Die stille Selbstabschaffung
Martin Andree (l.) und Stephan Weichert appellieren an Journalist*innen, sich für ihre publizistische Unabhängigkeit gegenüber Plattformen einzusetzen. Fotos: Florian Lechner, Bertram Solcher
Wo ist der Aufschrei des Journalismus gegen die schleichende Verlagerung der öffentlichen Kommunikation unter die Kontrolle der Big-Tech-Konzerne? Martin Andree und Stephan Weichert zeigen fünf Schritte, wie die Branche reagieren kann. Ein Appell zur Verteidigung der Pressefreiheit im digitalen Zeitalter.
27.08.2026
Als Rudolf Augstein sich am 27. Oktober 1962 den Behörden stellt und in Untersuchungshaft muss, bleibt der Angriff auf die Pressefreiheit nicht Sache des Spiegel allein. Schon wenige Stunden später setzen erste Solidaritätsbekundungen der Presse und hitzige öffentliche Debatten ein: Journalisten, Verleger, Studierende, Wissenschaftler, aber auch viele Bürgerinnen und Bürger gehen in zahlreichen deutschen Städten auf die Straße und machen die Spiegel-Affäre zu einer gesamtgesellschaftlichen Angelegenheit. Auch konkurrierende Redaktionen zeigen sich loyal mit der Spiegel-Redaktion; selbst Kollegen aus dem Springer-Verlag stellen sich öffentlich hinter Augstein.
Heute verhalten wir uns ganz anders. Eine vergleichbare Mobilisierung bleibt aus – obwohl sie mindestens ebenso notwendig wäre. Es gibt keine breite Allianz mehr, um die Pressefreiheit zu verteidigen. Doch gerade jetzt wäre Widerstand angebracht. Die Bedrohung sieht fast 65 Jahre später nur anders aus als damals, ihr Charakter hat sich verändert. Nicht mehr staatliche Zensur ist das zentrale Problem, sondern die schleichende Verlagerung der öffentlichen Kommunikation unter die Kontrolle weniger privater Plattformkonzerne. Sie steuern Reichweite, Aufmerksamkeit, seit langem auch die wirtschaftlichen und publizistischen Grundlagen der Presse. Ihre Algorithmen entscheiden mit darüber, welche Themen sichtbar werden, welche Stimmen Gehör finden und welche journalistischen Debatten geführt werden. Und die Tech-Konzerne, die diese Plattformen bewirtschaften, betreiben zunehmend eine antidemokratische Agenda.
Die resultierende Zerstörung der Öffentlichkeit als Grundlage unserer Demokratie ist offensichtlich: „Flood the zone with shit“, Steve Bannons Mantra der Trump-Bewegung, ist längst digitale Wirklichkeit geworden. Unter den Monopolbedingungen ist der Journalismus seither in einer lose-lose Falle gefangen. Unter digitalen Bedingungen gibt es aktuell nur zwei Optionen: Entweder, man spielt das üble Spiel der Hass- und Polarisierungsalgorithmen mit – aber dann wird Journalismus unfrei und weiter in die Knechtschaft der Plattformen gezwungen. Oder er verteidigt die Unabhängigkeit auf eigenen digitalen Präsenzen – wird dabei aber gesellschaftlich immer irrelevanter, weil die massenmediale Aufmerksamkeit unter den Bedingungen der digitalen Monopole fast ausschließlich in den Silos der Big-Tech-Anbieter konzentriert ist.
Das eigentlich Verstörende ist nicht, dass wir dieser Entwicklung scheinbar machtlos ausgesetzt wären. Irritierend ist eher, wie weit sich der Journalismus über Jahre selbst in eine institutionelle Abhängigkeit manövriert hat, die sein eigenes Selbstverständnis verändert. Die unaufhörliche Jagd nach Klicks, Likes und permanenter Sichtbarkeit in den sozialen Netzwerken hat nicht nur die digitalen Verbreitungswege mutiert, sondern das journalistische Handwerk gleich mit: Ausgerechnet jene Leute, die ihre demokratische Kontrollfunktion gegenüber Politik und Wirtschaft mit Recht verteidigen, biedern sich den mächtigen Taktgebern der Algorithmen an, sei es durch “Personal Branding”, die Zweitkarriere als “Influencer” und “Creator” oder polarisierende Diskussionen zur Steigerung der eigenen Reichweite.
„Die Bedrohung sieht fast 65 Jahre später nur anders aus als damals, ihr Charakter hat sich verändert. Nicht mehr staatliche Zensur ist das zentrale Problem, sondern die schleichende Verlagerung der öffentlichen Kommunikation unter die Kontrolle weniger privater Plattformkonzerne.“
Gerade deshalb ist die heutige Situation so brandgefährlich. Niemand stürmt Redaktionen, beschlagnahmt Druckmaschinen oder verhaftet Chefredakteure. Die Pressefreiheit wird nicht spektakulär außer Kraft gesetzt, sondern schleichend umgebaut. Früher schrieb der Journalismus für seine Leser. Heute schreibt er zunehmend für Plattformen und Algorithmen, die darüber entscheiden, ob und welche Leser ihn überhaupt noch finden. Während Journalistinnen und Journalisten hierzulande zwar frei berichten dürfen, entscheiden sie immer weniger frei darüber, unter welchen Bedingungen ihre Arbeit überhaupt sichtbar bleibt. Die Pressefreiheit des 21. Jahrhunderts wird deshalb gerade nicht mehr nur durch staatliche Eingriffe bedroht, sondern ebenso durch infrastrukturelle Abhängigkeiten.
Warum also demonstrieren Journalisten regelmäßig gegen Stellenabbau, aber kaum gegen den schleichenden Verlust ihrer publizistischen Unabhängigkeit? Warum verteidigt der Journalismus seine eigenen institutionellen Voraussetzungen nicht mit derselben Entschlossenheit, mit der er seit Jahrzehnten für andere demokratische Institutionen eintritt?
Die größte Gefahr ist derzeit nicht, dass der Journalismus durch staatliche Akteure seiner Stimme beraubt wird. Sondern darin, dass er sich an seine eigene Ohnmacht gewöhnt hat. Erstaunlich ist nämlich nicht die Macht der Plattformen – die wurde schon vor Jahren als Problem benannt. Erstaunlich ist einzig und allein die Sprachlosigkeit unserer Branche, die diese Entwicklung seit Jahren nur schulterzuckend zur Kenntnis nimmt, sie aber erstaunlich selten zum Gegenstand der eigenen publizistischen Agenda macht.
Wir sprechen zwar fachkundig über die bösen Tech-Oligarchen und ihre finsteren Pläne: Kaum eine Berufsgruppe analysiert die Macht der Tech-Konzerne so kenntnisreich wie der Journalismus. Doch erstaunlich selten macht er die schleichende Aushöhlung seiner eigenen infrastrukturellen Voraussetzungen zum publizistischen Thema. Über Donald Trump, Elon Musk oder die Gefahren künstlicher Intelligenz wird mit großer Leidenschaft berichtet. Dass die Plattformen inzwischen sogar die wirtschaftlichen Existenzgrundlagen des Journalismus kontrollieren, schafft es dagegen nur selten auf die Titelseiten. Offenbar ist die Aushöhlung der Pressefreiheit heute kein Thema mehr, wogegen es sich auf die Barrikaden zu gehen lohnt.
„Die größte Gefahr ist derzeit nicht, dass der Journalismus durch staatliche Akteure seiner Stimme beraubt wird. Sondern darin, dass er sich an seine eigene Ohnmacht gewöhnt hat.“
Die häufigste Begründung lautet: Journalismus müsse neutral bleiben. Man dürfe sich mit keiner Sache „gemein machen“. Das klingt zunächst ehrenwert. Doch Neutralität bedeutet nicht, auch dann noch zu schweigen, wenn institutionelle Voraussetzungen auf dem Spiel stehen. Wer täglich Demokratie, Rechtsstaat und Wissenschaftsfreiheit verteidigt, muss auch die Bedingungen verteidigen, unter denen unabhängiger Journalismus überhaupt möglich ist. Als Rudolf Augstein 1962 verhaftet wurde, stellte sich der deutsche Journalismus – bei allen politischen Unterschieden – hinter den Spiegel und machte sich mit der Pressefreiheit gemein. Gerade deshalb gilt bis heute: Die Verteidigung der Pressefreiheit ist kein Aktivismus. Sie gehört zum journalistischen Selbstverständnis.
Was wäre also jetzt konkret zu tun? Sicher nicht, sich komplett aus den sozialen Netzwerken zurückzuziehen und stattdessen auf digitale Nischen auszuweichen. Ebenso wenig reicht es, auf politische Regulierung zu warten. Wenn der Journalismus seine gesellschaftliche Rolle behaupten will, muss er selbst wieder zum Akteur werden. Genau deshalb richtet sich dieser Text nicht an Politiker, Plattformbetreiber oder Regulierungsbehörden. Er richtet sich an den Journalismus selbst.
Was können Journalisten morgen tun?
Fünf Schritte erscheinen uns dafür besonders dringlich:
Erstens muss der Journalismus aufhören, die Verantwortung vor allem bei der Politik zu suchen. Niemand kann ihn retten, außer er selbst. Deshalb muss er die schleichende Aushöhlung der Presse- und Medienfreiheit zu seinem eigenen Thema machen. Solange über Algorithmen, Plattformmacht, digitale Infrastruktur und die desolaten Folgen für die Pressefreiheit fast ausschließlich in Fachdebatten gesprochen wird, fehlt der öffentliche Druck, der politische Veränderungen erst möglich macht.
Zweitens müssen wir in unserer Branche die Reichweite wieder stärker in die eigenen Hände nehmen. Die Plattformkrise ist längst nicht nur eine Zugangsfrage, sie ist auch eine Frage von Marktordnung, Wettbewerb und Geschäftsmodellen. Journalisten sollten hier viel direkter mit den ökonomischen Experten in den eigenen Medienhäusern innovatorisch zusammenarbeiten, um publizistische Reichweite wieder stärker auf eigenen Infrastrukturen zu organisieren, statt sich immer tiefer in die Logik fremder Plattformen hineinziehen zu lassen, deren Interessen mit denen einer demokratischen Öffentlichkeit zunehmend unvereinbar sind.
Drittens sollten wir den politischen Druck für faire Wettbewerbsbedingungen deutlich erhöhen: offene Standards, Plattformhaftung und die Begrenzung digitaler Monopole sind keine Spezialthemen der Netzpolitik mehr, sondern Voraussetzungen für die Zukunft der Pressefreiheit. Politik entsteht selten aus Einsicht, sondern erst durch maximalen öffentlichen Druck.
Viertens sollte der Journalismus seine Kräfte stärker bündeln – über Verbände, Gewerkschaften und andere Medienhäuser hinweg. Nicht jede Redaktion sollte allein gegen dieselben strukturellen Probleme kämpfen müssen. Kooperationen, gemeinsame technische Infrastrukturen und koordinierte Netzwerke versprechen mehr, als wenn jedes Medienhaus einzeln seine Probleme mit den Plattformen aushandelt.
Und schließlich, fünftens, sollte der Journalismus Gesicht zeigen. Es braucht den Mut, öffentlich für die eigenen Existenzbedingungen einzutreten. Die Verteidigung der Pressefreiheit ist kein Verstoß gegen das Neutralitätsgebot, sie ist seine Voraussetzung.
Die größte Demonstration gegen die Plattformmacht wäre diesmal kein Protestzug durch die Innenstädte. Sie bestünde darin, dass der Journalismus seine publizistische Unabhängigkeit schrittweise zurückgewinnt. Nicht durch Rückzug aus der digitalen Öffentlichkeit, sondern durch die Rückeroberung der publizistischen Infrastruktur. Denn wenn der Journalismus weiter nur über seine schleichende Entmachtung berichtet, statt ihr gemeinsam entgegenzutreten, könnte sich eines Tages bewahrheiten, was heute noch übertrieben klingt: dass er sich selbst abgeschafft hat.
Martin Andree ist Medienwissenschaftler und Autor. Stephan Weichert ist Medienwissenschaftler und Gründer des VOCER-Instituts für Digitale Resilienz.