TikTok statt Lokalzeitung

„Wer TikTok ignoriert, riskiert, eine ganze Generation zu verlieren", sagt die Medienberaterin Pauline Tillmann.

Regionale Medien versuchen, junge Menschen mit kurzen, schnellen Videos auf TikTok zu erreichen – und kämpfen dabei mit Herausforderungen. Lokaljournalismus im Hochkantformat, wie kann das gelingen? Text: Sonja Peteranderl

16.03.2026

Die Video-Teaser des TikTok-Accounts deindailyupdate klingen nach Clickbait und Gen-Z-Slang: „20 Cops crashen 16. Geburtstag in Brandenburg” oder „How to Polarlichter spotten”. So will der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) junge Menschen zwischen 17 und 21 Jahren erreichen. „Unser Ziel ist es, auf dem Kanal regionale nachrichtliche Themen zu setzen, die die Zielgruppe persönlich betreffen”, beschreiben die Hosts Rafaela Roza und Noelia Sanchez Barón ihre Mission. Die Videos sollen catchy sein und gleichzeitig journalistische Ansprüche erfüllen. Die Themen: Tagesaktuelles, Politik, Wohnen, Finanzen, Trends, Gaming, Popkultur und Lifestyle. Rund 12.000 Follower hat der Kanal derzeit, die Videos haben mehr als 730.000 Likes generiert.

„Medien können es sich heutzutage nicht leisten, nicht auf TikTok präsent zu sein”, sagt Journalistin und Medienberaterin Pauline Tillmann. „Wer zwischen 16 und 24 Jahre alt ist, bezieht Informationen vor allem aus den sozialen Medien und besucht in den seltensten Fällen die Website der Heimatzeitung”, sagt Tillmann. „Wer TikTok ignoriert, riskiert, eine ganze Generation zu verlieren.”
Doch die Realität sieht ernüchternd aus: Viele Lokalzeitungen haben zwar TikTok-Accounts, allerdings mit sehr unterschiedlicher Reichweite. Das ergeben Tillmanns Recherchen. 

Woran liegt das – und wie gelingt es, junge Menschen mit regionalen Inhalten zu erreichen, die durch Social Media auf der ganzen Welt zu Hause sind? 
Dass Journalismus auf TikTok funktioniert, beweisen große Medienmarken: zum Beispiel die Tagesschau mit 2,3 Millionen Followern oder die Zeit mit 417.000 Followern. Unter Lokalzeitungen scheinen viele noch zu experimentieren. Tillmann unterstützt sie dabei. Beim Südkurier baut sie gerade eine Jugendredaktion mit auf, die regelmäßig TikTok-Videos produzieren soll. Im Rahmen des „Future of News Fellowship 2025” des Media Lab Bayern hat sie zudem erforscht, welche Rolle TikTok für lokale Publisher spielt. „Ich war erstaunt darüber, wie dünn die Social-Media-Redaktionen bei Lokalzeitungen besetzt sind”, sagt sie. „Es hieß dann: Wenn wir eine Person mehr im Video-Bereich einsetzen, müssen wir Reporter:innenstellen streichen.“ Viele regionale und lokale Publisher stünden mit dem Rücken zur Wand. Jedoch gebe es Tillmann zufolge keine Alternative dazu, in Videoformate zu investieren. 

 

Gurkenmann als TikTok-Hit


Wie Lokaljournalismus auf TikTok funktionieren kann, zeigt die Süddeutsche Zeitung – die sicherlich mehr Ressourcen zur Verfügung hat als andere. „Viele junge Menschen kennen uns als Zeitung, die bei den Eltern oder Großeltern auf dem Frühstückstisch liegt”, sagt Jana Jöbstl, Social-Media-Redakteurin im Ressort München, Region und Bayern der Süddeutschen Zeitung. „Sie würden keine gedruckte SZ kaufen, aber interessieren sich trotzdem für das, was vor der eigenen Haustür passiert.” Der TikTok-Kanal szmuenchen berichtet über Eisbachwelle und Oktoberfest, spricht über Obdachlose in München und klärt über Recycling-Themen auf.
Vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat das Social-Team im Ressort München. Sie arbeiten eng zusammen mit den Redakteurinnen und Redakteuren aus dem Lokalressort sowie mit dem zentralen Social-Team der SZ. Inhalte, die für Print und Online recherchiert werden, bereitet Jöbstls Team visuell, textlich und als Video für ein junges Publikum auf. In Einzelfällen wird auch exklusiver Social-Only-Content produziert. Rund alle zwei Tage erscheint ein neues Video – zu besonderen Anlässen sind es mehr. Zum Launch des Kanals während des Oktoberfests 2025 veröffentlichte das Team 32 Videos in drei Wochen, generierte rund 4,7 Millionen Aufrufe. Besonders gut liefen Porträts, zum Beispiel ein Video über den „Gurkenmann”, der Essiggurken verkauft und mehr als 28.000 Likes erhielt. Auch Aktualität lohnt sich: Videos zur Bombendrohung oder zur Sperrung des Geländes wurden oft abgerufen. „Hier zahlt es sich aus, vor Ort zu sein, Gesicht zu zeigen, schnell und qualitativ hochwertig zu berichten”, sagt Jöbstl. Ein weiteres Erfolgsformat: die „Fanszene“, Interviews mit Fans von Künstlern, Bands oder einem bestimmten Hobby. „Die Interaktion mit der Community ist für uns entscheidend”, so Jöbstl.

Auch lokaler Politikjournalismus kann auf Social Media gut ankommen – das zeigt die Berichterstattung von Johanna Rüdiger. Ihr TikTok-Account johannaruediger über Berliner Politik ist stark communitygetrieben. Rüdiger, die für die Deutsche Welle arbeitet, baute ihren TikTok-Kanal vor fast sechs Jahren privat auf, um zu verstehen, wie die Plattform funktioniert – und ging mit Videos viral, in denen sie ihren Followern auf Englisch Gesetzesänderungen oder den Aufstieg der AfD erklärt, die Wahlprogramme deutscher Parteien aufschlüsselt oder Einblicke in das Leben von Migrantinnen und Migranten in Deutschland gibt. Unter ihren 356.000 Followern sind viele Menschen, die in Deutschland wohnen, aber noch nicht so gut Deutsch sprechen, zum Beispiel internationale Studierende oder Geflüchtete, aber auch Menschen aus der ganzen Welt, die sich für Deutschland interessieren.

Rüdigers Erkennungszeichen: Pinke Kleidung und ihr Motto „News to use” – Informationen in einer Sprache auf Augenhöhe, authentisch vermittelt und relevant für den Alltag der Nutzerinnen und Nutzer. „Sag nichts, was du selbst nicht verstehst. Recherchiere alles genau, aber überfordere dein Publikum nicht mit der Recherche, sondern kuratiere die wichtigsten Infos”, rät Rüdiger. „Bei planbaren Themen wie einer Abstimmung über ein neues Gesetz im Bundestag versuche ich, so viel wie möglich zu recherchieren, ohne meine Community damit zu überwältigen. Ich lese das 100-seitige Gesetz, aber berichte nur über die drei Sätze in dem einen Paragraphen, der für ihr Leben wichtig ist.” 

TikTok begünstigt regionale News


Rüdiger produziert Videos mit ihren Followern, lädt zu Meetups in Berlin ein oder geht auf Themenwünsche ein, die ihr TikTok-User schicken. TikToks Algorithmus begünstige Lokaljournalismus, sagt Rüdiger: er sei geo-basiert und spiele Inhalte zuerst Usern in der Nähe aus.
Die Rheinische Post zählt unter deutschen Medien zu den TikTok-Pionieren. Ihr Chefredakteur Henning Bulka sieht, ähnlich wie Rüdiger, ein großes Potenzial für lokale und regionale TikTok-Formate – „vor allem, wenn man konsequent Inhalte und Perspektiven von vor Ort mit klarem Nutzwert liefert”, sagt er. Auf dem TikTok-Kanal rheinischepost laufen aktuelle Ereignisse, Ausflugs- und Gastrotipps oder Vorankündigungen von Veranstaltungen besonders gut. Ein Video über einen minutiös geplanten Juwelier-Diebstahl in Duisburg sowie ein Service-Video zu den „China Lights“ im Kölner Zoo kamen etwa zusammen auf über 4,4 Millionen Aufrufe, die TikTok-Berichterstattung zu einem geheimen Waffenlager in Remscheid brachte 2,4 Millionen Aufrufe ein.

Derzeit arbeiten zwei Redakteurinnen bei der Rheinischen Post fest für den Bereich Social Video, das Team Social Media & Community umfasst insgesamt fünf Journalistinnen und Journalisten. Pro Woche veröffentlicht das Team rund sieben TikTok-Videos. 

Klare Ziele


Dazu kommen Carousels – also mehrere Bilder, die man hintereinander wegswipen kann – die Bulka zufolge immer wieder hohe Reichweiten erreichen – sie seien eine gute Ergänzung zu Videos, da nicht zu jedem Ereignis sofort gutes Videomaterial verfügbar sei.

2021 begann die Redaktion zuerst mit Faktencheck-Videos – gefördert von TikToks Programm #LernenMitTikTok. TikTok finanzierte für ein Jahr eine Video-Stelle im Social-Team, ohne inhaltliche Auflagen. Auch heute ist die Redaktion noch mit TikTok im Austausch. „Im Arbeitsalltag ist das hilfreich, etwa um neue Funktionen wie die Linkfunktion früh zu testen und Entwicklungen für Publisher besser einschätzen zu können”, sagt Bulka. TikTok sei neben Instagram ein wichtiger Kanal für Reichweite und Markenbildung, über beide Kanäle könnten tendenziell jüngere und weiblichere User erreicht werden. „Für die Rheinische Post ist TikTok kein Experiment mehr, sondern fester Bestandteil unserer Social-Strategie”, sagt er.  

Medien, die auf TikTok aktiv werden wollen, rät Bulka dazu, ihre Ziele klar zu definieren: Welche Marke wollen wir stärken? Wie wollen wir unsere Zielgruppe aufbauen? Wie kann ich Spannung erzeugen? „Die Erzählweise von Social-Videos ist eine völlig andere als bei klassischen Artikeln – es entscheidet sich schon in der ersten Sekunde, ob jemand dran bleibt oder nicht.” Die Journalistinnen und Journalisten müssten zudem im entscheidenden Moment daran denken, Videomaterial aufzunehmen – dafür fehle manchmal im Alltag die Zeit. Auch der Schnitt sei ein eigenes Handwerk und koste Zeit. 

Keine Goldgrube

Bei der Rheinischen Post sammeln Reporterinnen und Reporter das Rohmaterial ein, das zentrale Social-Team bereitet es für TikTok auf. Künftig erhofft er sich auch Unterstützung durch KI, vor allem im Schnitt. 

Lukrativ ist TikTok-Journalismus bisher nicht. Die Rheinische Post versucht zwar, TikTok-Nutzerinnen und Nutzer etwa über die Link-Funktion zu den eigenen Produkten zu lenken. Der Verlag erzielt auch Einnahmen über von Werbepartnern gesponserte, als Anzeige gekennzeichnete Postings. Trotzdem sagt Bulka: „TikTok ist schwer zu monetarisieren – eine Million Aufrufe führen nicht automatisch zu Einnahmen oder Abos.“

Das bestätigt der Digitalexperte Marcus Bösch, der den Newsletter Understanding TikTok herausgibt. Er sagt: „Als regionales Medium lassen sich auf TikTok sicher keine relevanten Einnahmen generieren. Eventuell lassen sich mit lokaler oder regionaler Werbung kleinere Beiträge erzielen.“ Die Plattform werde eher genutzt, um junge Zielgruppen zu erreichen, den eigenen Markenwert zu stärken und User auf kostenpflichtige Angebote wie Newsletter oder Paid Content aufmerksam zu machen. 

Der Konzern verfolge keine spezielle Strategie, um journalistische Inhalte auf der Plattform zu fördern. „Klassische Medien werden als Teil der allgemeinen Creator‑Ökonomie gesehen”, sagt Bösch. „Plattform‑Teams stehen zwar im Austausch mit Redaktionen, aber die Fallbeispiele des Meta-Konzerns zeigen, dass sich deutsche Publisher und Journalistinnen und Journalisten ganz sicher nicht einzig und allein auf die temporären Versprechen rein profitorientierter Intermediäre aus anderen Staaten verlassen sollten.”

„TikTok-Nutzende wollen die Plattform erleben und nicht auf einen Artikel oder ein Abo weitergeleitet werden”, sagt auch Pauline Tillmann. Medien sollten TikTok ihr zufolge als Investment in die Zukunft und die junge Zielgruppe betrachten. 

Tillmann findet, TikTok-Journalismus sei relevant für die Demokratie: „Wenn man nicht präsent ist, überlässt man das Feld anderen, oftmals rechten Akteurinnen und Akteuren.“ Medien sollten ihr zufolge künftig noch stärker auf Live-Berichterstattung, Visualisierungen und Grafiken setzen. „Gerade im Rahmen von Wahlen posteten Redaktionen in den USA mehrfach täglich Visualisierungen”, sagt Tillmann. „Davon könnten wir uns in Deutschland etwas abschauen – und mit Tools wie Datawrapper oder Canva einfache Grafiken erstellen.” Der Journalist Jolan Geusen schreibt in seiner Masterarbeit zu Datenjournalismus in sozialen Netzwerken, dass sich dafür auch Themen wie Unfall-Hotspots, WG-Zimmer-Preise oder die Präsenz von Lokalpolitiker:innen auf Social Media eigneten.

Experimentieren und Zuhören

Tillmann empfiehlt Medien, die neue Formate starten wollen, die Plattform erst über einen längeren Zeitraum zu nutzen, erfolgreiche Accounts zu analysieren und von Best Practices zu lernen. Mit Clips auf ihrem TikTok-Kanal NewsLab.Konstanz erzielte Tillmann zwischen 800 und 10.000 Aufrufen. Eine schwankende Reichweite, aber der Account half ihr, die Plattform zu verstehen. „Jeder Creator kann sofort einen viralen Hit landen – wenn er oder sie es versteht, schnell zum Punkt zu kommen und innerhalb einer Sekunde klar zu machen, warum man sich das Video anschauen sollte”, sagt sie. „Wichtig ist, regelmäßig – am besten täglich – zu posten und dranzubleiben, auch wenn einen der unberechenbare Algorithmus viele Nerven kostet.”

Besonders wichtig sei es, mit der Zielgruppe in Kontakt zu stehen, sagt Tillmann. Gespräche mit Schulklassen aus Konstanz offenbarten, dass die 16-Jährigen sich lustige und ansprechende Clips wünschen, die aktuelle, interessante und relevante Themen und Trends aufgreifen, die ihren Alltag direkt beeinflussen – wie Partys, Konzerte, Festivals, aber auch lokale Baustellen, Streiks oder Proteste. Zudem hätten die Schülerinnen und Schüler gerne mehr Informationen über Ladeneröffnungen, Gastro-Empfehlungen, Shopping-Tipps und „Berichte über Döner-Läden“, inklusive Preisvergleich. Videos sollten direkt zum Punkt kommen, seriös und vertrauenswürdig sein. Zwar würden sich auf TikTok immer mehr nachrichtliche Inhalte finden, den befragten Schülerinnen und Schülern gehe es aber mehrheitlich darum, sich berieseln zu lassen und abzuschalten.

„Am besten ist es, wenn junge Menschen Themen für die junge Zielgruppe umsetzen, weil es auf TikTok extrem stark auf Authentizität und Nähe ankommt”, sagt Tillmann. „Dabei ist es nicht wichtig, dass das Video professionell produziert wurde. Echtheit schlägt Hochglanz, auch TikToks von vor Ort sind gefragt.” Bisher würden viele Publisher ihre Videos vor dem Greenscreen drehen und Bilder im Hintergrund einblenden, doch die Studioatmosphäre wirke oft künstlich und aufgesetzt, findet Tillmann. „Medien sollten den Mut haben, Formate wie Live-Berichterstattung auszuprobieren und Social Media endlich ernst zu nehmen”, sagt Tillmann – und sie sollten entsprechend investieren. Gerade Lokalmedien können auf TikTok mit etwas punkten, das sie in der Content-Flut einzigartig macht: ihre Region spürbar machen und nah an den Menschen sein.

Sonja Peteranderl berichtet als freie Journalistin vor allem über organisierte Kriminalität und Technologien.