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01. Dezember 2017

Floskel des Monats

Das Thermometer fällt

Ja, es ist winterlich am Ende des Herbstes, und auch in diesem Jahr werden völlig unerwartet und überraschend kalte Temperaturen gemessen, die natürlich gar nicht kalt sein können. Aber auch bei korrekt niedrigen Temperaturen geht in den Redaktionen leider traditionell wieder einiges zu Bruch: Nicht nur der Stil fällt, sondern auch das Thermometer – und dann ist es kaputt. Die Messgeräteindustrie freut sich über steigenden Umsatz, und die Leser fürchten sich vor Russenpeitschen, die sich als kurzfristig waagerecht fallende Regenschauer mit Nordostwind herausstellen. Zwischenzeitlich steigt das Thermometer wie von Zauberhand. Auch Astro-TV weiß da nicht weiter.

Das Wetter hat tatsächlich eine magische Wirkung auf Redaktionen. Manche Nachrichtensender wüssten vermutlich nicht einmal, was sie noch zu senden hätten, gäbe es das Wetter nicht: Eisblumig formuliert, mit wolkigen Sprachbildern verziert und stets um praktische Lebenshilfe bemüht, werden uns Regenschirm und Mütze empfohlen. Ab Windstärke 7 gerne mit dem Zusatz, einen Parapluie der stabileren Art zu wählen und die Kopfbedeckung tief ins Gesicht zu ziehen. In Österreich dürfte dies angesichts des seit 1. Oktober geltenden „Vermummungsverbotes“ erstmals sogar Juristen ins Wetterstudio befördern.

Zuletzt darf bei fallenden Thermometern – Verzeihung, Temperaturen – die ewige Warnung nicht fehlen: Achtung, es kann glatt werden! Sie verkommt rasch zur Phrase. Nichts gegen solche Hinweise bei wirklich gefährlichen Entwicklungen, aber: Wer nahezu täglich oder sogar stündlich Leser, Hörer und Zuschauer für so unmündig hält, dass sie ohne diesen Tipp nicht vor die Tür gelassen werden dürften, bewirkt das Gegenteil. Die Warnung verpufft ob ihrer ständigen Wiederholung ohne relevanten Anlass. Tritt dann der Ernstfall ein, und es besteht tatsächlich Gefahr für Leib und Leben, besteht das Risiko vor allem darin, dass die Reaktion auf die diesmal lebenswichtige Warnung lautet: „Jaja, sagt ihr ja dauernd!“ Der Schaden, den Redaktionen auf diese Weise anrichten, ist so immens, dass ein gefallenes Thermometer noch das kleinste Übel ist.

Für den journalist analysiert das sprach- und medienkritische Webprojekt Floskelwolke.de von Sebastian Pertsch und Udo Stiehl in jeder Ausgabe eine Floskel oder Phrase, mit der Journalisten im Monat zuvor besonders häufig danebenlagen.