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09. Juni 2020

Floskel des Monats

Achterbahnfahrt

Das Fahrgeschäft auf Volksfesten und in Vergnügungsparks ist jedem bekannt. Und das Bild wirkt zunächst stimmig: Eine Achterbahn des Lebens oder der Gefühle – der Duden spricht vom "Schwanken zwischen Extremen". Ein häufiges Auf und Ab in einer Biografie. Das erinnert schnell an die Graphen im Koordinatensystem – denn auch die Kurvendiskussion im Matheunterricht hat gemischte Gefühle bei uns hinterlassen. Also, eigentlich perfekt.

Eigentlich! Denn letztlich hängt auch dieses Bild wieder etwas schief. Richtung Hochpunkt des Fahrgeschäfts steigen Lust und Nervenkitzel – und Glückshormone werden ausgestoßen. Am Tiefpunkt wiederum angelangt sind die Wagen besonders schnell. Sie springen nicht aus den Schienen, die Fahrgäste sterben keine tausend Tode, und sie sind weder gelangweilt noch traurig. Im Gegenteil!

Am Ende der Reise kommen die Passagiere (fast) immer glücklich, gesund und behütet an. Das Vergnügen und der Spaß überwiegen – und diese Emotionen halten während der Fahrt durchgängig an. Die übertragene Bedeutung passt also weniger als anfangs vermutet – zumindest, wenn auch die negativen Seiten von Belang sein sollen.

Bemerkenswert ist, dass Achterbahn und Achterbahnfahrt als Metapher erst rund um die Jahrtausendwende ins Rollen kamen, wie das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) grafisch veranschaulicht. Im zeitlich ähnlichen Rahmen fielen die beiden auch bei Reden im Deutschen Bundestag. Weshalb? Als im März 2000 die „Dotcom-Blase“ platzte, gingen die Aktien auf Talfahrt und die Achterbahn(fahrt) kam in Schwung.

Heutzutage wird das Sprachbild noch in zwei redaktionellen Bereichen liebevoll gepflegt: im Klatsch und Tratsch der Boulevardmedien – und in den Börsennachrichten.

Wie sich Floskeln und Phrasen im Journalismus ausbreiten, machen Sebastian Pertsch und Udo Stiehl mit der sprach- und medienkritischen Floskelwolke sichtbar. Hier stellen sie Begriffe oder Formulierungen vor, mit denen KollegInnen besonders häufig danebenliegen.