Die Redaktion, die mich ghostete

„So sehr die Beweggründe für eine Funkstille vonseiten der Angestellten nachvollziehbar sind: Für Freie ist Ghosting existenzbedrohend.“

Immer häufiger berichten freie Journalistinnen und Journalisten, dass sie von Redaktionen keine Antworten mehr erhalten. Zugegeben: Unverbindlichkeit scheint heute ein gesellschaftliches Phänomen zu sein. Doch bei Freien ist die berufliche Existenz gefährdet, wenn sie den Anschluss an die Verlage und Sender verlieren. Ist Ghosting das neue Nein?

Text: Kira Brück

03.11.2025

Der Pitch ist formuliert, die Mail an die Ansprechperson in der Redaktion abgeschickt. Und dann: nichts. Zwei Wochen später eine höfliche Nachfrage. Funkstille. Ans Telefon geht in der Redaktion ohnehin schon lange niemand mehr. Der sorgfältig ausgewählte Themenvorschlag versauert also im Posteingang der Redakteurin, des Ressortleiters oder der Textchefin. Und verliert mit der Zeit immer mehr an Wert.

Als freie Journalistin kenne ich solche Situationen gut. Dabei habe ich selbst vor 15 Jahren einmal in der Redaktion eines deutschen Lifestyle-Magazins Freie betreut – und eine Mail ignoriert, die mir immer noch nachgeht. Ein Filmjournalist aus Berlin wollte gerne für uns schreiben. Die Wahrheit war: Wir hatten keinen Bedarf. Ihm das so zu schreiben, brachte ich aber nicht übers Herz. Ich war verunsichert. Also antwortete ich ihm nie. Und bereue es bis heute.

Trotzdem lässt mich diese Erfahrung jetzt, als freie Journalistin, entspannt bleiben. Wenn mir Redakteure, Ressortleiterinnen, Textchefs oder Chefredakteurinnen längere Zeit nicht antworten, denke ich: Ich weiß ja, was in Redaktionen los ist, und dass es wahrscheinlich nicht an mir liegt. Doch seit ein paar Monaten werde ich immer häufiger von freien Kolleginnen und Kollegen angesprochen. Sie wollen wissen, ob es mir auch so geht, ob ich ebenso von Redaktionen geghostet werde. Nicht bei der Kaltakquise, nein, sondern bei guten Kontakten, mit denen es eine vertrauensvolle Zusammenarbeit gab. Was ist da los?
 

Überwältigende Resonanz

Ich will es genauer wissen und poste meine Frage bei Linkedin und Instagram. Das Ergebnis? Ich schreibe zwei Tage lang nur noch Kommentare und beantworte Mails. Die Resonanz ist so überwältigend, dass ich kurz bereue, mich des Themas angenommen zu haben. Ich spüre aber auch: Da liegt etwas sehr im Argen. Hier sind einige ihrer Stimmen:

„Das Ignoriertwerden von Redaktionen ist unglaublich belastend. Die Ideen, die ich den Medien pitche, sind oft Themen der Stunde, sodass sie irrelevant werden, wenn ich drei Monate darauf warten muss, dass jemand mal sagt, ob das spannend ist“, erzählt eine freie Journalistin aus Berlin, die lieber anonym bleibt, um sich mit einer „öffentlichen Beschwerde“ nicht unbeliebt zu machen. „Beim Spiegel bin ich mal acht Wochen mit einer Buchbesprechung vertröstet und dann mit dem Argument abgelehnt worden, dass es ja jetzt schon nicht mehr neu ist“, sagt sie.

Nach meiner Recherche weiß ich: So geht es gerade immer mehr Freien, Journalistenverbände bestätigen das. „Nur ein Beispiel von vielen: Eine Redaktion, für die ich mehrfach gearbeitet habe, stets zur vollsten Zufriedenheit, versuche ich seit einem Jahr zu erreichen. Drei Mails habe ich geschrieben, keine einzige Antwort“, erzählt ein langjähriger freier Magazinjournalist aus München, der anonym erzählen möchte, um nicht „nörgelig zu klingen“. Und weiter: „Es lässt eine komplette Leere zurück, lähmt einen.“ Es sei schwer zu verstehen, dass die Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionen nicht mal drei knappe Sätze antworten können. „Dauert zwei Minuten, meinetwegen bereitet man sie vor und macht copy and paste. Aber so ist das einfach nur ganz schlechter Stil“, sagt er. Und spricht damit vielen Freien aus der Seele. Für sie sind Redaktionen, die ghosten, aktuell die größte Belastung in ihrem Arbeitsalltag.

 

„Die Swipe-Kultur überträgt sich zunehmend auch auf den physischen Raum.“

 

Patrick Heidmann aus Berlin bewegt sich seit 20 Jahren in der Branche, auch er kennt das Problem mit dem Ghosting. „Tendenz steigend“, sagt er. „Rund 50 Prozent meiner E-Mails mit Pitches und Angeboten bleiben unbeantwortet. Auch bei Redaktionen, mit denen ich seit Jahren gut zusammenarbeite.“ Selbst laufende Abstimmungen werden seitens Redaktionen kommentarlos abgebrochen.

Ein weiterer freier Journalist aus Berlin, der für viele deutsche Leitmedien schreibt und nicht namentlich genannt werden möchte, erzählt: „Ich wurde bei einem Text geghostet, der nicht nur gepitcht, sondern angenommen wurde. Es handelt sich um ein bekanntes großes Magazin einer Tageszeitung. Nachdem ich die zweite Fassung entsprechend den Wünschen der Redaktion überarbeitet hatte, bekam ich keine Rückmeldung mehr.“ Er habe mehrere Mails an die betreuende Redakteurin verschickt und trotzdem kein Feedback erhalten. Auch eine Mail an den Ressortleiter brachte nichts. „Bis heute – ein Jahr später – habe ich weder eine Antwort erhalten, noch das vereinbarte Honorar“, sagt er.

Wir verlieren gute Köpfe durch Ghosting

Die Gefahr scheint groß, dass der Journalismus durch Ghosting immer mehr gute Köpfe verliert – zum Beispiel Lena Högemann. „Alle Freien, die ich kenne, kämpfen mit ghostenden Redaktionen“, sagt sie. Neben den teils „unterirdischen Honoraren“ waren Redaktionen, bei denen sie gut bekannt war und zu häufig keine Antworten erhielt, der Grund, warum sie ihre Freiberuflichkeit vor einem Jahr aufgab und sich bei einem Institut anstellen ließ. „Komplett frei zu arbeiten kommt für mich nicht mehr in Frage. Ich möchte mit Menschen zusammenarbeiten, die respektvoll miteinander umgehen. Das habe ich als Freie einfach nicht erlebt“, konstatiert Högemann.

Ghosting im Arbeitsumfeld, so das Ergebnis einer aktuellen Civey-Befragung mit 2500 Erwerbstätigen (siehe Seite 13), ist ein absolutes Zeitgeistthema. Jeder Dritte wurde im beruflichen Umfeld schon einmal geghostet – quer durch alle Branchen und Positionen hinweg. „Die Swipe-Kultur überträgt sich zunehmend auch auf den physischen Raum, in die Wirtschaft, wir sehen sie in allen Bereichen“, sagt Steffi Burkhart. Sie ist Zukunftsforscherin und hat in Gesundheitspsychologie promoviert. Ghosting sei ein unausweichlicher Teil der modernen Arbeitswelt geworden. „Wir haben gelernt, dass man Menschen mit einem Wisch in einer App aussortieren kann. Verbindlichkeiten, die man früher eingehalten hat, gehören heute nicht mehr zum menschlichen Miteinander dazu“, stellt Burkhart fest. Und je mehr wir mit Technologie interagierten, desto mehr verarme die soziale Komponente.

Burkhart wundert es nicht, dass immer mehr freie Journalistinnen und Journalisten mit Ghosting zu kämpfen haben. Sie sehe, dass die gegenseitige Wertschätzung und der menschliche Faktor verloren gehen. „Gerade im Journalismus, der einen großen Einfluss auf die Gesellschaft hat, sollte das Menschliche doch eigentlich hochgehalten werden“, sagt sie. „Wer keine Antworten erhält, bleibt verunsichert zurück. Das wirkt sich auf das Selbstwertgefühl aus. Wer will dauerhaft so arbeiten?“ 

 

„In vielen Redaktionen – so berichten es unzählige Freie – gebe es schlichtweg keine Strukturen, die auf Freie ausgelegt sind.

 

Um das Problem besser zu verstehen, könnte ein Blick auf die andere Seite helfen, in die Redaktionsräume: Da sitzen Redakteure, Ressortleiterinnen und Textchefs, die teils völlig überlastet sind. Während es vor zehn Jahren nur E-Mails gab, sind Kanäle wie LinkedIn, Instagram, Whatsapp, Signal hinzugekommen. Wir finden uns heute in einer informationsüberflutenden Realität wieder, in der die Menschen konstant beschallt werden, in der die Touchpoints immer mehr werden, in der die Arbeit entgrenzt ist.

Gleichzeitig ist der Spardruck in der gesamten Medienbranche groß. Immer weniger Menschen sitzen in den Redaktionen, da fällt die Korrespondenz mit Freien offenbar hinten über. „Führungskräfte in Redaktionen arbeiten heute so viel mehr und kleinteiliger als noch vor wenigen Jahren. Ich beauftrage Freie, aber das ist nur ein klitzekleiner Teil meiner Aufgaben“, sagt Stefanie Hellge, Chefredakteurin beim Magazin Falstaff. Von der Strategie bis zum Bildtext landen unzählige Aufgaben auf ihrem Tisch, für die hätte es vor fünf Jahren noch eigenes Personal gegeben. „Ich schaffe mit Mühe und Not das Tagesgeschäft. Alles, was on top kommt, also auch die Themenpitches von Freien, muss oft länger warten, als es freundlich wäre.“

Die guten Pitches bleiben unbeantwortet

Anke Helle, Chefredakteurin des Frauenmagazins Freundin, kann das bestätigen: „Die Anfragen nehmen zu und werden komplexer.“ Ihr ist aber noch ein anderer Aspekt wichtig: „Nicht selten erhalte ich Mails mit der Anrede ‚Liebe Brigitte-Redaktion‘. Oder 30 Pitches in einer Mail, teilweise nur angerissen wie beispielsweise ‚Pflegebedürftige Mütter und ihre Probleme‘“, erzählt Helle. Bei Pitches, die für sie nicht in Frage kommen, sagt sie meist zeitnah ab. Bei Themenvorschlägen hingegen, die Potenzial haben, könne es lange dauern. „Ich möchte dann erst mal zur Autorin recherchieren und mir den richtigen Dreh für die Geschichte überlegen, schauen, wann es in die Heftmischung passt. Diesen massiven Zeitaufwand kann ich oft nicht aufbringen – und dann bleibt die Mail unbeantwortet, weil ich eben noch nichts Finales sagen kann“, erzählt Helle.

Stefanie Hellge vom Falstaff-Magazin hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Viele Freie schicken Themenvorschläge, die erkennen lassen, dass sie sich nicht genug mit dem Medium auseinandergesetzt haben, für das sie pitchen“, sagt sie. Oder die Vorschläge seien generisch wie etwa ‚Stadtportrait Barcelona‘. „Da komme ich auch selber drauf. Andererseits erwarten die Freien, dass ich mir die Zeit nehme, konzentriert durch ihre Vorschläge zu gehen und konkrete Rückmeldung zu geben“, sagt Hellge. Es sei für beide Seiten frustrierend. „Aber es trifft mich, dass der Eindruck erweckt wird, Freie würden wie Fußabtreter behandelt. Ich glaube: viele Auftraggebende tun alles, was sie können.“ Sie wisse sehr genau, was sie an den Freien habe: „Sie sind inzwischen das kreative Rückgrat, das in Redaktionen aufgrund von Sparmaßnahmen nicht mehr existiert. In meiner Redaktion sitzt zum Beispiel kein einziger klassischer Redakteur mehr.“

Kathrin Schwarze-Reiter aus München ist Gründerin des Redaktionsbüros Nerdpol. Sie kann sowohl aus der Sicht der festangestellten Redakteurin und Redaktionsleiterin als auch der freien Journalistin berichten. „Ja, es sind einfach zu viele Mails, man kommt nicht hinterher. Und: Das Ghosten hat definitiv zugenommen“, sagt sie. Sie glaubt allerdings nicht, dass das Menschliche im Umgang verloren geht. Eher das Gegenteil: Man möchte persönlich und gut durchdacht auf einen Themenvorschlag antworten – und dann rutscht die Mail immer weiter nach hinten. Im Grunde wisse sie: Da war noch was sehr Wichtiges. Aber dann ist der Tag schon wieder rum. „Dabei wäre eine kurze Antwort besser als gar keine. Und manchmal hat man auch einfach noch keine Schwarz-Weiß-Antwort parat“, sagt Schwarze-Reiter. Wer kenne das nicht: Der Ressortleiter sagt in der Konferenz: ‚Hmmm, hört sich schon spannend an, aber hatten wir nicht gerade ... Wäre dieser Dreh nicht besser ... Lass uns warten bis ...‘. „Tja, was sagt man dann der oder dem Freien?“, fragt sie.

 

„So sehr die Beweggründe für eine Funkstille vonseiten der Angestellten nachvollziehbar sind: Für Freie ist Ghosting existenzbedrohend.“

 

Nicht nur beim Pitchen scheint Ghosting das neue Nein zu sein. Anderen klar zu sagen, dass sich die Umstände geändert haben, dass die Zusammenarbeit vorerst beendet ist, scheint vielen heute zunehmend schwer zu fallen. Da antwortet man lieber gar nicht. Eine freie Journalistin aus Hamburg, die anonym zitiert werden möchte, erzählt: „Ich habe über zehn Jahre frei für eine Agentur gearbeitet, sehr regelmäßig. Plötzlich blieben die Aufträge aus, niemand hat mit mir gesprochen. Auf Rückfrage hieß es nur: ‚Da kommt bald wieder was.‘ Kam es aber nie. Über drei Ecken erfuhr ich, dass jemand eingestellt wurde, der meine Jobs mit übernimmt. Was ich im Übrigen total verstehe, ich hätte mir nur gewünscht, dass mich mal jemand anruft und sagt: ‚Hey, danke für die tollen Jahre und alles Gute!‘ Das hat jetzt alles so einen schalen Beigeschmack.“ Ghosting im Job hinterlasse bei Menschen Spuren, die nicht mit einer dicken Haut gesegnet seien, da ist sich die freie Journalistin sicher. „Ich weiß, dass Redaktionen viel zu tun haben, aber eine kurze Antwort-Mail kostet ja nun auch nicht alle Zeit der Welt“, meint sie.

Keine Strukturen für Freien-Betreuung

In vielen Redaktionen – so berichten es die unzähligen Freien, die sich auf den LinkedIn-Aufruf gemeldet haben – gebe es schlichtweg keine Strukturen, die auf Freie ausgelegt sind. Man profitiere zwar von ihnen, die Betreuung sei aber nicht eingepreist, niemand sei so richtig zuständig. Und wie man höflich absagt oder sorgfältig brieft, lernen die wenigsten im Volontariat oder an der Journalistenschule. Nur wenige Redaktionen hätten richtig gute Freien-Strukturen, eine davon ist das Wirtschaftsmagazin Brand Eins, das seine freien Mitarbeitenden sogar zu Themenkonferenzen einlädt.

Ja, Redaktionen sind mit einem immensen operativen Overload konfrontiert. Doch so sehr die Beweggründe für eine Funkstille vonseiten der Angestellten auch nachvollziehbar sind: Für Freie ist Ghosting existenzbedrohend. Weil es gute Themen bindet, für die man in einer anderen Redaktion einen Auftrag bekommen könnte. Und weil es oft ratlos zurücklässt. Viele suchen die Schuld dann bei sich und sind mit dem Gefühl allein: Am Ende sind es eben die Redaktionen, die am längeren Hebel sitzen. Deshalb wäre ein schnelles Nein in jedem Fall besser als gar keine Antwort. Es gibt Orientierung und die Möglichkeit, mit dem Pitch weiterzuziehen.
 

Kira Brück lebt als freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt u.a. für Zeit, Welt und Strive.