Der Klima-Crash

Gibt es noch Hoffnung für den Klimajournalismus in Deutschland? Illustration: Francesco Ciccolella

Die Hochzeit des Klimajournalismus scheint vorbei, die gesellschaftliche Stimmung hat sich gedreht. Rechtsextreme Bewegungen instrumentalisieren Klimaschutz für Hetze – und viele grüne Medienprojekte haben aufgegeben. Wo gibt es jetzt noch Perspektive?

Text: Sonja Peteranderl, Illustration: Francesco Ciccolella

07.09.2026

journalist bei Google bevorzugen 

Weltweit verwandelten junge Bewegungen wie Fridays for Future Klimaschutz in ein Gen-Z-Happening; die Grünen waren Teil der Ampelkoalition; Medien launchten grüne Formate. Heute scheint die grüne Welle vorbei zu sein, der Wille zur Veränderung in Gesellschaft, Politik und Medien scheint abgeflaut oder ist einer Verdrossenheit gewichen. 

Seit 2021 ist die globale Klimaberichterstattung dem Media and Climate Change Observatory der Universität Colorado Boulder zufolge um 38 Prozent gesunken. „Auch Geldgeber und damit Forschungseinrichtungen ziehen sich zurück“, beobachtet die Medienforscherin Alexandra Borchardt. Das Reuters Institute for the Study of Journalism habe etwa sein Klimajournalismusprogramm Oxford Climate Journalism Network Ende 2025 eingestellt. Auch der deutsche Klimajournalismus steckt in einer Krise, wie eine Umfrage des journalist unter mehr als einem Dutzend Klimajournalist:innen zeigt. Bei grünen Formaten wird gespart oder sie werden eingestellt, freie Journalist:innen erhalten weniger umwelt- und klimabezogene Rechercheaufträge – eine Art Klima-Backlash.

„Ein gewisses Auf- und Abflauen der Aufmerksamkeit für Themen ist normal. Aber die Pandemie und die Kriege bedeuteten einen drastischen Absturz bei der Aufmerksamkeit fürs Klima – jetzt spüren wir ein richtiges Tief”, sagt Leonie Sontheimer, freie Journalistin und Gründerin des Netzwerk Klimajournalismus. „Mit der Welle von Fridays-for-Future-Protesten gab es eine neue Aufmerksamkeit in der Gesellschaft für Klimathemen, der die Medien nachgekommen sind, auch aus Profitinteresse”, glaubt Sontheimer. „Es gab einen Hype um Formate, die Lifestyle, Klima und nachhaltigen Konsum verbinden und vermutlich auch als Werbeumfeld attraktiv sein sollten, aber das hat offenbar nur bedingt funktioniert.” Auch Zeit Green, das 2021 gelaunchte Nachhaltigkeitsressort der Zeit mit eigenem Team und regelmäßiger Klimaberichterstattung in Print und Online, wurde 2024 von einem eigenen Ressort in eine Rubrik ohne feste Redaktion verwandelt.

Grundsätzlich hält Sontheimer es für einen guten Ansatz, Klima als Querschnittsthema zu verankern statt als Nische: „Es braucht nicht unbedingt eigene Klimaformate, stattdessen sollte Klima überall als Dimension mitgedacht werden.” Etwa: Was bedeutet diese Nachricht aus der Wirtschaft fürs Klima, inwiefern ist das Klima eine Ursache für jene Meldung? 

Doch das passiert meist nicht. So wird auch heute oft über Hitzewellen oder internationale Migrationsströme berichtet, ohne den Klimawandel mitzudenken. Als Hoffnungsschimmer betrachtet es Sontheimer, dass in Redaktionen auf Initiative einzelner engagierter Redakteur:innen Strukturen und Initiativen entstanden seien, die auch weiterhin bestehen sollen – und dass Klimaberichterstattung trotz der Kürzungen immer noch besser verankert sei als etwa 2018. 

Dennoch seien Grundkenntnisse zu Klimawandel und -politik in vielen Redaktionen ausbaufähig, sagt Sontheimer. Das Netzwerk Klimajournalismus will Medien mit fundiertem Wissen ausstatten, etwa durch ihr neues digitales Medienmagazin Brandmelder, das Klimajournalismus-Kritik betreibt, Missstände wie Sexismus bei der Berichterstattung über Klimaaktivist:innen offenlegt und Desinformation analysiert. Die Plattform berichtete kürzlich darüber, wie das Zurückrudern einer internationalen Forschungsgruppe bezüglich des schlimmsten Klimaszenarios im April 2026 für Falschnachrichten sorgte. Viele interpretieren dies als Freifahrtschein für weniger Klimaschutz, obwohl gerade gesunkene Kosten für erneuerbare Energien, zunehmende Klimapolitik und veränderte Emissionstrends das Worst-Case-Szenario unwahrscheinlicher gemacht hatten. 

Sarah Hackfort ist Politikwissenschaftlerin und Beraterin mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeitspolitik. Ihr zufolge werde die mediale Sichtbarkeit von Klimathemen auch durch den Regierungswechsel und den neuen Kurs beeinflusst – weg von Klimaschutz und Energiewende, hin zu wirtschaftlichen Interessen. „Klimaschutz steht nicht mehr auf der politischen Agenda, es kommt im Koalitionsvertrag kaum vor”, sagt Hackfort. Umwelt- und Wirtschaftsministerium würden kaum Schritte unternehmen, um die Abhängigkeit fossiler Rohstoffe zu verringern. 

„Natürlich müsste kritischer Journalismus weiter darüber berichten”, sagt Hackfort. Medien ließen sich jedoch zu häufig von Skandalen treiben: „Hier eine Krise, da eine Krise: Seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump, aber auch mit der neuen Regierung in Deutschland werden ständig Strohfeuer entfacht, auf die sich Medien stürzen. Dadurch bekommen die strukturellen, langfristigen Krisen wie Klimawandel weniger Aufmerksamkeit.” Hackfort vermisst in der Berichterstattung eine bessere Analyse und Verknüpfung multipler Krisen. 

 

Klimaschutz als Zielscheibe

Wissenschaftler:innen wie Janine Patz vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena zufolge versuchen rechtsextreme Akteure, die Menschen mithilfe von Klimathemen gegen Politik, Wissenschaft und Umweltbewegungen aufzuhetzen – das wirkt bis in die Mitte der Gesellschaft hinein. Klimaschutz werde Patz zufolge als Ideologieprojekt diffamiert, an dessen Ende eine „Klimadiktatur” stünde. 

Die Leugner der Klimakrise versuchten dabei mittlerweile, immer subtiler und seriöser aufzutreten – das beobachtet die Initiative Klimafakten, die Factchecking betreibt, Journalist:innen Kontext zu Klimawandel und -trends gibt und außerdem Tipps für eine bessere Berichterstattung bereitstellt: „Statt die Realität des Klimawandels direkt zu leugnen, wird inzwischen eher versucht, Klimapolitik zu verzögern und abzuschwächen.” Auch der AfD-nahe Thinktank Europäisches Institut für Klima und Energie (EIKE) versucht mit pseudowissenschaftlichen Positionen und Konferenzen den Diskurs zu beeinflussen. „Nicht das Klima ist bedroht, sondern unsere Freiheit”, heißt es auf der EIKE-Website.

„Gegner einer ambitionierten Klimapolitik sind geschickt darin, durch falsche oder missverständliche Informationen Dinge aufzubauschen und Empörung zu schüren“, beobachtet auch Alexandra Endres, die beim Berliner Verlag Table.Briefings für den Bereich Climate.Table auch über Desinformation berichtet. Ein Beispiel dafür sei die von einigen politischen Akteuren und Medien befeuerte Debatte über das unter der Ampelkoalition geplante Heizungsgesetz. „Damals wurde viel mit Falschinformationen gearbeitet, um Stimmung gegen eine fortschrittliche Klimapolitik zu machen”, sagt Endres. Die Bild-Zeitung prägte den reißerischen Begriff des „Heiz-Hammers”, verglich die geplante Reform mit nicht weniger als einer „Atombombe für unser Land”. 

Besonders öffentlich-rechtliche Medien stehen der österreichischen Journalistin Nadja Hahn zufolge bei der Klimaberichterstattung unter Druck, weil sie ständig dem Vorwurf ausgesetzt seien, ideologisch zu handeln. Die langjährige ORF-Journalistin wollte in ihrem Medienhaus eine ressortübergreifende Klima-Taskforce etablieren, die koordiniert aus verschiedenen Ressorts berichtet – doch sie stieß auf Widerstand. Sie hatte den Eindruck, viele Kolleg:innen oder Führungskräfte befürchteten, dass die strukturelle Verankerung der Klimakrise in Redaktion und Programm als politische Position gelesen werde. „Man lässt mich, aber nach und nach kommen die Leute nicht mehr”, beschreibt sie in einem Artikel ihren Versuch, stattdessen ein informelles Netzwerk mit Kolleg:innen voranzutreiben. Aber diese „haben keine Zeit, müssen andere Geschichten machen. Ohne Rückenwind von den Chefs geht uns die Luft aus.” Hahn arbeitet inzwischen nicht mehr für den ORF, moderiert jetzt einen Podcast über Kreislaufwirtschaft namens Full Circle.

Mitarbeiter:innen der Öffentlich-Rechtlichen beobachten auch in Deutschland eine Angst vor der AfD-Wählerschaft und rechtsextremer Mobilisierung. Aufgrund von Befürchtungen der Führungsebenen, als „linksgrün versifft” zu gelten, seien Insidern zufolge in den verschiedenen Anstalten Entscheidungen gegen grüne Formate getroffen worden, einige Formate wurden eingestellt. 2021 beendete funk etwa das Umwelt- und Klimaformat Ozon auf Social Media; 2025 stellte der MDR den Klima-Podcast der Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert ein. Vor kurzem kritisierten Umweltorganisationen in einem offenen Brief die angekündigte Reform des Deutschlandfunks, mit der auch beliebte Fachsendungen wie Umwelt und Natur entfallen sollen und äußerten die Sorge, „dass gesellschaftlich hochrelevante Fragen des Natur-, Klima- und Umweltschutzes künftig weniger sichtbar werden, obwohl sie den Alltag der Menschen unmittelbar betreffen“. 

Existenzängste

Viele Klimajournalist:innen erleben, dass ihre Themenangebote mittlerweile häufiger abgelehnt werden. Die Situation stellt vielen Klimajournalist:innen die Existenzfrage. „Als die neuen Formate wieder eingestellt wurden, saßen Kolleg:innen plötzlich vor der Tür, sie haben ihre Aufträge verloren und mussten sich neu orientieren”, sagt der freie Journalist David Schmidt, der unter anderem für die taz berichtet und beim Netzwerk Klimajournalismus das Magazin Brandmelder leitet. Einige Klimajournalist:innen verlagern ihre Arbeit mittlerweile auf andere Themenschwerpunkte. Manche arbeiten Teilzeit in PR-Jobs oder überlegen sogar, ganz in andere Berufe zu wechseln und Klimajournalismus nebenbei weiterzumachen.

Die Medienkrise und die Krise des Klimajournalismus überschneiden sich dabei. Unter Klimajournalist:innen ist auch Climate Anxiety weit verbreitet. „Mich hat meine eigene Berichterstattung über die Klimakatastrophe fertig gemacht”, sagt eine ehemalige Klimajournalistin, die jetzt als Digitalberaterin arbeitet. „Du beschäftigst dich jeden Tag mit der Apokalypse und musst einen positiven Dreh finden, sonst liest das keiner – es ist anstrengend und beängstigend und du fragst dich, warum niemand aufwacht.” Nach Festanstellungen bei zwei Medien, die eingestellt wurden – darunter ein Umwelt- und Klimaprojekt – entschied sie sich, ein halbes Jahr Pause zu machen. Sie sei müde gewesen vom Ringen um zahlende Leser:innen und von all den schlechten Nachrichten. 

Viele Journalist:innen setzen auf konstruktiven Journalismus, um Umwelt- und Klimanachrichten zu vermitteln. Sie berichten von Trends, funktionierenden Pilotprojekten oder spannenden Köpfen. Mit seinem neuen Podcast Real Life Utopia will der freie Journalist Maximilian Arnhold dem Klimapessimismus „Beispiele gelebter Utopie“ entgegensetzen (siehe Seite 58). Er porträtiert Menschen und Initiativen, die den Wandel gestalten und Mut machen sollen. Über Steady können Hörer:innen ihn mit Abos zwischen drei und 15 Euro monatlich unterstützen. Rentabel sei das Projekt bisher nicht, sagt er. Er müsste das Projekt querfinanzieren. 

Auch große, investigative und internationale Recherchen sind heute fast nur noch mit Stipendien zu bewältigen. Netzwerk Recherche unterstützt Umwelt- und Klimarecherchen etwa mit dem NR/Olin-Stipendium oder dem Ecosia-Stipendium; für internationale Recherchen können Journalist:innen sich etwa bei Climate Arena Fellowships bewerben. Auch das US-amerikanische Pulitzer Center fördert Recherchen zu Klima, Ozean oder Regenwäldern. 

Im September 2024 erschien nach rund 30 Jahren die letzte Ausgabe des Greenpeace Magazins, das bis dahin größte Umweltmagazin in Deutschland. Dem Verlag schienen die rund 50.000 Abos nicht zukunftsträchtig genug, auch die Produktionskosten waren zuletzt gestiegen. Einige der Mitarbeiter:innen gründeten daraufhin ein eigenes Magazin. Mit einem Crowdfunding-Marathon sicherten sie 17.000 Abos für die Vorfinanzierung der ersten Ausgaben von Atmo. Es erscheint mittlerweile sechsmal im Jahr als gedrucktes Magazin sowie als PDF und soll ökologischen Krisen und Desinformation unabhängigen Journalismus rund um Umwelt, Klima und Gerechtigkeit entgegensetzen. „Wir wollen Lust auf Zukunft machen und Geschichten des Gelingens erzählen”, sagt Atmo-Geschäftsführerin Katja Morgenthaler. Es sei nicht leicht, Leser:innen zu halten, erzählt sie. 

Derzeit wird das Magazin durch knapp 15.000 Abonnements ermöglicht. Gerade versucht das Team, noch sichtbarer zu werden, und geht dafür unter anderem auf Messen und Festivals, baut Kooperationen aus, macht in sozialen Netzwerken und durch Anzeigen auf sich aufmerksam. Atmo ist eines der wenigen grünen Medien, die derzeit überhaupt noch neue Stellen ausschreiben. Auf ein Inserat erhielt das Team kürzlich mehr als hundert Bewerbungen — Morgenthaler zufolge viele von sehr kompetenten Kolleg:innen, geschrieben mit viel Herzblut.

 

Sonja Peteranderl berichtet für ARD Team.Recherche, Spiegel und Zeit vor allem über Kriminalität, Gewalt und Technologie.