FLOSKEL DES MONATS

scharfe Kritik

29.10.2021

Im Deutschen gibt es eine erstaunlich lange Liste an Wortverbindungen, die wie verhext miteinander verknüpft sind und sich auch als Floskeln und Phrasen im Journalismus breitmachen. Vornehmlich Adjektive, manchmal Verben in Verbindung mit einem Substantiv. Die scharfe Kritik, die geäußert wird, gehört genauso dazu, wie das verheerende Erdbeben, wobei wir schon bei der nächsten Problematik sind: Würde eine Kritik nicht scharf und ein Erdbeben nicht verheerend – also beide im Sinne von besonders stark – sein, würden sie als Meldung vermutlich nur selten in Nachrichtenmedien auftauchen, weshalb die Zusätze im Umkehrschluss gerne auch ausgelassen werden können.

 

Ist man nur auf einem Weg? Nein, stets auf einem guten Weg! Geld wird nicht ins Portemonnaie gelegt, sondern gleich in die Hand genommen, manchmal auch in die Kassen gespült. Handschellen können wohl auch nichts anderes als zu klicken. Eine Lage hat die unangenehme Aufgabe, nur eskalieren zu dürfen, und Luft gibt es immer nur nach oben – nie zur Seite oder nach unten, oder nach vorne oder hinten. Vermutlich entsprangen diese Gedanken einem klugen Kopf.

 

Einher mit den festgebrannten Wortverbindungen geht der unangenehme Trend, aus allen Themen einen Superlativ zu fabrizieren oder zumindest mit Adjektiven den Turbo einzuschalten, um – zumindest scheinbar – überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Das schaukelt sich bis ins Maßlose hoch. Ein Mord allein ist nicht schrecklich genug, weshalb er mit brutal und furchtbar geschmückt wird. Kosten steigen nicht. Nein, sie explodieren! Wobei dann die Preise doch billiger werden müssten, oder? Ein Regen verliert an Bedeutung, wenn er nicht gleich strömend oder sintflutartig ist. Und das Wetter spielt, nun ja, verrückt. Wo wir schon bei ableistischer Sprache sind:

 

Das Projekt leidmedien.de der Sozialheld*innen greift ebenfalls passende Konstrukte wie leidet an Behinderung, leidet an Downsyndrom oder leidet an Autismus auf, die scheinbar hart wie Kruppstahl verschmolzen scheinen. Das "leidet an" kann wahlweise auch mit "trotz" ersetzt werden und birgt ebenfalls Gefahren. Immerhin tauchen mittlerweile unsägliche Verbindungen wie an den Rollstuhl gekettet oder an den Rollstuhl gefesselt seltener in Nachrichten auf.

 

Besonders lesenswert ist übrigens das Duden-Büchlein "Wilde Jahre, kühne Träume" von Hans Hütt, das viele Beispiele für Wortverbindungen aufgreift. Auch die Hintergründe aus sprachwissenschaftlicher und historischer Sicht werden leicht verständlich und mit zahlreichen Beispielen aus Nachrichtenmedien erklärt. Ein Fest. Nein, ein besonderes Fest!

 

Wie sich Floskeln und Phrasen im Journalismus ausbreiten, machen Sebastian Pertsch und Udo Stiehl mit der sprach- und medienkritischen Floskelwolke sichtbar. Hier stellen sie Begriffe oder Formulierungen vor, mit denen KollegInnen besonders häufig danebenliegen.

 

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