Floskel des Monats

Überfremdung

13.12.2021

Die sogenannte „Überfremdung“ in einem Einwanderungsland wie Deutschland ist nichts anderes als die Forderung nach „Deutschland den Deutschen“, wie es die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) formuliert. Oder globaler und etwas perfider betrachtet: Ethnopluralismus, der Ähnliches noch besser verschleiert und den zerstörenden Diskurs auf ein akademisches Level heben will. Getreu dem nationalistischen Denkmuster: Jede:r bitte schön für sich, aber keine Durchmischung. Eine laut BpB weitere und jahrzehntealte These der vermeintlichen „Überfremdung“ ist die angeblich „systematische Ausrottung des eigenen Volkes“ durch den Staat selbst. Ein bei näherer Betrachtung zutiefst rassistischer Gedanke, der zudem völlig im Widerspruch zur Wahrheit und entsprechend auch zur Diversität steht, die unsere Gesellschaft auszeichnet.

Einst ausschließlich von Rechtsextremen formuliert, werden diese und weitere Begriffe heute von Rechtsradikalen und anderen Rechtskonservativen mitunter erfolgreich in die Gesellschaft einmassiert. Widerspruch gibt es zu selten. Eine Hetze im scheinbar harmlosen Gewand, die – immer noch und immer wieder – auch verstärkt aus der sogenannten Mitte reproduziert wird. Die viel zitierte „Grenze des Sagbaren“ wurde schon oft von demokratisch gewählten undemokratisch gesinnten Abgeordneten in den Parlamenten überschritten.

Der laut Duden „abwertende“ Begriff „Überfremdung“, so zeigt es auch das Zeitungskorpus des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache, folgt seit Ende des Zweiten Weltkriegs einer gewissen Routine. Die Peaks in der Verlaufskurve zeigen es deutlich: Unmittelbar in den Nachkriegsjahren, verstärkt während der Gastarbeiter-Jahre bis zum Anwerbestopp ausländischer Arbeitnehmer:innen im Jahr 1973, dann nach der Wende samt Ende der Sowjetunion und während der sogenannten Flüchtlingskrise vor ein paar Jahren wurde „Überfremdung“ besonders häufig erwähnt und von Medien weitergetragen.

Wäre der Begriff ein Shopping-Artikel, hieße es wohl: Personen, die dieses Wort verwendet haben, nutzten auch die Kampfbegriffe Asylindustrie, das Boot ist voll, Einfallsrouten, Flüchtlingswelle, Lügenpresse, Passdeutsche und raumfremde Menschen.

 

Wie sich Floskeln und Phrasen im Journalismus ausbreiten, machen Sebastian Pertsch und Udo Stiehl mit der sprach- und medienkritischen Floskelwolke sichtbar. Hier stellen sie Begriffe oder Formulierungen vor, mit denen KollegInnen besonders häufig danebenliegen.

 

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