„Ich dachte einfach, wir hätten mehr Zeit"

Klimajournalismus braucht Austausch und Netzwerk. Darin waren sich Heike Janßen und Sara Schurmann im journalist-Klima-Talk einig. Foto: Tim Bruening

Wenige Branchenbereiche haben sich so schnell entwickelt wie der Klimajournalismus. Der journalist hat zwei seiner prägendsten Generationenvertreterinnen zum Gespräch geladen: Wissenschaftsjournalistin Heike Janßen und Klimajournalistin Sara Schurmann. Sie sprechen über Aktivismusvorwürfe, Burnout, Einzelkämpfertum und Kritikunfähigkeit.

Interview: Annkathrin Weis, Fotos: Tim Brüning

04.09.2026

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Der journalist hat zwei Klimaexpertinnen nach Hamburg eingeladen, um ihre Sicht auf die Lage im Journalismus zu erfahren. Annkathrin Weis hat Sara Schurmann und Heike Janßen gefragt: Wie steht es um den Klimajournalismus? Und ist dieser Begriff überhaupt passend?

journalist: Ist Klimajournalistin eine Berufsbezeichnung, mit der ihr euch identifiziert?

Heike Janßen: Vor 20 Jahren gab es den Titel noch nicht, da hätte man uns vielleicht Wissenschaftsjournalistinnen genannt. Ich finde den Begriff Klimajournalistin problematisch – es geht nicht nur um Klima, sondern alles hängt zusammen: Biologie, Gesellschaft, Wirtschaft.

Sara Schurmann: Ich habe mich am Anfang nicht Klimajournalistin genannt, weil ich late to the party war. Erst 2020 habe ich verstanden: Diese Klimakrise ist viel akuter, als ich auf dem Schirm hatte. Jetzt mag ich den Begriff. Ich finde ihn gut als Abgrenzung, um zu sagen: Das ist eine relevante journalistische Ausrichtung. Eine, die Fachwissen erfordert. Als ich Leute gesucht habe, die ähnlich denken und schon länger dabei sind, hat der Begriff die Sache eher schwieriger gemacht.

journalist: Weil „Klimajournalismus“ als bloßes Label verstanden wurde?

Janßen: Erst in der jüngeren Generation nennen sich sehr viele Leute tatsächlich Klimajournalistinnen. Ich finde das einerseits gut, denn es ist gerade heute nicht selbstverständlich, große Zusammenhänge herauszuarbeiten. Gleichzeitig denke ich: Man ist nicht Klimajournalistin, nur weil man zwei, drei Artikel dazu geschrieben hat. Wenn ich zu meinem Chefredakteur sagen würde, ich möchte ab jetzt Fußballberichterstattung machen, würde er lachen, weil das so ein komplexes Thema ist. Genau so ist es mit Klima und Nachhaltigkeit. Es braucht Jahre, um zu verstehen, was damit alles zusammenhängt, und um aktuelle Geschehnisse einordnen zu können. Deshalb finde ich es deprimierend, dass junge Shootingstars gehypt werden, während niemand zu der älteren Generation sagt: „Wir hätten auf euch hören sollen, entschuldigt.“ 

Schurmann: Es stimmt, es braucht Jahre, bis man richtig drin ist. Das stelle ich in meiner eigenen Arbeit auch fest, und ich gehöre ja zur Generation Shooting Star. Natürlich haben Kolleginnen wie du, die seit 30 Jahren Studien lesen und Entwicklungen beobachten, einen ganz anderen Einblick. Als viele Medien Klimaredaktionen gegründet haben, habe selbst ich deren Arbeit anfangs als qualitativ durchwachsen empfunden. Aber: Sie sind besser geworden. Weil sich die Kolleginnen und Kollegen jahrelang als Team eingespielt haben und inzwischen richtig gute Berichterstattung machen. Ich finde, du musst nicht Klimawissenschaften studiert haben, um gut über Klima als Querschnittsthema berichten zu können. 

Janßen: Ich habe das überspitzt ausgedrückt, ich sehe es in vielen Bereichen genau wie du. Was mir noch auffällt: Selbst in Interviews der Öffentlich-Rechtlichen und anderen Qualitätsmedien zu aktuellen Ereignissen sind die Fragen meistens oberflächlich und die Interviewer haken nicht nach – weil sie eben Generalisten sind, egal welchen Alters. Das kann man ihnen nicht mal vorwerfen. Wenn du geübte Interviewpartnerinnen hast, egal ob aus Politik oder Industrie oder Interessensvertretungen, können die selbst alteingesessene Moderatorinnen und Moderatoren um den Finger wickeln. Ich würde mir wünschen, dass man sich breiter vorbereitet. Ich selbst bin alt und habe schon viel gelesen und gehört, trotzdem frage ich immer Fachleute nach ihrer Einordnung.

„Zumindest kann man sagen, dass Klimajournalismus nicht nur ein Trend war, der wieder vorbei geht. Alle, die mal damit angefangen haben, bleiben dabei, auch die Jüngeren“

journalist: Sind wir an dem Punkt, an dem das Ressort Klima ähnlich etabliert ist wie Sport, Wirtschaft, Politik?

Schurmann: Zumindest kann man sagen, dass Klimajournalismus nicht nur ein Trend war, der wieder vorbei geht. Alle, die mal damit angefangen haben, bleiben dabei, auch die Jüngeren. Und es gibt mittlerweile deutlich mehr richtig gute Kolleginnen und Kollegen. Trotzdem geht Klimaberichterstattung quantitativ zurück und bekommt weniger eigene Ressourcen. Soweit ich weiß, gibt es an diversen Journalistenschulen bis heute keine Einführung in die Klimaberichterstattung. 

Janßen: Ich kenne Kolleginnen und Kollegen, die meinen zum Beispiel, Waldbrände hingen nicht mit der Klimakrise zusammen oder wir müssten das nicht in dem Kontext thematisieren. Dabei gibt es Attributionsforschung, die Wahrscheinlichkeiten berechnet. Uns wird seit jeher vorgeworfen, wir hätten zu viel Haltung beim Thema Klima – aber Journalisten in Russland oder China oder der Türkei, die sich gegen ihr Regime stellen, bewundern wir. Wieso bewundern wir nicht Journalisten, die über die Klimakrise als größte Bedrohung der Menschheit reden? Natürlich habe ich eine Haltung, die Aktion fordert, weil ich den wissenschaftlichen Hintergrund kenne. Natürlich will ich nicht, dass ärmere Menschen in ihren heißen Wohnungen sterben oder im globalen Süden verhungern und verdursten. Ich finde so ein Denken normal. Zu Menschenrechten kann ich stehen, ohne „links-grün-versifft“ zu sein.

Schurmann: Da würde ich dir widersprechen. Ich verstehe total, wenn du dich in dieser Definition dann als aktivistisch identifizierst, aber…

Janßen: Nein, das ist nicht aktivistisch. Meine Arbeit ist wissenschaftlich, aber sie führt zu Aktivismus, den man übrigens in anderen Zusammenhängen nicht schlimm findet. Wenn Leute sich gegen ein Terrorregime auflehnen, finden das alle toll. Ich auch. 

Schurmann: Ich finde nicht, dass Klimajournalismus zu Aktivismus führt. Sondern: Das Verständnis für das Ausmaß der Krise führt idealerweise zu gutem Journalismus. Ich habe die letzten Jahre eine Kolumne geschrieben und mir wurde regelmäßig von der Redaktion zurückgemeldet, ich bräuchte eine klarere Haltung. Dabei betrachte ich es als meine Aufgabe, aktuelle Themen über eine persönliche Erzählweise verständlich herunterzubrechen. Ich lese die Studien und erkläre dann, was das mit deinem Leben zu tun hat. Ich habe keine eigene Meinung, die vom wissenschaftlichen Konsens abweicht. Ich verstehe, dass das unbefriedigend ist, weil eine Kolumne natürlich Aufmerksamkeit erregen soll.

Janßen: Du setzt Aktivismus gleich mit reißerisch. Aber ich bin ja auch Nachrichtenjournalistin. Ich bleibe immer streng wissenschaftlich und objektiv. Nur im Herzen trage ich eine Haltung und bin für Aktion. Der Aktivismusvorwurf ist ein Totschlagargument, das ich nicht hinnehmen möchte. Ich habe eine Haltung, die ich wissenschaftlich und menschenrechtlich begründen kann. Und wenn mir jemand vorwirft, dass das Aktivismus ist, dann bin ich eben Aktivistin. Dabei haben vermutlich die meisten Menschen diese Haltung. Trotzdem werden wir auf diese Weise eingeschüchtert, vor allem von konservativen und rechten Interessensgruppen.

journalist: Gehört der Vorwurf zur Zeit der Fridays-for-Future-Berichterstattung, oder hat er noch tiefere Wurzeln?

Janßen: Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Intendanten, dem ich vor etwa zehn Jahren einen Nachhaltigkeitspodcast vorgeschlagen hatte – und er sagte, es sei ja noch nicht sicher, ob die Klimakrise menschengemacht ist. Obwohl an diesem Punkt alle wichtigen Informationen längst zugänglich waren, die Leute wollten sie nur nicht hören. Das ist heute anders. Und deswegen wollen die großen fossilen Interessenten nochmal zurückschlagen. Ich hoffe nur, es ist das letzte Mal, dass der Drache sein Haupt erhebt.

Schurmann: Auch in den vergangenen Jahren habe ich eine Welle beobachtet: eine kurze Phase von Irritation in den Redaktionen, als wir loslegten mit diesem Klimajournalismus-Label, aber auch viel Interesse und Wohlwollen. Als es dann größer wurde, kamen Abgrenzungen und Aktivismusvorwürfe von Gruppen dazu, denen das Thema zu einflussreich wurde. Mittlerweile interessiert es im politischen Diskurs keinen mehr. Wir sind gerade in einer Multikrise und die wird in meiner Lebenszeit wahrscheinlich nicht mehr enden. Wenn wir wirklich etwas im Journalismus verändern wollen, müssen wir mit Querschnittsvernetzung anfangen und uns mit Kolleginnen und Kollegen aus allen Bereichen zusammentun. Ich mache keinem einen Vorwurf, der das Klima nicht ständig mitdenkt. Ich schaffe es auch nicht, mir die Details des Israel-Palästina-Konflikts draufzuschaffen. Die eigenen Kapazitäten sind begrenzt. Wir brauchen strukturelle Lösungen.

Janßen: Ein weiteres Problem ist, dass die klassischen Medien viel weniger genutzt werden. Durch Social Media sind es nur kurze Häppchen, die im Kopf hängen bleiben. Wenn dabei dann noch Fehler passieren … Viele Menschen wollen kein Geld für seriösen Journalismus ausgeben, wodurch Geld fehlt und die Qualität sinkt, weil keine Kapazitäten für Recherchen bleiben. Mit diesem Kreislauf werden journalistische Formate gerade demontiert und demontieren sich auch selbst. 

Schurmann: Dabei kann jeder, der irgendein Fachgebiet hat, die Frustration nachvollziehen, wenn man allgemeine Berichterstattung darüber liest und findet, dass sie viel zu oberflächlich ist. Content Creator, die keine klassisch journalistische Ausbildung haben, machen da teilweise einen besseren Job als unsere Branche. Wenn wir mit unseren Themen nicht beim Publikum landen, müssen wir Journalistinnen eben gucken, wie wir es anders hinbekommen. Deswegen würde ich nicht die Leute bashen, die Social Media konsumieren, sondern gucken, wie wir sie besser in ihrem Alltag erreichen. Ich würde mir wünschen, dass wir alle einen Schritt zurücktreten, durchatmen und überlegen, was wichtig ist. Es regt mich manchmal auf, wie gnadenlos Journalismus über andere Bereiche urteilt, aber selbst unfähig ist, Kritik anzunehmen.

„Uns wird seit jeher vorgeworfen, wir hätten zu viel Haltung beim Thema Klima – aber Journalisten in Russland oder China, die sich gegen ihr Regime stellen, bewundern wir“

journalist: In welchen Entscheidungskreisen bleiben Formate, Themen oder Recherchen zum Klima gerade hängen?

Janßen: Ich finde schon, dass in vielen Klimaredaktionen tolle Formate gebildet wurden. Leider ist das aber konjunkturabhängig – und Klimajournalismus hat im Moment keine Konjunktur. Ich weiß von vielen Kollegen aus unterschiedlichen Medien, dass sie stark auf das Verhalten der User schauen – das Publikum bestimmt die Themen. Das müsste gerade heute andersherum sein. Klar, manchmal habe ich auch keine Lust, über die Klimakrise zu lesen und gucke lieber irgendwelchen Mist. Aber die Aufgabe der Medien ist es, die Leute über das zu informieren, was wirklich wichtig ist. Und zusätzlich habe ich das Gefühl, dass sich viele Medien aus Angst vor der AfD Entscheidungen treffen. Weil sie Schiss haben. 

Schurmann: Ich habe neulich ein paar Kolleginnen und Kollegen getroffen, mehrere von ihnen arbeiten in renommierten Wissenschaftsredaktionen. Nachdem sie mir beschrieben haben, was aktuell ihre Arbeitsbedingungen sind, war ich froh um mein freies Dasein. Sie meinten, es sei inzwischen ein ganz anderer Job als der, für den wir vor zehn Jahren an der Journalistenschule ausgebildet wurden.

journalist: Inwiefern?

Schurmann: Seit wir Journalistinnen werden wollten, ist Medienkrise, das ist klar. Und natürlich hatten wir immer weniger Geld als in den 70ern, die goldenen Zeiten sind vorbei.

Janßen: Gute Zeiten habe ich noch erlebt – da haben wir in der Frühschicht noch Brötchen bekommen. 

Schurmann: Selbst mein Jahrgang an der Henri-Nannen-Schule wurde noch ausgebildet für einen Wissenschaftsjournalismus, der die komplizierten Fragen stellt und auch mal zum Ursprung reist. Man hatte durchaus mal drei Tage oder mehr, um ein Thema ordentlich zu erklären, in die Tiefe zu recherchieren. Jetzt gucken meine früheren Kolleginnen und Kollegen morgens, welche Studie an dem Tag rauskommt – und um 16 Uhr muss der Text dazu auf die Website, teils ohne Faktencheck. Idealerweise generiert er drei Abos. Seit ich festangestellt war, scheint sich der Druck nochmal verschärft zu haben, weswegen ich nie einzelne Journalisten kritisieren würde. Es geht um Strukturen.

Janßen: Ich glaube, es kann passieren, dass man als Redaktion durch gewisse Entscheidungen Kundinnen und Kunden verliert. Aber dann müssen wir eine Art und Weise finden, trotzdem weiter Probleme zu benennen. Sonst transportieren wir den Eindruck ans Publikum, dass es keine Klimakrise gibt…

journalist: … und dass beispielsweise ihr eigenes Konsumverhalten in der Masse keinen Unterschied machen wird?

Janßen: Genau. Dann sollten sie durch unsere Berichterstattung zumindest wissen, wie Fast Fashion und Umweltprobleme miteinander zusammenhängen.

Schurmann: Es war jetzt jahrelang mein Job, mir genau für so etwas Strategien auszudenken und sie in Workshops zu vermitteln. Weil Kolleginnen und Kollegen oft so sehr in Alltagsarbeiten hängen, dass sie gar keine Zeit haben, mal einen Schritt zurückzutreten. Um den Blick nicht nur auf das Problem, sondern auch auf die Lösungsideen zu richten. 

„Ich finde nicht, dass Klimajournalismus zu Aktivismus führt. Sondern: Das Verständnis für das Ausmaß der Krise führt idealerweise zu gutem Journalismus“

journalist: Das ist eine weitere Aufgabe, die auf den Schultern der wenigen landet, die das täglich neben vielem anderen umsetzen müssen. 

Schurmann: In den vergangenen Jahren hatte ich für meine Trainings viel mit Chefredaktionen zu tun. In vielen der großen Medienhäuser wurde ich mit den Worten verabschiedet, dass wir so ein Klimaberichterstattungs-Training nun auch für den Rest des Hauses umsetzen würden. Das hat in keiner einzigen Redaktion stattgefunden. Vielleicht war es naiv, zu denken, dass trotz des abflauenden Thementrends die Ressourcen bleiben. Dass es so wenig wird, habe ich nicht kommen sehen.

journalist: Wer in der Branche übernimmt die Verantwortung, dem Nachwuchs das Wissen über Klimaberichterstattung weiterzugeben? 

Janßen: Meinem Eindruck nach geht es bei der Ausbildung mehr um journalistische Techniken, weniger um Fachwissen. Ich würde heute wie früher eher ein Fachgebiet studieren, um Wissensinhalte zu erhalten.

Schurmann: Ich reagiere ein wenig allergisch auf diese Frage. Natürlich müssen alle Journalistenschulen Klimajournalismus als Grundbestandteil in ihre Ausbildung aufnehmen. Aber viel wichtiger wäre es doch, das den älteren Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionen aufzuerlegen. Die Redaktion von Bloomberg Green beispielsweise hatte ein System, wonach die Belegschaft rotiert ist, Klimawissen gesammelt hat und im Anschluss zurück in ihr Team gegangen ist. Ich finde, genau solche nachhaltigen Maßnahmen hätte man in den vergangenen sechs Jahren aufgleisen müssen, anstatt einzelne Redaktionen zu gründen, die jetzt wieder wegrationalisiert werden. 

journalist: Füllen die verschiedenen Netzwerke, in denen ihr tätig seid, diesen Bedarf?

Janßen: Das Wichtigste an Netzwerken ist der Austausch mit Leuten, die das gleiche Ziel haben. Ich habe Nachhaltigkeitskommunikation studiert, ein Jahr berufsbegleitend. Dort war es toll, mit Leuten zusammenzusitzen, mit denen ich nicht erstmal die Grunddiskussion führen musste, ob die Klimakrise real und menschengemacht ist. Egal ob beim Netzwerk Weitblick oder Netzwerk Klimajournalismus, Burnout ist ein riesiges Thema, wenn man sich mal umguckt. AfD, die aktuelle Energiepolitik – das ist kaum auszuhalten. Sich dann zurückziehen zu können zu Leuten, mit denen man auf einem gewissen Niveau weiterdiskutieren kann, ist so wichtig. Aber diese Räume mussten wir uns selbst schaffen.

Schurmann: Beim Gründungscall des Netzwerk Klimajournalismus vor fünf Jahren waren über 200 Leute dabei – und es war sofort ein so starkes Gefühl, nicht die Einzige zu sein, die in der Redaktionssitzung die Fahnen hochhält. Eine unserer wichtigsten Fragen ist weiterhin, wie wir möglichst viele Kollegen dafür gewinnen können, eine bessere Klimaberichterstattung zu machen. Und nach der ersten Alarmphase haben wir schon festgestellt, dass es gar nicht wenige gibt, die uns zugeneigt sind, aber wenig Kapazitäten haben. Und deswegen haben wir auch mit unseren Briefings angefangen, weil wir Leute befähigen und unterstützen wollen. Auch bieten wir Gesprächsangebote mit Blick auf mentale Gesundheit an. Sich auszutauschen, kann idealerweise schon so entlasten, dass man gar nicht erst in eine große Krise rutscht.

journalist: Wie viel Resilienz brauchte es in den letzten Jahren, aber auch während einer ganzen Karriere, um dabei zu bleiben?

Janßen: Nach all den Jahren ist es schwer, die Emotionen da rauszuhalten. Wenn man beispielsweise ein Gebiet wie Sport hat, kann man das nach der Arbeit wohl besser ausblenden. Aber es geht um existenzielle Fragen zu globaler Gerechtigkeit, Artensterben, Massentierhaltung. Das steckt man nicht einfach weg. Und ich schaffe das nur, indem ich mir sage: Ich tue, was ich kann, aber ich bin nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Ich kann nicht die ganze Welt retten. Und dank Menschen wie Sara weiß ich, dass ich nicht allein bin mit dieser Arbeit. Ich versuche, mich immer wieder zu regenerieren und es mir auch zuzugestehen, mich auch mit banalen Dingen zu beschäftigen. Diese Dimension ist sonst nicht aushalten.

Schurmann: Es ist nicht nur eine Floskel: Das Jahrzehnt, in dem wir gerade leben, wäre entscheidend, um unsere Lebensgrundlagen zu sichern. Und alle, die das erst zu Zeiten von Fridays for Future verstanden haben, haben einen wahnsinnigen Druck gespürt, alles zu tun, um dazu beizutragen, dass wir das vielleicht doch noch irgendwie hinkriegen. Dafür habe auch ich viel Privates hintenangestellt. Inzwischen entlastet es mich auf eine absurde Art, zu sehen, dass wir als Menschheit offensichtlich gar nicht ernsthaft versuchen, das Ruder herumzureißen. Ich gestehe mir zu, dass ich mich dann auch nicht 60 Stunden die Woche aufreiben muss, dass ich mein Leben auch genießen darf. Ich gehöre ja zu denen, die in den vergangenen Jahren gehörig Alarm geschlagen haben, aber selbst ich dachte, wir hätten mehr Zeit. Das, was wir diesen Sommer gesehen haben, hätte ich erst in ein paar Jahren erwartet. Vielleicht trägt das wenigstens dazu bei, dass das Pendel Richtung Backlash schneller wieder zurückschwingt.

journalist: Inwiefern hat sich die Branche professionalisieren können, um mit radikalen Akteuren umzugehen?

Janßen: Bis heute stehen Leute in der Öffentlichkeit schnell allein da, wenn es um Kritik geht. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen ihr Gesicht zeigen und unsere Arbeit unterstützen. Es gibt viel mehr, die sie wichtig finden, als beispielsweise auf Social Media sichtbar wird. Dort schreien die Gegner am lautesten.

Schurmann: Ja, und genau das sollte man nicht als Einzelkämpfer angehen müssen.

Annkathrin Weis ist freie Journalistin und Moderatorin. Sie beschäftigt sich mit sozialer Ungleichheit und digitaler Sicherheit. 
Tim Brüning ist freier Fotograf aus Hamburg.