Floskel des Monats

durchstarten

17.12.2020

Manchmal hängt ein Sprachbild derart lange schief an den Wänden deutschsprachiger Redaktionen, dass es niemandem mehr auffällt, wenn sich die Intention eines Textes dem Schlachtfeld von Loriots Sketch „Zimmerverwüstung“ annähert. Durchstarten gehört sicherlich zu diesen schiefen Bildern.

 

Vermutlich ist die jahrelange Falschbenutzung auch der Grund, weshalb der Duden gezwungen war, die Bedeutungen des Verbs um den Unterpunkt loslegen, sich kräftig ins Zeug legen, in Schwung kommen, Erfolg haben zu ergänzen – wenngleich er diesen Punkt als „umgangssprachlich“ kennzeichnet. Leider wird durchstarten zunehmend als Startmanöver oder als sicherer Flug Richtung Himmel und Sonne missverstanden.

 

Dabei kommt das schwache Verb durchstarten aus dem Flugwesen und steht für ein Manöver, bei dem das Flugzeug den Landeanflug abbrechen und stattdessen Gas geben und wieder wegfliegen muss. Es ist folglich der letzte Ausweg, um Unheil zu vermeiden, da eine sichere Landung unmöglich ist. Positiv ist allenfalls, dass es gerade noch mal gut gegangen ist. Durchstarten steht also nicht dafür, dass etwas in Schwung kommt und mit ordentlich Power loslegen kann.

 

Wenn Nachrichtenmedien also titeln: „Beruflich neu durchstarten ist gar nicht so schwer“, „Durchstarten bei der Polizei“ oder – noch schöner – „Lufttaxi Lilium will in Orlando durchstarten“, entbehren sie nicht einer gewissen Komik.

 

Aber auch andere Meldungen, die mit dem Begriff starten hantieren, können danebengehen: Das Missverständnis ums Durchstarten ist fast schon harmlos, wenn man sich die Formulierung in den Startlöchern stehen genauer anschaut. Sie wird nicht nur inflationär gebraucht, um zu beschreiben, dass jemand startbereit ist. Sie ist auch völlig aus der Zeit gefallen, denn die Jahre, als Läufer*innen noch eine Schaufel zur Startlinie mitbrachten und Startlöcher in den Sand buddelten (ja, das taten sie früher), sind lange vorbei. Der letzte Olympiasieger im Sprint buddelte 1936 in Berlin seine Startlöcher. Ein Jahr später erlaubte schließlich der Leichtathletik-Sportverband World Athletics die fest installierten Startblöcke. An den Startblöcken stehen hat sich aber leider bisher nicht für startklar durchgesetzt.

 

Wie sich Floskeln und Phrasen im Journalismus ausbreiten, machen Sebastian Pertsch und Udo Stiehl mit der sprach- und medienkritischen Floskelwolke sichtbar. Hier stellen sie Begriffe oder Formulierungen vor, mit denen KollegInnen besonders häufig danebenliegen.

 

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