Von großen Umbrüchen und neuen Ideen
Der Trend geht in Richtung digitaler Lokaljournalismus. Wie lange wird der Zeitungskiosk noch überleben? Foto: pa/dpa/Torsten Krüger
Das Interesse am Lokalen stirbt nicht aus – die Zeitungen schon. Noch landen jeden Tag Millionen Zeitungen in Briefkästen, doch viele Medienhäuser arbeiten am endgültigen Umstieg auf digitalen Lokaljournalismus. Ist das die Rettung oder ein weiterer Schritt in Richtung Niedergang?
Text: Christoph Sterz
27.07.2026
journalist bei Google bevorzugen
Die Schwebebahn rauscht am Fenster vorbei, während Lea Graf gerade an einem neuen Podcast sitzt. Bis vor gut einem Jahr war Graf noch Fernsehjournalistin für bundesweite Themen. Heute berichtet sie für das Lokaljournalismus-Projekt Talzeit über ihre Heimatstadt Wuppertal. Über Baustellen, Stadtpolitik, Veranstaltungen – und manchmal auch über Tauben.
„Ich habe einen Eiertauschprozess begleitet, mit dem versucht wird, die Taubenpopulation kleiner zu kriegen“, erzählt Graf. Die Resonanz auf ihre Berichte war groß. Am Ende wurde sogar eine Taube nach Graf benannt.
Eine klassische lokaljournalistische Geschichte also. Nur dass Grafs Berichte weder gedruckt wurden, noch in einem E-Paper gelandet sind: Talzeit von der Funke-Mediengruppe ist der Versuch, eine rein digitale Lokalredaktion zu betreiben, ohne Printprodukt. Das sechsköpfige Team schreibt Online-Texte, dreht Videos, nimmt Podcasts auf und postet auf Social Media für ein junges Publikum – in einer Stadt, in der Funke vorher nicht aktiv war.
Für Richard Mertens, Director Editorial Development bei Funke, ist Wuppertal ein vielversprechendes Versuchsfeld. Man habe gesehen, dass bestehende Medienangebote „noch nicht in die jungen Zielgruppen durchdringen“, sagt er. Funke versucht also, dort neue Zielgruppen zu erreichen, wo sie die Konkurrenz als eher schwach einstufen. Anders als sonst geht es hier nicht um Stellenstreichungen und Synergien, sondern um zeitgemäßen Lokaljournalismus.
Noch ist Talzeit kostenlos. Langfristig soll daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell werden. Mertens glaubt, dass es die Bereitschaft gibt, für digitale Angebote Geld auszugeben. Schließlich zahlten Millionen Menschen für Streamingdienste oder Musikplattformen. Entscheidend sei etwas anderes, sagt Mertens: „Wir müssen eine Brand aufbauen, die man liebt.“
Digital kann Print nicht retten
Seit Jahrzehnten befinden sich die Auflagen der Tageszeitungen im Sinkflug. Bundesweit gibt es immer weniger Städte und Landkreise mit mehreren Lokalzeitungen. Stattdessen wurden viele Jobs gestrichen, etliche Redaktionen sind verschwunden.
Anfang der 1990er Jahre wurden in Deutschland täglich mehr als 27 Millionen Zeitungen verkauft. Heute sind es rund sieben Millionen. Digitale Abonnements wachsen zwar, doch die Verluste im Printgeschäft können sie bisher kaum auffangen. Gleichzeitig sind die meisten Werbeeinnahmen zu internationalen Plattformen wie Google oder Facebook abgewandert.
Der Medienökonom Christian Wellbrock von der Hamburg Media School beschreibt die Lage mit einem Bild: „Lange hat es im Gebälk geknirscht und geknackst“, sagt er. Inzwischen sei an manchen Stellen bereits etwas gebrochen. Gerade die kleineren Zeitungshäuser seien wirtschaftlich stark unter Druck.
Ein aktuelles Beispiel für die großen Umbrüche am Markt ist die Millionenstadt Köln. Dort gibt es seit April 2026 mit dem Kölner Stadt-Anzeiger nur noch eine einzige eigenständige Lokalzeitung. Die schon vorher arg dezimierte Kölnische Rundschau verlor endgültig ihre Eigenständigkeit. Die meisten Mitarbeiter*innen verloren innerhalb weniger Wochen ihre Jobs. Die Zeitung wurde vom DuMont-Verlag aufgekauft, zu dem der Kölner Stadt-Anzeiger gehört.
Etwas weiter nördlich gab fast gleichzeitig ein weiterer traditionsreicher Verlag auf: Der Münsteraner Aschendorff-Verlag war über 250 Jahre im Zeitungsgeschäfts aktiv, sah aber keine Zukunft mehr für seine Lokalzeitungen. Aschendorff verkaufte die Westfälischen Nachrichten, die Münstersche Zeitung, das Bielefelder Westfalen-Blatt und weitere Lokalzeitungen an die Rheinische Post Mediengruppe in Düsseldorf.
Selbst in Bundesländern wie Bayern oder Baden-Württemberg konzentriert sich der Markt seit einigen Jahren immer stärker auf große Verlage, nachdem dort jahrzehntelang viele kleine Zeitungsverlage beheimatet waren. Dazu kommt, dass unabhängige Verlage Inhalte von größeren Playern einkaufen, zum Teil auch ganze Zeitungsseiten, zulasten der Medienvielfalt.
Keine Nachrichtenwüste
In manchen Regionen wird die gedruckte Zeitung gar nicht mehr zugestellt. Vor drei Jahren stellte die Funke Mediengruppe im Landkreis Greiz in Ostthüringen die Zustellung ihrer gedruckten Zeitung für ca. 300 Abonnenten ein. Seitdem sprang etwa die Hälfte der vorherigen Kundinnen ab, obwohl der Verlag nachträglich eine Zustellung per Post organisierte.
Thomas Schnedler von Netzwerk Recherche hat sich nach dem Ende der frühmorgendlich zugestellten Zeitung umgehört, wie sich die Menschen vor Ort nun über das lokale Geschehen informieren. Auf eine Nachrichtenwüste, wie die Region gelegentlich beschrieben wird, ist Schnedler in Greiz und Umgebung nicht gestoßen. „Es gibt eine ganze Menge an Quellen, die man sich aber sehr genau anschauen muss, weil das eben nicht mehr die unabhängige Lokalzeitung ist“, sagt Schnedler.
Neben Anzeigenblättern, Social-Media-Kanälen oder Amtsblättern gibt es im Landkreis Greiz inzwischen auch ein Online-Medium namens Heimatbote Vogtland. Dort erscheinen Polizeimeldungen, Texte über historische Orte in der Region oder Pressemitteilungen von Ämtern und Behörden. Dazu kommen Texte über Lokalpolitik, in denen die AfD auffallend häufig vorkommt, oft ohne kritische Einordnung.
Außerdem kommen dort immer wieder zwei Mitglieder der AfD-Fraktion im Stadtrat Greiz zu Wort, beide sind gleichzeitig im Vorstand des Vereins hinter der Website. Die Überschneidung wird nicht transparent gemacht. Ein Vorgang, der nach Ansicht von Thomas Schnedler weit über Greiz hinaus Strahlkraft hat. „Ich glaube, dass dieses Phänomen kein Spezialproblem in Ostthüringen ist“, sagt er. In anderen strukturschwachen Ecken des Landes sei Ähnliches zu erwarten.
Medienforscher Christian Wellbrock hat in einer großen Studie untersucht, wie es in Deutschland um die Versorgung mit Lokaljournalismus steht. Sein Fazit: Anders als in den USA gibt es noch keinen Landkreis ohne Lokalredaktion. Aber in fast der Hälfte der Landkreise in Deutschland gibt es nur noch eine Zeitung. Es sei nicht auszuschließen, dass es bald in Deutschland zu Nachrichtenwüsten kommt – also Regionen ohne unabhängige Berichterstattung.
Lokaljournalismus entsteht in Deutschland weiterhin vor allem in Zeitungsredaktionen. Es gibt zwar auch Lokalradios und -fernsehsender, doch sie spielen eine kleinere Rolle oder gehören selbst zu Zeitungsverlagen. Die ARD hat den Auftrag, nationalen und regionalen Journalismus zu liefern, nicht aber flächendeckenden Lokaljournalismus.
Wenn Lokalzeitungen ihre Arbeit einstellen, könnte die Demokratie weiter bröckeln. „Internationale Studien zeigen sehr deutlich, dass da, wo Lokaljournalismus wegfällt, weniger Leute zur Wahl gehen und sich Politikerinnen weniger ins Zeug legen“, sagt Wellbrock. Die Zahlen zeigten, dass die Zivilgesellschaft in betroffenen Gegenden insgesamt schlechter funktioniere.
Die Debatte über Lokaljournalismus wird oft als Branchenproblem behandelt. Tatsächlich berührt sie aber eine grundlegende Frage für alle: Wie funktioniert Demokratie vor Ort – und wer kontrolliert sie?
Lokaljournalismus jenseits der Verlage
Offensichtlich gehen einige alteingesessene Verlage nun neue Wege, so wie Funke in Wuppertal. Und neue, kleine Angebote werden gegründet, die versuchen, zeitgemäßen Lokaljournalismus zu machen. In Münster gibt es den lokalen Newsletter Rums, in Düsseldorf das eher hintergründige Online-Magazin VierNull. Auch im eher beschaulichen Bergisch Gladbach gibt es seit einigen Jahren ein alternatives Angebot zur örtlichen Lokalzeitung: das digitale Bürgerportal Bergisch Gladbach.
Dahinter steckt der Journalist Georg Watzlawek, der vorher unter anderem für das Handelsblatt gearbeitet hat und nun nach eigener Aussage klassischen Lokaljournalismus macht. „Wir haben eine ganz normale Redaktion, die sich den normalen Qualitätsstandards des Journalismus und vor allem des Lokaljournalismus verpflichtet hat“, sagt er.
Im Büro, das gleichzeitig Co-Working-Space ist, entstehen vor allem Newsletter und Online-Texte. Jeden Morgen um sieben Uhr bekommen Interessierte einen Überblick über die wichtigsten Ereignisse und Empfehlungen zu Geschichten, die sich nach Meinung der Redaktion besonders zu lesen lohnen.
Das Bürgerportal Bergisch Gladbach ist eine Ausnahme: Eine professionelle digitale Lokalzeitung jenseits von Verlagen und ohne Bezahlschranke. Das Geld kommt durch Werbung von lokalen Unternehmen und Menschen, die spenden. Nach eigenen Angaben kann das Bürgerportal drei feste Stellen finanzieren. Dazu kommen mehrere freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Georg Watzlawek hat das Angebot gegründet, weil er unzufrieden war mit dem Lokaljournalismus in seiner Heimat – und es bezogen auf die örtliche Konkurrenz immer noch ist. „Meiner Meinung nach gibt es zu viele Blaulicht-Reporte. Mit kleinen Bränden füllt die Lokalzeitung schon mal eine ganze Seite“, so Watzlawek. Er selbst schreibe dann oft nur eine kurze Meldung und konzentriere sich auf größere Themen.
Gerade in der Kommunalpolitik sieht Watzlawek eine wachsende Lücke. „Uns passiert es mittlerweile, dass wir in Ausschusssitzungen und auch Ratssitzungen die einzigen Journalisten sind“, sagt er. Die Menschen in der 115.000-Einwohner-Stadt scheinen das zu honorieren: Das Bürgerportal Bergisch Gladbach hat nach eigenen Angaben einen festen Leser-Kreis von 20.000 Menschen.
Wer soll das bezahlen?
Das liegt auch daran, dass journalistische Projekte nicht ohne Weiteres als gemeinnützig anerkannt werden. Journalismus steht in der Abgabenordnung des Bundes nicht in der Liste der als gemeinnützig anerkannten Zwecke. Andernfalls wäre es möglich, leichter an Zuschüsse von Stiftungen zu kommen, Spendenbescheinigungen auszustellen und Steuern zu sparen. Der Vorschlag, Journalismus als gemeinnützigen Zweck zu listen, stand schon mehrfach im Koalitionsvertrag und wurde im Bundesrat besprochen. Doch bisher wurde er nicht umgesetzt.
Nach Ansicht von Experten wie Christian Wellbrock ist es spätestens jetzt an der Zeit, zu handeln. „Ich glaube, dass wir mittelfristig nicht umhinkommen werden, gerade im ländlichen Raum Lokaljournalismus zu subventionieren“, sagt er. Länder wie Luxemburg oder Dänemark hätten in puncto staatlicher Presse-Förderung längst gezeigt, wie es auch ohne große staatliche Eingriffe möglich sei.
Nordrhein-Westfalens Medienminister Nathanael Liminski schließt solche Fördermodelle ebenfalls nicht aus. „Wenn wir Medienvielfalt wollen, dann müssen wir zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit einen Beitrag leisten. Und da ist jede Idee willkommen“, sagt der CDU-Politiker.
Liminski setzt neben gemeinnützigem Journalismus vor allem auf die Streichung der Mehrwertsteuer für Verlage. Außerdem hofft er, dass die geplante Digitalabgabe für die Big-Tech-Unternehmen den klassischen Medienhäusern hilft, sich am Markt zu halten.
Liminski verweist dabei vor allem auf den Bund. Allerdings hat Bundeskanzler Merz erst Ende April auf einer Veranstaltung zum Tag des Lokaljournalismus betont, dass staatliche Hilfen nicht dauerhaft ersetzen könnten, „was Sie und auch Ihre Kunden schaffen müssen“.
Die Zukunft beginnt vor der Haustür
Trotz aller Unsicherheiten teilen fast alle Beteiligten eine Überzeugung: Das Interesse an lokalen Themen ist nach wie vor stark und wird es auch in Zukunft bleiben. „Die Menschen werden sich mit Themen beschäftigen wollen, die sie in ihrem direkten Lebensumfeld bewegen“, sagt Andreas Heinkel, Geschäftsführer der HCSB-Verlagsgruppe mit Zeitungen wie der Frankenpost, dem Nordbayerischen Kurier oder der Südthüringer Zeitung.
Allerdings konstatiert Heinkel, dass gerade die Logistik und Zustellung der gedruckten Zeitung „alle regionalen Zeitungsverlage auffressen“. Heinkels Verlag hat deshalb entschieden, seine Tageszeitungen in Südthüringen montags nur noch als E-Paper erscheinen zu lassen. Weil das Angebot laut Heinkel mehr Menschen als erwartet nutzen, plant der Verlag, irgendwann komplett aus dem Printgeschäft auszusteigen.
Doch der Print-Ausstieg allein reiche nicht aus, sagt Heinkel, um bisherige Leserinnen und Leser zu halten und neue zu gewinnen. Heinkels Zeitungen haben deshalb zum Beispiel die Online-Community Plural gestartet, um gemeinsam mit Userinnen und Usern über Themen aus der Region zu diskutieren.
Außerdem können vorab verifizierte Vereine und Institutionen in der Rubrik „Bei uns daheim“ ihre Pressemitteilungen und Berichte nach kurzer redaktioneller Prüfung selbst online stellen. Damit könnten sich Heinkel zufolge die Lokaljournalistinnen und -journalisten wieder stärker auf größere Geschichten konzentrieren.
Auch andere Verlage erweitern ihr Portfolio immer mehr: Vielerorts entstehen lokale Newsletter oder Social-Media-Kanäle, außerdem setzen etliche Lokalredaktionen verstärkt auf Veranstaltungen vor Ort oder bieten Digital-Abos an, die auch für Lokalzeitungen in benachbarten Städten gelten.
Der wirtschaftliche Druck sorgt nicht nur dafür, dass alteingesessene Lokalmedien verschwinden – er zwingt sie auch dazu, Lokaljournalismus neu zu denken und ihn auf neuen Wegen in die Zukunft zu tragen.
Christoph Sterz ist freiberuflicher Hörfunkjournalist, unter anderem als Moderator und Reporter für den Deutschlandfunk.