Floskel des Monats

Zukunftskoalition

24.11.2021

Das Superwahljahr hat seinen Höhepunkt hinter sich: Die Bundestagswahl ist durch und liegt nun – wer hätte es gedacht – in der Vergangenheit. Gegenwärtig geht es schon wieder um die Zukunft, die im Wahlkampf als Begriff so arg strapaziert wurde. Das an sich ist nicht neu. Aber so konsequent wie in diesem Jahr wurde mit der Zukunft nur selten sprachlich jongliert. Spektakulär waren die Versuche, dabei alle Sprechblasen in der Luft zu halten: Aus einer schier unendlichen Liste, was alles zukunftssicher, zukunftsfest oder zukunftsfähig im bevorstehenden Modernisierungsjahrzehnt gemacht werden müsse, destillierten die Strategen ein Wahlprogramm, das natürlich Zukunftsprogramm heißen musste.

 

Ein Zukunftsprogramm braucht entsprechendes Personal, weshalb flugs ein Wahlkampfteam gebildet wurde. Verzeihung, ein Zukunftsteam. Das brachte weitere, irgendwie zukunftsträchtige Worthülsen in die Umlaufbahn der Jonglage, um im Bild zu bleiben. Das Modernisierungsjahrzehnt hieß nun synonym auch Entfesselungsjahrzehnt. Noch eine Prise aus dem Digitalisierungsstreuer drauf, schon sollte der Staat ein Update erhalten und zudem ein digitaler Turbo gezündet werden.

 

Dann kam das Wahlergebnis für die Union. Von Zukunftsergebnis war zwar nicht die Rede, stattdessen warf der Wahlverlierer noch einen weiteren Ball in die heiße Luft des Abends: Stardesigner Laschet kreierte die Zukunftskoalition. Sein fleißiger Sekretär des Generellen hatte die Wortschöpfung schon testweise in seine Statements eingebaut. Das konnte die SPD wiederum nicht so stehen lassen und ließ sich ebenfalls zu einem Verbalwurf hinreißen: Die Sozialdemokraten strebten mit Grünen und FDP eine Fortschrittskoalition an, wurde verbreitet.

 

Es ist nicht die Geschichte des traurigen Clowns. Dies ist die Geschichte des traurigen Jongleurs. Der waren nämlich wir. Kaum ein Medium konnte von den Luftblasen lassen, die da kreisten. Im Gegenteil, sie wurden begierig aufgenommen und weiterverbreitet. Warum? Vielleicht ist es die Macht der Gewohnheit, hoffentlich jedoch nicht die journalistische Zukunft. Ein Begriff übrigens fehlte uns am Schluss dann doch und den schenken wir Ihnen zur freien Verwendung: Die Zukunftsopposition.

 

Wie sich Floskeln und Phrasen im Journalismus ausbreiten, machen Sebastian Pertsch und Udo Stiehl mit der sprach- und medienkritischen Floskelwolke sichtbar. Hier stellen sie Begriffe oder Formulierungen vor, mit denen KollegInnen besonders häufig danebenliegen.

 

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