Ostidentitäre Bewegung im Medienmarkt
"Auch Sie könnten ostdeutsch sein!" - verkündet eine Werbekachel für die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung. Der Verleger Holger Friedrich will im Februar mit der neuen Zeitung starten. (Foto: pa/Geisler-Fotopress/Bernd Elmenthaler)
Holger Friedrich, Verleger der Berliner Zeitung, will ein ostdeutsches Leitmedium schaffen: Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung. Das Vorhaben polarisiert schon jetzt, Personalien lassen auf Sympathien zur extremen Rechten und zu Russland schließen. Was will Friedrich mit seinem neuen Projekt erreichen? Eine Spurensuche.
Text: Matthias Meisner
16.02.2026
Nicht im Traum denkt der ostdeutsche Verleger Benjamin Fredrich daran, dem ostdeutschen Verleger Holger Friedrich einen Gefallen zu tun. Dabei hätte doch alles so schön gepasst. Der Greifswalder Fredrich hatte sich im Herbst vergangenen Jahres für ein paar Monate eine Wohnung in Chemnitz gemietet, um die Regionalausgabe Sachsen seines Magazins Katapult gut an den Start zu bringen.
Friedrich, der Verleger der Berliner Zeitung, kündigte wiederum im selben Herbst an, sein Projekt Halle in Chemnitz zu starten. So lautet der Arbeitstitel für sein geplantes ostdeutsches Leitmedium, das aus seiner Sicht überfällig ist: die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung, mit Regionalausgaben in allen 14 ehemaligen Bezirkshauptstädten der DDR von Rostock bis Suhl. „Die Abdeckung des Chemnitzer Kreises übernehme ich persönlich vier Wochen lang“, kündigte Holger Friedrich im November beim Medienforum der Hochschule Mittweida seinen Vor-Ort-Einsatz an.
Auch Holger Friedrich wollte also eine Zwischenmiete in Chemnitz beziehen. Da hätte man quasi nur ein „i“ auf dem Klingelschild einfügen müssen, Friedrich statt Fredrich. Aber es ist alles anders gekommen. Genauer gesagt: Es musste anders kommen.
Kurz zu Katapult: „Türen auf!“ überschrieb Benjamin Fredrich sein Editorial der ersten Sachsen-Ausgabe. Es ging um Chemnitz als Ort der Extreme: Auf der einen Seite eine starke Neonaziszene, auf der anderen Seite „Leute, die etwas aufbauen wollen, dagegenhalten“. Aber der Start von Katapult Sachsen verlief viel holpriger als gedacht: In der ersten Ausgabe fehlte die ISSN-Nummer für den Vertrieb, in der zweiten vergaßen sie das Impressum. Im Katapult-Buchladen in Chemnitz stapelten sich über Wochen Hefte, ohne an die Leserschaft zu gelangen. Es hieß, das Heft solle monatlich erscheinen, doch man verlängerte den Rhythmus auf alle drei Monate. „So ist das immer mit neuen Projekten. Katapult war nach Gründung erst nach drei Jahren stabil“, kommentierte Fredrich die verkorkste Gründungsphase des Ablegers.
Derweil holperte es beim Projekt Halle von Holger Friedrich ebenfalls. Der Erscheinungstermin der ersten Ausgabe wurde mehrfach verschoben. Erst war von November 2025 die Rede, zuletzt von der zweiten Februarhälfte 2026. Die Regionalausgaben und die dazugehörigen Redaktionen wurden aus dem Plan genommen. Nun soll es nur eine Ostdeutsche Allgemeine Zeitung (OAZ) geben, werktäglich digital und am Wochenende gedruckt. Die Suche nach Schreibkräften verlief kompliziert, Friedrich kassierte nicht wenige Absagen.
Chefredakteur des ostdeutschen Leitmediums soll Dorian Baganz werden, Jahrgang 1993, geboren in Duisburg. Ein Wessi, den die OAZ vom Freitag abwarb. Für die Berichterstattung aus der Hauptstadt verpflichtete die OAZ Florian Warweg aus Magdeburg, zuvor beim russischen Propagandakanal RT Deutsch und dann jahrelang beim verschwörungsideologischen Onlinemagazin NachDenkSeiten.
Statt „Türen auf!“ wie bei Fredrich heißt es von Friedrich, er wolle den Vorhang „ein bisschen weiten“. Damit sind die Parallelen zwischen den beiden Verlegern aber auch erschöpft. Denn geht man davon aus, dass die Gesellschaft gerade in Ostdeutschland sehr gespalten ist, dann wendet sich Holger Friedrich wohl nicht an jene, die für die Demokratie einstehen, sondern eher an diejenigen, die mehr oder weniger abgedriftet sind.
Das Projekt Halle sei „kein Egotrip des Holger Friedrich“, versichert Holger Friedrich. In Mittweida spricht er vom fehlenden klaren „Werte-Set“ der deutschen Medien. Es drohe ein schwerer Unfall in der Medienbranche, verursacht durch „unsaubere Regulation“. Er vergleicht das mit dem Contergan-Skandal: Ein 1957 von einer Firma in Rheinland-Pfalz auf den Markt gebrachtes und nicht endgetestetes Beruhigungsmittel hatte in den Jahren danach dazu geführt, dass Tausende von Kindern mit schweren Missbildungen zur Welt kamen. „Das sind dann so Momente, da kollabiert das Vertrauen in die jeweiligen Institutionen“, sagt Friedrich. Und schlägt den Bogen ins Jetzt. In den Medien gebe es aktuell „ein riesiges Integritätsproblem, ein riesiges Vertrauensproblem“. Nur eben noch nicht den „finalen Unfall“. Das Publikum soll verstehen: Den kann Holger Friedrich verhindern. Und vielleicht nur er.
Begleitet wird sein ambitioniertes Vorhaben von einer eigenwilligen Neubestimmung des Begriffs „ostdeutsch“. Kurz nach Weihnachten verbreitete die OAZ eine Kachel auf Instagram: „Ostdeutsch ist keine Frage der Herkunft. Ostdeutsch ist eine Haltung. Fleißig. Loyal. Bescheiden. Auch Sie könnten ostdeutsch sein!“
Einerseits pflegt Friedrich eine Ostdeutschtümelei. Andererseits setzt er darauf, dass die Westdeutschen die besseren Ostdeutschen werden – in seinem Sinne. Er schafft es, wenn es um die Perspektive für die OAZ geht, die Begriffe „basisdemokratisch“, „Bürgerräte“ und „Volkseigentum“ in einem Satz unterzubringen. Es fehlt eigentlich nur noch, dass er seine Reporter Volkskorrespondenten nennt. So hießen die freien Mitarbeiter der DDR-Bezirkszeitungen.
Wenn es um das Verhältnis von Friedrich zu seinem Heimatland DDR geht, bleibt Friedrich uneindeutig. Nachvollziehbar, denn seine Biografie ist widersprüchlich.
Friedrich redet sich in eine Euphorie. Er geht auf Podien: in Mittweida, in Potsdam, im Theater Ost in Berlin-Adlershof, wo zu DDR-Zeiten die Aktuelle Kamera produziert wurde. Er spricht in Chemnitz mit zwei BSW-Europaabgeordneten, im Berliner Babylon-Kino mit Martin Sonneborn.
Der Mann, der nach der Wende als IT-Unternehmer zu Reichtum gekommen ist, trägt bei solchen Anlässen Lederschuhe, aber verzichtet auf die Socken. Er jongliert mit Worten wie „Machtferne“ und „Avantgarde-Move“. Zur Grundidee der Ostdeutschen Allgemeinen erklärt er: Die ostdeutsche Gesellschaft könne ihre „ganzen transformatorischen Erfahrungen“ einbringen und in einen „Wettbewerb zu diesen etwas sklerotischen westdeutschen Strukturen“ gehen, „möge der Bessere gewinnen“. „Sklerotisch“ bedeutet unflexibel oder verkrustet. Immer wieder verwendet Friedrich Fremdworte, die kaum jemand benutzt.
Wenn es um das Verhältnis von Friedrich zu seinem Heimatland DDR geht, bleibt Friedrich uneindeutig. Nachvollziehbar, denn seine Biografie ist widersprüchlich. Friedrich wurde in der DDR sowohl von der Stasi bespitzelt als auch von ihr als Inoffizieller Mitarbeiter verpflichtet.
Friedrich trägt einen Rauschebart, so wie viele DDR-Bürgerrechtler zu Wendezeiten. Ist das auch ein Teil der Inszenierung? In seiner Zeitung ist zu lesen, dass es bei einer Podiumsdiskussion mit ihm zugegangen sei wie beim Neuen Forum 1989 in der DDR. Einerseits mag er nicht der Anwalt sein für vermeintlich benachteiligte Ostdeutsche, schon gar nicht für den klischeebehafteten Jammerossi: Von wegen „früher irgendwann und überhaupt die Treuhand und Trallala, mein Gott, dann muss ich meine Hausaufgaben machen, dann muss ich es lernen“, verlangt er. Und dann kommen von ihm Sätze wie: „Mich hat der Osten schon zu Ost-Zeiten nicht mehr interessiert.“
Anderseits erklärt Friedrich beim Gespräch mit Freitag-Verleger Jakob Augstein im Januar im Theater Ost, dass der Spaß für ihn vorbei ist, wenn er diffamiert oder diskreditiert werde: „Da kommt dann sowas wie Trotz. Dann geht bei mir jeder sportliche Ehrgeiz los, und dann denke ich, so, okay, jetzt bin ich der Ossi, ihr wollt das so, dann werdet ihr sehen, was ihr davon habt.“
Und dann sagt der trotzige Ossi Friedrich: „Wenn ich eine Einladung ins Schloss Bellevue bekommen würde, würde ich sie nicht annehmen, es sei denn, Herr Krenz wäre an meiner Seite.“ Er lacht kurz. War das jetzt ein Witz? Eine Provokation? Oder eine Retourkutsche? Krenz ist für Friedrich ein Idol, weil er 1989 keinen Schießbefehl gab. Für die Berliner Zeitung verfasste Krenz zahlreiche Gastbeiträge, und auch seine Memoiren gab es dort vorab zu lesen.
Die OAZ hatte sich zu ihrem Start um ein Interview mit Frank-Walter Steinmeier bemüht, vergeblich. Chefredakteur Baganz beklagte, der Bundespräsident habe die Chance vertan, in der neuen Zeitung den Ostdeutschen direkt seine Sicht auf die „Härten des Umbruchs“ nach 1990 zu schildern. „So bleiben Steinmeier und die OAZ vorerst Fremde.“
Einen Punkt hat Holger Friedrich tatsächlich: Es gibt eine Schieflage in der Medienlandschaft in Deutschland. Die ARD-Tagesschau kommt aus Hamburg und nicht etwa aus Leipzig. Alle ehemaligen SED-Bezirkszeitungen – heute die wichtigen Regionalzeitungen im Osten – gehören großen westdeutschen Verlagen. Aus Das Volk in Erfurt und der Volkswacht in Gera beispielsweise wurden die Thüringer Allgemeine und die Ostthüringer Zeitung, beide im Besitz der Funke-Mediengruppe mit ihrem Mutterblatt WAZ und Konzernsitz in Essen. 2024 übernahm die Mediengruppe Madsack, Sitz Hannover, die Sächsische Zeitung und ließ sie mit der ihr schon gehörenden Leipziger Volkszeitung verschmelzen.
Indirekt reagieren einige dieser Blätter schon auf das Projekt Halle und verstärken ihre Ost-Berichterstattung. Die Madsack-Zeitungen in Sachsen befragten rund 400 Kommunalpolitiker aus ihren Verbreitungsgebieten. Der Umfrage zufolge fordern vier von fünf Befragten größeren politischen Gestaltungsspielraum. Jeder Sechste machte Hetze, Bedrohungen und Angriffe zum Thema.
Aber auch wenn es eine Repräsentationslücke gibt: Welchen Gewinn hätte es, wenn sie nun von Holger Friedrich gefüllt wird?
Der in Zwickau geborene Autor und Aktivist Jakob Springfeld, vom Magazin Zeit Campus ausgezeichnet als einer der 100 wichtigsten Ostdeutschen und vom Spiegel als einer von 100 Hoffnungsträgern, sagt dem journalist: „Wer – wie Holger Friedrich für die OAZ – Applaus von AfD und BSW bekommt, um mit seinem neuen Projekt ein vermeintlich homogenes Ostdeutschland weiter für Putin-nahe und destruktive Positionen zu begeistern, spuckt auf die von DDR-Oppositionellen hart erkämpften Freiheitsrechte. Er steht für ein Ostdeutschland, in dem ich kein Ostdeutscher mehr sein möchte.“
Etwas weniger streng geht der Medienjournalist Steffen Grimberg, Vorsitzender des DJV in Berlin und Brandenburg, mit dem Projekt Halle um. In seiner taz-Kolumne schreibt Grimberg: „Friedrich hat mit der Berliner Zeitung einen lang vermissten Ost-Stachel gegen das vom Westen regierte mediale Gesamtdeutschland gesetzt.“ Mit Blick auf die OAZ hält er fest: „Diese gesunde Arroganz, sich mal eben als Leitmedium zu definieren, ist sonst ja eher im Westen verbreitet. Auch so ist die Kiste mutig und nötigt Respekt ab.“ Grimberg mahnt allerdings: „Wenn es um Geschwurbel geht, taugt das Lob des Aneckens nicht mehr als Rechtfertigung.“ Die OAZ würdigt auf ihrer Homepage, dass sich der „Medien-Profi“ Grimberg „qualifiziert zu unserem Vorhaben“ geäußert habe.
Auch Robert Ide, Autor beim Tagesspiegel und verantwortlich für den Newsletter Tagesspiegel im Osten, findet zunächst eher wohlwollende Sätze: „Es ist sicherlich gut, dass die ostdeutsche Medienlandschaft belebt wird. Es gibt inzwischen viele Lücken in der Öffentlichkeit, weil Regionalzeitungen und auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk an ihrer regionalen Berichterstattung sparen. Journalismus ist in der ostdeutschen Fläche auf dem Rückzug.“
Dann kommt auch Ide zu seinen Bedenken: „Man muss natürlich erst einmal abwarten, welche Schwerpunkte die OAZ setzt und ob sie sich von dem Kurs der Berliner Zeitung unterscheidet, die trotz des von Russland entfesselten Kriegs in Europa zuletzt zunehmend auf russlandfreundliche Narrative gesetzt hat.“ In Anspielung auf die Verpflichtung von Florian Warweg sagt er: „Ein parlamentarischer Berichterstatter für die OAZ, der lange bei der russischen Propagandaplattform RT Deutsch gearbeitet hat, kann da sicher ein erster Hinweis sein.“
Und schließlich ist da noch die Sache mit dem Logo der OAZ. Die aus Wismar stammende Schriftstellerin Anne Rabe kommentiert das so: Friedrich habe sich „extra ein Hakenkreuz zu einem O – wie Ostdeutschland graphisch biegen lassen“. Mit dieser Bildsprache der OAZ beschäftigt sich auch die in Thüringen geborene Journalistin Katrin Tominski. Sie arbeitet frei unter anderem für den MDR. Tominski sagt, die Frakturschrift in der rot-weiß-schwarzen Farbkombination sei seit Jahren ein zentrales Erkennungszeichen der extremen Rechten: „Wer diese Bildsprache übernimmt, kann sich ihrer politischen Ausrichtung nicht entziehen. Sie lässt sich leider nur als bewusste Anbiederung an ein rechtes Milieu verstehen.“
Friedrich reklamiert für seine verlegerische Tätigkeit „Diskursoffenheit“ – und feiert Autokraten, Diktatoren, normalisiert die Diskurse mit der extremen Rechten und ihren publizistischen Helfern.
Tominski fragt sich: „Geht es hier weniger um journalistische Vielfalt als darum, aus Verunsicherung, Frustration und Unzufriedenheit vieler Menschen im Osten publizistisch und finanziell Kapital zu schlagen?“ Entweder verkenne Friedrich die Wirkung solcher Symbolik – oder er nehme sie billigend in Kauf. „In beiden Fällen befördert er mit solchen Aktionen die Kulturkampf-Strategie der AfD.“
Friedrich reklamiert für seine verlegerische Tätigkeit „Diskursoffenheit“ – und feiert Autokraten, Diktatoren, normalisiert die Diskurse mit der extremen Rechten und ihren publizistischen Helfern. Dass die AfD und auch das BSW damit sympathisieren, ist wenig verwunderlich.
Friedrich hat die Berliner Zeitung seit der Übernahme 2019 systematisch umgebaut, personell und inhaltlich. Drei Beispiele für den neuen Kurs aus jüngerer Zeit: Im Oktober 2025 gab das Blatt der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen in einem Interview Gelegenheit, ihre neurechte Buchmesse „Seitenwechsel“ in Halle zu bewerben. Die Autorin schrieb dazu: „Buchmessen waren einmal Orte des Gesprächs, des gedruckten Gedankens.“ Aber halt nicht mehr in Frankfurt am Main oder Leipzig, wo inzwischen „Widerspruch misstrauisch beäugt werde“.
Im Dezember veröffentlichte die Berliner Zeitung einen Gastbeitrag des AfD-Politikers Alexander Gauland, den die Welt nach Kritik aus der eigenen Redaktion nicht veröffentlichen wollte. Im Januar schickte die Berliner Zeitung ihren neuen Chefredakteur Philippe Debionne (ein Westdeutscher, geholt vom Nordkurier aus Neubrandenburg) mit AfD-Chef Tino Chrupalla und einigen seiner Parteifreunde nach China. Debionne schreibt in der Zeitung, wie die Delegation, gestärkt durch selbstgeschmierte Leberwurststullen, in Peking „mit offenen Armen empfangen“ worden sei.
Mitte Januar erschien die Wochenendausgabe der Berliner Zeitung mit einem umgestalteten DDR-Wappen als Titeloptik, im Ährenkranz statt Hammer und Zirkel nun Kugelschreiber, Mikrofon und Handy, dazu die Überschrift: „Deutsche Undemokratische Republik“. Zwar hatte sich längst herumgesprochen, dass es dem Kieler CDU-Ministerpräsidenten Daniel Günther mit seiner Kritik am rechten Krawallportal Nius in der Sendung von Markus Lanz gar nicht um Zensur gegangen ist. Die Berliner Zeitung aber beharrte auf dem Narrativ: „Immer mehr Politiker wollen freie Medien einschränken. Doch Zensur ist die wahre Gefahr für die Demokratie.“
Anfang Januar war eine Delegation der OAZ in Dresden zum Antrittsbesuch in der sächsischen Staatskanzlei, an der Spitze Friedrich. Es empfingen Regierungssprecher Ralph Schreiber und Staatskanzlei-Chef Andreas Handschuh. Schreiber schickte dem journalist anschließend, gefragt nach den Erwartungen der Landesregierung zum Projekt Halle, dieses Statement: „Die Sächsische Staatsregierung misst der Stärkung von Medienvielfalt, Pressefreiheit und pluralistischer Meinungsbildung eine hohe Bedeutung bei. Vor diesem Hintergrund verfolgt sie Projekte im Medienbereich mit Interesse, die dazu beitragen können, journalistische Angebote zu erweitern und demokratische Diskurse zu fördern – insbesondere auch jenseits der etablierten Medienzentren.“
Vor wenigen Wochen eröffnete die OAZ dann ihre erste Redaktion, doch anders als zunächst angekündigt nicht in Chemnitz, sondern in Dresden, im Pentacon-Gebäude in der Schandauer Straße. Dort ist das Projekt nicht nur der Nachbar von Sachsen Fernsehen, sondern auch Untermieter bei dessen Firmengruppe. Sachsen Fernsehen hat beste Verbindungen nicht nur in die Staatskanzlei, sondern auch in die Landes-CDU. Der Sender produzierte Formate wie MK direkt für Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer. Mit der Landes-CDU arbeitete Sachsen Fernsehen als Dienstleister für Veranstaltungstechnik und Livestreams zusammen. Senderchef Frank Haring lobt nun das Vorhaben von Holger Friedrich: „Als Medienunternehmer nötigt es mir großen Respekt ab, in einem solch schwierigen Marktumfeld ein solch ambitioniertes Medienprojekt zu starten.“
OAZ-Chefredakteur Baganz lehnt es auf journalist-Anfrage ab, vor dem Ersterscheinungstag Fragen zu beantworten, auch nicht die zur Verbindung zu Sachsen Fernsehen: Man möge es ihm nachsehen, „dass wir zum jetzigen Zeitpunkt – mitten in der ,heißen Phase‘ – nicht über Ideen, Internas etc. sprechen. Wir haben uns vorgenommen, erst einmal abzuliefern, bevor wir Ankündigungen machen.“ Doch auch so wird deutlich, dass es im Zusammenhang mit der Ostdeutschen Allgemeinen gar nicht so sehr um einen neuen Ost-West-Konflikt geht. Sondern viel eher um die Auseinandersetzung zwischen denen, die sich für Demokratie einsetzen – und denen, die sich mehr und mehr von ihr abwenden.
Der eingangs erwähnte Benjamin Fredrich vom Katapult-Magazin drückt das so aus: „Holger Friedrich verwischt die Unterschiede zwischen Diktatur und Demokratie und täuscht somit seine eigenen Leser.“ Friedrich habe seine Rolle bei der Stasi verschwiegen – und sei dann nach 2019 mit seiner Zeitung zum „Desinformationsbeschleuniger“ geworden. Gerade dort, wo die Erfahrungen mit Unfreiheit noch präsent sind, sei Friedrichs Autokratie-nostalgische Erzählung ein folgenschwerer Fehlgriff. Auch der Osten verdiene demokratiefreundliche Medien.
Matthias Meisner hat lange als Redakteur beim Tagessspiegel gearbeitet und ist heute freier Journalist in Berlin und Tirana.