Neue Betroffenheit
Gehörschutze und Ferngläser liegen vor einer Nato-Übung im Januar 2026 für die Besucher bereit. Foto: pa / dpa / Philipp Schulze
Mehr denn je suchen Redaktionen Journalisten, die sich mit Rüstungsindustrie und Sicherheitspolitik auskennen. Aber was macht eine gute und besonnene Berichterstattung über Krisen und Kriege aus?
Text: Anne Hünninghaus und Kathi Preppner
07.04.2026
Knapp drei Jahre ist es her, erinnert sich Max Biederbeck, da stand er in einer Werkhalle in Unterlüß in der Lüneburger Heide. Die Sonne schien durch die Fenster, am Fließband werkelten einige Fabrikarbeiter vor sich hin. Biederbeck berichtete für die Wirtschaftswoche über die Munitionsproduktion von Rheinmetall. Und bekam kurz nach seiner Ankunft eine der produzierten Waffen in die Hand gedrückt: ein Geschoss aus Wolfram-Metall, bald auf dem Weg in die Ukraine. Ihre Pfeile können Stahl wie Butter durchbohren. Sie sind dazu gedacht, Panzer zur Explosion zu bringen und ihre Fahrer zu töten. Biederbeck spürte das Gewicht, fühlte das glatte Metall. Ihm wurde klar: In zwei Wochen würde diese Waffe jemanden auf dem Schlachtfeld umbringen. „Das fand ich unendlich gruselig“, sagt er.
Gruselig, dieses Wort beschreibt die globale Sicherheitslage gerade gut. Ein Aufatmen ist kaum in Sicht, im Gegenteil. „Eskalation am Golf: Wie nah ist uns der Iran-Krieg?“, war Anfang März Thema des Presseclubs im WDR. „Iran greift Feldlager der Bundeswehr an“, titelt kurz darauf die Welt. In den Menüleisten vieler Online-Medien ist mit den Angriffen Israels und der USA auf das Mullah-Regime in Teheran Ende Februar 2026 neben den Schlagwörtern „Ukraine-Krieg“ und „Gaza“ ein weiterer Reiter hinzugefügt worden: „Iran-Krieg“.
Noch ein Krieg, noch mehr Berichte über Tote und Verletzte, Ölpreisschocks und drohende Wirtschaftskrisen. Eine weitere Eskalation, die hierzulande Angstgefühle nährt: Unter welchen Umständen könnte auch Deutschland in einem dieser Kriege zur aktiven Partei werden?
Schon seit dem Ukraine-Krieg wandelt sich das Bild von Militär und Rüstungsindustrie in den vergangenen Jahren zunehmend ins Positive. Dieser Stimmungswandel zeigt sich auch in Redaktionen. Vor 2022 galten militärische Expertise und als Draht in die Rüstungsindustrie ein skeptisch beäugtes Nischeninteresse einiger Kolleg:innen. Seit der Zeitenwende ist das anders. Wer sich mit Drohnentechnologie auskennt, gilt nicht mehr als exotisch. Die Expertise ist in vielen Medienhäusern begehrt, denn es mangelt daran.
Laut einer Studie des Marktforschers Civey von September 2025 wünschen sich 77 Prozent der Deutschen mehr Informationen dazu, welche Vorkehrungen die Bundesregierung trifft, um die Verteidigungsfähigkeit zu steigern. Die Menschen wollen außerdem wissen, wie die hohen Summen aus dem Verteidigungsetat genau investiert werden.
„Die gefühlte Bedrohung in Deutschland ist so groß wie seit Jahrzehnten nicht“, sagt Markus Bickel, Redaktionsleiter Security.Table bei Table.Briefings. Dazu trägt nach seiner Einschätzung auch die Zunahme an Cyberangriffen und Drohnenüberflügen von Flughäfen und kritischen Infrastrukturanlagen im Inland bei. Medien käme in diesen Zeiten eine besondere Aufgabe zu, so Bickel: „Sie müssen sachlich unterscheiden, welche Szenarien real und welche von Akteuren gesteuert sind, die auf Spaltung und Verunsicherung der Gesellschaft abzielen.“ Das sei nicht immer leicht, denn Falschinformationen machten das große Feld der Sicherheitspolitik zunehmend unüberschaubarer. Darum sei ein breites Netz an Informanten und unabhängigen Experten notwendig. Nur so könnten Journalist:innen die unterschiedlichen Interessen von Rüstungswirtschaft und Gemeinwohl aufzeigen.
„Ich möchte aufklären, statt solche Debatten den sozialen Medien zu überlassen, in denen immer wieder Falschinformationen kursieren.“
„Das Thema Rüstung bewegt viele Menschen vor allem deshalb, weil dafür Steuergelder in einem historischen Ausmaß ausgegeben werden“, sagt Anna Lea Jakobs. Seit November 2025 ist sie Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung und berichtet im Wirtschaftsressort über Rüstungsthemen. Schon während ihrer Ausbildung, geprägt von der Zeitenwende, hatte sie sich für diese Themen interessiert. „Ich möchte aufklären, statt solche Debatten den sozialen Medien zu überlassen, in denen immer wieder Falschinformationen kursieren“, sagt sie.
Damit ruft sie bei der Leserschaft unterschiedliche Reaktionen hervor. Wenn sie etwa darüber berichtet, dass immer mehr Unternehmen aus der Automobilindustrie nun zu Zulieferern für beispielsweise Rheinmetall werden, löst das bei vielen Unbehagen aus. „Solche Gefühle kann man nicht einfach ausklammern“, sagt Jakobs. Die SZ setzt darauf, Fragen von Haltung und Moral über persönliche Geschichten zu verhandeln. Jakobs arbeitet gerade an einer Geschichte über einen Kriegsdienstverweigerer, der in ein Rüstungsunternehmen gewechselt ist und von seinem Werdegang erzählt. „Wir nennen diese Leute unsere ‚Zeitenwender‘“, sagt Jakobs. „Über ihre Geschichten wird dieses riesige Thema Verteidigung und Sicherheit greifbar.“
Auch die Begrifflichkeiten hat sie dabei im Blick. Jakobs berichtet, dass Rüstungsunternehmen und Drohnenhersteller sie immer wieder mit dem Begriff Kill Chain konfrontieren, auf Deutsch „Tötungskette“. Sie steht für ein militärisches Konzept, das den gesamten Prozess von der Aufklärung eines Ziels bis zu dessen Zerstörung beschreibt. Wenn so ein Begriff auch nur in einer Meldung im Wirtschaftsressort vorkommt, lassen sie ihn nicht einfach so stehen. „Das ist ein heftiger Begriff, den man einordnen und erklären muss. Man darf die Leser damit nicht alleine lassen“, sagt Jakobs.
Für Max Biederbeck gibt es eine große Frage, die über dem gesamten Themenkomplex steht, ganz gleich, ob es um Rüstungsindustrie oder die neuesten Entwicklungen im Iran geht: Wird Deutschland auf diese Bedrohung reagieren können? „Ich glaube, die Leute wollen verstehen, ob und wie Deutschland eine Antwort findet. Sie wollen bei dieser Entwicklung dabei sein, abgeholt werden, sich darüber informieren, um weniger machtlos zu sein.“ Biederbeck versucht darum immer, die Relevanz des Themas, über das er schreibt, im Portal so klar wie möglich zu erklären und in einen Kontext zu setzen. Dabei muss er den im Journalismus so häufig nötigen Spagat zwischen schneller und tiefer Berichterstattung hinbekommen. Die Verteidigungsberichterstattung sei „sehr viel von Lage geprägt“, sagt Biederbeck. „Da ist die ganze Zeit unheimlich Druck auf dem Thema. Wohingegen Prozesse wie Rüstungsbeschaffung zum Teil sehr kompliziert sind.“ Das versuchen er und sein Team zusammenzubringen.
Max Biederbeck kam knapp vor der Zeitenwende zur Wirtschaftswoche, Anfang Februar 2022. Er übernahm die Berichterstattung über das Bau- und Verkehrsministerium – und sagte, dass er sich auch für Verteidigung interessiere. Damals war das Thema für das Politikressort nicht besonders relevant, doch drei Wochen später griff Russland die Ukraine an. Damals sei er bei FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann im Büro gesessen, die als politische Person plötzlich gefragt war wie nie. Sie habe gesagt: „Da werden sie noch viel zu schreiben haben.“
Thomas Wiegold kam zufällig zum Thema Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. Als er Korrespondent bei Associated Press (AP) war, kam es 1993 in Somalia zum ersten bewaffneten Auslandseinsatz deutscher Streitkräfte seit dem Zweiten Weltkrieg. AP wollte einen amerikanischen Kollegen hinschicken, doch Wiegold setzte sich dafür ein, selbst darüber zu berichten – immerhin ging es um eine Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte. „Und dann bin ich irgendwie an dem Thema hängengeblieben“, sagt er.
„Die Betroffenheit ist größer. Das Gefühl, dass das doch etwas mit uns zu tun hat, hat zugenommen.“
Heute berichtet er als freier Journalist vor allem für ntv und Phoenix und betreibt den Blog Augen geradeaus!. Er beobachtet eine unterschiedliche Anteilnahme bei den Menschen, je nachdem, wo der Krieg wütet. „Afghanistan oder Syrien sind für die meisten Menschen in Deutschland weit weg. Da gab es weniger Betroffenheit, wenn man nicht gerade Angehörige bei der Bundeswehr hatte.“ Das habe sich grundlegend geändert, sagt Wiegold. Inzwischen interessieren sich viele dafür, was die Bundeswehr macht, was eine Haubitze ist, warum Deutschland Panzer kauft oder Drohnen produziert. „Das Gefühl, dass das doch etwas mit uns zu tun hat, hat zugenommen.“
Von Angst will Wiegold nicht sprechen, eher von einer Beunruhigung, die er beispielsweise an Reaktionen auf seinen Podcast festmacht. Auch für ihn werde es schwieriger, professionelle Distanz zu wahren. Einmal überfiel ihn das Gefühl der Beunruhigung beim Blättern durch die Seiten des frisch verabschiedeten Verteidigungshaushalts im vergangenen Jahr. Dabei stieß er plötzlich auf ein neues Kapitel, in dem nichts stand. Als er im Kleingedruckten nachsah, was das zu bedeuten hat, wurde ihm klar: Mit diesem Kapitel sorgt die Buchführung für den Verteidigungsfall vor. „Das klingt alles wahnsinnig technisch“, sagt Wiegold, „aber hier werden auf Verwaltungsebene Kriegsvorkehrungen getroffen.“
In der Berichterstattung ist es Wiegold jedoch wichtig, das Thema nicht zu emotional aufzuladen. „Zunächst sollten wir die Fakten klarziehen“, sagt er. Das werde mit Blick auf die Bundeswehr immer schwerer. „Die macht jetzt bei Themen dicht, zu denen sie früher mehr gesagt hat – immer mit dem Argument der militärischen Sicherheit.“ Und je weniger offizielle Informationen es gibt, desto mehr Raum bleibt für Interpretation – so gedeiht Desinformation.
Die Nachrichten lassen Biederbeck auch nach der Arbeit oft nicht los. Als er Ende Februar dieses Jahres auf dem Weg in den Urlaub war und schon am Flughafen-Gate saß, kam die Push-Meldung: Die USA und Israel haben den Iran angegriffen. „Da habe ich schnell noch mit einigen Leuten Kontakt aufgenommen und etwas zugeliefert“, sagt er. „Wenn ich im Urlaub bin und so etwas passiert, ist es nur noch ein halber Urlaub. Dann gucke ich die meiste Zeit aufs Handy.“ Die Lage fühle sich mittlerweile eher wie ein Dauerzustand an.
Anna Lea Jakobs versucht, dem etwas entgegenzusetzen. „Ich höre auf jeden Fall deutlich mehr Kulturpodcasts und lese schöne Romane“, sagt sie und lacht. Sie könne ihre Berichterstattungsthemen emotional gut abpuffern. Resilienz zu schaffen gehöre dazu – im Großen wie im Kleinen.