Wir können uns Mittelmäßigkeit nicht mehr leisten
„Am Ende macht KI nichts anderes, als den Journalismus zu sezieren", sagt Anne-Kathrin Gerstlauer. Foto: Janina Steinmetz
Anne-Kathrin Gerstlauer betreibt den Newsletter TextHacks und ist Beraterin zu digitaler Strategie und Texten im Internet. In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Gerstlauer sagt, KI kann Journalistinnen und Journalisten unterstützen.
03.02.2026
Wir müssen mit und ohne KI stärker werden. Weder lähmende Untergangsstimmung noch eine Wir-ersetzen-Journalisten-durch-Agenten-Stimmung bringen uns weiter. Der Journalismus wird sich schlichtweg Mittelmäßigkeit nicht mehr leisten können, etwa:
• bürokratische Ereignisse in bürokratischer Sprache berichten
• Generalisten über Experten-Themen schreiben lassen
• sich schlauer fühlen als die Leserschaft und Texte mit Schachtelsätzen und Fremdwörtern überladen
• Talente verlieren, weil sie mies bezahlt und schlecht behandelt werden
KI kann helfen, Feedback zu geben und Kreativität anzukurbeln. Sie unterstützt uns dabei, uns intensiver damit auseinanderzusetzen, was einen starken Text ausmacht, was er soll, welche Zielgruppe er hat. Am Ende macht KI nichts anderes, als den Journalismus zu sezieren.
Trotzdem bin ich froh, dass ich Schreiben ohne KI lernen musste. Meine Texte mit 19 waren eine Katastrophe: acht Metaphern in drei Absätzen. Ich habe Tausende Texte gelesen, Lieblingsstellen rot markiert, ich habe für meine Texte hartes Feedback bekommen, sie neu geschrieben, mich durchgequält. Das dürfen wir nie verlieren.
Anne-Kathrin Gerstlauer betreibt den Newsletter TextHacks und ist Beraterin zu digitaler Strategie und Texten im Internet. Vor ihrer Selbstständigkeit war sie stellvertretende Chefredakteurin von watson.de.