Wir brauchen Szenarienjournalismus
Es ist an der Zeit, den lösungsorientierten Journalismus neu und größer zu denken", sagt Bernhard Pörksen. Foto: Peter-Andreas Hassiepen
Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen und Autor zahlreicher Bücher, zuletzt Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen. In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Pörksens Wunsch für den Journalismus: langfristig denken.
26.01.2026
Eigentlich bräuchte es in der Auseinandersetzung mit der Klimakrise, der nächsten Pandemie, den Bedrohungen des Populismus und der Erosion von Demokratien vor allem: langfristiges Denken, vorausschauende Planung, ausgeruhte Debatten. Aber es regiert in Politik und Journalismus ein Kult der Kurzfristigkeit, eine Fetischisierung des gerade Aktuellen statt des tatsächlich Relevanten.
Es ist an der Zeit, den lösungsorientierten Journalismus neu und größer zu denken. Nötig wäre ein neues Berichterstattungsmuster, das ich Szenarienjournalismus nennen will. Das hieße dann nicht mehr nur zu sagen, was ist. Und was gerade war. Sondern auch: Sagen, was sein könnte. Und vor allem: Sagen, was womöglich längerfristig und in anderen Ländern funktioniert.
Der investigative Journalismus hat in den vergangenen Jahren faszinierende Formen der Zusammenarbeit in globalen Netzwerken entwickelt, um kriminelles Finanzgebaren zu entlarven; man denke nur an die Panama Papers. Hunderte Journalisten aus mehr als 70 Ländern haben dafür über Monate hinweg zusammengearbeitet. Der Szenarienjournalismus könnte dieses Organisationsmuster kopieren, um Geschichten des Gelingens zu erzählen und gute Ideen mit maximaler Wucht einzuklagen, sie überhaupt erst einmal bekannt zu machen. Dies alles könnte ein Gegengift sein, um die dunkle, dystopische Krisenstimmung und den kollektiven Kult der Kurzfristigkeit zu kontern.
Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen und Autor zahlreicher Bücher, zuletzt Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen.