Scheiße plus X

„Guter Journalismus braucht deshalb in Zukunft einen konstruktiven Blick", sagt Ronja von Wurmb-Seibel. Foto: Kims Fotowerk.

Ronja von Wurmb-Seibel ist Autorin und Filmemacherin. Sie war Politik-Redakteurin und Reporterin in Afghanistan. Ihr Buch Wie wir die Welt sehen hat 2022 eine Debatte über konstruktiven Journalismus in Deutschland angestoßen. In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Sie sieht die Zukunft im konstruktiven Journalismus.

02.02.2026

Aus der Forschung wissen wir: Negative Informationen lösen bei uns ein Gefühl von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Kontrollverlust aus. Wenn wir zu viele negative Nachrichten konsumieren, glauben wir irgendwann, dass wir Probleme nicht ändern können – nicht, weil das stimmt, sondern weil uns Geschichten darüber fehlen, wie Veränderung gelingen kann.

Guter Journalismus braucht deshalb in Zukunft einen konstruktiven Blick. Meine Formel dafür lautet: Scheiße plus X. Das X ist dabei nicht die Lösung eines Problems, sondern ein erster kleiner Schritt in Richtung Lösung, und wenn er noch so winzig ist.

Mein Tipp: Erzählt das X in jeder Geschichte, egal ob Tagesschau-Beitrag oder Spiegel-Titelstory. Denn obwohl das X klein ist, hat es einen Rieseneffekt: Es ist unser Weg aus der Ohnmacht. Es zeigt uns, dass wir immer, wirklich immer etwas tun können, um eine Situation zu verbessern. Und: Das X bringt Menschen zum Weiterlesen.

Studien zeigen: Konstruktiv erzählte Berichte führen dazu, dass Menschen mehr Geschichten zum gleichen Thema und mehr Geschichten derselben Redaktion konsumieren wollen. Und vielleicht als Wichtigstes: dass sie motivierter sind, sich zu engagieren und bei der Lösung des Problems selbst mitzuwirken. „Scheiße plus X“ ist kein Wohlfühlkonzept. Unsere Demokratie braucht Geschichten, die nicht nur zeigen, was schiefläuft, sondern auch, wie wir Krisen bewältigen können. 


Ronja von Wurmb-Seibel ist Autorin und Filmemacherin. Sie war Politik-Redakteurin und Reporterin in Afghanistan. Ihr Buch Wie wir die Welt sehen hat 2022eine Debatte über konstruktiven Journalismus in Deutschland angestoßen.