerstört jede Gesprächskultur“

„Weil die Ansprüche an etablierte Medien heute noch viel höher sind als früher, würde uns jede schlampige Recherche noch heftiger um die Ohren geschlagen – und zwar völlig zu Recht", sagt Markus Feldenkirchen. Foto: Paulina Hildesheim für journalist

Markus Feldenkirchen ist eines der bekanntesten Gesichter des Spiegels, er arbeitet als politischer Autor im Hauptstadtbüro und moderiert den Video-Talk Spitzengespräch. Hier spricht er über die Glaubwürdigkeit des Magazins und das Vertrauen in Journalismus.

Interview: Jan Freitag, Fotos: Paulina Hildesheim

01.10.2026

journalist bei Google bevorzugen 

Während des Bundestagswahlkampfes 2017 war Markus Feldenkirchen fünf Monate lang mit dem damaligen SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz unterwegs. Eine Nähe, die es so noch nie zwischen einem Spitzenpolitiker und einem Journalisten gegeben hat. War das vielleicht zu nah – und wie viel Distanz ist heute zwischen Politik und Journalismus nötig, um Glaubwürdigkeit zu wahren?

journalist: Herr Feldenkirchen, was dachten Sie, als Sie das Spiegel-Cover mit Ulrich Siegmund und der Zeile „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ gesehen haben?

Markus Feldenkirchen: Ich war im Urlaub, habe das Cover nach dem Erscheinen auf meinem Smartphone gesehen und fand es zunächst mal gar nicht so außergewöhnlich. Denn der These stimme ich im politischen Kontext durchaus zu. Ich muss gestehen, dass ich die Riesenempörung über diesen Titel nicht antizipiert hätte. Und ich kann sie auch nur begrenzt nachvollziehen.

War es für Sie denn nachvollziehbar, dass die AfD daraus Profit schlägt?

Auch das hätte ich vorher nicht zwingend gedacht. Ein spielerischer und zugespitzter Umgang mit Themen und Titeln ist absolut zulässig. Und noch wichtiger: als Magazin und Journalistinnen und Journalisten sollten wir uns nicht davon leiten lassen, welchen Profit andere aus unserer Berichterstattung ziehen.

Das klingt nach Rudolf Augsteins Leitspruch, das zu sagen, was ist. Unabhängig davon, was es für eine Resonanz hervorrufen könnte.

Grundsätzlich ja. Und es macht einen natürlich immer angreifbar, Superlative zu benutzen. Klar gibt es für Leib und Leben der Menschen in unserem Land aktuell gefährlichere Menschen als Ulrich Siegmund. Andererseits wurde die politische Dimension der Gefahren ja im Heft erklärt, die Zuspitzung also inhaltlich legitimiert. 

Aber erwarten Leser und Leserinnen des Spiegels nicht geradezu, dass er dorthin geht, wo es wehtut und dabei gegebenenfalls polarisiert?

Davon gehen viele Stammleserinnen und -leser in der Tat aus. Deshalb haben sich von denen auch eher wenige übers Titelblatt bei uns beschwert. Wie die Anhänger dieser jungen politischen Kraft namens AfD reagieren – darüber gibt es hingegen bislang viel weniger Erfahrungswerte. Ich jedenfalls war überrascht, dass sich Tausende AfD-Fans den Spiegel gekauft haben, um ihn von Ulrich Siegmund signieren zu lassen.

Könnte es nicht sein, dass der Spiegel-Verlag so eine Reaktion einkalkuliert hat, um seine Auflage zu erhöhen?

Ich bin nicht der Verlag und ich war an der Entscheidung auch nicht beteiligt. Aber ich würde die Hand dafür ins Feuer legen, dass das auf keinen Fall so beabsichtigt war.

Wie wichtig ist für ein meinungsbildendes Magazin wie dieses, dass sich seine Kundschaft thematisch, ästhetisch, gegebenenfalls auch politisch darauf verlassen kann?

Verlässlichkeit, auch politische, ist sogar sehr wichtig. Zumal die Leute wissen, dass der Spiegel zwar klare Positionen bezieht, aber keine extremen. Und da greift ein weiterer Satz Rudolf Augsteins: im Zweifel links. Was für mich allerdings eher eine Position der Mitte beschreibt, die definitiv nie nach rechts abweicht. Wie wichtig den Leserinnen und Lesern darüber hinaus ästhetische Leitplanken sind, sieht man immer dann, wenn der Spiegel sein Layout verändert. Schon die kleinste Umgestaltung ruft mitunter Protest bis hin zum offenen Widerstand hervor. Das zeigt, wie wichtig ihnen Verlässlichkeit ist, von der politischen Ausrichtung über den Tonfall bis zur optischen Gestaltung und guten Recherche.

Wie wichtig ist für Sie persönlich, dass Ihr Publikum weiß, woran genau es bei Markus Feldenkirchen ist?

Darüber denke ich ehrlich gesagt nicht groß nach. Ich sage und schreibe, was meine innere Überzeugung ist. Deshalb entsteht der Eindruck: der erzählt nicht jeden Tag etwas anderes, der hat einen Kern, ein Fundament, von dem aus er auf die Welt blickt. Und das finde ich in Ordnung so.

Entsteht aus dieser Verlässlichkeit Vertrauen, von dem der Qualitätsjournalismus lebt?

Ich hoffe es. Dieses Vertrauen muss man sich jedenfalls mit Berechenbarkeit und Beständigkeit erst mühsam erarbeiten. Ohne grundlegendes Vertrauen in die Rechtschaffenheit meiner Recherchen, die Ernsthaftigkeit meiner Kommentare, die Seriosität meiner Interviews, bräuchte ich den Beruf gar nicht machen.

„Als Journalistinnen und Journalisten sollten wir uns nicht davon leiten lassen, welchen Profit andere aus unserer Berichterstattung ziehen.“

War das Vertrauen in Sie schon mal so gestört, dass Sie es neu aufbauen mussten? 

Das will ich nicht ausschließen. Aber am größten Vertrauensverlust war ich persönlich vollkommen unschuldig.

Sondern Claas Relotius, nehme ich an.

Nach dem Skandal waren sich viele beim Spiegel unsicher, ob die Marke die Krise schadlos überwindet. Bis heute gibt es zwar noch einen eher kleinen Kern aggressiver, meist rechter Personen, die vor allem in sozialen Medien sagen, sie glauben uns gar nichts mehr. Der Großteil unserer Leserinnen und Leser hat der damals neuen Chefredaktion jedoch abgenommen, alles ihr Mögliche für die Aufklärung getan zu haben, damit einem Blender wie Relotius der Betrug an uns allen nie wieder so leicht gemacht wird.

Dennoch hat nicht nur die Marke Spiegel, sondern der Journalismus insgesamt Schaden genommen.

Das war zweifellos so und macht die Taten des „Kollegen“ umso ungeheuerlicher und verachtenswerter. Ein besseres, weil zerstörerischeres U-Boot hätte selbst die AfD nicht in unserer Redaktion platzieren können. Aber der Fall hat im Spiegel zu zahlreichen Veränderungen und Verbesserungen geführt. Dank neuer Qualitätsstandards ist die Arbeit heute transparenter – und es gibt ein gesundes Maß an Misstrauen in der Redaktion und Dokumentation.

Im Sinne einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber allem, was geschrieben, gesagt, gesendet wird?
Genau. Wobei es die schon vorher gab. Der Spiegel hat seit jeher eine ungeheuer stolze Dokumentationsabteilung, die seit dem Fall Relotius sogar noch stärker geworden ist. Als ich vor 21 Jahren hierher gewechselt bin, gab es bereits zu jedem Artikel lange Faktenchecks. Die Telefonate mit der Dok dauerten schon mal eine Stunde und mehr. Am Anfang fiel es mir schwer, diese Grundskepsis gegenüber meiner Arbeit zu akzeptieren.

Das geht ans journalistische Ethos.

Ja, und es hat mich beinahe beleidigt. Manchmal denke ich heute noch: Glaubt ihr, ich hätte mir das ausgedacht?! Aber als halbwegs reflektierter Mensch weiß ich, warum mir der Dokumentar oder die Dokumentarin diese Fragen trotzdem und sogar noch penetranter als vorher stellen. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Sie machen neben Ihrer Arbeit als Spiegel-Autor Fernsehen, Podcasts, Talkshows, schreiben Sachbücher und Romane. In welches dieser Medien ist das Vertrauen am höchsten?

Ich glaube, Papier genießt weiter mehr Vertrauen als jedes andere Medium. Wer in Sachen Informationskonsum so wie ich nicht digital, sondern analog sozialisiert wurde, hat beim gedruckten Wort eine höhere Kompetenzvermutung und somit auch größeres Vertrauen. Wenn etwas aufgeschrieben und nicht einfach in einer Talksendung dahergesagt wurde, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass dahinter eine verlässlichere Prüfung steckt. Das ist allerdings eher mein Gefühl, keine Gewissheit.

Gespräche sind impulsiver als Artikel.

Genau, und ihr Verlauf schwerer vorhersehbar. Häufig bringt der Gast Aspekte hinein, auf die ich innerlich nicht vorbereitet bin, die aber den Drang in mir wecken, auch darüber mitzureden. Da können viel leichter Fehler passieren, die ich entsprechend auch Kolleginnen und Kollegen und ihren Gästen nachsehe. In einer Live-Situation darf man durchaus mal unbewusst Quatsch erzählen oder Fakten vergessen, im gedruckten Buch oder Artikel nicht. Ganz egal, ob es sich um Spitzenpolitik oder Popkultur handelt.

In Ihren zwei populärsten Talkformaten behandeln Sie beides. Was unterscheidet Apokalypse & Filterkaffee von der inhaltlichen Ausrichtung des Spitzengesprächs?

Zunächst mal ist mein Team, das mir beim Spitzengespräch zuarbeitet, größer als das von Apokalypse & Filterkaffee – obwohl auch dort ganz tolle Arbeit geleistet wird. Darüber hinaus führe ich bei Apokalypse & Filterkaffee eher lockere Gespräche mit Kolleginnen oder Kollegen über das, was der Tag so an Themen mit sich bringt. Das lässt sich viel weniger planen als das Spitzengespräch, in dem es meistens um sehr konkrete Fragen an einen prominenten Gast geht.

Will das eine eher unterhalten und das andere eher informieren oder ist beides am Ende einfach nur Infotainment?

„Nur“ klingt so abschätzig. Auch wenn manche den Begriff als seicht empfinden, ist Infotainment eine treffende Bezeichnung für das, was ich mache. Dafür muss man sich nicht schämen. Als ich vor vier Jahren mit meinem ARD-Format Konfrontation den Deutschen Fernsehpreis gewonnen habe, war das jedenfalls in der Kategorie Infotainment. Man kann den unterhaltsamen Anteil politischer Information gar nicht überschätzen. Wer gesellschaftlich und politisch relevante Themen ständig staubtrocken und bierernst vermittelt, vergisst, wie viel unfreiwillige Komik die politischen Prozesse oft enthalten. Umgekehrt versuche ich, die relevanten politischen Entwicklungen in Apokalypse & Filterkaffee ernst und gewissenhaft zu vermitteln. Ich suche den Mittelweg zwischen E und U.

Gibt es im Spitzengespräch deshalb gelegentlich Brett- oder Rollenspiele?

Ja, und daran gibt es ab und zu Kritik im Sinne von „Kindergeburtstag“. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man Gesprächspartner manchmal in ihrer Routine stören sollte. Nur so kommen Seiten von ihnen zum Vorschein, die deren PR-Abteilung lieber verstecken würde. Sachliche Leichtigkeit, das zeigen viele Rückmeldungen, macht es dem Publikum leichter, sich mit schwerer politischer Kost zu beschäftigen.

Wählen Sie die Gäste Ihres Spitzengesprächs nach Entertainmentaspekten aus oder überwiegt Ihr Informationsinteresse?

Da ist zunächst mal das Thema entscheidend. Aber wenn zwei Gäste in Konkurrenz zueinanderstehen und inhaltlich dieselbe Position vertreten, ist das Entertainmentpotenzial eines Gastes oft der ausschlaggebende Punkt. Natürlich ist es mir wichtig, mit der Person gut reden, gegebenenfalls auch mal lachen zu können. Aber ich denke da noch stärker ans Publikum. Und das schätzt eloquente, unterhaltsame, prominente Menschen einfach mehr und schaltet bei denen im Zweifel eher ein.

Entscheiden Sie letztlich über die Auswahl der Gäste?

Nein, das diskutieren wir als Team. Manchmal wird mein Wunsch zwar berücksichtigt. Aber aus unserem kleinen, feinen Team kommen viele Ideen, auf die ich allein nie gekommen wäre.

Was bringt aus Ihrer Sicht den unterhaltsameren Erkenntnisgewinn: Einzel-, Doppel- oder Gruppengespräch?

Wenn ich mich auf eine Person, die mich selbst interessiert, voll konzentriert einlassen kann, macht mir das selbst jedenfalls am meisten Spaß. Wenn ich mit einem Gast allein bin, ist die Chance, meinem Gegenüber etwas Interessantes zu entlocken, größer als mit mehreren Gesprächspartnern. In einer politisch aufgeladenen Zeit wie dieser sind unterschiedliche Perspektiven in größerer Runde zwar wichtig und richtig, weil sich dadurch mehr Menschen und Gruppen vertreten fühlen. Ich persönlich bevorzuge allerdings das intimere Zwiegespräch.

Intimität beeinträchtigt allerdings jene Distanz, die fürs Vertrauen in den Journalismus unerlässlich ist. Wie sorgen Sie für den nötigen Abstand zwischen sich und den Gästen?

Das hängt von der Art des Gesprächspartners ab. Zu Politikerinnen und Politikern muss immer ein Mindestmaß an Abstand gewahrt werden. Künstlerinnen und Künstler hingegen, die ich womöglich sogar bewundere, muss ich nicht so kritisch und nüchtern befragen wie eine Ministerin. Diese Frage, wie viel Nähe gesund ist und wie viel Distanz notwendig, begleitet mich schon mein gesamtes Berufsleben hindurch, darüber denke ich ständig aufs Neue nach und ich habe sehr unterschiedliche Erfahrungen damit gemacht. Mein spannendstes journalistisches Projekt war diesbezüglich das mit Martin Schulz.

Den Sie 2017 fünf Monate durch den damaligen Bundestagswahlkampf begleitet haben.

Dazu erschien dann eine ewig lange Spiegel-Reportage und später auch noch ein Buch inklusive der Zeit nach dem Wahlkampf. Das war tatsächlich das Maximum an Nähe, die ein Politiker mir als Journalist gegenüber jemals gewährt hat.

Umgekehrt auch?

Vermutlich schon. Weil Herr Schulz ein anständiger, freundlicher, lustiger Mann ist, hatte ich seinerzeit wahrscheinlich wirklich mehr Empathie und Verständnis für ihn, als es sonst üblich ist in der politischen Berichterstattung. Nähe beeinflusst nun mal den eigenen Blick. Bei Martin Schulz habe ich damals Situationen miterlebt, die mir als politischer Journalist normalerweise verborgen bleiben, auch sehr menschliche. Dann aber war es wichtig, dass ich mir wieder bewusst machte: Du arbeitest für den Spiegel, nicht die SPD, und Du verwendest aus dem unendlichen Material an Beobachtungen auch alles, das nicht so vorteilhaft für Martin Schulz ist. Ich musste die Distanz bewusst wieder einziehen.

„Distanz einziehen“ klingt technisch, als müsste man nur einen Schalter umlegen.

Stimmt, so einfach war das nicht. Ich musste mich bisweilen dazu zwingen, beim Schreiben die gebotene Distanz zu finden. Genau dadurch ist allerdings auch viel Wahrheit über die Figur Martin Schulz ans Licht gekommen, die die PR-Beraterinnen und Spindoktoren sonst abgeschirmt und verhindert hätten – verletzliche, wütende, verzweifelte Seiten eines Spitzenpolitikers, der ansonsten immer stark, kontrolliert, optimistisch wirken muss. Ich erinnere mich, dass Martin Schulz später mal zu mir sagte, er hätte manche Szenen lieber nicht so über sich gelesen, fand meinen Umgang mit ihm aber trotzdem fair.

Ist es für jemanden, der wie Sie seit mehr als einem Vierteljahrhundert im politischen Berlin arbeitet – dessen Vermischung von Berichterstattungssubjekten und -objekten geradezu berüchtigt ist –, leichter oder schwerer, die nötige Distanz zu wahren?

Bei manchen meiner Kollegen habe ich tatsächlich das Gefühl, es wird mit jedem Jahr schwerer. Vor allem, wenn Sie nie das Objekt ihrer Berichterstattung wechseln. Wer sein gesamtes Berufsleben lang beispielsweise nur über die Grünen berichtet, hat irgendwann automatisch mehr Verständnis für die Position der Grünen als für andere Parteien. Mir würde es vermutlich auch so gehen, das ist vollkommen menschlich. Deshalb finde ich es gut, seine Themenschwerpunkte regelmäßig zu variieren. Auch deshalb fällt es mir relativ leicht, Abstand zu wahren. Zumindest wird es mittlerweile zusehends einfacher.

Zu wem Sie den konsequentesten Abstand halten, ist die AfD. Im Spitzengespräch hatten Sie zwar mal eine Aussteigerin zu Gast, aber bislang kein aktives Mitglied. Ist das Berührungsangst oder ein Bedürfnis, dieser Partei keine Bühne zu geben?

Am Anfang überwog bei mir und dem Team sicherlich die Überlegung, der AfD keine Bühne zu geben. Wer politische Debatten verfolgt, weiß zudem, dass sie ihre Positionen in jeder Runde zwei, drei Oktaven schriller, drastischer, radikaler äußert als der Rest des demokratischen Diskurses. Und früher oder später dreht sich alles nur um diese eine Person in der Runde. Der Verhaltensauffällige bekommt immer die größte Aufmerksamkeit. Das ist ungerecht. Aber es ist so.

Da ist eigentlich ein pausenloser Faktencheck in Echtzeit vonnöten.

Und zerstört in eben dieser Echtzeit jeden Versuch, ernsthaft miteinander zu diskutieren. Andererseits haben wir es bei der AfD mit einer Partei zu tun, für die gerade annähernd ein Drittel der Wahlberechtigten stimmen würde und regional sogar noch mehr. Es gibt zwar weiterhin sehr gute Gründe, die AfD nicht einzuladen. Aber die pure Mathematik der Umfragen und Wahlergebnisse kann auch meine Talkrunde wohl nicht dauerhaft ignorieren.

Wir sitzen hier gerade drei Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Es könnte also sein, dass Sie demnächst den Magdeburger Ministerpräsidenten Siegmund im Spitzengespräch begrüßen?

Ich kann mir generell vorstellen, demnächst mit relevanten Leuten aus der AfD Interviews zu führen. Ob das Spitzengespräch dafür der richtige Ort ist, weiß ich noch nicht abschließend. AfD-Vertreter verbreiten in kürzester Zeit so viele Unwahrheiten, Übertreibungen oder Verkürzungen, dass es wahnsinnig schwer ist, in unserer Live-on-Tape-Situation angemessen darauf zu reagieren. Außerdem zerstört Radikalität jede Gesprächskultur. Bei vielen AfD-Vertretern hat man ja den Eindruck, bei Interviews suchen sie nie das Gespräch, sondern nur die Bühne. Obwohl vieles gegen ihre Teilnahme spricht, muss man sich Spitzenvertretern dieser Partei aber zunehmend stellen – so kritisch und so gut vorbereitet wie möglich. Aber man muss auf jeden Fall auch Dissens und Spannungen aushalten können. Sonst sitzt man am Ende wie Ben Berndt da, der einem Rechtsextremisten wie Björn Höcke oder dem russischen Botschafter nur harmlose Schmusefragen stellt und auf jede Kritik verzichtet.

Gute Vorbereitung klingt, als könne man die AfD und ihre Klientel noch mit Fakten erreichen, als müssten vertrauenswürdige Medien nur ordentlich recherchieren, dann kämen sie schon aus ihrer rechten Blase. Ist das nicht längst eine Wunschvorstellung?

Mag sein. Aber ich kann mir nun mal keinen anderen Arbeitsansatz vorstellen als größtmögliche Gewissenhaftigkeit. Mit der möchte ich anderen jedenfalls gern gegenübertreten. Den aggressiven Diskursstil der AfD selbst zu übernehmen, wäre aus meiner Sicht kontraproduktiv. Also sage ich: Ruhe bewahren, freundlich sein, höflich bleiben und immer faktenbasiert argumentieren. Falls ich mit diesem Ansatz nicht mehr alle Menschen im Land erreiche, dann ist das eben so.

Und andernfalls? 

Entferne ich mich vom Wesenskern des Journalismus. Wenn die Lupe über unserer Arbeit immer größer wird, kann die Konsequenz doch nur sein, noch akribischer zu arbeiten, als es ohnehin der Anspruch sein sollte. Darüber hinaus gibt es leider keinen Zaubertrick, Menschen zurückzuholen, die lieber Verschwörungsideologien als aufwendig recherchiertem Journalismus glauben.

Also berichten, was ist, nicht was sein sollte, oder um es wie Michelle Obama zu sagen: When they go low, we go high?

Ich fand Michelle Obamas Satz schon immer ein bisschen arrogant, deshalb würde ich ihn so nicht teilen. Aber selbst postfaktisch zu arbeiten wie neurechte Alternativmedien, kann auf keinen Fall die Antwort sein. Weil die Ansprüche des skeptischen Publikums an etablierte Medien heute noch viel, viel höher sind als früher, würde uns jede schlampige Recherche noch heftiger um die Ohren geschlagen – und zwar völlig zu Recht.

Bislang gibt es im Spitzengespräch zwar selten postfaktische, aber ausweichende Antworten – die Sie mitunter mit sauren Drops brandmarken.

Ich reiche die Drops meinen Gästen, um auf das weit verbreitete Phänomen in Interviews mit Politikern aufmerksam zu machen, sich vor einer konkreten Frage mit Floskeln wegzuschlängeln.

Wie viele haben Sie davon bislang verteilt?

Über die Jahre hinweg vermutlich schon fünf volle Dosen. Aber vielleicht müsste man noch mal ein paar extra saure dazustellen für Gäste, die nachweislich und absichtlich die Unwahrheit sagen. Bislang geht es nur darum, aufzuzeigen, wer sich vor drängenden Fragen drückt.

Wer war bislang der größte Drückeberger?

Ich glaube, Christian Lindner steht da relativ weit oben. Bei Gästen aus der Wissenschaft brauche ich die Drops fast nie. Bei Politikerinnen und Politikern ist das Ausweichen hingegen fast schon chronisch. Besonders im Wahlkampf.

Wie ist es mit anderen Journalistinnen und Journalisten?

Die stehen selten unter ähnlichen Zwängen. Auch da gibt es Ausweichmanöver, aber wenn ich das Gefühl habe, dass Kolleginnen oder Kollegen staatstragend auftreten und wie Politikerinnen und Politiker sprechen, lade ich die halt nicht mehr ein.

Ist es eigentlich journalistisches, also erlerntes Handwerkszeug, beharrlich nachzuhaken, oder benötigt man dafür auch ein bestimmtes Mindset?

Beides ein bisschen. Im normalen menschlichen Miteinander ist es ja eher unhöflich, ständig penetrant nachzuhaken. Und eigentlich bin ich eher ein freundlicher, fröhlicher Mensch. Anderen zu nahe zu treten, kostet mich jedes Mal Überwindung und zählt definitiv nicht zu den schöneren Augenblicken meines Berufes. Privat würde ich wohl niemals drei-, viermal mit derselben Frage kommen. Das fühlt sich unangenehm an. Beruflich gehört es dagegen schlicht zu meinem Job. Dennoch gelingt es mir mal mehr, mal weniger gut.

Wer sein Berufsethos mit Haltung vertreten will, muss also die Bereitschaft haben, sich unbeliebt zu machen?

Um Harmonie darf man jedenfalls nicht dauernd bemüht sein. Es sei denn, ich habe zum Beispiel eine Holocaustüberlebende zu Gast, das war vergangene Woche der Fall. Zumal Renate Aris nicht annähernd so öffentlichkeitserfahren ist wie Margot Friedländer es war, die kurz vor ihrem Tod im Spitzengespräch war. In berührenden, bewegenden Gesprächen wie diesen geht es mir darum, eine harmonische Atmosphäre zu schaffen. Aber selbst beim Chef einer Bundestagsfraktion muss man nicht ständig so tun, als sei man dem nächsten Skandal auf der Spur. Da, wo es einfach um einen Austausch geht, ist Harmonie zulässig. Trotzdem muss man auf jeden Fall auch Dissens und Spannungen aushalten können.

Kommt dieses Aushalten mit den Jahren automatisch oder muss man dafür die Mentalität haben, also abgebrühter sein als andere?

Leichter fällt es mir auch mit den Jahren leider nicht. Es ist auch nicht angeboren. Ich konnte mir allerdings eine gewisse Selbstüberzeugung antrainieren, dass es oft der Erkenntnis dient, wenn ich es schaffe, die unangenehme Situation nach harten Fragen auszuhalten. Wer wirklich was von seinem Gegenüber erfahren will, sollte allerdings nicht nur nachhaken können, sondern auch Stille aushalten.

Also peinliches Schweigen?

Einfach mal nichts zu sagen und damit in aller Ruhe zu signalisieren, dass da jetzt eigentlich noch etwas Interessantes kommen müsste. Das widerspricht unserer eingeübten Konversation, doch es klappt gelegentlich. Außerdem verleiht es Gesprächen manchmal mehr Tiefe als penetrantes Nachfragen – gerade, wenn man dazu freundlich guckt und vermittelt: da müssen wir jetzt durch. Ich hatte vorigen Montag Sven Schulze hier, den Spitzenkandidaten der CDU in Sachsen-Anhalt. Dazu hatten wir übrigens auch Herrn Siegmund eingeladen.

Ach!

Nach langen, intensiven Diskussionen erschien es uns angemessen, jemanden einzuladen, der eine reelle Chance hat, Ministerpräsident zu werden. Im Duell mit dem größten Konkurrenten wäre das angesichts seiner Umfragewerte plausibel gewesen. Aber Herr Siegmund hat abgesagt, und auch mit Herrn Schulze allein kamen die sauren Drops zum Einsatz.

Zur Frage nach der Kooperation mit Linken oder Rechten?

Den Linken. Es hatte gewiss wahltaktische Ursachen, sich dazu nicht festzulegen. Im Dienste der Wählerinnen und Wähler sollte es aber zumutbar sein, zu solch einer entscheidenden Frage auch konkrete Antworten zu geben. Da war Sven Schulzes Ausweichen penetranter als mein mehrfaches Nachhaken.

Ist Humor eigentlich eine vertrauensbildende, zielführende Maßnahme im politischen Journalismus?

Humorvoll penetrant zu sein, finde ich jedenfalls besser und ergiebiger als aggressiv penetrant zu sein.

So wie Fabian Köster und Lutz van der Horst, die in der heute-show keinerlei Schmerzempfinden zeigen.

Zum Beispiel, ich schätze die Frechheit der beiden sehr. Aber auch ihre Stressresilienz.

Da wären wir wieder bei Ihrer Ruhe, die Sie vor der Kamera praktisch nie aus der Haut fahren lässt. Wie kanalisiert man aufkommende Wut über unehrliche Interviewgäste oder destruktive Antworten?

Nicht durch autogenes Training jedenfalls. Vielleicht steckt das einfach in mir drin. Ich hatte vor längerer Zeit mal ein Gespräch mit dem Psychologen der deutschen Fußballnationalmannschaft. Ein sehr intelligenter Mensch, mit dem ich für mein Porträt über den damaligen Nationaltrainer Joachim Löw gesprochen hatte. Er meinte, mich mal bei Markus Lanz neben Cem Özdemir gesehen zu haben, der etwas extrem Unfreundliches zu mir gesagt hatte.

Über Sie oder Ihre Arbeit?

Über meine Arbeit, aber so persönlich, dass es erkennbar mir als Person galt – in dem Sinne, dass ein seriöser Journalist mein Martin-Schulz-Porträt nicht gemacht hätte. In meiner Erinnerung fühlte ich mich da tatsächlich in meiner Berufsehre gekränkt und kochte innerlich. Der Psychologe aber meinte, man hätte mir nichts davon angemerkt. Wie ich das geschafft habe, weiß ich gar nicht mehr, aber feststeht: Positive Emotionen können Vertrauen schaffen, also Leserinnen, Hörer, Zuschauerinnen für sich gewinnen, Aggressivität dagegen nicht. Nach meiner Überzeugung schafft Selbstkontrolle Akzeptanz, Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Können Sie sich eine Situation vorstellen, in der Sie diese Selbstkontrolle verlieren?

Beruflich nicht, privat vielleicht schon. Da müsste ich kurz überlegen.

Im Straßenverkehr vielleicht?
Oh ja! Meiner jüngeren Tochter ist es unangenehm, mit mir im Auto zu sitzen. Auf dem Tennisplatz habe ich mich manchmal nicht unter Kontrolle. Auf zwischenmenschliche Enttäuschungen reagiere ich auch mal emotional. Wenngleich weniger mit Aggressivität als mit Traurigkeit, die man mir ansehen kann. Aber während permanente Selbstkontrolle im Privatleben oftmals eher kontraproduktiv ist, gehört innere Disziplin und Zurückhaltung für mich als Journalist zwingend dazu.

Könnten Sie sich vorstellen, einen Gast mal des Studios zu verweisen?

Ja. Wenn aus einer radikalen Ecke menschenverachtende Sachen gesagt werden, kann ich mir das durchaus vorstellen. Auch wenn das dann eine ziemlich unangenehme Situation wäre, die es auszuhalten gilt. 

Jan Freitag arbeitet als freier Journalist in Hamburg.
Paulina Hildesheim ist Fotografin in Berlin.