„Wir verkaufen keine Informationen – wir sind Gastgeber von Gemeinschaften“
In Zukunft werde es zum Qualitätssiegel, wenn Journalismus spürbar von Menschen gemacht wurde, sagt Wegner. Foto: Hanna Wiedemann
Dreimal dachte Jochen Wegner in seiner Karriere: Das war’s mit dem Journalismus. Doch es ging immer weiter. Was den Zeit-Chefredakteur optimistisch stimmt, warum er Podcasts für enorm wichtig hält und wie sich die Zeit für die KI-Welt rüstet, erzählt er im journalist-Interview.
Interview: Catalina Schröder
Fotos: Hanna Wiedemann
20.01.2026
„Mein fünfjähriger Sohn wächst in dem Glauben auf, dass ChatGPT alles weiß, und nicht etwa sein Vater“, erzählt Jochen Wegner im Gespräch mit Catalina Schröder. KI wird unser Leben und unseren Medienkonsum fundamental verändern, sagt er. Was gibt ihm Hoffnung? – „Menschlicher Austausch!“
journalist: Herr Wegner, können Sie überhaupt kurze Interviews?
Jochen Wegner: Geben schon. Sie zu führen, fällt mir tatsächlich schwer.
Sie machen gemeinsam mit Christoph Amend Alles gesagt?, den „unendlichen Interviewpodcast“, wie Sie ihn nennen. Das Interview ist erst dann vorbei, wenn der Gast es durch ein selbst gewähltes Codewort beendet. Und das kann schon mal neun Stunden oder länger dauern.
Christoph und ich haben uns öfter darüber ausgetauscht, wie sich dadurch unsere Arbeit verändert hat. Wir bereiten uns heute auch auf klassische Interviews anders vor als früher.
Wie denn?
Wir bringen keinen Fragenkatalog mehr mit, sondern eher grobe Themenideen. Und das führt zu einer erfrischend anderen Form des Interviews, weil man stärker reagiert, interessiert nachhakt und nicht nur eine Liste mit einer vorgefertigten Dramaturgie abarbeitet. Ein echtes, menschliches Gespräch.
Haben Sie vorab ein Gefühl dafür, ob ein Gespräch drei oder neun Stunden dauern wird?
Manchmal wetten wir vor der Aufzeichnung. Oft liegen wir nicht ganz falsch. Wir hatten aber auch schon Gäste, die doppelt so lange geblieben sind, wie wir erwartet hatten.
Zum Beispiel?
Der Astronaut Matthias Maurer. Da dachte ich: Drei, vier Stunden wird der schon erzählen.
Er blieb neun Stunden.
Neun Stunden und 46 Minuten. Und nach sechs Stunden sagte er zu uns: „Was ist los? Werden Sie schon müde?“ Nach sieben Stunden gehen uns dann doch langsam die vorbereiteten Themen aus, die Improvisation beginnt. Bei Matthias Maurer haben wir angefangen, Fragen wie in der Sendung mit der Maus zu stellen: „Wie geht man eigentlich im All auf die Toilette? Wie putzt man sich die Zähne?“ Das waren die überraschendsten Stunden des Gesprächs.
Warum?
Auf der ISS leben ja immer noch russische Kosmonauten. Was ich zum Beispiel trotz der ganzen Vorbereitung nicht wusste: Die Russen bringen ihren Urin regelmäßig zum Recyceln nach nebenan zur NASA. Das fand ich in diesen Zeiten ein lustiges und auch tröstendes Bild.
Die Interview-Situation ist auch keine klassische: Sie essen gemeinsam mit Ihren Gästen, trinken zusammen Wein. Müssen Sie aufpassen, die kritische Distanz nicht zu verlieren?
Das ist eine Fangfrage.
Und was ist Ihre Antwort?
Ja, das müssen wir. Würde ich das Format kritisieren, wäre das mein zentraler Punkt. Aus einer klassischen Sicht ist Alles gesagt? natürlich kein lupenreines journalistisches Interview, sondern eher eine Begegnung, in der es um den persönlichen Zugang und ein tiefes, vertrauliches Gespräch geht. Zu diesem Vertrauen trägt auch die ausführliche Vorbereitung bei, die wiederum eine klassische Tugend ist: Selbst Medienprofis öffnen sich anders, wenn sie merken, dass ihr Gegenüber wirklich interessiert und tief im Stoff ist. Und besonders bei Politikern ist es uns öfter aufgefallen: Die bleiben viel länger, als ihre Sprecher das gerne hätten. Auch konfliktbeladene Themen können wir auf diese Weise oft tiefer behandeln. Die besprechen wir natürlich nicht gleich am Anfang.
Würden Sie aus dem Erfolg von Alles gesagt? schlussfolgern, dass es mehr lange journalistische Formate geben sollte?
Jedenfalls ist die Radioparole „nie länger als eins dreißig“ ebenso falsch wie die alte Podcaster-Weisheit, „nach einer Stunde hört niemand mehr zu“. Oder die Annahme, auf einem Smartphone lese niemand lange Texte. Ich glaube: Mediengewohnheiten können gesetzt werden. Wenn ein Format dann etabliert ist, sollte es sich an seine einmal etablierten Regeln halten. Aber am Anfang ist nach oben, nach hinten und zur Seite alles offen.
Inzwischen sind Podcasts zu einem großen und wichtigen Bereich bei der Zeit geworden. Was ist für Sie die größte Herausforderung, mit der Sie gerade zu tun haben?
Es ist eine ganze Liste mit Herausforderungen, die zum Teil zusammenhängen. Die Zeit wird in diesem Jahr 80 Jahre alt und wir haben zu unserer großen Freude mehr Leser als jemals zuvor. Dabei hat sich das, was die Menschen von Journalismus erwarten, in den letzten 80 Jahren mehrfach fundamental verändert, ebenso sein Geschäftsmodell. Die Zeit hat sich dabei mit den Zeiten gewandelt, ohne ihren Wesenskern zu verlieren. In den 90er Jahren hat das Internet den klassischen Journalismus infrage gestellt, später Google, dann das Smartphone, dann Social Media. Es gab immer wieder Erschütterungen, die uns grundsätzlich fragen ließen, wie wir in Zukunft arbeiten werden. In so einer Phase sind wir gerade wieder.
Was meinen Sie konkret?
Wo kommen in Zukunft Leserinnen, Leser, User, Zuschauerinnen, Hörer her? Wandern die jüngeren Generationen in andere Medienformen ab, zu Instagram und TikTok? Der Vertrauensverlust in die Medien ist bei ihnen am stärksten ausgeprägt. Schüler und Studenten sind es auch, die sich KI besonders selbstverständlich zuwenden. Mein fünfjähriger Sohn wächst in dem Glauben auf, dass ChatGPT alles weiß, und nicht etwa sein Vater. KI verändert das Leben und den Medienkonsum von uns allen fundamental. Das alles beschäftigt uns sehr. Und es hängt interessanterweise mit Podcasts zusammen.
Warum?
Weil Podcasts uns einen Weg zu einer möglichen Lösung zeigen. Jeder, der einen macht, wird das bestätigen können: Man hat plötzlich eine persönliche Beziehung zu denen, die das hören. So etwas habe ich noch nie erlebt, ich freue mich und wundere mich bis heute darüber. Und das geht allen unseren Hosts so.
Wie sieht diese Beziehung aus?
Wir werden an der Supermarkt-Kasse an unserer Stimme erkannt. Bei beliebigen Veranstaltungen werden wir immer zuerst auf unsere Podcasts angesprochen. Es ist offensichtlich eine besonders enge Beziehung, die durch die menschliche Stimme entsteht. Und das ist eine Qualität, die in Zukunft eine noch größere Rolle spielen wird: dass Medien spürbar von Menschen gemacht werden, dass sich auch unser Journalismus einer menschlichen Sprache bedient. Das Vertrauen in Journalisten, denen ich zuhören und die ich identifizieren kann, wächst über lange Zeit: Rieke Havertz, die kenne ich doch aus dem OK-America-Podcast. Jetzt schätzt sie in der Zeit die Ukraine-Verhandlungen der USA ein. Ich habe ihr schon viele Stunden zugehört. Natürlich lese ich besonders interessiert, was sie da schreibt, und vertraue ihr.
Zugespitzt formuliert: Journalismus braucht eine persönliche Note, um in Zukunft relevant zu bleiben?
Es wird in Zukunft von Nachteil sein, wenn ein Medium als gestaltlose, als anonyme Publikation daherkommt – was ja früher eher zum Nimbus beigetragen hat. Beim Economist ist der Namensbeitrag bis heute unüblich. Auch beim Spiegel waren die Texte früher namenlos. Das war mal ein Asset: Wir sind ein durchredigiertes, gleichförmiges Medium mit klaren Standards. Das Individuum, gar Subjektivität spielten keine Rolle. Das verändert sich gerade, übrigens auch beim Economist. Wenn man mit den Kollegen spricht, dann ist es auch für sie ein strategisches Ziel, ihre herausragenden Autorinnen und Autoren in den Vordergrund zu stellen. Auch mit Podcasts.
„Der größte Fehler ist, anzunehmen, dass man morgen erfolgreich sein wird, weil man es gestern war.“
Die Zeit hat ihre Autorinnen und Autoren schon immer stark in den Vordergrund gestellt.
Sie ist seit ihrer Gründung ein Autorenmedium. Auch heute ist Giovanni di Lorenzo und mir die Vielfalt der Standpunkte wichtig, wir haben nie eine einheitliche Linie angestrebt, das wäre fürchterlich langweilig. Auf der Titelseite stehen sogar gelegentlich zwei Leitartikel, die sich diametral widersprechen, Giovanni hat ein ganzes Ressort dem Widerspruch gewidmet: Streit. Unsere Aktion „Deutschland spricht“ bringt jedes Jahr Tausende persönlich zusammen, die politisch gegensätzlich denken. Zur Zeit gehört auch, dass man uns mit starken Personen verbindet – die sich wiederum dem Haus und seinen besonderen Werten verpflichtet fühlen. Volker Weidermann ist auf vielen Kanälen eine eigene Marke, trotzdem gehört er erkennbar zur Zeit. Vielleicht haben wir inzwischen mehr als hundert solcher Marken. Ich würde behaupten: Jeder unserer Podcast-Hosts ist eine Marke. Wir haben ein noch junges „Team Hochkant“, das recht erfolgreich TikTok bespielt. Einige von denen werden ebenfalls auf der Straße angesprochen. Wir pflegen einen erkennbar von Menschen gemachten Journalismus, der sowohl, glaube ich, das Vertrauen stärkt, als auch die Bindung an unser Haus. Da wäre schon eine halbe Antwort auf die Fragen der Zukunft.
Heißt das umgekehrt, dass wir das geschriebene Wort nicht mehr so wichtig nehmen sollten, weil es weniger dazu geeignet ist, diese persönliche Note zu transportieren?
Auf nichts legen wir so viel Wert wie auf das geschriebene Wort. Es geht eher darum, Autorinnen und Autoren auf vielen Bühnen strahlen zu lassen. Deshalb suchen wir den persönlichen Austausch auch immer stärker mit unseren Veranstaltungen. Wahrscheinlich hat die Zeit noch nie so viele Menschen mobilisiert wie im vergangenen Jahr: Zur Langen Nacht der Zeit in Hamburg kamen zehntausend Leser, zur Arenen-Tour von Zeit Verbrechen 25.000 Menschen, wir waren zum Jubiläum von Zeit Österreich im Burgtheater, mit Alles gesagt? in der Elbphilharmonie und im Gewandhaus.
Das Stichwort KI ist in unserem Gespräch nun schon gefallen. Als Werkzeug nutzen wir alle KI wohl schon lange. Wie verändert KI Strukturen und Prozesse bei der Zeit?
Wir haben früh angefangen, damit zu experimentieren: Kann KI uns unterstützen, wo kann sie den Kollegen mehr Zeit für das Wichtige freischlagen? In unserem Content Management System kann man sich zum Beispiel Teaser vorschlagen oder Texte vorredigieren lassen – sowas machen ja viele Redaktionen. Unser Team für Daten und Visualisierung ist noch einen Schritt weiter: Dort wird die KI bereits wie ein Kollege eingesetzt, der sich selbständig einfache Programmier-Aufgaben greift und umsetzt. So etwas beeindruckt mich sehr. Auch wenn ich über mein eigenes Arbeitsleben nachdenke, dann bin ich fast erschüttert, wie schnell und tiefgreifend ChatGPT, Gemini und Claude es bereits verändert haben.
Erzählen Sie mal!
Ich nutze mehrmals täglich einen Agenten, der mir auf Zuruf in einer Viertelstunde anspruchsvolle Dossiers zusammenstellt, für die man sonst Tage brauchen würde. Der hat zwar manchmal noch bedenkliche Lücken, macht aber kaum fundamentale Fehler. Ich habe lange unterschätzt, wie weit so eine agentenbasierte KI schon in der Lage ist, mir zuzuarbeiten. Nun unterhalte ich einen kleinen Zoo spezialisierter GPTs, nutze daneben Gemini und Claude und gebe auch privat zu viel Geld dafür aus.
Was darf eine KI bei der Zeit niemals machen?
Journalismus. Der Geist der KI-Regeln, die wir uns gegeben haben, lässt sich so zusammenfassen: Wir experimentieren gerne und reden offen darüber. Wir umarmen die neuen Möglichkeiten, aber es muss transparent sein. Wir erstellen keine Inhalte mit KI, die nicht klar gekennzeichnet sind. Und unser Journalismus wird im Kern von Menschen gemacht. Das wird nicht nur so bleiben, es wird in Zukunft aus meiner Sicht sogar noch wichtiger werden, um in dieser neuen Welt der denkenden Maschinen zu bestehen, wir haben ja bereits darüber gesprochen. Wir spielen aber gerne mit ihnen.
Wie zum Beispiel?
Einige KI-Angebote sind schon auf der Website etabliert: künstliche Vorlesestimmen, automatische Artikel-Zusammenfassungen oder ein Chatbot, der Fragen auf der Wissensbasis unseres Archivs beantwortet. Ein weniger technisches Beispiel: Wir laden regelmäßig Artists in Residence ein, also etwa Fotografen und Fotografinnen, aber eben auch KI-Künstler. Als wir die Stelle ausgeschrieben hatten, gab es viele kritische Fragen aus der Fachgemeinde. Weil natürlich die Sorge besteht: Wenn ich jetzt Grafikerin bin, Illustrator – was ist eigentlich in ein paar Jahren mit meinem Job? Unsere Erfahrung ist bisher: Wenn man hohe Ansprüche hat, dauert es genauso lange, eine Illustration mit einer KI zu erstellen wie mit Stift und Pinsel oder mit Photoshop. Midjourney oder Nano Banana sind vielleicht nur eine andere Form von Pinsel.
Was bedeutet dieser Wandel für junge Journalistinnen und Journalisten? Brauchen die andere Kompetenzen als früher?
Die fundamentalen Anforderungen an unseren Beruf sind immer dieselben geblieben – jedenfalls war das bisher so. Nur die Werkzeuge haben sich ständig verändert, die Erzählformen, die Distribution. Junge Journalisten brauchen also eine gewisse Freude an der Veränderung, wie übrigens auch alte. Aber die professionelle Haltung, die Grundsätze des Journalismus, die Kunst des Erzählens haben sich aus meiner Sicht nicht gewandelt und sollten es auch nicht. Wir streben weiterhin nach der Wahrheit – auch wenn man die schon aus philosophischen Gründen nie erreichen kann – und berichten anderen Menschen davon, was wir herausgefunden haben. Ich glaube allerdings, dass KI seit sehr langer Zeit zum ersten Mal ein Phänomen ist, das viel größer ist als nur ein weiterer Pinsel, ein weiteres Hilfsmittel, eine weitere Plattform. Wir stehen an einer Zeitenwende.
Wird die KI uns Journalisten ersetzen?
Ich kann es mir kaum vorstellen. KI wird – auf absehbare Zeit – Journalismus in seinem Kern nicht ersetzen. Aber Journalisten, die KI kreativ und konsequent nutzen, werden unseren Beruf sehr bald definieren und dominieren – wir werden Journalismus zum Beispiel viel multimodaler denken und unsere Inhalte mit der Hilfe von KIs in vielen unterschiedlichen Formen und Sprachen anbieten, ohne für diese Transfer-Arbeit noch Menschen bemühen zu müssen. Erste Experimente damit laufen bei uns bereits. Stand heute sehe ich andererseits noch nicht einmal, dass eine KI auch nur einen erleuchtenden deutschsprachigen Kommentar schreibt, von dem ich denke: Den würde die Zeit jetzt veröffentlichen. Die neueste Version von Anthropic lässt vermuten, dass es vielleicht nicht mehr so lange dauert. Aber bereits heute kann man automatisierte Medien bauen, die 80 Prozent einer gewissen Nutzerschaft zufriedenstellen. OpenAI arbeitet an so einem Angebot. Es gibt viele Bestrebungen, eine Art Google News der nächsten Generation zu erschaffen: Ein vollständig individualisiertes, intelligentes Medium, das sich anhand meiner Interessen selbst generiert. Und ich kenne die Wette zwischen zwei bekannten KI-Forschern: Wann erhält eine Künstliche Intelligenz erstmals den Pulitzer-Preis? Vielleicht dauert es länger, als beide dachten. Aber wir leben in Zeiten, in denen KI-Projekte bereits Nobelpreise erhalten.
Und welchen Wert hat dann noch die Arbeit von uns Menschen?
Originäre Recherche wird noch sehr lange Zeit auf der Arbeit von Menschen beruhen. Keine Maschine wird Afghanistan bereisen oder die Ukraine, oder mit der Hilfe von Informanten den CumEx-Skandal aufdecken. Und: Es liegt eine Magie darin, dass ein wichtiger Beitrag, etwa ein politischer Kommentar, von einer echten Person stammt. Wenn ihn Mariam Lau oder Lenz Jacobsen schreiben, dann habe ich als Zeit-Leser den ganzen Kontext im Kopf: Ich weiß, wie die auf bestimmte Themen blicken. Jetzt interessiert mich, wie sie die Debatte um das Rentenpaket einschätzen. Ich interessiere mich hingegen nicht besonders dafür, wie eine Maschine die Rente kommentiert, zumal die selbst nie eine beziehen wird. Die menschliche Verfassung ist für viele Medien nicht so bedeutungslos, wie man uns in Kalifornien oder Shenzhen weismachen will. Dem Austausch zwischen Menschen wohnt ein großer Zauber inne. Wir verkaufen keine Informationen, sondern wir sind Gastgeber von Gemeinschaften.
„Selbst Medienprofis öffnen sich anders, wenn sie merken, dass ihr Gegenüber wirklich interessiert und tief im Stoff ist.“
Durch die KI-Zusammenfassungen in der Google-Suche ist bei vielen digitalen Medien der Traffic massiv eingebrochen. Wie wirkt sich das bei der Zeit aus?
Unser Google-Traffic ist im Vergleich zum Vorjahr gewachsen, was eher ungewöhnlich ist. Es ging auch für uns nach der Pandemie eine ganze Weile abwärts, wie für alle Nachrichtenmedien. Der Aufwärtstrend freut uns sehr.
Wie kommt das?
Das wissen wir natürlich nicht so genau – jüngere Updates bei Google Discover scheinen Qualitätsmedien bevorzugt zu haben, das hat sich für uns positiv ausgewirkt. Der Effekt wird aber nur vorübergehend sein. In Deutschland hat sich die neue KI-Suche von Google noch nicht so stark ausgewirkt. In den USA, wo die Folgen bereits viel stärker zutage treten, sind General-Interest-Medien nicht so stark betroffen wie etwa Fachmedien. Von denen weiß ich, dass sie sich auch in Deutschland große Sorgen um ihr Geschäftsmodell machen, weil KI viele Formen von Beratung ersetzt, sei es beim Fahrradkauf oder in Finanzfragen. Aber auch wir rüsten uns dafür, dass wir bald viel weniger Traffic von Google bekommen werden.
Wie rüsten Sie sich dafür?
Indem wir uns fragen: Was sind die anderen Wege, über die man uns in Zukunft erreicht? Wenn die mit Abstand größte Quelle, über die neue Menschen zu uns kommen, nämlich Google, eines Tages wegfällt – wie erfährt dann jemand davon, dass es uns gibt, wenn die Zeit-Ausgabe nicht schon bei den Eltern zu Hause auf dem Couchtisch lag?
Und was ist Ihre Antwort?
Plattformen wie YouTube, TikTok und Instagram, Podcasts, selbst die guten alten Newsletter und Veranstaltungen gewinnen dann noch stärker an Bedeutung, da schließt sich der Kreis. Die habe ich früher eher unterschätzt, sie sind heute entscheidend dafür, neue Zielgruppen für uns zu gewinnen. Bei unseren Veranstaltungen mit Alles gesagt? in der Elbphilharmonie und im Gewandhaus zum Beispiel waren viele Menschen, die noch nie eine Zeit in der Hand hatten. Und die dann sagen: „Jetzt interessiere ich mich dafür, was ihr sonst so macht.“ Das hören wir oft. Auch hier sind Podcasts wieder Teil der Lösung. Unser Verlag berichtet, dass wir 80 Prozent der Hörerinnen und Hörer, die unser neues Podcast-Abo abschließen, zuvor noch nicht kannten. Wir erreichen zum überwiegenden Teil neue Menschen, das ist für ein längst etabliertes Abomodell ungewöhnlich.
Welche Rolle spielen die Sozialen Medien?
Auf TikTok erreichen wir im Monat mittlerweile mehr als 30 Millionen Views, das sind ebenfalls ganz andere Zielgruppen. Es gibt sogar ein Feature, das testweise für manche Nachrichtenangebote freigeschaltet ist, um auf Inhalte der eigenen Website zu verlinken. Wir haben dort kürzlich auf einen Test bei zeit.de verwiesen, mit dem ich repräsentativ einschätzen kann, wo ich im Vergleich zum Rest des Landes politisch stehe. Allein von TikTok kamen Hunderttausende zu uns. So sieht wahrscheinlich die Zukunft aus: Je weniger uns die großen, angestammten Quellen noch unterstützen, desto stärker müssen wir auf allen anderen Plattformen präsent sein.
Können wir das nicht auch als gute Nachricht sehen? Medien sind gezwungen, zu diversifizieren. Aber wenn das gelingt, sind sie auch weniger abhängig von einzelnen Plattformen.
Das ist überlebenswichtig. Viele Häuser tun sich in Zeiten schwindender Leserzahlen und Budgets schwer damit. Wir auch. Aber wir haben das große Glück, Verleger zu haben, die uns ermutigen, strategisch zu investieren. Sofortige Rendite stand bei der Zeit nie im Vordergrund. So können wir gezielt in Bereichen wie KI oder Hochkant einstellen, in denen wir jetzt noch kein Geschäftsmodell sehen, von denen wir aber glauben: Wenn wir das jetzt verschlafen, haben wir in einigen Jahren ein großes Problem.
Was halten Sie von Deals zwischen KI-Anbietern und Verlagen, wie Springer und OpenAI sie kürzlich geschlossen haben?
Es ist kompliziert. Ich glaube, es ist richtig, zu kooperieren und nicht, sich zu bekämpfen. Kompliziert ist es, weil viele Ängste zu Recht bestehen: Geben wir eigentlich unser Kostbarstes weg und bekommen dann wieder nur Peanuts zurück, wie Hubert Burda einmal geschimpft hat?
Hatte er recht?
Als er seine Aussage damals traf, hatte er recht – heute ganz sicher nicht mehr. Viele Medien verdienen sehr gut im Internet. Das Ganze hat nur viel länger gedauert als erhofft. Ich glaube, hier ist eine Bauchnabelrecherche angebracht: Wie nutze ich selbst eine KI, und was erwarte ich von ihr? Ich will mit meinem persönlichen KI-Account doch eigentlich Zugriff auf die gesamte Zeit haben, auf die New York Times, auf den Economist, um mir alle ihre Inhalte auf neue Weise erschließen zu können. So, wie ich mein Zeit-Abo heute schon mit Spotify oder Apple verknüpfen und dort Podcasts hören kann, die nur für Abonnenten zugänglich sind. Ein ähnliches Modell für KIs halte ich für wünschenswert. Wenn wir allerdings nicht im Griff haben, wie unsere Rechte von KIs genutzt werden, kann uns das sehr schaden. Zumindest in den wilden Frühtagen wurden die ja mit jeder Menge Raubkopien trainiert. Kooperation kann aber auch unser Weg in eine mögliche Zukunft sein, um als wichtige Quelle weiter eine Rolle zu spielen. Ich habe große Hoffnung, dass das dieses Mal schneller geht als in der Vergangenheit, als das Internet aufkam, dass wir schnell zu einer Art von Zusammenarbeit finden. Vielleicht ist meine Hoffnung naiv.
Viele haben die Sorge, dass die großen KI-Anbieter den Verlagen die Spielregeln diktieren werden.
Es gibt derzeit so viele fundamentale Modelle, dass noch nicht entschieden ist, wer diesen Markt einmal dominiert. Es gibt also eine gewisse ökonomische Balance und auch die Motivation für große, seriöse Anbieter, uns gut zu behandeln. Unser Verlag hat auch einen ersten Vertrag mit Google geschlossen, in dessen Rahmen Google-KIs wenige, von uns ausgewählte Beiträge nutzen können. Wir sind nicht die einzigen, die das machen. Lizenzabgaben werden allerdings keine tragende Säule für den Journalismus werden können. Diese Hoffnung war schon trügerisch, als man in Deutschland noch leidenschaftlich über das Leistungsschutzrecht diskutiert hat. Das hat nicht funktioniert und es kann auch nicht funktionieren, wenn man das mal rechnet.
Warum nicht?
Ich habe in einem meiner früheren Jobs einmal versucht, eine Art faires Google News zu bauen. Ein solches Modell kann nie die beteiligten einzelnen Medien ernähren, selbst mit Googles riesigen Erlösen. Wir müssen schon selbst stark bleiben. Zumindest große Medienmarken gewinnen in Zeiten der KI eher wieder an Bedeutung, weil sie als valide Quellen von den Algorithmen bevorzugt werden. Große Agenturen und KI-Optimierer, so hört man, konzentrieren sich sehr stark auf wenige Leitmedien.
Nach allem, was Sie bisher gesagt haben, wäre mein Zwischenfazit: Um die Zeit müssen wir uns vorerst keine Sorgen machen. Sie nutzen unterschiedlichste Plattformen und Ausspielungswege, über die Sie neue Zielgruppen erschließen, Sie kooperieren mit Google, was auch finanziell nicht unattraktiv zu sein scheint.
Der Zeit geht es gut. Der Zeit geht es aber auch deswegen gut, weil wir uns ständig darum sorgen, ob es ihr weiterhin gut geht. Ich persönlich pflege eine professionelle Paranoia. Seit ich in diesem Beruf arbeite, habe ich schon mindestens dreimal gedacht: Das war’s! Ich bin Journalist geworden und ein Jahr später ist die Dotcom-Bubble geplatzt. Plötzlich wurde gespart, auch in den Jahren danach gab es immer wieder schwere Krisen. Vor einem Vierteljahrhundert hätte ich ganz sicher nicht gedacht, heute bei einer blühenden Zeit arbeiten zu dürfen. Meine Paranoia sagt mir, dass das nicht von Dauer sein wird. Ich weiß, dass wir uns dringend Gedanken machen müssen, wie es weitergeht. Darüber haben wir ja die ganze Zeit gesprochen.
Haben Sie eine konkrete Vorstellung davon, wie wir in zehn Jahren arbeiten werden? Welche entscheidenden Dinge werden sich hier im Haus verändert haben?
Das ist sehr weit weg.
Und in fünf Jahren?
Die nächsten fünf Jahre wiegen so schwer wie die vergangenen zehn, zwanzig Jahre. Medien entwickeln sich exponentiell, weil sie immer enger mit den exponentiellen technischen Entwicklungen verknüpft sind. Der größte Fehler ist, anzunehmen, dass man morgen erfolgreich sein wird, weil man es gestern war. Ich habe Zuversicht, dass wir auch in 80 Jahren noch existieren. Aber wie genau das aussehen wird, das weiß ich nicht. Wenn man etwas aus der Historie der letzten 80 Jahre der Zeit lernen kann, wäre das am ehesten eine Handlungsanweisung an uns selbst: Du musst dich ständig ändern und dir dabei treu bleiben. Was das heißt, verhandeln wir jeden Tag neu.
Catalina Schröder arbeitet als freie Reporterin in Hamburg.
Hanna Wiedemann ist Fotografin in Berlin.