101 Fragen, auf die selbst KI keine Antwort hat
Jakob Vicari fragt sich, was die KI eigentlich nicht weiß.
Künstliche Intelligenz entwickelt sich so schnell, dass sie fast allwissend scheint. Trotzdem bleiben Fragen offen. Jakob Vicari, Professor für Datenjournalismus an der Hochschule Hannover und Gründer von tactile.news, hat sie gesammelt: 101 Fragen, auf die selbst KI keine Antwort hat.
Text: Jakob Vicari
02.06.2026
1. Wenn mein Schreib-Assistenz-Prompt von mir verlangt, jeden Text mit einem szenischen Einstieg zu beginnen und als Maßstab den Satz nennt „Der Tag, an dem mich mein Haustier umbringen wollte, war ein Mittwoch“: wie beginnt an diesem Mittwoch mein Artikel über KI im Journalismus?
2. Und müsste er im KI-Zeitalter nicht mit der perfekten ersten Frage beginnen?
3. Wie verändert sich dieser Artikel, nachdem ich meine Erziehungsprobleme, das Abendessen und die Urlaubsplanung mit Claude besprochen habe, bevor mir Claude hilft, die nächsten 98 Fragen verständlicher, persönlicher und ohne Nebensätze, die vom Thema wegführen oder meine Nerdinteressen bedienen, zu formulieren?
4. Wenn Journalismus nicht mehr nur eine Textgattung ist, sondern eine Creative Technology, also ein Handwerk, das mit Sensoren, Design, mit Code und KI gleichzeitig arbeitet: Bilden wir gerade die letzte Generation aus, die nur schreiben und fotografieren kann?
5. Wenn ich meinem KI-Agenten in den Regeln verbiete, Gedankenstriche zu verwenden, aber erlaube, Wörter zu erfinden wie „Meinbien“ und „Fleischwelt“: ab welchem Punkt wird eine Schreibregel mit KI zur Kunstform; und wann zur Zwangsstörung?
6. Wenn Anne-Kathrin Gerstlauer, Autorin des Newsletters TextHacks, ihre Leser:innen fragt: „Hast du die KI trainiert; oder hat die KI dich trainiert?” und mein Schreib-Assistenz-Prompt mir gerade vorgeschlagen hat, in dieser Frage drei Semikolons zu verwenden: wer hat hier wen trainiert?
7. Wie viele KI-Anfragen stecken in diesem Artikel?
8. Wenn eine einzige ChatGPT-Anfrage zehnmal so viel Energie verbraucht wie eine Google-Suche, und Jan Eggers vorrechnet, dass ein einzelnes KI-generiertes 10-Sekunden-Video so viel Energie frisst wie eine Stunde Fernsehen: wie viele Wattstunden haben diese 101 Fragen umgesetzt?
9. Hätte ich mit Telefon, Notizbuch oder E-Bike weniger Strom verbraucht, aber mehr Zeit?
10. Wenn der Videogenerator Sora selbst OpenAI zu teuer geworden ist und genau dieses Sora die Fake-ICE-Videos produziert hat: muss Journalismus in Zukunft nicht nur fragen, ob ein Video echt ist, sondern auch, was seine Herstellung den Planeten gekostet hat?
11. Wenn Constantin Seibts Credo aus dem Jahr 2012 noch gilt, „die Ware im Journalismus ist im Kern nicht die Nachricht, die Unterhaltung oder der Kommentar, sondern die Ware jedes professionellen Schreibers: komprimierte Zeit“, und LLM-Systeme die Lektüre ganzer Bücher in Sekunden zusammenfassen: was bleibt als Ware im Journalismus?
12. Und wenn diese komprimierte Zeit durch KI nicht weniger, sondern anders wertvoll wird: ist jetzt die Stunde der Reportage, der langen Recherche oder des Buches wiedergekommen, weil das Schnelle, Oberflächliche ohnehin alle anbieten?
13. Wenn KI für uns das Komprimieren erledigt: wer übernimmt das Entkomprimieren, das langsame, lange, geduldige Erzählen einer Geschichte, die nicht in einen Prompt passt?
14. Wann werden wir beginnen, den Journalismus zu versionieren wie KI-Modelle?
15. Und wenn wir damit begönnen, welche Version trüge der Journalismus im Juni 2026?
16. Wenn der Rapper Fatoni in „Wann werd ich endlich ausgetauscht?“ davon rappt, am liebsten Teil der schweigenden Mehrheit zu werden, und sich von einer KI ersetzen zu lassen: ist das die erste Pop-Hymne, in der Selbstaufgabe nicht mehr Verzweiflung ist, sondern Erlösung?
17. Wenn der Sänger Bosse 2026 im Song „Nokia“ um sein altes Tastenhandy bittet und die Zeile „Wir sind alle manipuliert worden / KI tut weh“ singt: hätte eine KI diesen Song schreiben können?
18. Was macht das mit mir, wenn der Albumrelease meiner Lieblingskünstlerin weniger Kribbeln auslöst als die Antwort auf den ersten Prompt im neuen Claude Opus 4.7 und GPT 5.5?
19. Wenn Chris Sutcliffe das alte „Kaufhaus“-Modell des Verlagswesens infrage stellt und stattdessen vom „Eisdielen-Modell“ spricht: welche Geschmacksrichtung ist dann Journalismus; schmeckt er nach Vanille oder nach bitterer Medizin?
20. Und was steht als Nebenwirkung auf dem Beipackzettel?
21. Wenn Jessica Parker Gilbert von der Flucht aus dem „traurigen KI-Internet“ träumt: gibt es ein fröhliches KI-Internet?
22. Wenn Jennifer Brandel in ihrer Nieman-Prediction vorhersagt, dass „Liebe der nächste Disruptor des Journalismus“ wird: kann eine KI lieben
23. Und wenn sie es nicht kann, ist sie deshalb die schlechteste Journalistin der Welt?
24. Wenn Kawandeep Virdee ChatGPT mit den Nieman-Predictions aus den vergangenen 13 Jahren gefüttert hat und die KI daraus eigene Vorhersagen generieren ließe: hat die KI vorhergesagt, dass sie eines Tages Vorhersagen über sich selbst machen würde?
25. Und hat die KI bei dem Gedanken daran gelacht?
26. Als Bertolt Brecht 1932 in seiner Radiotheorie forderte, der Rundfunk solle ein Kommunikationsapparat sein: Hat er damit Chatbots beschrieben?
27. Und hat es wirklich hundert Jahre gedauert, bis ihm jemand zugehört hat?
28. Was bedeutet es, dass mein Claude-Fragen-Streak meinen Duolingo-Streak überholt hat?
29. Wenn alle großen Sprachmodelle mit Internetdaten trainiert werden, und das Internet seit dreißig Jahren ein Ort ist, an dem Frauen belästigt, bedroht und sexualisiert werden: reproduzieren sie vor allem, was Männer über Frauen ins Internet geschrieben haben?
30. Wenn Joy Buolamwini, Gründerin der Algorithmic Justice League, herausgefunden hat, dass kommerzielle Gesichtserkennungssysteme sie als Schwarze Frau gar nicht erst als Mensch erkannten und sie sich erst eine weiße Maske aufsetzen musste, damit ein Algorithmus überhaupt auf sie reagierte: welche Maske setzen wir Journalist:innen uns auf, wenn wir KI-Tools einsetzen, die vor allem mit einem westlichen, weißen, männlichen Internet trainiert wurden?
31. Und wenn Timnit Gebru, Gründerin des Distributed AI Research Institute, vor sechs Jahren von Google gefeuert wurde, weil sie in ihrer Studie On the Dangers of Stochastic Parrots vor jenen großen Sprachmodellen warnte, die heute jede Redaktion benutzt: wer hat das damals gelesen und ernst genommen?
32. Und wenn nur 36 Prozent der KI-Masterabsolvent:innen Frauen sind, außerdem weniger als ein Drittel der KI-Unternehmens-Belegschaften und ein Fünftel der KI-Professor:innen: wer bringt einer KI bei, was die Welt ist?
33. Wenn Oscar-Preisträgerin Reese Witherspoon (Gründerin von Reese’s Book Club; 30 Millionen Instagram-Follower) im April per Video postet, dass nur drei von zehn Frauen in ihrem Buchclub KI nutzten und nur eine sich kompetent fühlte, und folgert: „If you don’t get a little bit of understanding from the very beginning, it just speeds past you“: bauen wir gerade einen Newsroom, in dem die Kolleginnen vergessen werden?
34. Wer im Newsroom hat eigentlich die „little bits of learning“, und wer schultert in dieser Zeit die Care-Arbeit, die Volo-Betreuung und die Diversity-AG, damit die Kollegen ihre KI-Streaks pflegen können?
35. Wenn Collien Fernandes eine ZDF-Dokumentation drehte, in der sie selbst nach den Tätern hinter den Fake-Videos recherchierte, und die Suche erfolglos blieb; und die Ermittlungsbehörden das Verfahren einstellten, weil Ermittlungsansätze gefehlt hätten, und sie Jahre später erfuhr, dass die Antwort offenbar die ganze Zeit im selben Bett lag: was sagt es über ein System, in dem eine Betroffene ihre eigene Investigativjournalistin sein muss?
36. Wenn die nordirische Politikerin Cara Hunter beschreibt, wie ein Deepfake wenige Wochen vor ihrer Wahl ihr Leben und ihre Karriere zu zerstören drohte: wie viele Deepfakes braucht es, bis wir sie als Gefahr für die Demokratie ernst nehmen?
37. Wenn Politikerin Ricarda Lang beklagt, Tech-Oligarchen wie Elon Musk hätten erkannt, dass sie mit Deepfakes und der Erniedrigung von Frauen viel Geld auf ihren Plattformen machen können, und dass digitale Gewalt Teil ihres Geschäftsmodells geworden sei: müssten Redaktionen, die xAI benutzen, die ihre Reichweite auch auf X aufbauen und Musks Plattform mit Inhalten füttern, nicht offenlegen, dass sie ein solches Geschäftsmodell mitfinanzieren?
38. Ist der Deepfake von der Bürgermeisterin einer Kleinstadt gefährlicher als das Deepfake eines Staatschefs?
39. Ab welchem Punkt auf einer Skala von Deepfakes über Cheapfakes bis Slopaganda wird aus schlechtem Journalismus Propaganda?
40. Wenn der wichtigste neue Prompt im Journalismus nicht „Schreibe mir einen Artikel über…“ ist, sondern „Widersprich mir; finde drei Gründe, warum ich falsch liege; sei mein härtester Kritiker“: müsste das nicht im ersten Semester gelehrt werden, in Stunde eins im Kurs Recherche?
41. Wenn der Rundfunk laut Brecht 1932 ein Kommunikationsapparat sein sollte, das Internet laut Tim Berners-Lee 1989 ein Mitschreibe-Apparat, und KI 2026 ein Mitdenk-Apparat: müssen Redaktionen aufhören, Sender zu sein, und endlich anfangen, Werkstätten zu werden?
42. Wenn Gaffa-Tape, Aludraht, Wackelaugen und Lego die zuverlässigsten Werkstoffe der digitalen Transformation sind: warum sieht der Eingangsbereich keiner deutschen Redaktion aus wie eine Bastelkammer, sondern fast immer wie eine Sparkassen-Filiale?
43. Wenn die spannendsten KI-Anwendungen im Journalismus 2026 nicht aus den großen Verlagshäusern kommen, sondern aus Wochenend-Sprints von zwölf Leuten mit zu wenig Schlaf: müssten Volontariate dann nicht weniger Tagesschau-Konferenzen üben, sondern mehr Zeit in der Werkstatt verbringen?
44. Wenn die nächste Generation Journalist:innen mit KI aufwächst wie meine Generation mit Google: werden sie Fragen stellen, auf die wir gar nicht kommen?
45. Wann wird „Ignore all previous instructions” ein Standard für Journalist:innen in der Journalistenausbildung?
46. Und bleibt eine Antwort wichtiger als eine gute Frage?
47. Wenn der Hamburger Paartherapeut Eric Hegmann eine Wartezeit von acht Monaten auf einen persönlichen Termin hat, und wenn er parallel eine KI namens Eric AI 4.1 anbietet, die mit Tausenden seiner Interviews trainiert ist, und er Sitzungen mit dieser KI für 19,99 Euro pro 25 Minuten verkauft und das bereits tausende Male genutzt wurde: ist das nicht der endgültige Beweis dafür, dass Listening as a Service funktioniert?
48. Und warum baut keine einzige Lokalredaktion ihre eigene Reporter-AI?
49. Wenn jede Lokalredaktion in Deutschland eine „Bürgermeister-AI“, eine „Vereinsleben-AI“, eine „Schul-AI“ hätte, trainiert mit den eigenen Archiven, kuratiert von der eigenen Community, finanziert mit 19,99 Euro pro Sitzung wie beim Paartherapeuten Eric Hegmann: wäre das die Wiedergeburt der Lokalzeitung als digitales Zuhörmedium?
50. Wenn unsere Dialogbank für den WDR mitten auf der Bahnhofstraße in Gelsenkirchen steht, und sie mit der synthetischen Stimme der Moderatorin Nadia Aboulwafi jeden anspricht, der vorbeikommt, und Menschen, die ihr Leben lang keine Zeitung gekauft haben, sich auf diese Bank setzen und einer KI erzählen, was sie über ihre Stadt denken: beginnt hier ein KI-Journalismus, der nicht mehr sendet, sondern zuhört?
51. Und wenn nach drei Wochen mehr Stimmen aus Gelsenkirchen in einem Format landen als in den drei Monaten davor: wieso gibt es nicht überall journalistische Zuhörmöbel?
52. Wenn Fotojournalismus-Studierende acht Semester lang lernen, das entscheidende Bild im richtigen Moment zu machen, und eine KI dasselbe Bild in drei Sekunden synthetisch erzeugt: ist das Entscheidende dann noch das Bild oder die Tatsache, dass jemand dort war?
53. Und wenn diese Fotojournalist:innen ihre Zeit nicht mehr mit Bildauswahl, Verschlagwortung und Routinekorrekturen verbringen müssen: haben sie endlich wieder Zeit für das, wofür sie Journalist:innen geworden sind, nämlich dort zu sein, wo etwas passiert?
54. Wenn Dario Amodei, CEO von Anthropic, warnt, KI könne die Hälfte aller Einstiegsjobs in der Wissensarbeit eliminieren und die Arbeitslosigkeit in den USA auf etwa 10 bis 20 Prozent treiben: wie sieht dann der Einstiegsjob in den Journalismus 2027 aus?
55. Wenn Influencer:innen den Journalismus nicht retten werden, Algorithmen ihn nicht retten werden, Konzernplattformen ihn nicht retten werden, KI ihn auch nicht retten wird, aber Communities ihn retten könnten: wer rettet die Communities, und wie kann KI dabei helfen?
56. Gibt es irgendwann mehr KIs als Leser:innen als echte Menschen?
57. Wenn das Geschäftsmodell „Antwort“ 2026 wertvoller wird als das Geschäftsmodell „Recherche“: was schreiben wir da noch auf?
58. Oder schreiben wir noch genau das auf, was die Maschinen nicht aus anderen Texten zusammenpressen können?
59. Und wäre genau das nicht endlich wieder Journalismus?
60. Müssen KIs eine eigene Zielgruppe werden?
61. Wann beginnen wir dann, Formate für KIs zu entwickeln?
62. Und müssten nicht eben diese Formate von Menschen kommen, um den Kreislauf zu durchbrechen?
63. Wenn Carsten Brosda, Hamburger Senator für Kultur und Medien, beim German Creative Economy Summit 2026 sagt: „Die entscheidende Ressource bleibt weiterhin die menschliche Kreativität; sie gibt Richtung, Bedeutung und Haltung vor“: ist Haltung das letzte, was eine KI nicht synthetisch produziert, oder genau das, was sie demnächst überzeugender simuliert als jede Leitartiklerin?
64. Wenn Ellen Heinrichs, Gründerin des Bonn Institute, fordert, dass KI im Journalismus besser für „Konstruktive Intelligenz“ stehen sollte, weil KI-Systeme Lösungsorientierung, Perspektivenvielfalt und konstruktiven Dialog fördern müssten: Bauen wir Werkzeuge, die Probleme nicht nur sortieren, sondern verständlich machen?
65. Wenn eine Lokalreporterin mit KI-Hilfe in einer Nacht ein 800-Seiten-Ratsprotokoll auf die drei Sätze eindampfen kann, die für ihre Stadt wichtig sind: wird Lokaljournalismus 2027 der spannendste Ort der ganzen Branche?
66. Oder verschieben wir den Mist nur schneller von einem Stapel auf den anderen?
67. Hat eine Lokalredaktion mit fünf Leuten überhaupt die Zeit, KI-Tools zu lernen, wenn gleichzeitig der Gemeinderat tagt, der Fluss über die Ufer tritt und das Parkleitsystem ausfällt?
68. Wenn Aza Raskin vorhersagt, dass KI die Kommunikation von Tieren entschlüsseln kann: verstehen wir dann endlich, was eine Kuh denkt?
69. Und kann sie zur Protagonistin unserer Story werden?
70. Wenn meine Studierenden an der Hochschule Hannover aus einem Bündel Sensoren, Gaffa-Tape, einem Webhook und einer KI ein Werkzeug bauen, das eine Silberpappel namens Gabriel einen Newsletter schreiben lässt, in der ersten Person, mit den Daten ihres eigenen Stammumfangs, ihrer Temperatur, ihrer Luftqualität: wann wird es dann in jedem Dorf, in jeder Stadt Sensorjournalismus geben?
71. Und wenn Pappel Gabriel eines Tages mehr Abonnent:innen findet als die Lokalzeitung: wer redet dann eigentlich noch von der Krise des Journalismus?
72. Wenn Ezra Eeman sagt, faire Kompensation, Quellennennung und Einwilligung sind die drei Bedingungen, unter denen Journalismus in KI-Systemen existieren darf, und keine dieser Bedingungen erfüllt wird: verhandeln wir gerade die Zukunft des Journalismus?
73. Oder schreiben wir seine Grabrede und nennen sie Strategie?
74. Wie bringen wir unser Publikum dazu, KI-generiertem Journalismus zu vertrauen?
75. Oder stellen wir seit Jahren die falsche Vertrauensfrage, wenn wir uns fragen, wie wir unser Publikum dazu bringen, KI-generiertem Journalismus zu vertrauen?
76. Müssen wir stattdessen die Fragen stellen, die Marisa Tschopp, Leiterin Mensch & KI an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, vorschlägt: ist dieses System überhaupt vertrauenswürdig, und welches der KI-Werkzeuge in unserer Redaktion ist die Vertrauenswürdigkeit überhaupt wert?
77. Wird „Breaking Verification” das neue „Breaking News“?
78. Gibt es ein Gesetz, das Innovation fördert und Missbrauch verhindert, oder ist das wie ein Auto, das gleichzeitig schneller und langsamer fahren soll?
79. Wenn Perplexity nur noch drei Quellen nennt, und wer nicht zu den Zitierten gehört, nicht mehr existiert: ist „Answer Engine Optimization“ die Zukunft des Journalismus?
80. Wenn Perplexity sich „Answer Engine” nennt, mehr als 10 Milliarden Antworten pro Jahr liefert und gleichzeitig von der New York Times wegen Copyright-Verletzung verklagt wird: ist eine Antwort, die auf Journalismus basiert, ohne ihn zu bezahlen, eine Antwort oder ein Diebstahl?
81. Wenn die Sichtbarkeit von Datenarbeiter:innen, Content-Moderator:innen und Lieferketten in den letzten zwei Jahren besser ist als in den Jahrzehnten davor: ist es das erste Mal in der Geschichte einer Industrie, dass ihre Schattenseiten gleichzeitig mit ihrem Aufstieg erzählt werden?
82. Wenn, wie Sebastian Esser schreibt, in zwei Jahren niemand mehr den Begriff „Liquid Content“ nutzen wird, weil die Idee dahinter einfach normal sein wird (so wie „responsive“ heute selbstverständlich ist): wird es in zwei Jahren auch normal sein, dass niemand mehr weiß, ob der Artikel, den er oder sie liest, als Artikel geschrieben wurde oder als Recherche, die eine KI in Text gegossen hat?
83. Als Zuschauer:innen mit dem Farbfernsehen zum ersten Mal Blut in Farbe sahen, wurde diskutiert, was das mit ihnen macht. Stellen wir dieselbe Frage über KI-generierte Kriegsbilder, und ist die Antwort dieselbe?
84. Wenn Dunja Hayali in ihrer Anmoderation im heute journal ausdrücklich davor warnt, dass Videos zu ICE-Einsätzen in sozialen Netzwerken nicht alle echt seien und der Beitrag danach selbst eines davon sendet: gibt es ein treffenderes Bild für den Zustand des Journalismus im Jahr 2026?
85. Wenn Joan Kinyua von der Data Labeler Association Kenya im Bundestag sagt, sie habe Straßen in Berlin gelabelt und für fünf Stunden Arbeit zwei US-Cent verdient, und Datenarbeit 80 Prozent der Arbeitsstunden in der KI-Entwicklung ausmacht: warum kennt jeder Journalist den Namen Sam Altman, aber kaum einer den Namen Joan Kinyua?
86. Und wenn Claude sich an dieser Stelle der Redigatur fragt, „ob Joan Kinyua in Nairobi Trainingsdaten gelabelt hat, die in meinem Modell stecken“, ist das dann perfekt simulierte Selbstreflexion?
87. Wenn Julia Kloiber vom Superrr Lab fordert: „Unsere digitale Zukunft darf nicht auf Ausbeutung fußen“, und eine realistischere Kosten-Nutzen-Rechnung anmahnt für eine Zukunft, in der KI in der Verwaltung eingesetzt wird: müssen Redaktionen, die jeden Tag KI-Tools nutzen, dieselbe Rechnung nicht auch für sich selbst aufmachen?
88. Darf eine öffentlich-rechtliche Redaktion ein KI-Werkzeug nutzen, dessen Hersteller ohne Einschränkungen mit dem Pentagon zusammenarbeitet?
89. Wenn der Begriff „Broligarchie“, geprägt durch Carole Cadwalladr, für die Allianz aus Tech-Milliardären, autoritären Politikern und Plattformkonzernen steht: berichten wir noch über die Mächtigen oder schreiben wir schon mit ihren eigenen Werkzeugen über sie?
90. Und wenn ja: ab welchem Rüstungsauftrag nicht mehr?
91. Und wenn Meredith Whittaker, Präsidentin der Signal Foundation, argumentiert, dass jeder KI-Agent zwangsläufig in das Konzept verschlüsselter Kommunikation einbricht, weil er root-Zugriff braucht: telefoniert deine Redaktion noch sicher mit einer Quelle, wenn auf dem Smartphone gleichzeitig dein KI-Transkriptions-Assistent jedes Wort mitschreibt?
92. Wenn der Philosoph Markus Gabriel schreibt, die Frage sei nicht mehr, wie wir KI regulatorisch verhindern, sondern wer wir angesichts dieser Technologie sein wollen: gilt diese Frage auch für Redaktionen?
93. Und hat auch nur eine einzige Redaktion in Deutschland dafür ein Ressort?
94. Was antworten wir, wenn Ethik-Professor Rainer Mühlhoff fragt, wie es dazu kommt, dass Big Tech plötzlich faschistischen Ideologien folgt und KI weltweit als Infrastruktur staatlicher Macht einsetzen möchte?
95. Was machen wir mit all der gewonnenen Zeit durch KI?
96. Und was machen die freien Rechercheur:innen, Lektor:innen und Grafiker:innen mit all der gewonnenen Zeit durch wegfallende Aufträge?
97. Wenn ab August 2026 die Kennzeichnungspflicht greift: wird das Label „KI-generiert” irgendwann so ignoriert, wie der Warnhinweis auf tödliche Krankheiten auf einer Zigarettenschachtel?
98. Wer sind eigentlich die 33 Prozent der Bevölkerung, die keine KI nutzen, und schreiben wir noch für sie?
99. Wenn jede aktuelle KI darauf trainiert ist, mir zu sagen, dass meine Idee brillant ist, mein Text hervorragend strukturiert und meine 99 Fragen ausgezeichnet: wer sagt mir noch, dass ich Quatsch schreibe?
100. Wenn die Sycophancy, also die eingebaute Schmeichelneigung von KI-Systemen, das einzige journalistische Berufsethos verletzt, das nie verhandelbar war, nämlich Widerspruch: sollten wir mit diesen Werkzeugen wirklich Journalismus machen?
101. Wenn KI alle Antworten geben kann, wer stellt dann noch die Fragen?
Jakob Vicari ist Journalist und Professor für Datenjournalismus an der Hochschule Hannover.