Menschlich auf Sendung
Menschen mit Beeinträchtigungen stehen bei TV Glad vor und hinter der Kamera – und sie gehören oft zu den Interviewten. DasMedienhaus will ihre Lebensrealität abbilden und gesellschaftliche Wirkung entfalten. Foto: Rainer Kwiotek
Der Schauspieler Nikolaj Coster-Waldau kämpft mit den Tränen, Regierungschefin Mette Frederiksen spricht über Einsamkeit. All das passiert bei TV Glad – dem weltweit ersten Medienhaus für Journalistinnen und Journalisten mit Beeinträchtigungen. Ein Besuch.
Text: Bernd Hauser
Fotos: Rainer Kwiotek
17.12.2025
Zuschauer weltweit kennen Nikolaj Coster-Waldau als Ritter aus der Fantasy-Saga Game of Thrones. In amerikanischen Talkshows, auf dem roten Teppich in Cannes, als Moderator von Dokumentarfilmen über die Zukunft der Menschheit: Überall wirkt der Schauspieler souverän. Doch jetzt kämpft er mit den Tränen.
Coster-Waldau sitzt in einer Runde von vierzig Interviewern. „Wie war dein Vater?“, fragt einer von ihnen. „Alle geben ihr Bestes“, sagt Coster-Waldau, „aber mein Vater war Alkoholiker.“ Er erzählt, wie er als Kind immer wieder hoffte, sein Vater würde ihn dem Schnaps vorziehen. Er berichtet, wie er als junger Mann nach dem Tod des Vaters dessen Wohnung betrat: Der Tisch war unter Zigarettenasche und Stummeln begraben. „Ich brauch einen Schluck Wasser“, sagt Coster-Waldau dann, und: „Alkohol ist Scheiße.“ Seine Lippen zittern.
Es ist nicht das erste Mal, dass der Schauspieler über seinen Vater spricht. Aber nie hat er sich derart verletzlich gezeigt wie in dieser Sendung. En særlig samtale („Ein besonderes Gespräch“) ist eine Kooperation des öffentlichen Senders DR, einer Produktionsgesellschaft und dem Sozialunternehmen TV Glad. Es entstand in Kopenhagen bereits vor der Jahrtausendwende als „weltweit erster Fernsehsender für und mit Menschen mit Beeinträchtigungen“, so die Eigenwerbung. Einige der Interviewer im Gespräch mit Coster-Waldau sind sehbehindert, andere haben seit der Geburt eine Hirnschädigung, viele leben mit Autismus.
Befreiende Wahrheit
Bislang hat DR sieben solcher Gespräche mit Prominenten ausgestrahlt. Die Folge mit Coster-Waldau sehen 233.000 Menschen im Fernsehen, 232.000 Menschen streamen sie in der Internet-Mediathek – damit erlebt jeder zwölfte Einwohner im Königreich, wie Coster-Waldau noch etwas sehr Persönliches preisgibt: Durch einen DNA-Test erfuhr er zufällig, dass sein Vater nicht sein Erzeuger ist. „Ich habe das noch nie erzählt“, sagt er. Seine Mutter hatte eine Affäre mit dem dänischen Fernsehproduzenten Kjeld Vejrup. Damit sei er eine seiner Ängste los: „Ich fürchtete immer, dass ich durch meinen Vater genetisch anfällig für Alkoholismus sein könnte.“
In dieser Runde scheint eine Verbundenheit und Sympathie zu entstehen, die man in anderen Interviews kaum erlebt. Warum ist das so? Und wie arbeiten Menschen mit Beeinträchtigungen als Journalistinnen und Journalisten? Ein Besuch bei TV Glad in einem alten Backsteinbau im Kopenhagener Stadtteil Nordvest: Für neun Uhr hat Nathalie Bitton, 42, eine Konferenz angesetzt. Die Chefredakteurin hat keine Beeinträchtigung, früher war sie Redakteurin im öffentlichen Kinderfernsehen, seit zwölf Jahren ist sie bei TV Glad. Sie ist eine zierliche Frau, die den Raum mit ihrer Autorität füllt. Nie klingt ihre Stimme irritiert oder drängend. Die acht Reporterinnen und Reporter um den Tisch sind dabei, die nächste Folge der Interviewreihe vorzubereiten. Der kommende Gast ist ein berühmter Popmusiker. Sein Name soll noch geheim bleiben.
In der Runde sitzt Dan Jørgensen, 38, er lebt mit Autismus. Er schlägt zwei Fragen vor. „Ich habe gelesen: Unser nächster Gast liebt Katzen, so wie ich. Ich würde gerne wissen: Warum? Und: Ich hatte noch nie eine Liebste. Aber ich habe viele Freunde. Ich würde gerne die Frage stellen: Wie geht es ihm mit Einsamkeit?“ – „Gute Idee“, sagt Chefredakteurin Nathalie.
Rasmus Nielsen, 33, meldet sich. Er lebt mit Zerebralparese, einer Hirnschädigung, die zu Bewegungsstörungen führt. „Viele Jungs beginnen, Gitarre zu spielen, weil sie Eindruck bei den Mädchen machen wollen“, sagt er. „Ich würde gerne wissen: Wie war das bei unserem Gast?“ Rasmus stellt gerne Fragen zu Sexualität, Partner- und Elternschaft. Im Gespräch mit Nikolaj Coster-Waldau hatte er gefragt: „Hast du gegenüber deinen Kindern manchmal ein schlechtes Gewissen?“ Er selbst wolle nämlich keine Kinder, aus Angst, sie zu enttäuschen, erzählte er Coster-Waldau: „Ich kann ja nicht laufen mit ihnen. Und sie würden andere Väter sehen, die groß und schön sind.“
Chefredakteurin Nathalie strukturiert die Ideen, schreibt Begriffe wie „Kindheit“, „Scheidung“, „Angst und Depression“ ans Whiteboard: „Ich schlage vor, ihr recherchiert dazu weiter.“ Dann eilt sie mit Anders Jensby, 37, in den Schneideraum. Anders ist ebenfalls Reporter, er trägt Sakko und Kroko-Ledergürtel.
Er wirkt selbstsicher, wenn er durch die Redaktion schlendert, in der einen Hand trägt er ein Macbook. Jetzt liegen die Hände auf der Computertastatur, die Nasenspitze ist nur wenige Zentimeter vom Monitor entfernt. „Ich bin sehbehindert“, sagt er. Trotzdem arbeitet er auch als Cutter, schneidet Videos. „Ich zoome ins Programm, vergrößere die Details. Es dauert länger, mich zurechtzufinden – aber es geht.”
Flexible Arbeitsbedingungen
Anders präsentiert Nathalie sein neues Werk: Auf dem Bildschirm erscheint Kollege Svend, Computerspiel-Experte bei TV Glad, er hat ein neues Spiel getestet. Der Clip von Anders ist ein Stakkato aus Spielszenen, dazwischen Experte Svend vor einem psychedelisch flackernden Hintergrund. Nathalie macht sich Notizen auf dem Smartphone. Dann sagt sie: „Die Namensnennung musst du verbessern. Da steht Sven, nicht Svend. Und ist der flackernde Hintergrund unbedenklich für Zuschauer mit Epilepsie? Das müssen wir herausfinden. Ansonsten: sehr, sehr gut!“ Anders nickt knapp, nimmt das Lob ungerührt entgegen. Er arbeitet seit 2018 bei TV Glad als „Fleksjobber“: Menschen, die wegen einer Beeinträchtigung oder Krankheit nicht voll arbeiten können, bekommen eine reguläre Anstellung mit angepassten Bedingungen. Sie arbeiten weniger Stunden, das Gehalt wird zwischen Arbeitgeber und Kommune aufgeteilt.
Anders´ Weg in den Journalismus begann schon früher. 2009 kam er erstmals ins Haus, als Schüler der STU – eine Ausbildung, die sich an junge Menschen mit Beeinträchtigungen richtet und von der Glad-Stiftung getragen wird. Die Schülerinnen und Schüler lernen dort praktische Medienarbeit.
Geschichten mit Wirkung
„Theoretisch könnte ich auch anderswo arbeiten“, sagt Anders. „Aber da müsste alles schneller gehen. Die Zeit, die ich brauche, gibt es in dieser Branche nicht.“ Deshalb sei ihm der Wechsel in den ersten Arbeitsmarkt verwehrt. „Das ist okay“, sagt er knapp. Besonders stolz ist er auf einen Filmbericht über einen Mann im Rollstuhl. Der hat in seinem Alltag einen Helfer. Er wollte ins Schwimmbad, eigenständig Wassergymnastik betreiben. Doch der Helfer durfte ihn nicht ins Wasser heben – die Kommune bestand darauf, dass das nur ein Physiotherapeut dürfe. Anders dokumentierte den Fall. Am Ende bekam der Mann Recht. „Nicht unbedingt durch meinen Bericht, sondern durch die Unterstützung eines Behindertenverbandes“, sagt Anders. „Trotzdem: Das war eine wichtige Geschichte für mich.“
Geschichten von und für Menschen mit Beeinträchtigungen und ihr Umfeld: Das ist der Kern der Berichterstattung für die rund 100 Mitarbeitenden von TV Glad. Die Finanzierung kommt aus mehreren Quellen. Die dänische Sozialbehörde unterstützt das Medienhaus als soziale Einrichtung. Die Kulturbehörde gibt Geld für eine wöchentliche Fernsehsendung am Samstagmorgen. Viele Mittel kommen von den Kommunen: Nach dem dänischen Sozialhilfegesetz haben Menschen mit erheblichen Beeinträchtigungen Anspruch auf einen Arbeitsplatz in geschützter Form. Die Kommunen kaufen solche Plätze bei TV Glad ein und zahlen dafür pro Person rund 16.600 Kronen (etwa 2.200 Euro) pro Monat. Nur ein kleiner Teil der Einnahmen – weniger als fünf Prozent – stammt laut TV Glad-Direktorin Hanne Jensen aus kommerziellen Arbeiten für Organisationen, die Filme bei TV Glad in Auftrag geben, oder Kooperationen wie die Promi-Gesprächsreihe beim Dänischen Fernsehen. Es gibt Redaktionen in den Städten Ringsted, Esbjerg und Aabenraa, aber die meisten Mitarbeiter hat TV Glad in Kopenhagen: Dort gibt es zwölf regulär beschäftigte Journalistinnen und Journalisten und 33 Kolleginnen und Kollegen mit Beeinträchtigungen.
Ohnehin sind Fernsehsendungen nur ein winziger Teil der Produktion. Die Mitarbeiter schreiben Artikel, sprechen Radio-Podcasts ein, produzieren Zeichentrickfilme und Gaming-Rezensionen. Alle Werke landen auf der Website und werden über die sozialen Medien verbreitet.
Frederikke Kirkegaard Iding, 32, ist dafür zuständig, sie zu bespielen. Die Journalistin hat keine Beeinträchtigung, früher arbeitete sie für eine TV-Produktionsgesellschaft. Neulich hat sie ein Video gepostet, das knapp hundertausendmal angeklickt wurde: Die Glad-Reporterin Diana Kaia Magling und der Glad-Reporter Tobias Qwist haben sich während der Arbeit verliebt, in dem Clip erzählen die beiden von ihrem ersten Kuss. Bei Facebook, wo TV Glad 45.641 Follower hat, gab es dafür 2.477 Likes und Herzen. Der meistgesehene Beitrag von TV Glad war bisher „Wenn ich rede, versteht mich keiner“. In diesem Clip berichtet der Mitarbeiter Anton Löwe Nyborg von seiner Frustration, dass seine Sprache nicht verstanden wird – außer von seinem täglichen Helfer Nino, der seine Worte für die Zuschauer in allgemeinverständliches Dänisch übersetzt. Um den Frust loszuwerden, hört Anton Opern-Arien. 2,1 Millionen Menschen sahen den Clip, über 6.000 Menschen schrieben auf Facebook bewegende und ermutigende Kommentare.
Den eigentlichen Erfolg messe sie nicht in Klickzahlen, betont Frederikke: „Die Kollegen hier haben viele Narben“, sagt sie. „Sie wurden gemobbt, hatten eine schwierige Kindheit. Und dann kommen sie hierher und merken: Das ist mein Ort. Hier gehöre ich hin. Sie treffen auf Leute, die sie ernst nehmen, ihnen zuhören und ihnen den Raum geben, so zu sein, wie sie sind.” In den Produktionsgesellschaften, für die sie früher arbeitete, sei es nur um das Produkt gegangen. „Hier geht es darum, Menschen eine Stimme zu geben.”
Glad bedeutet froh
Ihre Themen suchen sich die Reporter selbst. Maria Lytzen, 35, hat eine Autismus- und eine ADHS-Diagnose und arbeitet vor allem als schreibende Journalistin. „Ich bin großer Fan der Königsfamilie“, sagt Maria. „Deshalb war ein Highlight für mich mein Interview mit Alexander Hillhouse, dem Paralympics-Schwimmer. Er war zum 18. Geburtstag von Kronprinz Christian eingeladen und berichtete aus erster Hand von den Feierlichkeiten. Das war so spannend!“ Maria lacht. Sie lacht oft und schallend. Der Name ihres Arbeitgebers passt zu ihr. Das dänische Wort „Glad“ bedeutet auf deutsch „froh“ oder „glücklich“.
Zwischen zwei und vier Wochen dauere es, bis eines ihrer Artikel-Projekte abgeschlossen sei, sagt Maria. Als Sparringspartnerin steht ihr dabei Frederikke zur Seite. „Sie gibt Tipps, strukturiert Fragen, sitzt bei den Anrufen dabei und gibt hinterher Feedback zu meinen Texten“, sagt Maria. „Aber ich bin diejenige, die die Quellen anruft und die Gesprächspartner trifft.“
Zurück zur Frage am Anfang: Warum sind die Promi-Gespräche mit den Reportern von TV Glad so viel berührender als herkömmliche Talkshows, selbst das Interview mit der Regierungschefin Mette Frederiksen? Darin sagt sie, dass sie sich nie einsam fühle. „Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Ich stopfe mein Leben mit vielen Dingen voll, weil ich das am meisten fürchte: einsam zu werden.“ Wann ist es schwer, Mette Frederiksen zu sein? „Wenn ich politisch etwas nicht durchbringe.“ Und wenn sie in Kommentaren im Netz übel beschimpft werde. „Das ist gar kein so großer Unterschied zu dem, was ich vom Schulhof kenne.“ Ob sie selbst gemobbt hat? „Ich glaube nicht. Gemobbt zu werden, ist wohl das Schlimmste, was ein Kind erleben kann.“ Der Fragesteller nickt.
Wohlwollende Gespräche
„Die Gäste haben es hier mit Menschen zu tun, die unglaublich viel von sich selbst geben. Sie teilen sehr persönliche Dinge. Und wenn jemand etwas gibt, bekommt man auch Lust, etwas von sich selbst zu zurückzugeben“, sagt Chefredakteurin Nathalie. „Oft hat man bei Journalisten das Gefühl, dass sie voreingenommen sind. Bei unseren Leuten ist die Intention immer gut. Ganz egal, ob es eher eine lustige oder eine kritischere Frage ist.“
Journalist Dan Jørgensen beantwortet die Frage so: „Wir geben ein Gefühl von Vertrauen und Fürsorge. Die Interviewpartner sind hier zusammen mit Leuten, die selbst viel erlebt haben.“ Also fühlten sie sich sicher, trauten sich, sich zu zeigen, sagt Dan. „Und wenn sie traurig werden, nehmen wir sie in den Arm. “
Bernd Hauser lebt als freier Journalist in Kopenhagen. Er ist Mitglied der Reporter:innengemeinschaft Zeitenspiegel. Dieser Artikel entstand mit Unterstützung des Journalism- fund Europe.
Rainer Kwiotek arbeitet als Fotograf bei Zeitenspiegel.