Werden wir wieder empfindsam
„Der Journalismus der Zukunft braucht den Mut, Komplexität auszuhalten, er ist eine klare menschenrechtliche Haltung, die nicht verhandelbar ist", sagt Sophia Maier. Foto: Sebastian Knoth
Sophia Maier ist Kriegsreporterin, Investigativjournalistin und Autorin von Herz aus Stacheldraht. Eine Kriegsreporterin über verlorene Menschlichkeit und die Doppelmoral des Westens. In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Maier plädiert für mehr Menschlichkeit im Journalismus.
26.01.2026
Die Zukunft des Journalismus entscheidet sich an der Frage: Stellen wir die Menschenrechte und das Völkerrecht in den Mittelpunkt unserer Arbeit? Und zwar nicht als Aktivismus, sondern als journalistische Grundhaltung?
Wir erleben derzeit, dass immer mehr Menschen Medien misstrauen. Sie fühlen sich nicht gesehen und gehört. Dieses wachsende Misstrauen ist eine echte Gefahr – für unsere demokratische Kultur und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gleichzeitig erleben wir eine zweite, ebenso gefährliche Tendenz: Bilder von Leid – ob im Mittelmeer, in Gaza oder in anderen Konfliktregionen – verlieren in Teilen der Öffentlichkeit ihre Wirkung, weil die ununterbrochene Konfrontation mit Krisenmeldungen viele Menschen überfordert.
Mein Tipp lautet: Werden wir wieder empfindsam. Und das auf zwei Ebenen. Empfindsam für die Menschen in unserem eigenen Land: für ihr Misstrauen, ihre Sorgen und ihre Enttäuschung. Und empfindsam für jene, deren Rechte verletzt werden, fern von uns, aber eng mit unserer Politik verknüpft.
Zur Zukunft gehört auch ein realistischer Blick auf globale Berichterstattung. Einen erheblichen Teil dessen, was wir über Krisenregionen wissen, verdanken wir lokalen Kolleginnen und Kollegen, die unter Bedingungen arbeiten, die für uns kaum vorstellbar sind. Viele riskieren täglich ihr Leben, werden eingeschüchtert oder diskreditiert. Ihre Arbeit verdient Respekt und Sichtbarkeit.
Der Journalismus der Zukunft braucht den Mut, Komplexität auszuhalten, er ist eine klare menschenrechtliche Haltung, die nicht verhandelbar ist. Wenn wir diese Prinzipien leben, kann er das sein, was er sein sollte: eine professionelle, menschliche und vertrauenswürdige Form der Wahrheitsfindung.
Sophia Maier ist Kriegsreporterin, Investigativjournalistin und Autorin von Herz aus Stacheldraht. Eine Kriegsreporterin über verlorene Menschlichkeit und die Doppelmoral des Westens.