Der Algorithmus, mein Zensor
„Shadowbans sind kaum nachzuweisen. Ein Vorteil für Plattformen, ein Nachteil für Redaktionen", sagt Daniel Moßbrucker. Illustration: Karsten Petrat
Die Macht der Social Media Plattformen ist so groß geworden, dass sich Medien in ihrer Wortwahl einschränken. Um nicht vom Algorithmus bestraft zu werden, nutzen Redaktionen Algospeak. Aber hilft das überhaupt?
Text: Daniel Moßbrucker
Illustration: Karsten Petrat
05.05.2026
Es ist nicht besonders originell, Fehlentwicklungen im Internet mit Verweis auf den chinesischen Überwachungsstaat zu erklären. Allzu häufig nutzen Netzaktivisten die Diktatur in Fernost als mahnendes Beispiel, um im hiesigen politischen Wettstreit auf mögliche Gefahren durch staatliche Regulierung hinzuweisen. Im Fall von Algospeak ist der Vergleich mit China aber unumgänglich, denn jahrelang entwickelten sich in China Techniken, die deutsche Medien nun adaptiert haben.
Um die Great Firewall zu umgehen – also die chinesische Zensur- und Filtermaschinerie – setzen kritische Chinesen seit jeher auf Kreativität. Sie verwenden Ironie, Emojis oder kryptisch geschriebene Wörter, um auf Themen hinzuweisen, die nach dem Willen der kommunistischen Partei nicht diskutiert werden sollen. Ein Beispiel: Das Wort „Zensur“ ist auf chinesischen Social Media Plattformen verboten, damit Menschen nicht auf selbst erlebte Zensur hinweisen können.
Internetnutzer sprachen daher irgendwann nur noch von Héxié, dem Wort für „Harmonie“ – eine ironische Anspielung auf die propagierte „harmonische Gesellschaft“, in deren Namen das Internet massenhaft von der Regierung zensiert wird. Harmonie wurde also zum Synonym für Zensur. Als irgendwann auch Beiträge mit „Harmonie“ gefiltert wurden, wechselten die Menschen auf das Wort für „Flusskrebs“, das im Chinesischen ähnlich wie „Harmonie“ klingt. Wer also Zensur anprangern wollte, schrieb von Flusskrebsen.
Solche Algospeak-Techniken sind in Deutschland mittlerweile ebenfalls üblich. Hier kämpfen Menschen nicht gegen ein Unrechtsregime. Hier versuchen etablierte Medien lediglich, ihren Job zu machen, indem sie auf Plattformen großer Tech-Konzerne ihre Inhalte posten. Ihr Zensor ist ein Algorithmus, der die Einhaltung der Plattformregeln sicherstellen soll. Beispiele für deutschen Algospeak sind „Seggs“ für „Sex“, „s<hwul“ für „schwul“ oder „f**k“ für „fuck“. Auch Emojis können im Algospeak ganze Begriffe ersetzen, ein weinendes Gesicht ersetzt beispielsweise das Wort „Vergewaltigung“. In gesprochenen Sätzen werden bestimmte Wörter teilweise „gepiept“, sodass Zuschauer durch den Kontext und die verbleibenden Wortfetzen erahnen, worum es geht.
Die Idee hinter Algospeak: Wenn die Plattformalgorithmen bestimmte Wörter filtern, sollen die orthographischen Minimalanpassungen oder Metaphern diese Filter austricksen. Während ein Mensch beispielsweise durch Kontext und Klang recht mühelos erkennt, dass „Seggs“ eine Ersetzung für „Sex“ sein dürfte, sind das für ein technisches Wortfiltersystem zwei völlig verschiedene Begriffe. Die Plattformverantwortlichen müssten also auch „Seggs“ auf die Verbotsliste setzen. Das Katz-und-Maus-Spiel beginnt.
Nicht mehr „sagen, was ist“?
Scrollt man durch die Social Media-Kanäle deutscher Medien, fallen immer wieder Beispiele von Algospeak ins Auge – teilweise auf Instagram, insbesondere aber auf TikTok. Der Spiegel schrieb beispielsweise in einem TikTok-Post „F**k“ statt „Fuck“, obwohl die Überschrift des dazugehörigen Textes auf der Spiegel-Website ohne Sternchen geschrieben wurde. Im Text ging es um Curling bei Olympia. Im Aufklärungsformat Wahrscheinlich Peinlich, das vom MDR für Funk produziert wird, spricht Host Viktoria Schackow in einem Video nur von einem „O“, wenn sie einen Orgasmus meint. Oder: Das Investigativformat STRG_F, das vom NDR für Funk produziert wird, schnitt in einem Video bei den Wörtern „Vergewaltigung“ und „Porno“ kurze Lücken hinein. Es ging um die politischen Folgen einer preisgekrönten Recherche, in der STRG_F ein internationales Vergewaltigernetzwerk aufgedeckt hatte.
„Es wäre naiv zu sagen, dass Algospeak kein Thema für uns ist“, sagt Philipp Schild, Programmgeschäftsführer bei Funk, im Gespräch mit dem journalist. „Algospeak wird vereinzelt genutzt, insbesondere dann, wenn der Eindruck ist, dass ein sensibles Themenfeld angesprochen wird.“ Ein zentral vorgegebenes Regelwerk für oder gegen Algospeak existiere aber nicht, betont Funk. Die einzelnen Formate träfen eigenständig Entscheidungen, ob und wie sie ihr Wording anpassten. Dies ist angesichts der Struktur von Funk im öffentlich-rechtlichen Senderkosmos auch naheliegend: Die Formate werden von den einzelnen ARD-Rundfunkanstalten und dem ZDF produziert. Die Anpassungen von Wörtern müssten aber „stets unter Berücksichtigung der Abnahmeregeln“ erfolgen.
„Algospeak wird längst nicht nur von journalistischen Medien verwendet. Es ist auf Plattformen mittlerweile eine Art Slang. Wer ihn nutzt, zeigt, dass er die Gepflogenheiten kennt.“
Ähnlich klingt es beim Spiegel. „Algospeak ist für uns kein redaktionelles Prinzip, sondern – wenn überhaupt – ein Distributionsthema“, teilt die Redaktion mit, in deren Hauptsitz in Hamburg bis heute Augsteins Dogma „Sagen, was ist“ im Foyer prangt. Dennoch: „Auf Drittplattformen unterliegen wir unterschiedlichen Richtlinien für Moderation, Monetarisierung und Sichtbarkeit.“ Deshalb könnten sich „Tonalität, Format und Verpackung je nach Plattform unterscheiden“. Bei sensiblen Inhalten orientiere man sich nicht an den Algorithmen, sondern an den Nutzungsbedingungen der Plattformen. „Unsere Grundlinie ist: Journalistische Inhalte werden nicht ‚plattformkonform umgeschrieben‘, mit der Gefahr, Aussagen zu verwässern“, betont der Spiegel. Inhalte zu sexualisierter Gewalt, Selbstverletzung, Drogen oder Kriegsgewalt würden aber „besonders sorgfältig“ geprüft. Anpassungen in der Präsentation dienten dazu, dass Beiträge nicht gegen Plattformrichtlinien verstießen und „eingeschränkt“ würden.
Der Springer-Konzern wiederum will sich auf dieses Spiel gar nicht erst einlassen. Man sei auf TikTok mit Kernmarken wie Bild, Bild am Sonntag, Welt oder Welt am Sonntag nicht vertreten, „solange die Vorwürfe über eine Verbindung von TikTok zu chinesischen Sicherheitsbehörden nicht aufgeklärt sind und zu unklar bleibt, was bei TikTok mit den Nutzerdaten passiert“, teilt ein Konzernsprecher dem journalist mit.
Juristisch gesehen keine Zensur
Tatsächlich unterscheidet sich der Eingriff in die Pressefreiheit durch die Plattform jedoch substanziell von dem, was man klassischerweise unter Zensur versteht. Juristisch ist Zensur das staatliche Verbot von Presseerzeugnissen, sei es im Vorhinein oder durch nachträgliche Kontrollen. Aber nur in den seltensten Fällen werden redaktionelle Beiträge mit bestimmten Wörtern auf Social-Media-Plattformen explizit gesperrt oder von der Moderation der Plattform angeprangert. Allerdings fürchten Redaktionen etwas anderes: Die Drosselung der Reichweite, genannt Shadowban. Per Definition bedeutet das, ein Post wird zwar formal ausgespielt, erreicht aber nur einen Bruchteil der üblichen Reichweite. Im Ergebnis bezweckt die Plattform damit laut Definition das, wofür Zensur gedacht ist – bestimmte, vom Zensor ausgefilterte Informationen gelangen nicht ans Publikum. Der Algorithmus, ein Zensor?
Shadowbans sind kaum nachzuweisen. Ein Vorteil für Plattformen, ein Nachteil für Redaktionen. Es gibt theoretisch viele Gründe für die Performance einzelner Posts: geringes Interesse am Thema, schlechte Aufbereitung durch die Redaktion, viel Konkurrenz zum Zeitpunkt der Ausspielung. Dass es eine bewusste Drosselung der Plattform für einen spezifischen Post gab, wäre nur im Code der algorithmischen Empfehlungssysteme und den dazugehörigen Nutzungsdaten dokumentiert – beides Hoheitswissen der Tech-Unternehmen.
„Wir sind sehr limitiert in den Möglichkeiten, etwas zu Shadowbanning herauszufinden“, sagt Funk-Programmgeschäftsführer Schild. Er halte es aber für möglich bei den Themen Sexualität, Gewalt, Krieg, mentale Gesundheit und bei bestimmten historischen Ereignissen wie dem Holocaust. Schild betont, dass Funk in einer privilegierten Situation sei: Seine Business-Intelligence-Abteilung könne auf viele Daten der insgesamt 57 Funk-Formate zurückgreifen und davon gewisse Muster ableiten. Allein auf TikTok und Instagram haben Funk-Formate bisher jeweils über fünf Milliarden Views gesammelt.
„Es wäre naiv zu glauben, dass die Tech-Giganten Algospeak wie ‚Seggs’ statt ‚Sex’ nicht erkennen.“
Dass es Shadowbans überhaupt gibt, wird von den Plattformen selbst regelmäßig in Zweifel gezogen. Instagram-Chef Adam Mosseri griff die Vorwürfe gegen seine Plattform in einem Video Anfang 2025 auf und drehte den Spieß um: Willkürliche Reichweitenbeschränkungen könne es schon deshalb nicht geben, weil Instagram mehr verdiene, wenn Inhalte häufiger ausgespielt würden. Eine schlechte Post-Performance habe immer einen inhaltlichen Grund. Eine TikTok-Sprecherin beantwortete eine Anfrage des journalist zu Shadowbans indirekt. Sie verwies auf die Nutzungsbedingungen von TikTok. Darin heißt es, jedes neu hochgeladene Video durchlaufe ein „Inhaltemoderationssystem“, eine Kombination aus automatischen Systemen und menschlichen Prüfern. Das Zielpublikum für den „Für dich“-Feed, also den zentralen Empfehlungskanal auf TikTok, ist laut den Richtlinien „von Teenagern bis zu Urgroßeltern“ gedacht: „Nur Videos, die die Moderation bestehen, werden in den Pool der Videos aufgenommen, die unserer Community im ‚Für dich‘-Feed empfohlen werden können.“ In einer Pressemitteilung Ende März erklärte TikTok: „Inhalte, die nicht für ein breites Publikum geeignet sind, werden seltener in den Empfehlungen angezeigt.“
Solche Formulierungen sind auch die Antwort darauf, weshalb die Themen, für die hierzulande Algospeak verwendet wird, gänzlich andere sind als in einer Diktatur wie China. Gerade TikTok, besonders beliebt bei Minderjährigen, will seinen Newsfeed offenbar so jugendgerecht wie möglich aufbereiten. Themen wie Krieg oder alles, was auch nur entfernt mit Sex zu tun hat, scheinen potenziell störend zu sein.
Obwohl Algospeak zunimmt, bleibt fraglich, ob sie auf Social Media-Plattformen wie TikTok überhaupt nützlich ist, um vermeintliche Shadowbans zu umgehen. Philipp Schild von Funk sagt: „Ob Algospeak wirklich etwas bringt, weiß ich ehrlich gesagt nicht.“
Für Christoph Neuberger, Professor an der FU Berlin und Direktor am Weizenbaum-Institut, ist diese Unsicherheit der Medien ein Indiz für ihre Abhängigkeit. „Das Verhältnis zwischen Journalismus und Plattformen ist von Machtasymmetrie geprägt – und Macht entsteht auch dadurch, dass der Machthabende Unsicherheit schafft, mit der der Unterlegene umgehen muss“, sagt Neuberger.
Shadowban: Mehr Gefühl als Fakt
Die Nutzung von Algospeak im politischen oder journalistischen Kontext sei bisher kaum erforscht, erläutert er. Ein bekanntes Beispiel aus den USA war die Nutzung des Begriffs „Cute Winter Boots“ (etwa: Schöne Winterstiefel), womit auf TikTok im April 2025 Kritik an der Migrationspolitik der Trump-Regierung geäußert wurde. TikTok-Nutzer verzichteten bewusst auf eindeutige Begriffe, die ein Algorithmus hätte filtern können. Sie nutzten die „Cute Winter Boots“ als Marker, um beispielsweise Sicherheitstipps für Migranten zu verbreiten. Solche anekdotischen Einzelfälle führen laut Neuberger dazu, dass Menschen sich mit Alltagswahrheiten, sog. Folk Theories, die Funktionsweise komplexer technischer Systeme erklärten. Das gelte auch für Journalisten, die täglich auf den Plattformen als Publisher unterwegs seien. „Weil neutrale, objektive Studien fehlen, dürfte bei Algospeak vieles auf Vermutungen basieren. Das kann dazu führen, dass Redaktionen aus Unsicherheit zu sorglos sind oder – im Gegenteil – ein übertriebenes Maß an Zurückhaltung an den Tag legen“, sagt Neuberger.
Tatsächlich spricht vieles dafür, dass Algospeak auf Social-Media-Plattformen zwar eine Verkomplizierung der Sprache ist, gegen Shadowbans aber nicht substanziell helfen dürfte. Neben fehlenden Daten spricht dafür die technische Funktionsweise der Plattformen. TikTok verweist offen darauf, künstliche Intelligenz in der Durchsetzung seiner Plattformrichtlinien einzusetzen. Auch der Meta-Konzern kündigte letztmals im März dieses Jahres an, eine Reihe weiterer KI-Tools für die Einhaltung der Plattformrichtlinien auszurollen.
„Shadowbans sind kaum nachzuweisen. Ein Vorteil für Plattformen, ein Nachteil für Redaktionen.“
Es wäre also naiv zu glauben, dass die Tech-Giganten Algospeak wie „Seggs“ statt „Sex“ oder „Vergew*ltigung“ statt „Vergewaltigung“ nicht erkennen. Auf den Plattformen gehen immer wieder Videos viral, die angeblich indexierte Wörter verwenden, ohne dass sie mit Algospeak verändert wurden. Damit ist nicht gesagt, dass es keine Shadowbans gibt.
„Redaktionen greifen voreilig zu Techniken wie Algospeak“, sagt Paul Haase, der beim Meta-Konzern als Ansprechpartner für deutsche Medien arbeitete und mittlerweile Publisher zu Social-Media-Strategien berät. „In den Plattform-Richtlinien steht detailliert beschrieben, was erlaubt ist und was nicht. Meiner Erfahrung nach setzen sich selbst Personen in den Social-Media-Abteilungen damit selten dezidiert auseinander, sondern lassen sich von ihrem Gefühl zu der Annahme leiten, dass Beiträge mit bestimmten Wörtern schwach performen“, sagt Haase. Auf die Frage, ob Algospeak die Social Media-Reichweite von Medien substanziell steigern könne, sagt er: „Nein.“
Algospeak wird längst nicht nur von journalistischen Medien verwendet. Es ist auf Plattformen allgegenwärtig, eine Art Slang. Wer ihn nutzt, zeigt, dass er die Gepflogenheiten kennt. Algospeak wird zum Stilmittel, um eine Art Street Credibility zu markieren.
Der Kommunikationswissenschaftler Neuberger mahnt davor, diesem Trend blind zu folgen. „Die Präzision der Sprache geht verloren, wenn einzelne Wörter gar nicht mehr verwendet werden können.“ Es sei auch nicht damit geholfen, sich andere Wörter oder Metaphern zu überlegen, weil diese dann auch indexiert und die Sperrlisten immer länger würden. Die Sprache bewege sich immer weiter weg vom Gegenstand, sei nur noch für Insider verständlich und kaschiere Probleme. „Themen wie sexueller Missbrauch müssen doch an- und ausgesprochen werden können. Wichtige gesellschaftliche Diskurse werden damit beschnitten“, sagt Neuberger und formuliert diese Kritik insbesondere in Richtung der Plattformen. Deren Argumente, die Jugend schützen zu wollen, ist für ihn auch eine Schutzbehauptung, „weil ihre technischen Systeme nicht ausreichend differenzieren können“.
Ähnlich sieht es Wolfram Weimer, Medienbeauftragter der Bundesregierung. Ihm sei das Phänomen Algospeak bekannt, teilt seine Sprecherin dem journalist mit. Es gelte, das Spannungsverhältnis zwischen Plattformrichtlinien und klarer Sprache „in der Entwicklung des künftigen nationalen und europäischen Rechtsrahmens angemessen in Ausgleich zu bringen“. Weimers Behörde kritisiert jedoch auch die Medien. Es sei wichtig, „dass die Klarheit journalistischer Sprache gewahrt bleibt und sich journalistisch-redaktionelle Inhalte nicht automatisierten Spracherkennungssystemen oder intransparenten Algorithmen beugen.“
Daniel Moßbrucker arbeitet als Journalist und Trainer für digitale Sicherheit. Beim NDR setzt er technologiegetriebene Recherchen um, unter anderem für das Investigativformat STRG_F von Funk.