Wie viel Kaffee ist gut für unsere Arbeit?

„Ich habe beschlossen, mich nicht mehr ausschließlich mit Journalistinnen und Journalisten anzufreunden“, sagt Carlott Bru. Foto: Amelie Niederbuchner für journalist

Growing up online: Netzwerken ist wichtig. Gleichzeitig macht es uns schlechter in unserem Job, findet unsere Autorin.

Text: Carlott Bru

08.06.2026

journalist bei Google bevorzugen 

Ich erinnere mich noch gut daran, als mir zum ersten Mal eine Zeit-Redakteurin vorschlug, wir könnten ja mal zusammen einen Kaffee trinken gehen. Das war 2022, ein Frühsommertag, wir hatten gerade 20 Minuten über einen potenziellen Text gesprochen und ich hatte Herzklopfen. Meine Chance! Ich schrieb ihr später eine SMS und bot ihr an, dass ich am Wochenende Zeit hätte. Es kam nie dazu.

Erst später erklärte mir ein Freund, der an der Journalistenschule gewesen war, dass man Kaffee mit Redakteuren nicht am Wochenende trinkt. Man trinkt ihn unter der Woche, am besten zwischen 12 und 15 Uhr, am besten irgendwo im Haus, wo die Redakteurin arbeitet, oder in Laufweite, denn: Das ist Arbeitszeit. Netzwerken ist ein kulturelles Kapital, das ich erst lernen musste.

Dabei muss man die Beziehung lesen können und den Raum verstehen, mit seinen vielen Nuancen. Und wenn man es richtig macht, kommt man weiter: in einen privateren Raum, vielleicht in ein wichtiges Gespräch, zu Menschen in Entscheiderpositionen, die einem irgendwann einen Auftrag verschaffen könnten. Heute trinke ich Kaffee mit Redakteuren, esse Dinner mit Geschäftsführerinnen, letztens landete ich nach einer Preisverleihung bei Shots in einer schrammeligen Kneipe. 

Inzwischen habe ich mehrere Geburtstage und Silvesterpartys gefeiert, bei denen fast nur Journalisten anwesend waren. Ich habe Urlaub mit ihnen gemacht, Betten und Sonnencreme geteilt. Viele davon bezeichne ich als Freunde, wir teilen Freud, Leid und Instagramkacheln.

Ich bin dankbar für diese Menschen, glücklich über den gegenseitigen Support. Und trotzdem bleibt ein mulmiges Gefühl. Tut das meiner Arbeit gut? Klar, es ist wertvoll, mitzubekommen, wo bald eine Stelle frei wird, wer wo wie viel Honorar bekommen hat oder wie man eine Geschichte drehen kann, damit sie zum Medium passt.
Gleichzeitig tragen wir mit unserem Netzwerken dazu bei, dass der Journalismus seine eigene Echokammer bleibt. Wie soll man Ideen auf der Straße finden, wenn man mit seinen Kollegen flaniert und über die Digitalinitiative der FAZ diskutiert?

Das ist kein individuelles Versagen, das ist strukturell. Wir brauchen mehr Diversität, um breitere Perspektiven zu bekommen. Blöd nur, wenn die ungeschriebenen Codes so schwer zu verstehen sind und so subtil vermittelt werden, dass sie nur seinesgleichen versteht.

Letztens saß ich mit einer Kollegin zusammen. Sie habe gehört, ihre Vorgesetzten seien verwundert, dass sie noch keinen Kaffee mit ihnen getrunken hätte: „Warum sollte ich auch? Die haben so viel zu tun und ich bin so unwichtig.“ Kaffee trinken gehört nun mal zum Job, sagte ich, kaffeetrinkend.

Ich habe beschlossen, mich nicht mehr ausschließlich mit Journalistinnen und Journalisten anzufreunden. Das ist vielleicht das Radikalste, was ich beruflich tun kann. Denn solange wir nur unter uns Kaffee trinken, schreiben wir auch nur füreinander.

Carlott Bru ist GenZ-Moderatorin und Content Creatorin. Außerdem berät sie zu Social-Media-Strategien. Sie lernte Yoga in Indien, Journalismus in München und Kreativität in Berlin. Für uns schreibt sie auf, was sie in der Medienbranche beobachtet.