Facts and Fantasy

Hilmar Poganatz hat in Berlin das Journalistenbüro Blockfrei gegründet. Er schreibt für Brand Eins, Zeit und Business Punk. Foto: Chiara Cappiello

Wie passen Journalismus und Fiktion zusammen? Der freie Journalist Hilmar Poganatz erforscht, wie Medien mit Pen-and-Paper-Rollenspielen neue Zielgruppen erreichen und komplexe Themen vermitteln.

Text: Hilmar Poganatz

19.03.2026

Drei politisch Verfolgte fliehen 1937 in einem Zeppelin aus Deutschland. Vier Bankangestellte werden 2013 von der Steuerfahndung vorgeladen und müssen den Cum-Ex-Skandal erläutern. Jugendliche reisen 1987 in die DDR und erleben den Nazi-Überfall auf ein Rockkonzert in der Zionskirche in Berlin. Was hier nach Spielfilm oder Dokumentation klingt, sind Pen-and-Paper-Rollenspiele – ein Format, das zunehmend von Medienhäusern, Stiftungen und Museen entdeckt wird, um ihre Themen neu zu inszenieren. 

Die Zahlen sprechen für sich: Auf YouTube erreichen Pen-and-Papers wie die erste Folge der Gruselserie Morriton Manor der Rocketbeans bis zu 3,4 Millionen Aufrufe. Das historische Pen-and-Paper Cambodunum des Bayerischen Rundfunks zog 80.000 Live-Zuschauer auf Twitch an. Der SWR investierte jüngst einen sechsstelligen Betrag in Fehler im System. Das achtstündige Krimi-Rollenspiel über eine verselbstständigte Polizei-KI produzierte der Sender extrem aufwendig mit Virtual Production in eigens gebauten Sets vor drei riesigen LED-Wänden. „Das kennt man sonst nur von Disney-Serien wie The Mandalorian“, sagt der Technik- und Produktionsleiter Philipp Jacobs. 

 

Improtheater meets Journalismus

Fehler im System ist zwar kein journalistisches Pen-and-Paper, aber durchaus gesellschaftskritisch. Die Produktion zeigt, welche Möglichkeiten das Format bietet, das einst mit ein paar Nerds begonnen hatte, die ihre Spielrunden über Splitscreens auf Twitch und YouTube stellten. Heute erreichen prominent besetzte Pen-and-Paper-Streams eine Zielgruppe, die klassische Medien längst abgeschrieben hat: Digital Natives zwischen 20 und 40 Jahren. In einer Zeit, in der laut Reuters Institute rund zwei Drittel der Deutschen aktiv Nachrichten vermeiden, stellt sich die Frage: Könnten Rollenspielshows ein neuer, attraktiver Zugang zu Journalismus sein?

Das Prinzip von Pen-and-Papers ist einfach: Ein Spielleiter führt Regie, während drei bis fünf Spieler bestimmte Rollen übernehmen – ähnlich wie beim Improvisationstheater. Dabei werden Handlungsstränge nicht vorgeschrieben, sie entwickeln sich spontan am Tisch. In Live-Streams auf Twitch wird auch das Publikum eingebunden: Mal können die Zuschauer mitermitteln, mal rätseln oder über Handlungselemente abstimmen. Bekannte Gesichter aus den Communities sorgen für viele Views, und im Nachgang entsteht viel Video-Content, der auf YouTube, Instagram und TikTok läuft. 
Doch wie verträgt sich diese Spontanität mit journalistischen Standards? „Das war eine der größten Sorgen, die uns begegneten“, sagt Moritz Haase, ehemaliger Produzent beim Hamburger Streamingkanal Rocket Beans TV und Gründer der Stuttgarter Agentur Guter Content. „Die Programmverantwortlichen mussten erst verstehen, dass man nicht alles vorplanen kann – dass das kein Film ist, sondern ein Format, das interaktiv gestaltet wird.“ 

Genau darin sieht auch Tim Pfeilschifter vom Bayerischen Rundfunk, der die ersten Pen-and-Papers der ARD mitentwickelte, die Stärke: „Die spontanen Reaktionen der Spieler machen das Format lebendig. Und durch gute Vorbereitung und ein Debriefing mit Experten nach der eigentlichen Spielrunde können wir sicherstellen, dass die Fakten stimmen.“

Spielleiter wie Mháire Stritter oder Steffen Grziwa, die für die ARD historische oder aktualitätsbezogene Runden geleitet haben, betonen, dass sie oft mehrere Wochen Rechercheaufwand haben. Für detailliertes Wissen aus der Römerzeit zum Beispiel, oder für ein Pen-and-Paper wie Projekt Pegasus, das 2022 den Cum-Ex-Skandal auf die Rollenspielbühne brachte. Trotzdem funktionieren Pen-and-Papers – genau wie Filme oder Theater – zu einem gewissen Grad über Fiktionalisierung. 

„Es kann geschmacklos wirken, in Pen-and-Paper einen direkten Kommentar zu Sachen zu machen, die jetzt gerade stattfinden“ , sagt Stritter. „Es ist immer leichter, das mit einem Degree of Separation zu machen.“ So ließen sich beispielsweise Vorurteile oder kulturelle Missverständnisse gut anhand von Fantasy-Metaphern erzählen. Das Hamburger Miskatonic Theater hat mit Demokraten & Dragons gezeigt, wie das geht: In der Pen-and-Paper-Bühnenshow versetzte Spielleiter Hendrik Heiler vier Politiker in eine Fantasywelt, wo diese sich prompt selbst entlarvten: „Die Fantasy-Welt befreit sie aus festgefahrenen Rollen“, erklärt Spielleiter Hendrik Heiler. „Wenn es um imaginäre Völker geht, projizieren sie das von alleine auf tagespolitische Themen.“

 

Von Mauerfall bis Klimawandel

Am Ende ähnelt ein Rollenspiel einer Mischung aus Talkshow und Videospiel. Unberechenbar muss es deshalb nicht sein. In einem Interview hat der professionelle Spielleiter und Schauspieler Uke Bosse Pen-and-Papers mit dem Action-Adventure The Last of Us 1 verglichen: „Du wirst gelenkt und es gibt dir trotzdem das Gefühl, also in der Spielwelt wirkmächtig zu sein.“ Pen-and-Papers bedienten sich dabei ähnlich Zauberkünstlern der Illusion der freien Wahl, sagt Bosse: „Du denkst, dass du es entscheidest, aber eigentlich entscheidest du es nicht.“

Thematische, auch journalistische Pen-and-Papers können ein breites Feld abdecken. Die Praxis zeigt drei besonders erfolgreiche Kategorien: 
1. Jahrestage wie 30 Jahre Mauerfall, das goldene Krönungsjubiläum der Queen, 500 Jahre Bauernkrieg
2. Zeitgeschichtliche Schwerpunkte wie die Weimarer Republik oder die Transformation nach der deutschen Wiedervereinigung. 
3. Aktuelle Themen, von Fake News bis Klimawandel.
„Jahrestage sind naheliegend, um jungen Leuten Nachrichten anders näherzubringen“, sagt Tim Pfeilschifter vom BR. Sein Kollege Benedikt Angermeier ergänzt: „Wenn wir 6.000 Leute haben, die einem Live-Rollenspiel zuschauen und aktiv dabei sind – das wären im Theater oder Stadion sehr große Zahlen.“

Doch es geht nicht nur um Reichweite. Michael Krechting, stellvertretender Chefredakteur Digital der Funke Mediengruppe, sieht das strategische Potenzial: „Das Attraktive wäre, dass wir einen spielerischen Weg der Wissensvermittlung auch zu einem eher sperrigen Thema finden, das uns gesellschaftspolitisch wichtig ist.“

Die Conversion-Ziele variieren stark. Der BR verlinkte nach seinen historischen Pen-and-Papers erfolgreich auf begleitende Podcasts – mit einer Conversion Rate von 20 Prozent. „Das war für uns eine sehr gute Quote“, sagt Pfeilschifter.

 

Internet-Community lobt den ÖRR

Andere Projekte zielen auf Markenbildung ab: Das Zeppelinmuseum Friedrichshafen nutzte Pen-and-Paper als Werbeformat für eine Gaming-Ausstellung, die 120.000 Besucher erreichte.

Dass junge Zuschauer massenhaft eigene Digitalabonnements abschließen, sollten Medienhäuser dennoch nicht erwarten, mahnen Experten. „Bei YouTube geht es uns nicht primär darum, Leute zu waz.de zu bringen“, sagt Funke-Digitalvize Krechting. „Die Formate auf den Plattformen müssen einfach so gut sein, dass Leute das gerne gucken und nutzen, und es dadurch einen Glanzeffekt auf unsere Marke hat.“ 

Der ARD ist genau das offenbar gelungen, wenn man in die Nutzerkommentare zu ihren Pen-and-Papers auf Twitch und YouTube reinliest: Von „Wie cool ist das denn, ein ARD-Projekt mit Roleplay“, über: „Ein Hoch auf die Öffentlich-Rechtlichen, da werden Unterhaltung und Bildungsauftrag noch gemeinsam hochgehalten“, bis hin zu: „Oha! Haben die Öffentlich-Rechtlichen endlich mal Twitch entdeckt!“ 

Tatsächlich hat die ARD auf der Plattform erst neulich die 100.000-Follower-Marke durchbrochen, nicht zuletzt mit prominent besetzten Pen-and-Paper-Runden. Was aber macht Pen-and-Paper-Formate so besonders für die Wissensvermittlung? Die Antwort liegt in der emotionalen Tiefe. „Durch das Erleben und Storytelling hat man einen anderen emotionalen Zugang“, erklärt Markus Schönell, der Rollenspiele in Workshops für Unternehmen einsetzt. „In der Rollenspielforschung spricht man vom Bleed-Effekt – dem Einbluten von Emotionen aus dem Charakter zurück zur spielenden Person.“

Dieser Effekt überträgt sich auch auf die Zuschauer. Steffen Grziwa, Spielleiter von journalistischen Pen-and-Papers wie Projekt Pegasus zum Cum-Ex-Skandal und Die Grenida-Krise zum Thema Fake-News, hat das immer wieder erlebt: „Wenn die Spielenden anfangen zu weinen, weil ihr Charakter stirbt, überträgt sich das auf die Zuschauenden – ähnlich wie bei Spielfilmen, nur authentischer, weil auch die Spieler vorher nicht wissen, was passiert.“

Das Gamification-Whitepaper des SWR bestätigt das: Menschen streben nach Autonomie, wollen Fortschritte erzielen und sich verbunden fühlen. „Gamification, die alle diese Bedürfnisse erfüllt, fördert nachhaltiges Engagement und intrinsische Motivation“, heißt es dort. Besonders das Flow-Prinzip – der Zustand völliger Vertiefung – macht Pen-and-Paper zu einem mächtigen Tool. „Pop- und Nerdkultur bieten eine enorme Chance, um Gamification mit Inhalten zu verbinden, die emotional resonieren und Identifikation schaffen.“

Interessant ist das nicht nur für Medien, sondern auch für Stiftungen oder Museen. So ist etwa Michael Wellmann von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur überzeugt von der emotionalen Macht der Rollenspiele: „Sie bieten die Chance zum Perspektivwechsel, zum empathischen Nacherleben historischer Kontexte.“ In der Zeit der Echokammern bieten Pen-and-Papers andere Möglichkeiten als herkömmliche News, Menschen wieder an einen Tisch zusammenzubringen. 

Bleibt die Frage, aufwendig es ist, so ein Format im eigenen Hause zu etablieren. Allein bei den möglichen Kosten ist die Spanne enorm. Deutschlands bekannteste Spielleiterin Mháire Stritter nimmt für eine 3-Stunden-Session inklusive Vorbereitung, Recherche und Streaming-Technik 2.000 Euro. „Das ist kostentechnisch überschaubar, verglichen mit anderen Produktionen“, sagt sie. 

 

Geld ist nicht die einzige Hürde

Will man nicht nur einzelne Gesichter auf Splitscreens, sondern Menschen im Studio, rechnet Ex-Rocket-Beans-Produzent Moritz Haase je nach Aufwand mit 10.000 bis 50.000 Euro. Günstiger wird es, wenn Häuser auf bereits bestehende Technik und Studios zurückgreifen können. Der SWR investierte für Fehler im System mit virtueller Produktionsbühne 120.000 Euro – was bei 480 Sendeminuten einen Minutenpreis von rund 250 Euro ergibt. „Das ist für Fernsehen relativ günstig“, rechnet Philipp Jacobs vor, der Produktionsleiter. „Ein Magazinbeitrag kostet oft über 1.000 Euro pro Minute.“

Geld ist nicht die einzige Hürde. „Die knappsten Ressourcen sind Personal und Zeit“, sagt Tobias Köhler, ehemaliger Innovationsmanager bei der Südwestdeutschen Medien Holding. „Das größte Innovationshemmnis ist, dass Innovation zu oft als Hobby betrieben wird.“

Hinzu kommt: Viele Entscheider verstehen das Format noch nicht. „Das Schwierigste war, den Zuständigen zu vermitteln, was Pen-and-Paper überhaupt ist“, berichtet Mháire Stritter von ihren Projekten beim BR, „und auch, dass die Kosten-Nutzen-Rechnung Sinn ergibt.“

Was wäre also eine gute Strategie für den Einstieg? „Niedrigschwellig anfangen“, rät Markus Schönell, „vielleicht erst mal mit einem Podcast-Format, das man dann nach und nach erweitert.“ Michael Krechting von Funke pflichtet bei: „Wir hätten die Studios dafür. Die Frage wäre eher, wie wir die Ressourcen in der Organisation freischaufeln.“

Hilmar Poganatz ist freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.