Sprecht über eure Fehler!

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen durfte den Spiegel mehrfach im Spiegel kritisieren. „Wir haben verstanden, dass Transparenz für das Vertrauen unserer Leserinnen und Leser wichtig ist. Sie sollen erleben, dass wir uns der Kritik stellen", sagt Chefredakteur Dirk Kurbjuweit (oben im Bild). Foto: Julia Sang Nguyen für journalist

Im deutschen Journalismus gibt es eine Doppelmoral: Viele Journalisten kritisieren gern, wollen aber ihre eigenen Fehler nicht öffentlich zugeben. Das muss sich ändern, sagt unser Autor Felix Rohrbeck – denn genau dadurch verlieren Medien das Vertrauen vieler Menschen. Wie geht gute Fehlerkultur, und warum ist sie in Redaktionen so schwach ausgeprägt?

Text: Felix Rohrbeck

02.10.2025

Im März sitzt der frühere ARD-Moderator Frank Plasberg auf dem Literaturfestival lit.Cologne der Philosophin Svenja Flaßpöhler gegenüber. Es ist ein Wiedersehen unter schwierigen Vorzeichen: Vor vier Jahren, in einer hitzigen hart aber fair-Sendung, hatte Flaßpöhler gegen die Einführung einer Corona-Impfpflicht argumentiert. Sie finde es fatal, Ungeimpfte zu kriminalisieren, sagte sie damals – und brachte damit den Moderator Frank Plasberg gegen sich auf, seine Nachfragen wurden immer provokanter. Auf der lit.Cologne sagt Flaßpöhler nun: „Keines meiner Argumente hat verfangen. Es war, als würde ich abgeschoben in eine Schwurbelecke. Ich würde fast sagen, ich habe ein kleines Trauma davongetragen.“

Was dann folgt, ist ungewöhnlich: Plasberg verteidigt sich nicht, relativiert auch nichts. Stattdessen sagt er, dass er sich für die Sendung geschämt habe. Bei Flaßpöhler entschuldigt er sich: „Ich habe nicht verstanden, dass Sie darüber reden, wie eine Gesellschaft in einer Notlage miteinander umgeht. Das tut mir furchtbar leid.“

Es ist ein kleiner Moment menschlicher Größe. Und es sind Worte, die man von Journalisten nur selten hört: Entschuldigung, das war nicht richtig, ich habe einen Fehler gemacht. Warum ist das so? Auch wenn man sehr lange nach ähnlichen Beispielen sucht, findet man kaum welche. In der Regel reagieren Journalisten auf Kritik mit einem eingeübten Reflex: Sie verteidigen sich, wollen Recht behalten, gehen in die Gegenoffensive. Oder: Sie sagen einfach gar nichts.
 

„Gerade weil wir Journalisten so wenig über unsere Fehler, Versäumnisse und die tatsächlichen Gründe sprechen, reimen sich viele Menschen ihre eigenen Erklärungen zusammen.“
 

Warum fällt es ausgerechnet uns Journalisten, die gut darin sind, andere zu kritisieren und Selbstkritik von ihnen einzufordern, so schwer, die gleichen Maßstäbe bei uns selbst anzulegen? Als die Zeit vor zwei Jahren einen Titel zum Thema „Unsere Corona-Fehler“ veröffentlichte, gestanden dort Politiker wie Armin Laschet, Bodo Ramelow und Manuela Schwesig öffentlich ihre Irrtümer ein. Auch Wissenschaftler wie Viola Priesemann und Jonas Schmidt-Chanasit machten mit. Der einzige Journalist, den das Blatt außerhalb der eigenen Redaktion dafür gewinnen konnte, war Ranga Yogeshwar. Alle anderen sagten der Zeit ab.
 

Der Fehler ist nicht das Problem

Zwar gibt es in vielen Medien mittlerweile Korrekturhinweise, in denen Faktenfehler transparent richtig gestellt werden. Aber es geht nicht nur um falsch geschriebene Namen oder eine nicht korrekte Jahreszahl. Die Kritik, die dem Journalismus entgegenschlägt, reicht deutlich tiefer. Völlig klar: Oft ist sie abstrus, polemisch und überzogen. Manchmal ist sie aber auch durchaus berechtigt oder hat zumindest einen nachvollziehbaren Kern. Wäre ein offener und ehrlicher Umgang mit den eigenen Fehlleistungen und Versäumnissen nicht auch eine Chance für den Journalismus, Vertrauen zurückzugewinnen?

Einer, der dazu forscht, ist Fabian Prochazka, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt. In seiner Arbeit geht es um Fragen, die viele Journalisten umtreiben: Woher kommen die Vorwürfe einer Lügenpresse, manipulierter Berichterstattung oder einer eigenen, politischen Agenda? Warum wächst das Lager der Medienskeptiker? Und was könnte dagegen helfen?

Eine zentrale Erkenntnis, die Prochazka in seinen Interviews mit Medienskeptikern gewonnen hat, klingt zunächst etwas kompliziert, ist im Grunde aber einleuchtend: Entscheidend für das schwindende Vertrauen in den Journalismus sind weniger seine Fehler und Schwächen selbst, sondern die angenommenen Ursachen dafür. „Misstrauen in Journalismus wird am stärksten von der Wahrnehmung geprägt, dass journalistische Fehler absichtlich zustande kommen“, sagt Prochazka. Heißt: Die Menschen nehmen es uns nicht übel, wenn wir Fehler machen, weil auch wir nur Menschen sind und mit wirtschaftlichen und strukturellen Zwängen zu kämpfen haben. Wohl aber, wenn sie dahinter Manipulation, Fremdsteuerung oder bewusstes Lügen vermuten.

Gerade weil wir Journalisten so wenig über unsere Fehler, Versäumnisse und die tatsächlichen Gründe sprechen, reimen sich viele Menschen eigene Erklärungen zusammen. Sie vermuten dann oft eine böse Absicht, auch wenn das in den allermeisten Fällen nicht zutreffend ist.

Ich erlebe das auch in meinem Umfeld. Ein Freund von mir, nennen wir ihn Michael, ist in den vergangenen Jahren zunehmend medienskeptisch geworden. Er hat die Berichterstattung während Corona als stromlinienförmig und unkritisch empfunden. Er erlebt gesellschaftliche Debatten als verengt und gibt den Medien eine Mitschuld daran. Am meisten aber hat ihn – obwohl er weit davon entfernt ist, mit der AfD zu sympathisieren – die Berichterstattung rund um den von Correctiv veröffentlichten „Geheimplan gegen Deutschland“ aufgeregt. Wie konnte das passieren?

Zunächst erfährt Michael von der Correctiv-Recherche aus anderen Medien. Auf der tagesschau-Website heißt es, dass bei dem Treffen in Potsdam auch über die Ausweisung von deutschen Staatsbürgern diskutiert worden sei. Als Michael später mehrfach den Originaltext von Correctiv liest, fällt ihm auf, dass das dort nicht explizit steht. Erst am Ende des Textes heißt es, dass ein „Masterplan zur Ausweisung von deutschen Staatsbürgern“ zurückbleibe. Nicht nur Übermedien wird später kritisieren, dass der Text damit im Ergebnis etwas zusammenfasst, was von den vorherigen Ausführungen nicht getragen ist.

Michael hat ein komisches Gefühl: Wieso verschwimmen in dem Text Fakten und Interpretation auf eine für den Leser nur schwer nachvollziehbare Weise? Warum gehen die tagesschau und auch das heute- journal sogar einen Schritt weiter und erklären die Interpretation von Correctiv zur Tatsache? Und wie kann es sein, dass ihn das alles stutzig macht, er in den etablierten Medien dazu aber zunächst keinerlei Debatte oder Kritik finden kann?

„Es sind Worte, die man von Journalisten nur selten hört: Entschuldigung, das war nicht richtig, ich habe einen Fehler gemacht.“
 

Michael erklärt es sich dann selbst so: Correctiv sei ein aktivistisches Medium, das den Text absichtlich so konstruiert habe, dass beim Leser ein Eindruck entsteht, der der AfD möglichst stark schaden soll. ARD und ZDF hätten die letzten Zweifel verschwinden lassen, damit die Story sich noch stärker verbreite und weil das den Regierungsparteien, denen sie als öffentlich-rechtliche Sender nahe stünden, in die Karten spiele. Dass zunächst kaum ein etabliertes Medium seine Zweifel thematisiert, führte er auf eine Euphorie unter Journalisten zurück, die AfD „nun endlich bei den Eiern zu haben“. So entsteht für ihn das Bild eines manipulativen Journalismus, der eine eigene politische Agenda verfolgt.

Was können wir daraus lernen? Ich glaube, dass es Michael geholfen hätte, wenn Correctiv – jenseits aller juristischen Kämpfe um den Kern der Recherche – einmal eingeräumt hätte, dass eine deutlichere Trennung von Fakten und Interpretation dem Text gutgetan hätte. Wenn die tagesschau nicht gewartet hätte, bis ein Gericht die entsprechenden Passagen in ihrer Berichterstattung als unwahre Tatsachenbehauptung untersagt, sondern den eigenen Fehler frühzeitig korrigiert hätte. Vielleicht einfach mit dem banalen Hinweis, dass die Redaktion zunächst selbst Schwierigkeiten hatte, Fakten und Interpretation auseinanderzuhalten. Wenn die ersten kritischen Artikel dazu nicht bei Nius und Cicero erschienen wären, sondern bei Zeit oder SZ.

Kürzlich veröffentlichte Correctiv die eidesstattliche Versicherung eines Teilnehmers des Treffens, der bestätigt, dass Martin Sellner die „Remigration“ auch für „nicht-assimilierte Staatsbürger“ vorgeschlagen habe – andere Teilnehmer bestreiten das. Es würde den Rahmen dieses Textes sprengen, ausgiebig zu diskutieren, wie faktengedeckt Correctivs Interpretationen zu einem „Masterplan zur Ausweisung deutscher Staatsbürger“ sind. Aber das Beispiel illustriert, was passieren kann, wenn wir unsere Fehler oder zumindest die Schwächen einer Recherche und die Gründe dafür nicht selbst thematisieren, weil es uns unangenehm ist oder wir davor zurückschrecken, Kollegen zu kritisieren. Dann überlassen wir es anderen, diese Lücke zu füllen. Im Zweifel werden uns dann böse Absichten unterstellt – und Vertrauen geht verloren.

Bedeutet das andersherum, dass wir Vertrauen zurückgewinnen, wenn wir Fehler öfter eingestehen? Als es darum vor einigen Jahren auf einer Veranstaltung von Netzwerk Recherche ging, war der damalige tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke skeptisch: Durch das öffentliche Eingeständnis selbst kleinster Fehler würden diese erst groß gemacht. Vor zwei Jahren, in einem Interview mit Übermedien, sprach sich Wulf Schmiese, zu dem Zeitpunkt Redaktionsleiter des heute-journals, dagegen aus, die Ursachen von Fehlern stärker zu erklären: „Die Gründe für den Fehler interessieren außerhalb der Medienbubble wohl kaum jemanden.“

Aber stimmt das noch in einer Welt, in der Fehler von Journalisten in sozialen Netzwerken von Nutzern und „Alternativmedien“ ohnehin thematisiert und skandalisiert werden? Der Kommunikationswissenschaftler Prochazka hat zusammen mit seiner Kollegin Magdalena Obermaier von der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Experiment durchgeführt. Den Versuchsteilnehmern wurde ein Facebook-Post einer fiktiven Zeitung (Aktuelle Rundschau) vorgelegt, in dem es um eine ebenfalls fiktive Studie geht, über die die Zeitung berichtet. Unter dem Post wirft ein Nutzer ihr in einem Kommentar eine fehlerhafte Berichterstattung vor. In unterschiedlichen Szenarien reagiert die Redaktion darauf gar nicht, streitet den Fehler ab oder gibt ihn zu. Prochazka und Obermaier wollten herausfinden, wie sich das auf das Vertrauen auswirkt.

„Viele hatten Sorge, dass wir öffentlich bloßgestellt werden oder der eigene Name in der Zeitung steht.“
 

Die Antwort ist nicht so eindeutig, wie man es sich als Journalist wünschen würde: Während Medienskeptiker eine Marke vor allem als vertrauenswürdiger einstuften, wenn diese einen Fehler zugab, reagierten Nutzer mit einem hohen Medienvertrauen positiver, wenn ein Fehler abgestritten wurde. Es gibt aber auch ganz klare Erkenntnisse: Am schlechtesten wirkte es sich über alle Gruppen hinweg aus, wenn man gar nicht reagierte. Egal, ob ein Fehler zugegeben oder abgestritten wurde, es half immer, wenn die Gründe dafür erläutert wurden. „Es braucht noch mehr Forschung in diesem Bereich“, sagt Prochazka, „aber unsere Studie deutet schon darauf hin, dass mehr Transparenz zu mehr Vertrauen in den Journalismus führt.“

Was die Wissenschaft dem Journalismus nicht sagen kann, ist, wie genau er auf Kritik eingehen und sie einfordern sollte. Welche Formate es dazu braucht, die über Korrekturhinweise und vereinzelte, meist versteckte Transparenzblogs hinaus gehen. Einer, der etwas Neues gewagt hat, ist Spiegel-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit. „Unser großes Ziel heißt Wahrhaftigkeit. Aber uns unterlaufen Fehler, Irrtümer“, schrieb er den Lesern vergangenes Jahr. „Wir haben verstanden, dass Transparenz für das Vertrauen unserer Leserinnen und Leser wichtig ist. Sie sollen erleben, dass wir uns der Kritik stellen.“

Darauf folgte, was Kurbjuweit öffentliche Blattkritiken nennt: Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen durfte den Spiegel mehrfach im Spiegel kritisieren. Dazu bekam er Zugang zu allen Archiven und konnte mit Redakteuren des Hauses sprechen. Seine Texte wurden nicht bearbeitet, sondern 1:1 so veröffentlicht, wie er sie geschrieben hatte.

Zugang zum Maschinenraum

„Als ich gesagt habe, das machen wir jetzt, war die Redaktion sehr zurückhaltend“, erzählt Kurbjuweit in seinem Büro im Hamburger Spiegel-Gebäude. „Viele hatten Sorge, dass wir öffentlich bloßgestellt werden oder der eigene Name in der Zeitung steht.“ Pörksens Kritiken an der Berichterstattung des Spiegels zu Donald Trump, zur AfD und zum Klimawandel fielen nicht vernichtend aus, sondern klug und differenziert. „Richtig weh getan“, sagt Kurbjuweit, „hat es punktuell aber schon.“

Das gilt vor allem für die Kritik an der Spiegel-Berichterstattung zum Klimawandel. Pörksen diagnostiziert ein „erschütterndes Muster“, dem einzelne, einflussreiche Spiegel-Redakteure bis 2019 gefolgt seien. Er spricht von einem „Verniedlichungs- und Verharmlosungs-Aktivismus“ – und belegt das mit vielen Beispielen. Auch wenn der Name des vor allem verantwortlichen Redakteurs nicht explizit erwähnt wird, weiß intern jeder, wer gemeint ist. „Da dachte ich: um Gottes Willen“, sagt Kurbjuweit, „das muss ich dem Kollegen zumindest vorher sagen.“ Was er dann erlebt habe, nennt er „einen Moment von Größe“. Der betroffene Kollege habe zwar gesagt, es sei nicht schön, das zu lesen, aber er stehe dazu und könne die Kritik akzeptieren. „Das fand ich eine sehr souveräne Reaktion.“

Kurbjuweits Zwischenbilanz: Dass der Spiegel sich Kritik öffnet, führt nicht dazu, dass er öffentlich fertig gemacht wird. Selbst da, wo es weh tut, zeigen alle Beteiligten, dass man gut damit umgehen kann. Allerdings hätten sich die Reaktionen der Leser in Grenzen gehalten, sagt Kurbjuweit. „Es ist nicht so, dass Jubel ausgebrochen und unsere Auflage nach oben geschossen wäre.“

Die meisten positiven Reaktionen, so Kurbjuweit, hätte der jüngste Text von Pörksen bekommen. Ausgerechnet der, für den Kurbjuweit sich selbst am meisten überwinden musste. Denn Pörksen wollte Zugang zum „Maschinenraum der Redaktion“, im Newsroom zuschauen, wie Redakteure bei TikTok oder Instagram darum ringen, eine Spiegel-Enthüllung bekannt zu machen. „Mein erster Reflex war, nein zu sagen, das Innere nicht nach außen dringen zu lassen“, sagt Kurbjuweit. Nach Rücksprache mit der Redaktion hat er doch anders entschieden. Das Ergebnis ist ein Text, in dem Pörksen zwar die Dilemmata benennt, mit denen die Spiegel-Redaktion kämpft, der aber auch zeigt, wie sehr sie sich dabei journalistischen Idealen verbunden fühlt.

Hat sich das für den Spiegel gelohnt? „Ich kann nicht messen, ob es dazu geführt hat, dass wir Vertrauen zurückgewonnen haben“, sagt Kurbjuweit. „Wenn, dann glaube ich, dass es eher langfristig einsickert.“ Das betont auch Prochazka: Schnelle Erfolge seien nicht zu erwarten. Doch für Kurbjuweit war es ein Anfang. Er weiß, dass die fordernden Texte von Pörksen nicht jeden Leser abholen, dass die Suche nach neuen Formaten zur Kritik und Selbstkritik den Journalismus noch lange begleiten wird. Und er sagt: „Wenn wir dazu beitragen konnten, dass auch andere Medien mehr über Transparenz und den Umgang mit Fehlern nachdenken, wäre das für mich der größte Erfolg dieses Experiments.“

Felix Rohrbeck ist freier Wirtschaftsjournalist. Im Rahmen eines Fellowships des Media Lab Bayern hat er sich mit der Fehlerkultur im Journalismus beschäftigt.