Die Klimajournalismus-Lobby
„Eigentlich wollen wir keinen Klimajournalismus. Es gibt schließlich auch keinen Demokratiejournalismus“, sagt Leonie Sontheimer, Mitgründerin des Netzwerks Klimajournalismus.
In vielen Redaktionen hat die Klimaberichterstattung nicht mehr die Priorität früherer Jahre, obwohl die Extremwetterereignisse zunehmen. Während Aufmerksamkeit und Sendezeit sinken, versuchen Initiativen, diese Lücke zu schließen. Was können sie verändern?
Text: Milla Priboschek
25.09.2026
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Bilder von Waldbränden in Südeuropa und Meldungen über Hitzetote dominieren in den Sommermonaten die Nachrichten. Sechs Tage lang berichtete die Tagesschau während der jüngsten Hitzewelle über Rekordtemperaturen und deren Folgen – der Zusammenhang mit der Klimakrise wurde erst am siebten Tag ausdrücklich hergestellt. Um das Klima ging es dabei nicht einmal. „Das ist fatal“, findet Friederike Mayer, Mitgründerin und Sprecherin der Initiative Klima vor acht, die sich für mehr Klimaberichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen einsetzt. „Der jüngste Copernicus-Bericht hat gerade wieder den Juni und Juli dieses Jahres als heißeste jemals gemessene Monate eingeordnet.”
Die Klimakrise ist nicht komplett aus den Nachrichten verschwunden – aber sie scheint an Aufmerksamkeit und Priorität verloren zu haben. Auch um Organisationen wie Klima vor acht, die in den vergangenen Jahren lautstark mehr Klimaberichterstattung gefordert haben, ist es leiser geworden. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich niemand mehr für sichtbare Klimaberichterstattung starkmacht.
Abseits der großen Öffentlichkeit arbeiten Klima vor acht und andere Initiativen weiter. Dass sich in Deutschland eine Art Klima-Kater eingestellt hat, legen mehrere aktuelle Studien nahe. Ein Bericht von Klima vor acht zeigt: Im ersten Halbjahr 2026 entfielen nur 0,95 Prozent des Gesamtprogramms im Ersten und 0,82 Prozent im ZDF auf Sendeminuten mit Klimabezug. Damit lagen beide Sender erstmals seit Beginn der Messung Mitte 2021 unter einem Prozent – 2023 hatten sie noch mehr als doppelt so viel Sendezeit, in der Klimathemen vorkamen.
Die Wetterextreme werden zur Routine
Die Langzeitstudie Down2Earth einer Forschungsgruppe rund um Kommunikationsprofessor Michael Brüggemann von der Universität Hamburg bestätigt: Das Thema hat in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich an Gewicht verloren. Nur noch 19 Prozent der Befragten nennen den Klimawandel als eines der beiden wichtigsten Probleme Deutschlands. 2025 liegt er damit auf Platz vier – hinter Wirtschaftslage, Migration sowie Gesundheits- und Sozialsystem. Dass das Thema Klima in Deutschland an Fahrt verloren hat, ist also mehr als nur ein Bauchgefühl.
Für Irene Neverla, langjährige Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg, sind diese Befunde keine Überraschung: „Die Klimakrise ist ein langfristiger Prozess, und mit der Zeit entsteht eine gewisse Müdigkeit“, erklärt sie. „Menschen nehmen zunächst jene Risiken wahr, deren Folgen sie unmittelbar sehen und spüren können.“
„Eigentlich wollen wir keinen Klimajournalismus. Es gibt schließlich auch keinen Demokratiejournalismus“
Neverla sieht darin auch ein mediales Strukturproblem: Die Klimakrise passe schlecht zur klassischen Nachrichtenlogik. Sie verlaufe schleichend, sei komplex und mit wissenschaftlichen Unsicherheiten verbunden – während Journalismus und Publikum eine eindeutige Faktenlage, kurze Antworten und einen klaren Ausgang erwarteten. „Doch für diese Krise gibt es keine einfache Lösung“, sagt sie. So entsteht schrittweise eine Normalität der Extreme. Hitzerekorde oder Fluten werden zu Routine-Meldungen – wie in der Tagesschau zuletzt oft, ohne dass der größere Zusammenhang zur Erderhitzung hergestellt wird.
Berichterstattung getarnt als Werbung
Vor mehr als fünf Jahren, im Frühjahr 2021, war Klima vor acht noch in aller Munde. Mit Fridays for Future und globalen Klimastreiks stand das Thema ohnehin ganz oben auf der politischen und medialen Agenda. Auch heute verfolgt die Mitte 2020 von einem Team um Friederike Mayer gegründete Initiative dasselbe Ziel: eine wissenschaftlich fundierte Klimasendung auf einem reichweitenstarken Platz im Vorabendprogramm der ARD – direkt vor der Tagesschau, so wie Wirtschaft vor acht (und bis 2022 Börse vor acht). Offene Briefe an ARD-Intendanten, zehntausende Unterschriften unter Petitionen und die Produktion von sechs Pilotfolgen machten Mayer und ihre Mitstreiter bekannt – doch ihr Ziel wurde nie Wirklichkeit. Die ARD erteilt dem Vorschlag für ein Format wie Klima vor acht bis heute eine Absage. Trotzdem engagiert sich die Initiative weiter für eine Sendung, die Klimathemen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen dauerhaft und prominent platziert.
Seit 2024 arbeitet das Team an einem neuen Vorstoß. Weil die ARD den prominenten Platz nicht fürs Klima freiräumt, hat es sich Klima vor acht zum Ziel gemacht, ihn für einige Minuten zu kaufen. Die Initiative hat mittlerweile einen sechsstelligen Betrag eingesammelt, um eine als Werbespot verkleidete Klimaberichterstattung im Vorabendprogramm der ARD zu schalten. Unterstützt wird sie dabei von Sponsoren wie der GLS Bank und Oatly. Die Kampagne sei laut Mayer für Herbst dieses Jahres angesetzt.
Dass Klima vor acht weiterhin auf den öffentlich-rechtlichen Vorabend zielt, begründet die Sprecherin der Initiative mit Reichweite und Verantwortung. Gerade ältere Menschen bezögen ihre politischen Informationen vor allem aus dem linearen Fernsehen. Studien belegen das: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk verliert laut dem Report Down2Earth bei Klima-Informationen zwar an Reichweite – von 75 Prozent im Jahr 2019 auf 63 Prozent 2025 –, bleibt aber mit Abstand der wichtigste mediale Zugang zu der Thematik. Zudem, argumentiert Mayer, seien ARD und ZDF anders als private Sender durch ihren Programmauftrag und den Medienstaatsvertrag dazu verpflichtet, einen umfassenden Überblick über die wesentlichen Lebensbereiche zu geben.
Gleichzeitig hat sich die Arbeit der Organisation deutlich verbreitert. Mayer beschreibt die Entwicklung so: „Aus der Kampagne ist ein Verein geworden, der sich als Lobbyorganisation für eine angemessene mediale Behandlung der Klimakrise insgesamt versteht.“ Zu ihrer Arbeit gehört seit 2026 beispielsweise auch der MedienKlimaBericht, in dem sie ihre seit 2021 praktizierten Datenauswertungen der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Damit wollen sie das Argument des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Klimathemen seien genug im Programm vertreten, mit Fakten widerlegen.
Klima ressortübergreifend denken
Wer vom Streit um den ARD-Vorabend wegzoomt, entdeckt auch heute noch ein überschaubares Feld an Initiativen, die sich für konstruktive Berichterstattung über Klimathemen einsetzen. Eine davon ist das Netzwerk Klimajournalismus Deutschland. Anders als Klima vor acht zielt das Netzwerk nicht auf ein einzelnes Format, sondern darauf, dass Klima als Dimension in allen Ressorts mitgedacht wird.
„Die Klimakrise ist ein langfristiger Prozess, es entsteht eine gewisse Müdigkeit“
„Eigentlich wollen wir keinen Klimajournalismus. Es gibt schließlich auch keinen Demokratiejournalismus“, sagt Mitgründerin Leonie Sontheimer. Wenn Geschichten als Pitch unter anderem Label laufen, etwa als Wirtschaftsstück, schade das nicht – solange die Klimadimension seriös mitgedacht werde.
Das Netzwerk versucht, Journalisten in unterschiedlichsten Ressorts für das Thema zu sensibilisieren, beispielsweise durch Workshops und Vernetzung der Mitglieder. In vielen Redaktionen zeigt sich aus Sontheimers Sicht ein wachsendes Bewusstsein für Klimathemen. Viele Häuser hätten inzwischen etwa wöchentliche Klimakonferenzen. Zugleich solle die Berichterstattung „viel mehr Licht auf das werfen, was schon da ist – die Energiewende ist zum Beispiel weiter, als viele glauben, aber wir erzählen sie selten als Erfolgsgeschichte.“ Das Netzwerk verleiht seit 2024 außerdem den Deutschen Preis für Klimajournalismus und macht damit gelungene Recherchen auch außerhalb spezialisierter Klimaredaktionen sichtbar.
Die Schnittstelle Forschung – Journalismus
An einer anderen Stelle setzt Klimafakten an. Das gemeinnützige Portal bereitet Forschungsergebnisse verständlich auf und liefert Faktenchecks für Menschen, die öffentlich über das Klima sprechen – also für Journalistinnen und Journalisten, Wissenschaft, Behörden und Unternehmen. Inzwischen geht es nicht mehr nur um das Überprüfen von Behauptungen, sondern um Klimakommunikation insgesamt: Klimafakten hat das Buch Über Klima sprechen veröffentlicht, bietet Workshops und Newsletter an und begleitet Redaktionen dabei, Klimathemen einzuordnen und verständlich zu vermitteln.
Wie eng Forschung und die aktuelle Berichterstattung zusammenarbeiten können, zeigt die internationale Wissenschaftsinitiative World Weather Attribution (WWA). Die von Klimaforscherin Friederike Otto mitgegründete Organisation untersucht, welchen Einfluss die menschengemachte Erderhitzung auf eine Hitzewelle, Dürre oder Überschwemmung hatte. Ihre Ergebnisse stellt WWA Redaktionen zur Verfügung, die Extremwetter damit bebildern und den konkreten Klimabezug herstellen und einordnen können. Die Initiative veröffentlicht zu jeder Studie eine Medienmitteilung und bietet Pressebriefings an. So liegen Zahlen und Einordnung bereit, wenn Redaktionen über Extremwetter oder Naturkatastrophen berichten – und nicht erst Wochen später.
Helfen diese Initiativen dabei, dass die Klimaberichterstattung trotz Klima-Kater nicht vollständig verschwindet? Journalistik-Professorin Neverla glaubt: ja. „Gerade die jüngere Generation kann ein Wirkungspotenzial entwickeln, wenn sie sich zusammenschließt, sich gegenseitig unterstützt und innerhalb der Redaktionen Forderungen stellt.“
Private Fernsehsender sind mutiger
Die gute Nachricht ist, dass die Sender selbst bei ihrem Publikum keinen grundsätzlichen Klima-Überdruss wahrnehmen. Auf Anfrage teilt die ARD mit, das Interesse an Sendungen mit Klimabezug sei weiterhin groß. RTL verweist ebenfalls auf gute Reichweiten und beobachtet sogar ein wachsendes Interesse an Wetter- und Klimathemen auf den eigenen Plattformen. Trotzdem wird es bei der ARD kein festes Format wie Klima vor acht vor der Tagesschau geben. Aus Sicht des Senders ist das Thema im Programm ausreichend präsent und erhält einen angemessenen Raum. Außerdem werde es als Querschnittsthema unabhängig von einem festen Sendeplatz in zahlreichen journalistischen und fiktionalen Formaten behandelt, wie etwa Tagesschau, Tagesthemen, Wetter vor acht oder in Dokumentationen wie der ARD Story: Zugepflastert! Wie schützen wir unsere Städte vor dem Hitzekollaps? Die Programmdirektion verweist auch auf Krimis wie die Tatortfolge Abbruchkante oder die Serie Families like ours.
Aus Sicht von Journalistik-Professorin Neverla, die an einer von der MaLisa Stiftung 2025 beauftragten Studie zu Klimawandel und Biodiversität im deutschen Fernsehen mitgearbeitet hat, wird jedoch längst nicht ausreichend und in der ganzen Vielfalt möglicher Formate berichtet. „In unserer Programmanalyse waren die privaten Sender teilweise fantasievoller und mutiger: RTL entwickelte ein kurzes Klimaformat, ProSieben arbeitete mit Serien und Zukunftsvisionen.” Vergleichbare Ansätze seien ihr bei der ARD kaum begegnet.
Tatsächlich ist das 2021 zusammen mit Klima vor acht entwickelte Klima Update von RTL noch fester Bestandteil im Programm und stößt auf positive Resonanz: „Viele Zuschauerinnen und Zuschauer wünschten sich eine solche Trennung zwischen täglichem Wetterbericht und Klima- beziehungsweise Nachhaltigkeitsthemen,“ heißt es bei RTL.
Am Ende wissen sowohl die Sender als auch die Macherinnen und Macher der Klimainitiativen: Das Thema Klima wird nicht verschwinden.
Milla Priboschek ist Redakteurin in der Wirtschaftsredaktion Wortwert.