Warum erzählen wir uns Geschichten?

„Geschichten vermitteln uns Empathie und Verständnis", sagt Manuel Stark. Foto: privat

Manuel Stark ist Redakteur bei der Neuen Zürcher Zeitung und Mitgründer von Hermes Baby, einer Autorengemeinschaft für Erzähljournalismus. Wir wollten von ihm wissen, warum Menschen nicht ohne Geschichten auskommen – und was eine gute von einer schlechten unterscheidet.

Interview: Milena Schoo

22.01.2026

Als Kind aus einem Arbeiterhaushalt dachte Manuel Stark lange, er hätte nichts im Journalismus verloren. Heute weiß er, dass ein Großteil erlernbares Handwerk ist. Nun will er das Geschichtenerzählen allen zugänglich machen.

journalist: Es gibt ein paar Dinge, die Menschen überall auf der Welt tun – Essen, Trinken, Schlafen, Sex haben und: Geschichten erzählen. Wieso erzählen wir uns Geschichten?

Manuel Stark: In meinem ersten Seminar an der Uni Bamberg stand ich vor einer Ausstellungstafel des Journalisten Till Mayer. Sie zeigte das Porträt eines elfjährigen Jungen aus Laos, der an seinem Geburtstag von einer Splitterbombe aus dem Vietnamkrieg getroffen wurde. Der Junge verlor dabei sein Augenlicht. Eigentlich wollte er Rapper werden. Ein paar Jahre später hat der Junge einen Auftritt. Als er die Bühne verlässt, fragt Till ihn, wie es war.  Der Junge antwortet: „Es war fantastisch. Ich konnte hören, dass sie mich lieben.“ Das war eine Lebenswirklichkeit, mit der ich nichts zu tun hatte. Ich wusste damals wenig über den Vietnamkrieg. Aber ich stand vor dieser Text- und Fototafel und habe geheult. Es ging mich etwas an.

Inwiefern?

Geschichten konfrontieren uns mit fremden Lebenswirklichkeiten. Ohne sie selbst zu erleben, denken wir darüber nach, was richtig ist und was falsch. Geschichten vermitteln uns Empathie und Verständnis. Sie machen die Unterschiede zwischen uns Menschen leichter nachvollziehbar. Auch darin liegt ihre Kraft.

Als Kind wollten Sie Autor werden. Woher kam Ihr Wunsch, Geschichten zu erzählen?

Es kam mir schon als Kind so vor, als würde etwas mit mir nicht stimmen. Als wäre zwischen mir und der Welt ein hauchdünner, aber undurchdringlicher Schleier. Geschichten waren für mich das beste Gegengift gegen das Gefühl von Einsamkeit. Wenn da ein Geschichtenerzähler eine Welt erschafft, in der ich Teile von mir und meiner Persönlichkeit wiederfinde, fühle ich mich gesehen. Weniger allein.

Sie sind Autist. Haben Ihnen Geschichten dabei geholfen, sich besser in der Welt zurechtzufinden? 

Das habe ich lange Zeit gedacht, aber rückblickend war das ein Fehler. Als ich zur Schule ging, gab es da mal so ein Mädchen. Sie war sauer auf mich, warum, wusste ich nicht. Ich habe mich dann an eine Geschichte aus einem Action-Film erinnert und sie einfach geküsst. Das Mädchen hat den Kuss auch noch erwidert. Plötzlich stand im Raum, ob wir jetzt zusammen sind. Das wollte ich alles nicht. Heute helfen mir Geschichten. Sie beruhigen mich. Ich bin Autist, aber ich habe immer wieder Ich-Geschichten geschrieben, die viele Leserinnen- und Leser berührt haben. Das ist etwas Tröstendes, etwas Schönes.

Heute sind Sie Journalist und setzen auf erzählerischen Wissenschaftsjournalismus. Geschichten und Wissenschaft, wie geht das zusammen? 

Für mich ist das kein Widerspruch. Geschichtenerzählen heißt ja nicht, etwas zu verzerren oder in einen falschen Kontext zu stellen. Im Gegenteil: Geschichtenerzähler müssen Fragen stellen und sich in der Geschichte so ehrlich wie möglich mit diesen Fragen konfrontieren. Eine Geschichte ist nur eine Ordnung, um das erzählen zu können, was ich erlebt habe. Erzählen ist ein Handwerk. Nur wenn man die Regeln des Handwerks kennt, kann man zwischen Wahrheit und Fiktion unterscheiden. Dann kann man auch Wendungen und Brüche in die Geschichte einbauen. Am Ende der Geschichte sollte eine Frage stehen und keine eindeutige Antwort.

Sie geben in Ihren Geschichten also keine Wahrheit vor?

Nein. Ich liefere die Geschichte. Aber meine Leserinnen und Leser entscheiden am Ende selbst: Ja, es ist toll, dieses bedrohte Tier zu retten oder nein, die Wirtschafts- und Wohnungsnot ist wichtiger, scheiß auf dieses Drecksvieh. Ich überspitze jetzt.

Es gibt diesen Satz: Ein Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer Guten.

Ich bin jemand, der sich sehr stark gegen Aktivismus im Journalismus positioniert. Oft werde ich gefragt, ob das auch heiße, dass ich nicht für Menschenrechte eintreten würde. Nein – würde ich nicht. Ich würde eine Geschichte darüber erzählen, was mit jemandem passiert, dessen Menschenrechte verletzt werden. Der Text selbst wird darüber kein Urteil fällen.

Claas Relotius hat preisgekrönte Geschichten geschrieben, die meisten davon waren gefälscht. Hat Sie das am Geschichtenerzählen zweifeln lassen? 

Im Gegenteil, das hat mich eigentlich noch mehr bestärkt. Ich war lange ein großer Fan von Relotius. Aber je mehr ich selbst über das Geschichtenerzählen gelernt habe, desto weniger mochte ich seine Texte. Sie waren für mich zu glatt, zu aufgeblasen, zu sehr an der These klebend. Gute Geschichten müssen nicht immer noch einen draufsetzen. Erzählen als Handwerk gibt uns die Chance, dass wir selbst über das kleinste Ereignis eine großartige Geschichte erzählen können.
 

„Nach dem Grundmuster der Heldenreise ritzten die Sumerer vor etwa 4.000 Jahren
den Gilgamesch-Epos in eine Tontafel. Nach dem gleichen Muster werden heutzutage Netflix-Serien gedreht.“

 

Wie beginnen Sie Ihre Geschichten?

Mein Schreiben war früher sehr mechanisch. Ich konnte bei jedem Komma sagen, warum dort ein Komma steht und kein Punkt. Die Texte waren nicht schlecht, aber sie haben mir auch nicht wirklich entsprochen. Vergangenes Jahr bin ich in eine schwere Krise geraten. Ich konnte ein Jahr lang nicht richtig schreiben. Schreiben bedeutet immer auch, sich mit sich selbst zu konfrontieren. Das konnte ich zu dieser Zeit nicht. 

Wie haben Sie aus dieser Krise herausgefunden?

Ich habe mich während der Krise verändert, als Mensch. Und damit hat sich auch mein Schreiben verändert. Es ist organischer geworden. Heute gehe ich nach einer Recherche für einen Text viel spazieren und denke über meine Begegnungen nach. Nicht wie ein Mathematiker über Formeln nachdenkt, sondern eher wie Durchatmen. Ich lasse meine Gedanken einfach sein, ohne damit aktiv etwas zu machen. Es ist wichtig, Pausen zu machen und wieder anzufangen.

Wie findet man seinen eigenen Stil – und ist das wichtig?

Es gibt das Lied The Bard‘s Song von der Power-Metal-Band Blind Guardian. Darin gibt es eine Strophe, die sagt, niemand sollte sich an den Namen der Person erinnern, die die Geschichte erzählt. Aber die Geschichten sollten bleiben. Und wieder und wieder erzählt werden.

Ist es nicht eine Kunst, sich selbst so zurückzunehmen?

Ja, das ist es. Natürlich denke auch ich manchmal: „Wow. Was für ein toller Satz. Da werden die da draußen sehen, wie gut ich schreiben kann.“ Mittlerweile bin ich ein entschiedener Gegner solcher Sätze. Wenn man einen Satz aus der Geschichte herauslösen kann und er nur für sich selbst schön bleibt, kann er für die Geschichte keine wirklich fundamentale Funktion haben. Ein perfekter Satz ist so individuell auf die Geschichte abgestimmt, dass er nur im Kontext der Erzählung funktioniert.

Haben sich Geschichten mit der Zeit verändert?

Sprachlich sicher, aber inhaltlich eigentlich kaum. Nach dem Grundmuster der Heldenreise ritzten die Sumerer vor etwa 4.000 Jahren den Gilgamesch-Epos in eine Tontafel. Nach dem gleichen Muster werden heutzutage Netflix-Serien gedreht. Menschen hatten schon immer Konflikte mit ihren Eltern, es gab Geschwisterkonkurrenz, sie haben sich schon immer mit Liebe beschäftigt, mit dem Tod, mit dem Leben. Die Grundmotive, die uns alle berühren, bleiben gleich. Das macht Geschichten zum einen immer ähnlich, und zum anderen, wenn sie wirklich ehrlich geschrieben sind, immer anders. Denn niemand erzählt eine Geschichte so wie du.

Gibt das Hoffnung darauf, dass Menschen auch in Zukunft bessere Geschichten schreiben als Künstliche Intelligenz?

Eine künstliche Intelligenz wird niemals gute Geschichten erzählen können. Zumindest nicht die KI, die es heute gibt. Programme wie ChatGPT berechnen Wahrscheinlichkeiten. Sie nutzen dazu Informationen, die es bereits gibt. Sie können keine neuen Inhalte erschaffen – sondern nur bereits bestehende Geschichten neu kombinieren.

Deshalb weicht KI so oft auf Floskeln aus?

Ja. Floskeln sind häufige Beschreibungen oder Wortnutzungen. Gute Geschichten funktionieren anders. Sie fangen individuelles Erleben ein, brechen mit dem Erwartbaren. Dafür kann es keine Datengrundlage geben. Trotzdem glaube ich, dass Künstliche Intelligenz Geschichten schreiben wird, die einen Großteil des heutigen Buchmarktes ersetzen. Vielleicht ein Alarmsignal dafür, dass unsere Fähigkeit zum Erzählen stark nachlässt.

Was würden Sie jungen Geschichtenerzählern raten?

Das Schreiben von Geschichten hat in unserer Gesellschaft eine seltsame Form von Genie-Kult. Ich komme aus einem Arbeiterhaushalt. In den ersten Jahren als Journalist habe ich immer gedacht, dass ich nichts in diesem Beruf verloren hätte. Was ich mir überhaupt einbilde. Am Ende ist der Großteil dessen, worauf es ankommt, erlernbares Handwerk. Jeder kann sich dieses Handwerk aneignen. Deshalb gehören Geschichten uns allen.

Was ändert sich, wenn wir uns weniger Geschichten erzählen?

Ich merke bei mir selbst, wie schnell ich zum Smartphone greife, sobald ich mich langweile. Soziale Medien liefern pausenlos Inhalte, aber kaum echten Dialog oder tiefere Auseinandersetzung. Ich habe nichts gegen Smartphones. Es ist großartig, dass wir diesen Fortschritt haben. Ich erlebe es aber als Gefahr, dass es uns das sehr leicht macht, uns nicht mehr mit unangenehmen Positionen konfrontieren zu müssen. Ein bequemerer Standpunkt ist im Zweifelsfall drei Klicks entfernt. Das raubt uns die Bereitschaft, uns auf Geschichten einzulassen, die nicht eindeutig sind, die Fragen stellen – besonders in der heutigen Zeit, in der immer alles so eindeutig sein muss. Es gibt das sperrige Wort „Ambiguitätstoleranz“. Es bedeutet, dass es aushaltbar ist, unterschiedlicher Meinung zu sein. Ich kenne kein Werkzeug, das dafür besser geeignet ist als Empathie. Und Empathie ist die Grundlage von jeder guten Geschichte.
 

Milena Schoo ist freie Journalistin in Berlin.