Sterben, um zu leben
„Der Journalismus, wie wir ihn kannten, ist tot", sagt Richard Gutjahr. Foto: Mathias Vietmeier
Richard Gutjahr ist Journalist, Moderator und KI-Experte. In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Gutjahr findet: für Journalisten sieht es aktuell schlecht aus.
26.01.2026
We’re fucked. Mit „we“ meine ich uns klassische Journalist:innen, die noch immer glauben, die Welt wartet auf unseren Content. Texte, Audio- und sogar Video-Inhalte, auf Knopfdruck erzeugt und ausgeliefert wie Ramschware beim Discounter.
Die Qualität synthetischer Inhalte mag (heute vielleicht noch) nicht gut sein. Sie ist aber eben auch nicht ganz schlecht. Generative Geschmacksverstärker, getarnt als Informationen, die einen Großteil der Massen sättigen und zugleich die Massenmedien aushungern. Wer mich kennt, wird sich fragen: Wie kann es sein, dass ausgerechnet einer wie ich, jemand, der scheinbar so leichtfüßig auf der Klaviatur der digitalen Kanäle spielt, derart pessimistisch in die Zukunft blickt?
Ich habe viel ausprobiert in meinem Journalistenleben. Von Twitter bis Snapchat, von YouTube bis TikTok, von den viel zitierten Lousy Pennies durch Micropayment bis zur Millionenfinanzierung via Crowdfunding. Ich hatte gedacht, irgendwas davon wird schon verfangen, damit sich klassischer Journalismus wieder lohnt. Womit wir es (seit bald zwei Jahrzehnten!) zu tun haben, sei nur eine vorübergehende Phase: gute Zeiten, schlechte Zeiten. Schumpeter. Kreative Zerstörung und all das.
Heute denke ich anders. Wenn bald digital companions unsere Welt bevölkern, wenn wir selbst zum Avatar mutiert sind, wenn wir nicht mehr unterscheiden zwischen synthetisch und organisch, beide Welten, alt und neu, untrennbar ineinander verwoben sind: Welche Bedeutung wird klassischer Journalismus noch haben?
Für mich gibt es da nur eine Antwort: Nicht der Journalismus in seiner traditionellen Funktion wird den Wert generieren. Nicht das Produkt, also das Foto, das Video, der Text – sondern der Ursprung seiner Schöpfung: die Journalistin, der Journalist, das Individuum dahinter. Bio-Journalismus von glücklichen Reporter:innen mit Haltung – Freilandhaltung. Hier gibt es kein Copy & Paste, kein Schummeln, keine Abkürzung. Was zählt (und bezahlt) ist die Beziehung, der Entstehungsprozess eines Werkes. Der Weg als Ziel. Die Besteigung eines Berges, „weil er da ist“.
Wenn ich also schreibe „we’re fucked“, meine ich: Der Journalismus, wie wir ihn kannten, ist tot. Tot im Sinne von Steve Jobs und dessen These vom Tod als life-changing agent. Einem Tod, der Raum für Neues macht. „Stirb Langsam“ für Medienschaffende. Yippie-ay-ey, Schweinebacke.
Ein Trost: Wir Journalist:innen sind wie Unkraut. Zombies. Wir werden wiederkommen, eines Tages. Fürs Erste aber, so fürchte ich, müssen wir sterben. Sterben, um zu leben.
Richard Gutjahr ist Journalist, Moderator und KI-Experte.