Haben wir eigentlich alle ADHS?
Journalismus und ADHS scheinen gut zusammenzupassen: tiefe Recherche, häufigwechselnde Themen und Deadlines, dieDopaminkicks freisetzen. Die freie Journalistin Julia Belzig fragt sich: romantisieren wir ein Krankheitsbild? Foto: Annkathrin Weis
ADHS scheint im Journalismus besonders oft vorzukommen. Tiefe Recherche, häufig wechselnde Themen und Deadlines, die Dopaminkicks freisetzen – all das kann ein idealer Nährboden für ADHSler sein. Und doch fragt sich unsere Autorin, ob wir da nicht ein Krankheitsbild romantisieren.
Text: Julia Belzig
Illustration: Zsuzsanna Ilijin
11.11.2025
Meine ADHS-Diagnose kam sehr viel später als mein Berufswunsch, Journalistin zu werden. Erst mit Ende 20 erhielt ich sie, mein Arzt und viele Menschen aus meinem Umfeld waren erstaunt. Ich nicht. Es erklärte, warum es mir seit meiner Kindheit schwerfällt, stillzusitzen und warum ich oft zwischen so vielen Gedanken hin- und herspringe. Das fühlt sich manchmal an, als würden fünf Radiosender in meinem Kopf auf einmal laufen.
Als erwachsene Frau gehöre ich genau zu jener Gruppe, die bei der Diagnostik oft übersehen wird. Wenn Menschen an ADHS denken, dominiert das stereotype Bild eines hyperaktiven, zappelig-impulsiven Jungen, der sich in der Schule nicht konzentrieren kann. Mädchen und Frauen zeigen häufig den unaufmerksamen ADHS-Typ, der weniger störend wirkt. Viele kompensieren früh – durch Perfektionismus, soziales Masking oder übermäßige Anpassung. Nach außen funktionieren sie, innerlich kämpfen sie.
Viele der Fähigkeiten und Impulse, die im Alltag herausfordernd sind, finden in kreativen, dynamischen Arbeitsfeldern wie dem Journalismus ihren Platz. Neurotypische Arbeitsstrukturen – geregelte Bürozeiten, monotone Routinen am Schreibtisch – sind für mich schwer vorstellbar. Der Journalismus dagegen kommt meinen Bedürfnissen entgegen: ständig neue Themen, wechselnde Aufgaben, spontane Wendungen. Als ich mit 16 mein erstes Schülerinnenpraktikum bei einer Lokalzeitung machte, war ich sofort begeistert. Damals wusste ich noch nicht, dass ich meinen Traumberuf gefunden hatte – und ein Arbeitsumfeld, das erstaunlich gut zu einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung passt.
Ich bin mit dieser Erfahrung nicht allein. Andere Journalist:innen berichten von ähnlichen Schwierigkeiten – und von der späten Erleichterung einer Diagnose. Kann es sein, dass es hier eine Überschneidung gibt? Tummeln sich im Journalismus besonders viele Menschen mit dieser Störung? Haben wir eigentlich alle ADHS?
Besonders eindrücklich schrieb die Journalistin Klaudia Lagozinski für die taz über ihre Diagnose. Zehn Jahre wurde sie mit therapieresistenten Depressionen von Ärzt:innen und Therapeut:innen fehldiagnostiziert. Keine Behandlung half. Erst die ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter brachte Klarheit: Die Depression war ein Symptom der eigentlichen Störung. Mit passender Medikation und Therapie fand sie erstmals seit langem zurück zum Optimismus – und schreibt heute offen über ihre Diagnose, auch um anderen Betroffenen Mut zu machen.
Die These, dass Menschen mit ADHS besonders häufig in Berufen wie dem Journalismus arbeiten, bestätigt auch Astrid Neuy-Lobkowicz. Die Fachärztin für Psychotherapie hat sich schon vor über 25 Jahren auf ADHS im Erwachsenenalter spezialisiert und wird bis heute regelmäßig als Expertin zu dem Thema interviewt. Immer wieder arbeitet sie auch mit Redaktionen zusammen – und hört dort von vielen Betroffenen, die ihre Diagnose mit ihrem Beruf in Verbindung bringen.
„ADHS ist erstmal eine besondere Art zu sein. Man hat andere Schwächepunkte und Stärkepunkte als andere Menschen“, sagt Neuy-Lobkowicz. Gerade Eigenschaften wie Kreativität, Eigenständigkeit oder die Fähigkeit, schnell zwischen Themen zu wechseln, seien für viele Journalist:innen von Vorteil. Menschen mit ADHS können kurzfristig hyperfokussieren, sich intensiv in ein Thema vertiefen und danach wieder nahtlos auf etwas Neues umschalten – eine Dynamik, die dem schnelllebigen Alltag in Redaktionen entgegenkommt. Neuy-Lobkowicz erklärt weiter, dass Arbeitsstrukturen im Journalismus besonders gut zu ADHS passen: sie sind unvorhersehbar, abwechslungsreich und von ständigen Planänderungen geprägt.
Stärken und Schwächen erkennen
Deadlines wirken nicht nur produktivitätssteigernd, sondern setzen auch die Dopaminkicks frei, nach denen das ADHS-Gehirn sucht. Impulsivität, die andernorts problematisch sein kann, wird hier zur Stärke: schnell reagieren, Entscheidungen treffen, Aufgaben sofort anpacken. Selbst Krisensituationen können bei ADHSlern paradoxerweise einen Zustand von Ruhe und Fokus erzeugen, weil der Druck die Aufmerksamkeit bündelt.
Außerdem vermutet Neuy-Lobkowicz, dass ADHS ein „altes Gen“ in Journalist:innen aktiviert, eine Art „Jäger-Gen“, das intensive, wenn auch kurzfristige Konzentration ermöglicht, um Nachrichten zu „jagen“ und danach direkt zum nächsten Thema überzugehen. Die thematische Vielfalt erlaubt es, sich tief in ein Thema einzuarbeiten und danach loszulassen, um Platz für das nächste zu schaffen – ein idealer Nährboden für ADHSler im Journalismus.
Der berufliche Alltag mit ADHS bedeutet für die Journalistin Klaudia Lagozinski, dass sie sich leicht für viele Dinge begeistern kann und flexibel im Denken ist – zugleich braucht sie viel Stimulation. Wenn Meetings oder Vorträge zu langatmig oder für sie sinnfrei wirken, beginnt ihr Gehirn, nach neuen Reizen zu suchen, oft in Form eines Nebenprojekts. Mittlerweile hat Lagozinski das akzeptiert und versucht, sich in solchen Momenten zu regulieren: Sie steht auf, wenn möglich, und schärft bewusst ihre Aufmerksamkeit.
Mit ihrer Diagnose geht sie transparent um; auch ihr Arbeitgeber weiß Bescheid. „Wenn das für jemanden ein Problem wäre, wäre diese Redaktion kein Ort, an dem ich arbeiten will“, sagt sie. Sie will ihre Position und ihren Einfluss nutzen, der Diagnose ein Gesicht zu geben. „Ich möchte zeigen, dass man trotz ADHS-Diagnose im Journalismus erfolgreich arbeiten kann.“
Für Menschen mit ADHS ist der Hyperfokus oft eine Quelle intensiver Kreativität. Wer einmal darin versinkt, blendet die Umgebung vollständig aus und taucht mit aller Energie in eine Aufgabe ein. Stunden können wie Minuten vergehen, Essen, Trinken oder Pausen werden vergessen – ein Zustand, der tiefe Recherche oder kreative Arbeit manchmal erst möglich macht. Für den Journalismus, mit seinem Mix aus Tempo und Tiefgang, kann das ein entscheidender Vorteil sein.
Doch die Kehrseite ist nicht zu übersehen. Hyperfokus ist schwer kontrollierbar: Aufgaben bleiben liegen, andere Verpflichtungen geraten in den Hintergrund. Manchmal vertieft man sich in Nebensächlichkeiten oder verliert sich in Details, die für das eigentliche Ziel irrelevant sind. Auch der sogenannte „negative Hyperfokus“ kann auftreten: Man hängt sich an Fehlern oder Beispielen auf und kommt nur schwer wieder los davon. Die Faszination, die den Hyperfokus ausmacht, geht gleichzeitig leicht mit Stress, Chaos oder unvorhergesehenen Anforderungen einher.
Wird in den Medien über ADHS berichtet, schneidet der Hyperfokus besonders gut ab und wird – in Teilen – als eine Art Superkraft romantisiert. „Ich finde die Bezeichnung Superkraft ein bisschen überbewertet“, sagt Astrid Neuy-Lobkowicz dazu.
Das Thema ADHS kommt aktuell häufig in den Medien vor. Vermutlich erzeugt die schiere Masse an Informationen und die gestiegene Aufmerksamkeit bei einigen Menschen den Eindruck, ADHS sei eine „Modediagnose“.
Doch das könnte ein schiefes Bild sein: Je mehr Menschen über ADHS erfahren, desto mehr finden sich in dem Krankheitsbild wieder. Und wenn überdurchschnittlich viele von ihnen sich in der Medienbranche wiederfinden, hat das sicher auch eine Auswirkung auf die Menge der Berichterstattung über ADHS.
Außerdem werden diejenigen, die es bräuchten, noch zu selten diagnostiziert: Laut dem European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD haben in Europa 3 bis 5 % der Kinder ADHS, bei Erwachsenen ist die Zahl etwas niedriger, im Schnitt bei etwa 2,8 %. „Höchstens zehn Prozent der Betroffenen werden behandelt“, schätzt Neuy-Lobkowicz, demzufolge blieben rund 90 % unbehandelt.
Medikamente nicht per se verurteilen
ADHS als Modediagnose abzutun, verwässere die Probleme der Betroffenen und erwecke den Anschein, dass die negativen Aspekte nicht ernstgenommen werden. In der Berichterstattung über ADHS ist es deshalb wichtig, nicht nur auf positive Aspekte aufmerksam zu machen, sondern auch auf den Leidensdruck der Betroffenen. „ADHSler scheitern oft an den kleinen Dingen im Leben, aber da scheitern sie grandios“, sagt Neuy-Lobkowicz.
Selbstorganisation fällt schwer: ADHSler übersehen Dinge, machen Flüchtigkeitsfehler und verlieren oft den Überblick. Monotone Aufgaben erledigen sie häufig erst auf den letzten Drücker. Hinzu kommen Schwierigkeiten bei Planung, Priorisierung, beim Zu-Ende-Bringen von Aufgaben, Ordnung und emotionaler Selbstregulation. Sie sind häufig impulsiv, schnell ärgerlich und haben große Motivationsprobleme.
Neuy-Lobkowicz kritisiert die fehlende Expertise mancher Autor:innen von Medienbeiträgen, besonders wenn es um die – oft umstrittene – Gabe von Medikamenten gehe: „Man kann ADHS nicht einfach wegmachen. Es geht darum, dass Betroffene einen guten Weg in ihrem Leben finden, um erfolgreich und glücklich sein zu können.“ Bei ADHS wird der Gehirn-Botenstoff Dopamin zu schnell abgebaut. Deshalb ist die Empfehlung immer, zuerst eine medikamentöse Behandlung zu machen, zum Beispiel mit Ritalin, um das Dopamin hochzuregulieren. Und doch berichteten in der Vergangenheit Medien häufig kritisch über Ritalin, warnten vor Überverschreibung, Abhängigkeit und einem vermeintlichen ‚Ruhigstellen‘ ganzer Generationen.
Als Betroffene stört das auch Klaudia Lagozinski. „Wenn ich das Arbeitsleben haben möchte, das ich mir wünsche, muss ich diese Medikamente nehmen.“ Sie habe in ihrem Leben oft unter Motivationsproblemen und Antriebslosigkeit gelitten. Seitdem sie ein ADHS-Medikament nimmt, gelingt es Lagozinski öfter, Deadlines einzuhalten, Sachen abzuschließen, einfach zu ihrem Ziel zu kommen. ADHS ist eine Spektrumserkrankung, unterschiedliche Ansätze helfen verschiedenen Menschen. Medikamente grundlegend als schlecht zu labeln, sei falsch.
Social Media könnte dazu beitragen, dass ein falsches Bild von ADHS entsteht. Insgesamt gibt es auf Instagram über 5,7 Millionen Beiträge unter dem #ADHD (engl. Abkürzung), auf TikTok über vier Millionen. Das hat Vor- und Nachteile. Die derzeitige Entwicklung im Internet führt laut der Ärztin Neuy-Lobkowicz zu einer Überidentifikation. Sie ruft dazu auf, vorsichtig zu sein, welche Inhalte man konsumiert: Nicht jede:r Influencer:in habe ADHS, und nicht jede:r Content-Creator genug Wissen, um aufzuklären. Eine Studie des britischen Guardian belegt: mehr als die Hälfte aller Posts zu ADHS beinhalten Fehlinformationen, unzureichende Infos oder andere Mängel.
Generell kommt die vermehrte Nutzung von Social Media als gesellschaftlicher Trend Menschen mit ADHS nicht zugute, weil sie kaum noch zur Ruhe kommen, sagt Neuy-Lobkowicz: „Unser Leben hat sich verändert und für ADHSler ist das besonders negativ, weil sie ihre Aufmerksamkeit nicht steuern können.“ Je schneller unsere Welt werde, je mehr Multitasking gefordert werde – von Großraumbüros bis zu digitaler Dauerreizung – desto stärker seien die Belastungen und Symptome wie Ablenkbarkeit und schnelle Reizüberflutung.
Deshalb rät Neuy-Lobkowicz Betroffenen, früh herauszufinden, wie sie ticken, und eine Berufswahl zu treffen, die zu ihren Bedürfnissen passt – für ein erfülltes Leben mit ADHS.
Julia Belzig arbeitet als freie Journalistin in Berlin.