Floskel des Monats

historisch

24.03.2021

Von den vier Jahreszeiten viermal jährlich völlig überrascht zeigten sich in den vergangenen Monaten wieder diverse Nachrichtenmedien: „Deutschland steht ein historischer Wintereinbruch bevor“, titelten die einen, „historisch intensiver Schneefall in Madrid“ oder „historisch große Schneemengen“ die anderen. Auch sonst ist „historisch“ eine häufig anzutreffende Beschreibung im Journalismus: „Juve historisch im Finale“, „Wirtschaft bricht historisch ein“ und eine besondere Perle: „Corona-Pandemie ist historisch einzigartig“.

 

Was häufig bei diesen Verknappungen auf „historisch“ fehlt: Was ist denn nun so bedeutsam an der genannten Historie? Besser ergänzen und präzisieren! Zum Beispiel: Stärkster Schneefall in Madrid seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Juventus Turin zum 20. Mal im italienischen Pokal-Finale. Historisch bedeutsamer Einbruch der deutschen Wirtschaft im Jahr 2020. Wird das Adjektiv „historisch“ ohne Erklärung gebraucht, ist es eine nichtssagende Nullnummer.

 

Mittlerweile wird „historisch“ im Duden auch mit „bedeutungsvoll, wichtig für die Geschichte“ erklärt. Diese Adelung macht den Begriff in diesem Kontext nicht korrekt, sondern zeigt lediglich, dass er einerseits sehr häufig (falsch) genutzt wird. Andererseits scheint es keinem mehr aufzufallen, was dort schief hängt und fehlt. Ein in der Vergangenheit liegendes Ereignis ist immer historisch, da es Geschichte ist. Interessanter ist hingegen, ob es wegen bestimmter Merkmale historisch bedeutend oder wichtig ist oder ob etwas erstmalig stattgefunden hat. Es fehlt also häufig die Erklärung, worum es konkret geht.

 

Historisch ist nebenbei auch die kleine Schwester der ungewissen Zukunft, denn die Zukunft ist bekanntlich stets, selbst bei der besten Planung, ungewiss. Beide Adjektive können meist ausgelassen werden, weil sie keine neuen Informationen anbieten. 

 

Als vor ein paar Jahren beispielsweise der Papst in die Vereinigten Arabischen Emirate reiste, wurde getitelt: „Papst Franziskus beginnt historischen Besuch.“ Zur Einordnung besser wäre gewesen: „Papst besucht erstmals Vereinigte Arabische Emirate.“ Das Juventus-Beispiel zeigt übrigens gut auf, dass „historisch“ nicht mit erstmalig oder einmalig gleichgesetzt werden kann. 

 

Wie sich Floskeln und Phrasen im Journalismus ausbreiten, machen Sebastian Pertsch und Udo Stiehl mit der sprach- und medienkritischen Floskelwolke sichtbar. Hier stellen sie Begriffe oder Formulierungen vor, mit denen KollegInnen besonders häufig danebenliegen.

 

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