„Wir brauchen ein grünes Schrumpfen, kein grünes Wachstum“
Wenn wir so weitermachten wie bisher, werde der Kapitalismus zusammenbrechen – das prophezeit Ulrike Herrmann. Foto: Marlena Waldthausen/laif
Globale Konflikte verdrängen die Klimakrise aus Debatten, grünes Wachstum stagniert. Im journalist-Interview spricht die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann über Geld als Waffe, prophezeit den Untergang der Tech-Bros und erklärt, warum es keinen klimafreundlichen Kapitalismus geben kann.
Interview: Sonja Peteranderl
01.09.2026
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Ulrike Herrmann blickt in die Vergangenheit, wenn es um die Zukunft geht: Um die Klimakrise zu bekämpfen, müsse Deutschlands Wirtschaft etwa um die Hälfte schrumpfen. Also auf das Niveau von 1978. Für den Fall, dass das nicht passiert, prophezeit Herrmann eine baldige staatliche Regulierung von Gütern – angefangen mit Wasser. Blickt sie auf die Welt, macht eines ihr Hoffnung: Am Horizont meint sie, einen großen Backlash gegen die Tech-Bros in den USA zu erkennen.
journalist: Frau Herrmann, um über den Zusammenhang von Krieg, Wirtschaft und Klimakrise zu sprechen, müssen wir eine Grundfrage klären: Inwiefern regiert Geld nochmal die Welt?
Ulrike Herrmann: Wirtschaft entscheidet über Krieg und Frieden. Wenn Länder sich gleich stark in einem Krieg engagieren, gewinnt normalerweise das Land, das die höhere Wirtschaftsleistung hat, weil es sich mehr Waffen leisten oder mehr produzieren kann. Zudem kann auch die Wirtschaft selbst zur Waffe werden, zum Beispiel durch Sanktionen, Eingriffe in Devisenmärkte oder Monopole auf Rohstoffe wie seltene Erden in China. Dazu gehört auch, dass Staaten gezielt die Energieinfrastruktur ihres Gegners angreifen, wie in der Ukraine oder im Iran-Krieg.
Die USA haben ein riesiges Militärbudget, dennoch halten Sie US-Präsident Donald Trump wirtschaftlich für „eine Geisel des Iran“. Warum?
Donald Trump wollte sich als Weltherrscher inszenieren. Aber stattdessen kann nun der Iran als eigentlich armes Land einen strategischen Sieg über die Supermacht USA einfahren, weil es aufgrund der geografischen Lage zufällig die Straße von Hormus blockieren kann – und damit bis zu 20 Prozent der globalen Ölförderung vom Markt nimmt.
War dieses Risiko nicht ersichtlich?
Eigentlich ja. Aber Trump hat die Risiken verdrängt. Das ist typisch für Kriegsherren. Sie müssen sich der Illusion eines Blitzkrieges hingeben. Krieg ist ein solches Minusgeschäft, dass man ihn nur beginnt, wenn man glaubt, dass er schnell zu Ende sei. Das war auch bei Putins Angriff auf die Ukraine so; er dachte, er sei in drei Tagen in Kiew. Stattdessen wird Russland durch diesen Krieg jeden Tag ärmer, der Angriff kostet Russland bis zu 750 Millionen Dollar am Tag.
Wie bedrohlich ist Russland für Deutschland, wenn es durch den Ukraine-Krieg so viel Geld verliert?
Ein armes Russland kann aggressiver sein als ein reiches Russland. Selbst wenn Russland sich ökonomisch ruiniert, reichen die Kapazitäten immer noch, um gefährlich zu sein. Die NATO geht davon aus, dass Russland 2029 so weit sein könnte, NATO-Gebiet anzugreifen. Russland ist inzwischen eine Kriegswirtschaft und betreibt eine Massenproduktion von Waffen, die es im Westen kaum oder gar nicht gibt. Ein Beispiel: Die Russen können etwa 800 ballistische Raketen pro Jahr herstellen, die auch Deutschland erreichen könnten. Deutschland selbst produziert gar keine ballistischen Raketen.
Also müssten Deutschland und Europa schnell aufrüsten?
Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass wir Drohnen, Abwehrdrohnen, ballistische Raketen, Luftabwehr und Munition brauchen. Deutschland hat fast nichts davon. Unser Ziel muss es sein, Russland dazu zu bringen, seine ballistischen Raketen abzurüsten. Aber darauf würde sich Russland nur einlassen, wenn wir auch ballistische Raketen herstellen. So unschön es ist: Wir müssen erst mal aufrüsten, um dann gemeinsam abrüsten zu können. Sonst produziert Russland einfach weiter.
Wie ist die deutsche Rüstungsindustrie heute aufgestellt?
Die Rüstungsindustrie in Deutschland war lange eine Nische. Nur sehr wenig Geld wurde in die Armee investiert, und das ging vor allem in den Sold und die Pensionen der Soldat:innen. Für Waffen blieb fast nichts übrig. Vor dem Ukraine-Krieg hatten wir 45 Millionen Erwerbstätige, davon waren nur 51.000 mit der Waffenproduktion beschäftigt. Die Rüstungsindustrie in Deutschland war nicht auf Massenproduktion eingestellt, sondern stellte jeden Panzer einzeln her, wie bessere Handwerksbetriebe. Jetzt müssen sie auf Massenproduktion umstellen, aber sie wissen gar nicht, wie das geht.
„Wenn wir so weitermachen, wird die Klimakrise sich rasant verschärfen und das Chaos so groß werden, dass der Kapitalismus zusammenbricht“
Davon profitiert zum Beispiel die Automobilindustrie, die mittels Aufrüstung staatliche Wirtschaftshilfen erhält?
Genau, viele Waffenfirmen kooperieren jetzt mit der Autoindustrie, die sich mit Massenproduktion auskennt. Das ist eine Win-Win-Situation, denn die Autoindustrie befindet sich in einer Krise, sie hat Überkapazitäten und Beschäftigte, die umgeschult werden können. Auch für die Steuerzahler:innen ist das nicht schlecht, so zynisch das klingt. Wenn wir gerade jetzt einen Wirtschaftsboom hätten, würde der Preis für Waffen stark steigen, weil man ja jenseits der Kapazitätsgrenzen produzieren würde. Durch die Krise sind die nötigen Kapazitäten vorhanden.
Rettet das die deutsche Automobilindustrie, die sich ja zu spät auf die Konkurrenz aus China eingestellt hat, etwa bei E-Autos?
Die deutsche Autoindustrie hat viele Fehler gemacht, wie unter anderem durch den Dieselskandal im Jahr 2015 offensichtlich wurde. Die Aufrüstung kauft ihr jetzt Zeit, aber gegen die Konkurrenz aus China kann sie nicht ankommen, denn Chinas Wirtschaftsmodell ist ein Rundum-Subventionspaket für die dortige Industrie. Firmen bekommen Land weitgehend umsonst, Arbeiter:innen erhalten zu wenig Lohn, die Zinsen sind zu niedrig, die Währung ist unterbewertet, und auch Energie ist sehr billig. Diese Industriepolitik ist auch für China schädlich, denn es fließt zu viel Geld in die Exportindustrie und zu wenig in den heimischen Konsum. Im Ergebnis wächst die Wirtschaft kaum noch, aber die chinesische Parteiführung hat Angst, dieses Modell zu ändern, weil daran so viele Arbeitsplätze hängen.
Welche Folgen hat all das für Deutschland als Exportnation?
Der deutsche Exportüberschuss wird weiter abschmelzen, weil die Konkurrenz durch China so groß ist auf den Weltmärkten. Gegen diese Rundum-Subventionen hat keine westliche Firma eine Chance. Was man in Brüssel diskutiert und irgendwann auch kommen muss, ist, dass Europa den Marktzugang für chinesische Produkte weitgehend schließt, weil die europäische Industrie sonst nicht überleben kann. China ist so groß und das Exportmodell so falsch, dass der Freihandel faktisch beendet werden muss.
Und dann?
Deutschland muss seine Binnennachfrage stärken. Die Idee, im Zweifel bei den Löhnen oder bei den Renten zu kürzen, ist völlig falsch.
Aktuell beschäftigen sich Journalist:innen kaum noch mit der Klimakrise, es geht vor allem um Kriege und politische Konflikte. Welchen Einfluss haben diese auf das Klima?
Jeder Krieg vernichtet Natur, vor allem in den betroffenen Ländern. In der Ukraine wurden Staudämme zerstört, in einigen Regionen ist das Trinkwasser knapp. Alles wird von Panzern plattgefahren. Zudem entsteht jede Menge CO2. Der Krieg ist aber nicht Hauptverursacher der Klimakrise, der Anteil des Militärs liegt bei ungefähr fünf bis acht Prozent der globalen Emissionen.
Was ist der größte Klimakiller?
Die meisten Treibhausgase werden durch ganz normale Produktion und Konsum erzeugt. Es würde schon viel bringen, wenn die Menschen weniger Fleisch essen würden. Die Landwirtschaft ist ein riesiger Klimakiller.
„Die “Räuberbarone” aus dem 19. Jahrhundert waren längst nicht so schlimm wie die heutigen Tech-Bros“
Welche Lehren sollten aus Konflikten wie Ukraine und Iran für die deutsche Energiepolitik gezogen werden?
Es ist offensichtlich, dass wir auf erneuerbare Energien umsteigen müssen, also auf Solar- und Windenergie. Es war auch schon vorher klar, dass wir nicht auf Dauer fossile Brennstoffe nutzen können.
Mit Bündnis 90/Die Grünen als Teil der Ampelkoalition gab es ein Gestaltungsfenster, Umwelt- und Klimapolitik voranzutreiben. Was ist schiefgelaufen?
Die Grünen mit Robert Habeck als zuständigem Minister haben viele gute Projekte angeschoben, es gab aber schwere Kommunikationsmängel. Das größte Problem war die Wärmepumpe, die sehr effizient ist, effizienter als eine fossile Heizung – aber das haben viele Wähler:innen nicht geglaubt. Manche konnten sich eine Wärmepumpe auch nicht leisten, es gab keine ausreichende soziale Abfederung, was an der FDP lag. CDU plus Bild haben auch eine sehr ungünstige Rolle gespielt. Da fehlte der konstruktive Ansatz. Man sollte keinen Unsinn erzählen, nur um Wählerstimmen zu generieren. Jetzt kommt die Wärmepumpe trotzdem, weil die Menschen merken, dass fossile Energie teuer ist.
Welchen Preis hätte eine Energiewende?
Eine komplette Energiewende wäre teuer. Habeck hat zum Beispiel Pilotprojekte zu grünem Wasserstoff angeschoben, der für eine Energiewende unverzichtbar ist – das war ein wichtiger Lernschritt. Denn es hat sich herausgestellt, dass grüner Wasserstoff viel teurer ist, als die Studien prognostiziert hatten. Ökoenergie wird immer knapp und teuer bleiben, wenn man das Gesamtsystem betrachtet.
Was halten Sie von der Hoffnung oder dem Hype, dass KI dabei helfen könnte, Klimawandel einzudämmen?
KI trägt nichts zum Klimaschutz bei, im Gegenteil. KI kostet sehr viel Energie, und die Rechenzentren brauchen zudem viel Kühlwasser. Es ist also nur ein weiteres Beispiel dafür, dass der Kapitalismus zwar Wachstum erzeugt, aber immer die Umwelt schädigt.
Ein nachhaltiger Kapitalismus ist also eine Unmöglichkeit?
Das Problem am Kapitalismus oder an der Industrialisierung ist, dass er Wachstum braucht, um stabil zu sein. Man kann in einer endlichen Welt aber nicht unendlich wachsen, wie unter anderem die Klimakrise zeigt. Kapitalismus ist die Ausbeutung von Natur und Rohstoffen, Wachstum führt zu mehr Raubbau. Wer die Natur schützen will, muss sich von dieser Wachstumslogik und damit vom Kapitalismus verabschieden. Grünen Kapitalismus gibt es nicht.
Was bedeutet dieses Dilemma für die künftige Politik in Deutschland?
Wir brauchen grünes Schrumpfen, kein grünes Wachstum. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass wir nur auf neue Technologien setzen müssen, um die Klimakrise zu beheben. Natürlich ist ein Elektroauto ein bisschen besser als der Verbrenner, aber auch die Umweltschäden durch Elektroautos sind enorm. Unser gesamtes Wirtschaftssystem müsste auf Ökostrom umgestellt werden, doch momentan decken Solar- und Windenergie nur zehn Prozent des deutschen Endenergiebedarfs ab. Das wird also ein gigantisches Infrastrukturprojekt. Zudem scheint die Sonne nicht immer, der Wind weht nicht immer. Man muss große Mengen zwischenspeichern, wozu unter anderem sehr teurer, grüner Wasserstoff benötigt wird.
„Man kann in einer endlichen Welt nicht unendlich wachsen, wie das sichtbarste Problem, die Klimakrise zeigt“
Und was kann da der Einzelne tun??
Wie gesagt: Die Wärmepumpe ist effizient, und es würde auch helfen, weniger Fleisch zu essen. Aber das kauft uns nur Zeit. Die Atmosphäre funktioniert wie eine Müllhalde; jedes CO2-Molekül, das wir produzieren, bleibt ungefähr 1.000 Jahre im System. Wenn wir weiter CO2 emittieren, nur ein bisschen weniger, rollt die Klimakrise trotzdem auf uns zu. Wir müssen auf Null kommen. Wir brauchen grünes Schrumpfen, und zwar radikal.
Wie könnte so eine Transformation aussehen?
Dazu gibt es keine Studien, weil ein Schrumpfen von Ökonom:innen nicht modelliert wird. Es gibt also nur Schätzungen: Selbst wenn wir so viele Solarpaneele und Windräder wie möglich installieren würden, müssten wir vermutlich um die Hälfte schrumpfen. Dann wären wir wieder so reich wie 1978. Diejenigen, die dabei waren, wissen: Wir waren damals genauso glücklich wie heute; auch damals gab es anständige Renten, Krankenhäuser, Universitäten. Vielleicht müssen wir auch gar nicht um 50 Prozent schrumpfen, um klimaneutral zu sein. Vielleicht reichen auch minus zehn oder minus 30 Prozent. Das weiß keiner, es wurde ja nicht modelliert. Aber die zentrale Frage bleibt: Wie organisiert man ein Schrumpfen, ohne dass es zu einer schweren Krise kommt und Millionen Menschen arbeitslos werden und vielleicht verzweifelt die AfD wählen?
Als Vorbild für das Modell der Schrumpfung sehen Sie ausgerechnet Großbritannien im Zweiten Weltkrieg. Warum?
Die Briten hatten aus anderen Gründen damals das gleiche Problem, dass sie ihre zivile Wirtschaft schrumpfen mussten. Die Briten hatten den Krieg nicht wirklich kommen sehen, und als Hitler angriff, war klar, dass sie zu wenig Waffen hatten, um sich zu verteidigen. Es blieb nur, die Zivilwirtschaft zu reduzieren, um Kapazitäten in den Fabriken freizuräumen für das benötigte Militärgerät. Es wurde nichts verstaatlicht, Läden und Fabriken blieben in privater Hand, aber der Staat hat vorgegeben, welche zivilen Güter noch produziert wurden. Diese knappen Waren wurden dann gerecht verteilt, Arm und Reich bekamen das Gleiche, es wurde also rationiert.
Wie groß war der gesellschaftliche Widerstand gegen die Regulierung?
Wenn Deutsche Rationierung hören, ist gleich Alarmstufe Rot angesagt, weil sich alle an Geschichten der Eltern und Großeltern erinnern, als diese nach dem Zweiten Weltkrieg hungern mussten. In Großbritannien war auch alles knapp, aber die Briten haben nicht gehungert. Die Rationierung war daher sehr populär, weil die Menschen verstanden haben, dass es die einzige Möglichkeit war, auch die Reichen an einem gesamtgesellschaftlichen Projekt zu beteiligen. Wenn allein der Markt bestimmt, gehen die Preise für knappe Güter durch die Decke – wer viel Geld hat, kann sich trotzdem alles leisten, und der Rest hat nichts.
Was passiert, wenn es so weitergeht wie bisher?
Das jetzige kapitalistische Wirtschaftssystem wird nicht überleben. Wenn wir so weitermachen, wird die Klimakrise sich rasant verschärfen und das Chaos so groß werden, dass der Kapitalismus zusammenbricht. Die Klimakrise ist in vollem Gang, und das erste Gut, das rationiert werden wird, ist Wasser. Deutschland wird nicht sofort zur Wüste, aber Hitzewellen und Dürren werden dazu führen, dass es oft zu wenig Wasser gibt. Sobald aber Wasser knapp wird, interessiert sich niemand mehr für den Markt, auch die Unternehmen nicht. Alle werden beim Staat anstehen, damit der entscheidet, wer das knappe Wasser kriegt – ob die Haushalte, die Landwirtschaft oder die Industrie. Nur der Staat kann diese Verteilungskonflikte lösen, und damit befindet man sich in der Rationierung. Das ist nicht meine Erfindung, das steht alles in der nationalen Wasserstrategie von Deutschland.
Weltweit sichern sich Millionäre Land und Zugang zu Wasser für ihre Bunker und Datenzentren; sie wollen sich in militärisch gesicherte Privatstädte zurückziehen.
Ich glaube, dass die Tech-Bros im Silicon Valley extrem bedroht sind. Sie setzen alle auf Technologien, die man sehr schnell kopieren kann, ob das jetzt Facebook ist oder künstliche Intelligenz – wie schnell das geht, zeigt China, das zügig aufgeholt hat. Die Idee, sich abzuschotten, ist absurd, denn sie sind ja trotzdem von der Gesellschaft abhängig. Der Reichtum von Jeff Bezos oder von Mark Zuckerberg hängt ja davon ab, dass sie Kunden haben, denen sie ihre Produkte andienen können.
Der Staat ist im Fall von Tech-Konzernen wie Palantir und Co. oft größter Kunde.
Die Tech-Konzerne sind doppelt abhängig. Entweder von Kunden, die aber in Streik treten können. Oder sie sind vom Staat abhängig, von dem sie zum Teil leben. Bei der KI gibt es zudem das Problem, dass ein profitables Geschäftsmodell fehlt. Das ist eine überbewertete Blase, und irgendwann kommt ein KI-Crash. Die Tech-Bros leben also von der Gesellschaft und wollen sich gleichzeitig auf eine Insel zurückziehen. Wahrscheinlich muss man Tech-Bro sein und sich für ein Genie halten, um diesen offensichtlichen Widerspruch nicht zu bemerken.
Wo bleiben aber die Konsequenzen, wenn Millionäre und Regierung sich gemeinsam an Staatsgeldern bereichern?
Im Weißen Haus wird inzwischen jede Entscheidung zur Einkommensquelle; wenn etwa das Pentagon irgendwas beschafft, müssen Bestechungsgelder ans Weiße Haus abgezweigt werden. Trump benutzt das Präsidentenamt, um sich zu bereichern, auch mit Kryptowährungen. Er ist stolz darauf, dass er im letzten Jahr zwei Milliarden Dollar „verdient” habe, doch das beruht nur auf Korruption und Insider-Geschäften. Ich hoffe, dass die Demokraten bei den nächsten Wahlen wieder an die Macht kommen und alles untersuchen. Für die Tech-Bros wird es noch ungemütlich. Es war ein strategischer Fehler, dass sie sich so sichtbar an Donald Trump gehängt haben. Trump wird untergehen und mit ihm auch diese gesamte Bewegung. Ich kann mir sogar vorstellen, dass es in den USA zu einer Zerschlagung der Konzerne kommt.
Bisher ist keine Regulierung zu sehen, im Gegenteil.
Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Konzerne auch schon zerschlagen, vorneweg die Ölfirmen von Rockefeller, weil die Unternehmer schon Ende des 19. Jahrhunderts völlig über die Stränge geschlagen haben. Die Räuberbarone, wie sie damals genannt wurden, waren aber längst nicht so schlimm wie die heutigen Tech-Bros – der Backlash wird also enorm sein.
Schauen wir auf Deutschland: Welche Vision von Wirtschaftspolitik verfolgt die AfD?
Die AfD verspricht allen alles, aber das wäre finanziell nicht umsetzbar. Der Kern ihres Programms ist neoliberal, es geht vor allem um Steuersenkung für die Reichen. Das ist aberwitzig, denn die AfD ist jetzt die größte Arbeiterpartei in Deutschland. Viele Ärmere wählen also eine Partei, von deren Politik sie überhaupt nichts hätten.
Wie sieht es bei der CDU aus?
Die heutige CDU oder die führenden Politiker:innen dort wollen sich unbedingt von der Ära Merkel abgrenzen. Angela Merkels strategische Einschätzung war richtig, dass die CDU die Wahlen in der Mitte gewinnt. Sie hat es vermieden, einseitig nur die Reichen zu begünstigen. Das ist unter Merz anders, das Parteiprogramm unter ihm ist identisch mit der FDP, der Kern ist die Schuldenbremse sowie Steuersenkungen für die Reichen. Das ist für eine Volkspartei wie die CDU katastrophal. Anders als die FDP kann es sich die CDU nicht leisten, ein Programm für die obersten fünf Prozent der Gesellschaft anzubieten. Die Fraktion ist also radikaler als die Wähler:innen. Viele der CDU-Männer verstehen zum Beispiel nicht, wieso Merkel 16 Jahre lang an der Macht war. Sie denken, das sei ein historischer Unfall gewesen.
Was könnte der Wirtschaftsjournalismus besser machen?
Viele Wirtschaftsjournalist:innen sind neoliberal ausgebildet. Wenn sie Volkswirtschaft studiert haben, haben sie meist die vorherrschende Lehre gelernt, die sogenannte Neoklassik, die unser System aber nicht richtig beschreibt. Sie gehen von einer Marktwirtschaft aus, die durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Das klingt naheliegend, ignoriert aber, dass dieses Modell sich nur auf bereits produzierte Gegenstände bezieht, die schon auf dem Markt sind. Alles, was davor geschieht, wird ignoriert. Geld, Technik, Energie, Spekulation und Gewinn spielen eine untergeordnete Rolle und können nicht wirklich in die Theorie integriert werden. Das mündet oft in falschen journalistischen Analysen. Das Problem ist auch, dass akademische Expert:innen oft selbst extrem gut abgesichert sind, als verbeamtete Professor:innen mit Pension und privater Krankenkasse. Sie leben in einer eigenen Welt und plädieren dann dafür, die Renten für die Angestellten zu senken. Wir hinterfragen zu selten, wie sich die Privilegien der Expert:innen auf ihre Ratschläge auswirken.
Sonja Peteranderl berichtet für ARD Ream.Recherche, Spiegel und Zeit vor allem über Kriminalität, Gewalt und Technologie.