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15. Juni 2020

Konstruktiver Journalismus

Lust auf Lösungen

Der "konstruktive Journalismus" will ein vollständiges, lösungsorientiertes Bild der Wirklichkeit vermitteln. Gerade in Corona-Zeiten eine Chance? Der journalist erläutert exklusiv die Ergebnisse einer aktuellen Studie. Von Leif Kramp und Stephan Weichert

Stephan Weichert (l.) und Leif Kramp (Foto: Jörg Wagner)

Die Sehnsucht ist in diesen Zeiten besonders groß: nach Freiheit, sozialer Gerechtigkeit, Verhältnismäßigkeit, Sinnhaftigkeit – und nach guten Nachrichten. Das Schöne ist: Inmitten der Corona-Krise haben Journalistinnen und Journalisten die Chance, ihre Prioritäten neu zu setzen und sich zu fragen: Welche Verantwortung tragen wir, indem wir durch die Tonalität unserer Berichterstattung eine negativ eingefärbte Sicht der Realität konstruieren? Wie viel Bad News ist den Nutzern zuzumuten? Kann diese pandemische Zäsur ein Wake-up-Call für einen Neuanfang der Branche sein?

Schon jetzt ist klar, dass die Krise einen nachhaltigen Effekt hat: Sie wirkt transformativ und katalytisch zugleich. Sie verstärkt Konflikte und drückt auf wunde Punkte. Verdrängte Probleme ploppen wieder auf, und strukturelle Herausforderungen werden umso dringlicher. Der tiefgreifende Wandel ist im gesamten Medienspektrum plötzlich spürbarer, an vielen Stellen sichtbarer geworden. Nicht nur im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit und Systemrelevanz der Medien wird der Krisenmodus zur Belastungsprobe: Angeschlagene Finanzierungsmodelle und die prekären Arbeitsverhältnisse freier Journalisten stehen ebenso auf dem Prüfstand wie die hasserfüllten Nutzerdialoge im Netz, aber auch das Wertesystem des Journalismus per se.

Publizistischer Auftrag

Die Krise ist zur neuen Normalität geworden. Einen Weg zurück in die behagliche Medien-Kommodität wird es so schnell nicht geben. Und das muss keine schlechte Sache sein, wenn der Journalismus in einer Phase der Unsicherheiten dazu genötigt wird, seinen publizistischen Auftrag und die eigenen ethischen Ansprüche kritisch zu hinterfragen. In der Krise aber greift derweil die Tendenz zur Bedrohungsinszenierung und polarisierenden Stimmungsmache um sich: Statt einer besonnenen Berichterstattung werden soziale Spannungen und Empörungswellen als absolut präsentiert. Die unkontrollierte Nachrichtenverbreitung über soziale Medien macht daraus nicht zuletzt Verschwörungstheorien, Propaganda, Falschmeldungen.

 

"Konstruktive Geschichten zu publizieren, ist in der DNS des Journalismus im Grunde mit angelegt."

 

Immerhin, viele Redaktionen und einzelne Journalisten versuchen, nicht in die düsteren Schwanengesänge einzustimmen. Sie erweitern die problemfixierte Berichterstattung über den Verlauf der Corona-Krise um konstruktive Ansätze – und reizen damit teilweise ihren Auftrag bis an die Grenzen des Aktivismus aus. So hat die Hamburger Morgenpost (Mopo) nach dem Do-it-yourself-Prinzip kurzerhand „Das Hamburger Wir“ erfunden. Die Initiative soll ein „Mittel gegen die Angst“ sein und den Zusammenhalt fördern. Unter dem Slogan bündelt die Mopo konstruktive Lösungsgeschichten, die für Solidarität und das Miteinander in der Hansestadt stehen. Als „ganz konkrete Hilfe“ hat sich die Redaktion den „Corona-Soli“ ausgedacht: Fünf Wochen lang kamen „die Erlöse aus 10 Cent vom Verkaufspreis“ jeder Mopo-Ausgabe Hamburger Hilfseinrichtungen zugute.

Auch andere Medienhäuser sind aktiv: So hat Focus Online unter der Rubrik „Perspektiven“ schon vor längerer Zeit den „Gute-Nachrichten-Ticker“ eingeführt. Die Redaktion von Zeit Online betreibt mit dem „Slowblog der guten Nachrichten“ seit Neuestem ein Live-Blog, das in loser Folge Positivgeschichten bündelt. Das Magazin Enorm startete ebenfalls einen Ticker für „Gute Nachrichten in der Corona-Krise“. Und die Tagesthemen porträtieren Lkw-Fahrer, Erntehelfer und Polizisten, die normalerweise nicht im Mittelpunkt stehen, in einer Mini-Serie auf dem Bildschirm und im Netz als prominente „Held*innen des Alltags“.

Neben den Schattenseiten auch jeweils die Sonnenseite einzufangen, um dabei ein möglichst vollständiges Abbild der Wirklichkeit zu vermitteln – darin sehen inzwischen offenbar viele Journalisten gerade in Krisenzeiten ihre Chance. Vor dem Hintergrund des medialen Umgangs mit Corona bietet eine konstruktive und lösungsorientierte Berichterstattung ein enormes Potenzial. Wir haben uns in den vergangenen Monaten dazu vorhandene Konzepte genauer angesehen und analysiert. Intensive Gespräche – sogenannte Leitfaden-Interviews – mit zwölf Expertinnen und Experten in diesem Feld, darunter Tina Rosenberg (USA) und Ulrik Haagerup (Dänemark), lassen darauf schließen, dass die neuen Paradigmen zahlreiche strukturelle und ideologische Neuerungen für den praktischen Journalismus und sein Selbstverständnis bereithalten.

Platz schaffen für Lösungen

Die Ergebnisse unserer Studie zum konstruktiven Journalismus sind: Redaktionen in ganz Deutschland schaffen Platz für Lösungen zu den großen Problemen der Gegenwart – ohne dabei ihr Grundprinzip zu opfern, kritische Öffentlichkeit herzustellen. Von Hamburg bis München wird mit konstruktiven Ansätzen so viel experimentiert wie nie zuvor, auch weil viele Redaktionen inzwischen wissen, dass ihnen die Nutzer abspringen, wenn sie in einer Endlosschleife mit negativen Nachrichten zugeschüttet werden. Und eine deprimierte Leser- oder Zuschauerschaft ist keine, die sonderlich loyal und zahlungswillig ist, wie sich inzwischen unter Medienmachern herumgesprochen hat. Wir stellten in den Interviews jedoch fest, dass die gelebte Praxis konstruktiver und lösungsorientierter Nachrichten von einer Etablierung noch weit entfernt ist – zumindest in Deutschland. Aus Sicht der Gesprächspartnerinnen sind die Suchbewegungen von Einzelnen getrieben, das Thema wird in den Redaktionen eher punktuell als konsistent platziert.

Die aktuellen Herausforderungen reichen von einer konkreten Ausflaggung konstruktiver Formate, über diverse Grenzerfahrungen mit aktivistischem Einschlag bis hin zum Ressourcenmangel, der in der Nach-Corona-Hochphase sicherlich nicht besser wird. Anders gesagt: Häufig gehen die Bemühungen um eine lösungsorientiertere Sicht im Tagesgeschäft schlicht unter.

Dennoch werden, durchaus mit anderem Grundanstrich versehen, hingebungsvoll vielfältige Varianten vorangetrieben – ob Events, Podcasts, exklusive Social-Media-Gruppen oder „Street Debates“. Es gibt, so lässt sich zusammenfassen, unzählige Nuancen, aber noch deutet die explizite Rubrizierung lösungsorientierter Inhalte auf eine Ghettoisierung im publizistischen Angebot hin. Und das widerspricht der Denkhaltung, die die populäre Haagerup- oder Rosenberg-Schule propagiert. Denn wer glaubt, dass es sich bei „Constructive Journalism“ und „Solutions Journalism“ um die Verbreitung positiver Nachrichten, also Happy News, handelt, verdreht deren Anliegen.

Es geht um nichts weniger als eine Gegenbewegung im Journalismus, die sich gegen Verkürzungen, Dekontextualisierung und Perspektivenlosigkeit im Nachrichtengeschäft formiert. Die Protagonisten wollen sich kein einfaches Leben machen, sondern sind vielmehr bereit, die letzte Meile zu gehen – indem sie zur Anprangerung von Missständen zusätzlich nach Lösungen suchen. Das Gegengift gegen die verbreitete Krisenhysterie und den Negativismus in den Medien ist vor allem eines: aufwendig, kostspielig und rechercheintensiv.

Anderer Blickwinkel

So verwundert es nicht, dass die befragten Redaktionsverantwortlichen in ihrer beneidenswerten Beharrlichkeit, konstruktive und lösungsorientierte Ansätze in ihren redaktionellen Workflow zu integrieren, im Grunde alle in eine ähnliche Richtung zielen: Sie streben nach einer nachhaltigeren und ausgewogeneren Berichterstattung. Dies geschieht nach keinem standardisierten Schema, auch fehlt es bisher an einer in sich geschlossenen Systematik.

Erste Erfahrungen in ausgewählten Redaktionen zeigen jedoch, dass sich weder journalistische Recherche noch Darstellungsformen großartig verändern müssen, um derlei Ansätze zu entwickeln. Was sich wandeln muss, ist eher der Blickwinkel auf bestimmte Themen, der Fokus auf das Geschehen, der nicht allein die Sensation, den Skandal oder eben die Krise als berichtenswert ansieht. Im konstruktiven Lösungsjournalismus finden vielmehr perspektivische, also auf das „Wie geht es weiter?“ gerichtete Aspekte eine stärkere Beachtung.

 

"Diese Krise hat einen nachhaltigen Effekt: Sie wirkt transformativ und katalytisch zugleich. Sie verstärkt Konflikte und drückt auf wunde Punkte."

 

 

Vorteilhaft für den Journalismus ist auch, dass Reichweite, Verweildauer, Leserbindung oder Sharing-Rate in sozialen Netzwerken dabei tendenziell höher liegen als bei Problemgeschichten. Überhaupt scheint der höhere Partizipationsgrad der Grund zu sein, warum sich Redaktionen auf das Konstruktive einlassen. Viele Befragte schauen insbesondere auf die jungen Zielgruppen und hoffen, dass Lösungsgeschichten bei diesen Alterskohorten gut ankommen.

Der konstruktive beziehungsweise lösungsorientierte Journalismus ist nach gängigem Rollenselbstverständnis in diesem speziellen Segment weder Heldenverehrung noch Helfersyndrom. Eher trifft die Charakterisierung einer „Ermöglicherin“ zu: Konstruktive Geschichten zu publizieren, ist in der DNS des Journalismus im Grunde mit angelegt – wenn man das Ideal von der journalistischen Wächterfunktion aufbricht und um das Element einer Wegweiser-Funktion ergänzt.

Es gibt in den Reihen der Befragten den Wunsch, bestehende Aktivitäten in Deutschland zu bündeln und zu verstetigen. Insbesondere unter dem Eindruck der Corona-Pandemie sind jetzt vermehrt Informationen gefordert, die nicht bei Problemanalyse und Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse stehen bleiben, sondern die einen Blick nach vorne wagen. Es muss darum gehen, politische, virologische, kulturelle und wirtschaftliche Risiken abzuwägen und zugleich der Frage nachzugehen, wie es mit unserer Gesellschaft weitergehen kann.

Was das konkret für den Journalismus bedeutet, liegt auf der Hand: Für unsere Gesellschaft geht es vor allem darum, Wagnis, Engagement und Innovation in Einklang zu bringen. Journalismus übernimmt dabei eine systemrelevante Schnittstellenfunktion, indem er genau von diesen weltweit stattfindenden Wagnissen, Engagements und Innovationen berichtet – durchaus mit kritischer Distanz, aber eben vorbildhaft, voraussetzungsvoll und wertschätzend.

Wir erleben gerade ein seltenes Momentum gesellschaftlicher Vergemeinschaftung, in dem die Mitwirkung des Publikums zentral ist, um konstruktive Visionen im Spagat zwischen Tradition und digitaler Moderne zu verwirklichen. Auch und gerade in der Corona-Krise.

Leif Kramp ist Forschungskoordinator des Zentrums für Medien, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI) der Universität Bremen und forscht und lehrt vor allem zur Transformation des Journalismus in Zeiten tiefgreifender Mediatisierung;

Stephan Weichert ist Mitgründer des Thinktanks Vocer.org. Er lehrt unter anderem an der Universität der Künste in Berlin und war Gründungsdirektor des journalistischen Weiterbildungsprogramms Digital Journalism Fellowship.

Konstruktiver Journalismus

Das dänische Constructive Institute definiert konstruktiven Journalismus als einen „Ansatz, der dem Publikum ein ausgewogenes und kontextualisiertes Bild der Welt vermitteln soll.“ Der Ansatz soll:

  1. gute journalistische Stücke mit einer Lösungsorientierung inspirieren, lehrreich und für das Publikum auf unterschiedliche Kontexte übertragbar sein – um zu zeigen, dass Lösungen skalierbar sind,
  2. mittels Nuancenreichtum in guten journalistischen Beiträgen gewährleisten, dass die Welt nicht als eine der Ex-treme beschrieben wird, geteilt in schwarz und weiß, sondern als Spektrum von Grautönen, und
  3. mittels guter journalistischer Beiträge auch Debatten auf allen Ebenen der Bevölkerung anstoßen, bei denen nicht die Eskalation im Vordergrund steht, sondern Kompromisse verhandelt werden können.

 

Die Studie

Wir haben mit erfahrenen Journalistinnen und Journalisten über die Schwierigkeiten einer Implementierung konstruktiver und lösungsorientierter Formate im Redaktionsalltag gesprochen, aber auch über Qualifizierungsangebote in Aus- und Weiterbildung sowie eine mögliche Zusammenarbeit der versprengten Initiativen und Akteure. Wir wollten wissen, was sich verändern muss, um konstruktiven Journalismus erfolgreich in die Praxis umzusetzen.
„Nachrichten mit Perspektive“: Otto-Brenner-Stiftung, Frankfurt am Main: Mai 2020