„Wir bewegen uns in einer großen Bubble“
Saidi Sulilatu beobachtet einen Kulturwandel: Immer mehr Menschen sprechen off en über ihreFinanzen. Aber noch längst nicht alle. Foto: Amelie Niederbuchner
Im journalist-Interview spricht Saidi Sulilatu, Geschäftsführer und Chefredakteur von Finanztip, über den Wandel im Umgang mit Finanzen und darüber, welche besondere Bedeutung eine transparente Sprache im Finanzjournalismus hat.
Interview: Catalina Schröder
Fotos: Amelie Niederbuchner
05.11.2025
Eigentlich strebte Saidi Sulilatu eine Karriere als Wissenschaftler an, stolperte dann aber in die Finanzberatung. Über eine Jobanzeige kam er zu Finanztip – und wusste sofort, dass er für immer bleiben will. Wie führt er das Finanzportal in eine Zukunft, in der Menschen zunehmend die KI nach Tipps fragen ?
journalist: Herr Sulilatu, in den vergangenen Jahren sind viele neue Finanzportale und Geld-Ressorts bei Magazinen und Zeitungen entstanden. Wann ist das Thema Geld sexy geworden?
Saidi Sulilatu: Ich glaube nicht, dass es den einen konkreten Zeitpunkt gab. Finanztip gibt es jetzt seit zwölf Jahren und in dieser Zeit hat das Thema viel Aufschwung bekommen. Ein großer Kick war natürlich Corona. Die Leute saßen zuhause, viele haben weiterhin ihr Gehalt bekommen und hatten plötzlich viel Zeit. Vor allem Jüngere – damit meine ich alle unter 40 – haben damals verstärkt angefangen, sich mit dem Thema Geldanlage zu beschäftigen. Ein weiterer wichtiger Aspekt war das Aufkommen von Social Media. Auf YouTube, Instagram oder TikTok gibt es unglaublich viel Finanz-Content.
Sie sagen, dass die Finanztip-Community immer jünger geworden ist. Wie alt war sie, als Sie vor zwölf Jahren gestartet sind – und wie alt sind die Leute jetzt?
Damals war unser Publikum zum großen Teil deutlich über 50. Das kam auch daher, dass Hermann-Josef Tenhagen dieses Publikum angezogen hat. Viele Leser:innen sind ihm von Finanztest zu Finanztip gefolgt. Heute sind wir breiter aufgestellt: Unsere jüngsten Leserinnen und Leser haben gerade mit der Ausbildung begonnen und verdienen das erste eigene Geld. Die Ältesten sind längst in Rente und überlegen, wie sie ihr Geld einmal vererben können.
Welchen Anteil haben Finanzportale daran, dass wir heute offener über Geld sprechen?
Ich sehe schon, dass es hier einen gewissen Kulturwandel gibt. Aber ich würde keinesfalls behaupten, dass der alle Menschen in Deutschland betrifft. Ich werde nicht müde, das in der Redaktion immer wieder zu betonen: Wir bewegen uns in einer Bubble. Die ist groß genug, um Millionen Menschen zu erreichen, aber sie umfasst längst nicht alle Menschen in Deutschland. Gerade vergangene Woche haben wir in unserem Newsletter noch geschrieben, dass in Deutschland jedes Jahr weiterhin zwei Millionen private Rentenversicherungen abgeschlossen werden.
Und das ist ein Problem?
Die Rentenversicherung ist ein Produkt, das wir bei Finanztip für absolut ungeeignet für die Altersvorsorge halten. Einfach, weil es zu teuer ist.
Banken und Versicherungen sehen das anders.
Ja, die verkaufen die Produkte ja auch. Aber rechnen Sie mal aus, was übrigbleibt, wenn Sie von der Rendite, die Ihr Produkt in den letzten Jahren erzielt hat, alle Kosten und Gebühren abziehen. Da kriegen Sie Tränen in den Augen!
Vor Ihrer Zeit bei Finanztip waren Sie selbst Finanz- und Honorarberater.
Richtig, daher weiß ich genau, wie das System funktioniert. Ich habe nach dem Studium eine unsichere wissenschaftliche Karriere mit einem befristeten Vertrag eingeschlagen. Ein Bekannter hat mich damals angesprochen und mir erzählt, wie sinnvoll es sei, Leuten zu erklären, wie sie mit Aktien fürs Alter vorsorgen. Ich bin dann in den Provisionsvertrieb reingestolpert.
Wie sind Sie von der Honorarberatung zu Finanztip gekommen?
Erst habe ich versucht, mit Kolleginnen und Kollegen eine unabhängige Honorarberatung zu gründen. Sprich: Wir wollten die Leute ehrlich beraten, ohne Provisionen für Produkte zu kassieren. Heute gibt es das vereinzelt, aber damals konnten wir den Leuten das nicht vermitteln. Und dann bin ich über eine klassische Anzeige auf Finanztip gestoßen und habe festgestellt: Was Marcus Wolsdorf und Robert Haselsteiner da ins Leben gerufen haben, ist kein Marketing-Gewäsch, wie man es so oft im Finanzvertrieb hört, sondern ehrliche Informationen für dich und mich. Von dem Moment an war mir klar: Da möchte ich arbeiten.
Eine journalistische Ausbildung oder ein Volontariat haben Sie nie gemacht?
Nein. Ich behaupte, dass ich ein gewisses Talent mitgebracht habe (lacht). Ich habe mal Soziologie studiert und ich denke, das hilft mir, Hintergründe zu verstehen und kritische Fragen zu stellen.
Heute sind Sie Geschäftsführer, Chefredakteur und in den sozialen Netzwerken auch das Gesicht von Finanztip. Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?
Den gibt es nicht. Und das mag ich sehr an meinem Job: Jeder Tag läuft anders ab. Ich habe einen durchgeplanten Terminkalender, an dem auch viele Leute in dieser Firma mitarbeiten. Ich gebe Interviews oder drehe YouTube-Videos. Unmittelbar vor unserem Gespräch habe ich einen Podcast aufgenommen. Ich muss Videos abnehmen, aber ich führe auch ganz klassisch Mitarbeitergespräche und nehme an Geschäftsführungssitzungen teil.
Wie würden Sie Finanztip jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?
Finanztip ist ein Geldratgeber, der versucht, Finanzen für Leute möglichst einfach zu machen. Wir wollen ihnen beibringen, dass das Thema kein Buch mit sieben Siegeln ist, sondern für jeden zugänglich. Damit die Leute sich zutrauen, ihre Finanzangelegenheiten selbst in den Griff zu kriegen und große Fehler zu vermeiden.
„Wir versuchen bewusst, eine möglichst alltagsnahe Sprache zu verwenden. Um Finanzen eben nicht mit einer Aura des Expertentums zu umgeben.“
Wie grenzt sich Finanztip von den vielen Finfluencern in den sozialen Medien ab?
Finfluencer operieren in der Regel kommerziell. Das ist keine moralische Wertung. Aber das sind kleinere oder größere Unternehmen, die Werbung für bestimmte Finanzprodukte machen, mit dem Ziel der Gewinnmaximierung. Das ist bei uns nicht der Fall. Finanztip gehört der gemeinnützigen Finanztip Stiftung an. Das heißt: wir müssen unsere Kosten decken, aber Überschüsse kommen der Finanztip Stiftung und damit der Finanzbildung in Deutschland zugute.
Wie grenzen Sie sich auf der anderen Seite zu Angeboten wie Stiftung Warentest ab?
Im Unterschied zu ihnen waren wir von Beginn an ausschließlich digital aufgestellt. Dadurch sprechen wir heute ein deutlich jüngeres Publikum an. Obwohl sie mittlerweile natürlich auch eine Online-Präsenz haben. Ich schätze die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen von Stiftung Warentest sehr.
Finanztip setzt stark auf Personalisierung. Warum ist das beim Thema Finanzen so wichtig?
Weil Geld und Vertrauen eng miteinander zusammenhängen. Außerdem ist uns Sprache wichtig, da setzen wir uns stark ab. Wir versuchen bewusst, eine möglichst alltagsnahe Sprache zu verwenden. Um Finanzen eben nicht – wie das typischerweise in der Finanzbranche der Fall ist – mit einer Aura des Expertentums zu umgeben, die darauf ausgerichtet ist, potenzielle Kundinnen und Kunden von einem Berater und einer Institution abhängig zu machen.
Das müssen Sie genauer erklären.
Banken und Versicherungen wollen, dass du bei ihnen bleibst. Du hast diesen Ordner im Schrank mit einer ganzen Reihe von Produkten, von denen du vielleicht 10 Prozent verstehst. Wenn du eine Frage oder ein Problem damit hast, bist du gezwungen, deinen Berater oder deine Beraterin anzurufen. Und lässt dir im Zweifelsfall ein neues Produkt verkaufen. Wir wollen Leute empowern, nicht in diese Situation zu geraten. Sie sollen ihre Sachen selbst im Griff haben und gut informierte Entscheidungen treffen. Da spielt die Sprache eine große Rolle.
Sie haben schon angesprochen, dass Finanztip der Finanztip Stiftung gehört. Wie finanzieren Sie sich?
Affiliate-Links sind unsere wichtigste Einnahmequelle. Sprich: Wir empfehlen nach einer redaktionellen Recherche – zum Beispiel auf unserer Webseite – ein Produkt. Wenn die Leute auf den Link klicken und das Produkt kaufen, erhalten wir eine kleine Provision.
An diesem Modell gab es Kritik. 2019 urteilte das Oberlandesgericht (OLG) Dresden, dass es im Geschäftsmodell von Finanztip Wettbewerbsverletzungen sehe. Verbraucher seien vor Nutzung der Vergleichsrechner nicht ausreichend darauf aufmerksam gemacht worden, dass die genutzten Affiliate-Links Werbung enthielten. Seitdem müssen Sie derartige Links als Werbung kennzeichnen.
Wir sehen das bis heute anders: Wir haben einen klaren und transparenten Prozess, den wir auf unserer Website erklären. Zunächst prüft unsere Redaktion aus Expertinnen und Experten das jeweilige Produkt und erst, wenn sie es empfiehlt, geht unser Monetarisierungs-Team auf das jeweilige Unternehmen zu und versucht, dafür einen Affiliate-Link zu bekommen. Wenn so ein Link nicht zustande kommt, empfehlen wir das Produkt trotzdem. Wer sich auf unserer Website oder auch im Newsletter umschaut, findet dort zahlreiche Empfehlungen ohne Affiliate-Links. Ansonsten kann niemand bei Finanztip klassische Werbung schalten.
Affiliate-Links sind gerade auf journalistischen Portalen umstritten. Viele fürchten, dass dadurch die redaktionelle Unabhängigkeit in Gefahr ist.
Wir nehmen die Chinese Wall sehr ernst – das ist in der Finanzwelt eine Metapher für die strenge Trennung der Abteilungen, damit kein Interessenskonflikt entsteht. In der Redaktion der Expertinnen und Experten ist die einzige Frage, die uns bei Empfehlungen bewegt: Würden wir diesem Tipp privat auch folgen oder nicht?
Finanztip hat nach dem Urteil des OLG Dresden beim Bundesgerichtshof Beschwerde eingelegt und versucht, die Revisionszulassung gegen das Urteil zu erreichen. Ohne Erfolg.
Das können wir bis heute nicht nachvollziehen. Wir sind keine Vermittler, sondern prüfen und vergleichen Produkte oder Vergleichsportale als unabhängige Instanz. Als gemeinnützige Stiftung sind wir gar nicht darauf angewiesen, Gewinne zu erwirtschaften.
Mit dem Finanztip-Siegel wiederum können Unternehmen ihre Produkte bewerben, wenn sie von Finanztip empfohlen wurden.
Genau. Und dann haben wir seit letztem Jahr unsere Unterstützer-Community, die einen monatlichen Beitrag ihrer Wahl zahlen, mindestens 5 Euro.
„Ich bekomme jeden Tag eine Handvoll Mails mit Angeboten für Werbepartnerschaften. Die lösche ich direkt.“
Welche Rolle spielt die Unterstützer-Community für die Finanzierung von Finanztip?
Damit möchten wir unsere Fans noch enger an uns binden. Inzwischen sind es einige tausend, und die Community wächst stetig.
Für Redaktionen ist es oft eine Herausforderung, eine zahlende Community aufzubauen. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Wir machen zum einen transparent, was wir leisten und welchen gesellschaftlichen Mehrwert wir bieten. Mit Finanztip Schule beispielsweise stellen wir kostenlos Material für den Unterricht zur Verfügung. Mit dem Projekt können wir unsere Community begeistern. Ansonsten interessiert sie sich sehr für unseren Premium-Content.
Das sind Gespräche mit Expertinnen und Experten zu Themen wie Immobilienkauf oder Altersvorsorge.
Oder Erben und Vererben, ein Riesenthema in Deutschland. Bei den Gesprächen kann die Community nicht nur zuhören, sondern auch persönliche Fragen stellen.
Können Sie die Unterstützer-Community nutzen, um das Geschäftsmodell von Finanztip weiterzuentwickeln?
Ja, wir haben ausgewählte Testgruppen und fragen die Leute immer wieder, welche Angebote sie sich noch von uns wünschen würden. Und dann fragen wir uns selbst: In welcher Form würden wir das einer Unterstützergruppe als exklusiven Content zur Verfügung stellen? Oder ist es ein Angebot, das wir öffentlich zugänglich machen können und bei dem wir davon ausgehen, dass wir die Kosten über Affiliate-Links finanzieren können? Das Gute ist ja, dass wir nicht gezwungen sind, Gewinne zu erwirtschaften.
Gibt es redaktionelle Projekte, die Sie abschaffen müssten, wenn Finanztip gewinnorientiert wäre?
Das kann ich so nicht sagen, aber wir würden ganz anders auftreten müssen und Werbung zulassen, ähnlich wie Finfluencer. Ich bekomme jeden Tag eine Handvoll Mails mit Angeboten für Werbepartnerschaften. Die schaue ich mir gar nicht an, sondern lösche sie direkt.
Eines der zahlenmäßig größten redaktionellen Projekte ist der wöchentliche Newsletter, mit dem Finanztip rund eine Million Leserinnen und Leser erreicht. Können Sie Tipps zum Aufbau einer treuen Newsletter-Leserschaft geben?
Drei Punkte: Erstens Sprache. Ich finde es wichtig, dass ein Newsletter eine eigene Sprache hat und sich damit von anderen unterscheidet. Zweitens, dass wir bei allen Themen konkret auf den Nutzen für Verbraucherinnen und Verbraucher schauen – und nicht so sehr auf die politischen Implikationen dahinter. Was bedeutet diese oder jene Entscheidung für den Geldbeutel?
Und der dritte Punkt?
Den Leuten bei komplexen Themen Hilfestellung zu geben. Das Thema Grundsteuererklärung zum Beispiel ist für viele ein fürchterliches Bürokratie-Monster. Mein Kollege Jörg hat eine hervorragende Bedienungsanleitung geschrieben. Die hatte zum damaligen Zeitpunkt noch niemand anderes so konkret. Gegen ein Newsletter-Abo konnten die Leute die Anleitung herunterladen. Viele von ihnen sind anschließend als Leserinnen und Leser geblieben.
Ihnen ist Unabhängigkeit wichtig. Gleichzeitig sind Sie beispielsweise auf TikTok präsent, einer Plattform des chinesischen Technologiekonzerns ByteDance. Es gibt den Vorwurf, dass die chinesische Regierung möglicherweise Zugriff auf Nutzerdaten hat.
Die Diskussion haben wir natürlich geführt, bevor wir auf TikTok gegangen sind. An Tiktok gibt es so einiges zu kritisieren. Aber wir haben schnell gesehen, dass Jugendlichen dort viel Mist über Geld erzählt wird. Deshalb sehen wir uns in der Verantwortung, einen Gegenpol zu setzen. Mit leicht verständlichen Informationen, die immer im Interesse der User sind. Wir erreichen hier eine junge Zielgruppe, die wir über unsere anderen Kanäle noch nicht erreichen. Wenn es gut läuft, können wir die Leute früh an uns binden und sie davor bewahren, provisionsbasierte Produkte bei einem Bankberater zu kaufen. Trotzdem tun wir uns auf TikTok schwer.
Wie meinen Sie das?
Es läuft dort okay, aber TikTok ist mehr als andere Kanäle eine Unterhaltungs- und keine Informationsplattform. Es ist schwer, dort durchzudringen.
Vor einigen Monaten hat Google „AI Overviews“ eingeführt. Inwiefern beeinflusst das die Zugriffszahlen auf Ihre Website?
Stark. Bei Google gibt es zwei unterschiedliche Suchinteressen: Einmal rein informationell – Ich will mich zu einem Thema informieren. Und dann transaktional: Ich möchte etwas kaufen oder eine klare Lösung für ein Problem finden. Wenn die Menschen nach Informationen suchen, deckt Google dieses Interesse mittlerweile selbst ganz gut ab. Das hat uns massiv Traffic gekostet. Transaktionale Suchanfragen bringen aber immer noch sehr viele Menschen auf unsere Seite. Gott sei Dank!
Was heißt das für die die zukünftige Ausrichtung von Finanztip?
Wir wollen das, was wir heute in der klassischen Google-Suche sind – eine unabhängige Autorität im Bereich private Finanzen – in die Welt der KI übertragen. So, dass wir von der KI als verlässliche Informationsquelle genannt werden. Auch da werden vertrauenswürdige Quellen eine entscheidende Rolle spielen.
Bedeutet das auch, dass es rein informative Inhalte künftig weniger geben wird?
Wir müssen die Breite unserer Themen einschränken, um dafür stärker in die Tiefe zu gehen. Bei bestimmten Themen können wir im Vergleich zur KI jetzt schon keinen Mehrwert mehr bieten. Wir lernen laufend dazu. Letztlich ist es eine gute Gelegenheit, uns auf unsere Kernkompetenzen zu konzen-trieren.
Catalina Schröder arbeitet als freie Reporterin unter anderem für das Wirtschaftsmagazin Impulse, die Zeit und Deutschlandradiokultur.
Amelie Niederbuchner ist Fotografin in München.