Was tun gegen die alltägliche Gefahr?
Wie gut sind deutsche Redaktionen gegen Cyberangriffe geschützt?
Seit Jahren häufen sich Cyberangriffe auf Redaktionen und Journalisten. Ein Forscherteam der Universität Hamburg hat in 21 Medienhäusern untersucht, wie widerstandsfähig deutsche Medien aktuell sind.
Text: Volker Lilienthal, Viviane Schönbächler und Jannis Frech
10.06.2026
journalist bei Google bevorzugen
Das neue Jahr war kaum vier Wochen alt, als am 28. Januar zuerst Nico Schmidt von Investigate Europe und Markus Reuter von netzpolitik.org von Phishing-Angriffen auf Journalisten berichteten. Angreifer versuchten, über den Messenger Signal mittels Phishing Kontakte und Netzwerke auszuspähen.
Im Grunde war es ein simpler Trick: Ein angeblicher Signal-Security-Support warnte vor verdächtigen Aktivitäten und versprach Hilfe. Wer daraufhin einen QR-Code scannte, hing schon am Haken der Angreifer. Nico Schmidt warnte auf LinkedIn: „Wenn du mit sensiblen Quellen arbeitest: Es geht nicht nur darum, ein Konto zu verlieren, sondern auch darum, Netzwerke zu entlarven. Bitte teilen Sie dies mit Kollegen, die täglich auf Signal angewiesen sind.“
Es kommt nicht oft vor, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik gemeinsam einen Sicherheitshinweis herausgeben. Doch in diesem Fall war es so. „Im Fokus stehen hochrangige Ziele aus Politik, Militär und Diplomatie sowie Investigativjournalistinnen und -journalisten in Deutschland und Europa“, warnten beide Bundesbehörden am 6. Februar. Auch der DJV mahnte Anfang Februar, die Gefahr ernst zu nehmen. Bundesvorsitzender Mika Beuster erklärte: „Es wäre verheerend und gefährlich, wenn staatliche Stellen insbesondere von autokratischen Regimen mitlesen können, welche Informationen Journalistinnen und Journalisten untereinander und mit ihren Quellen austauschen.“
Nun, seit Ende April, weiß man, dass die mutmaßlich russischen Angreifer bis in die Spitzen der Bundesregierung vordringen konnten, dass sie die Handys einiger Minister und auch das der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner infiltrieren und möglicherweise vertrauliche Kommunikation anzapfen konnten. Laut Spiegel wurden mindestens 300 Signal-Konten von Personen aus dem politischen Sektor kompromittiert.
Dass ausgerechnet Signal für die Attacke missbraucht wurde, hat etwas Tragisches. Der Messenger gilt wegen seiner Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und Unabhängigkeit vom Konzern Meta, der hinter WhatsApp steht, bei Journalisten als besonders vertrauenswürdig. Er bietet einen sicheren Kommunikationsweg, um auf einfache und sichere Weise mit Quellen in Verbindung zu bleiben. Nicht etwa Signal hat sich technisch als unsicher erwiesen. Die undichte Stelle waren einzig die Menschen, die auf die Phishing-Nachricht hereinfielen. Fast euphemistisch nennt man das Social Engineering: gehackt wurden Menschen, nicht technische Systeme.
Der Signal-GAU zeigt, dass sich Journalisten, Redaktionen und Medienhäuser der zunehmenden Gefahr bewusst sein müssen, jederzeit Opfer von Cyberangriffen zu werden. Schon im vergangenen Jahr gab es eine heftige Serie von Cyberattacken auf Medien, als es den Spiegel, die taz, die Südwestdeutsche Medienholding (Süddeutsche Zeitung u. a.), Arte und immer wieder Correctiv traf.
Solche Angriffe bedrohen die Glaubwürdigkeit der Medienmarken, aber auch die persönliche Sicherheit von Reporterinnen und Rechercheuren. Außerdem gefährden sie Informanten, denen man versprochen hat, ihre Identität unter allen Umständen zu schützen.
Die Dimensionen des Problems sind vielfältig – dem wollten wir gerecht werden: An der Universität Hamburg haben wir uns seit 2022 mit dem Problem der Überwachung von Journalisten und der Abwehr von Cyberangriffen befasst. Dazu forschten wir in 21 Medienhäusern und unterstützen 230 Journalisten im Rahmen von Trainings, um einen Beitrag zur Sicherheit in der digitalen Recherche und beim Quellenschutz zu leisten. Auch für freie Journalistinnen gab es zwei Workshops. Es handelte sich um die erste größere Untersuchung zum Thema in Deutschland.
Während die schleichende, meist unbemerkte Überwachung durch staatliche Akteure ein chronisches Problem ist, bedeuten Cyberangriffe einen bedrohlichen Akutfall. Mit unserem Forschungsprojekt wollten wir herausfinden: Sind die Journalisten dafür gewappnet? Wie steht es um ihre Resilienz?
Fast alle von uns Befragte Journalisten kennen die Gefahr. 92 Prozent haben in den vergangenen fünf Jahren mindestens eine Form von Gewalt oder Bedrohung erlebt, am häufigsten Hassrede und öffentliche Diskreditierung. Cyberangriffe sind seltener, werden aber stärker gefürchtet. Die Folgen: 69 Prozent verzichten darauf, online ihre Meinung zu äußern, 41 Prozent agieren generell vorsichtiger. Zugleich regt sich aber auch Widerstand: 43 Prozent fühlen sich durch vermutete Überwachung zum Gegenhalten motiviert.
„Die undichte Stelle waren einzig die Menschen, die auf die Phishing-Nachricht hereinfielen. Fast euphemistisch nennt man das Social Engineering: gehackt wurden Menschen, nicht technische Systeme.“
Unter den Befragten gibt es ein ambivalentes Problembewusstsein: Einerseits sehen 87 Prozent von ihnen mehr Vorteile als Nachteile in digitalen Technologien. Sich im digitalen Raum zu bewegen, ist längst journalistischer Alltag. Andererseits fühlen sich nur 41 Prozent online einigermaßen sicher, eine knappe Mehrheit (53 Prozent) ist sich nach eigener Aussage der Risiken digitaler Recherche bewusst.
Wie breit das Spektrum ist, zeigt sich beim Thema Überwachung. Die Haltungen reichen von „Das betrifft mich nicht“, wie es ein Lokaljournalist ausdrückte, bis hin zu „Ich wäre beleidigt, wenn sie mich nicht überwachen würden“. So die Aussage eines freien Investigativjournalisten. Drei Faktoren prägen dieses ungleiche Bewusstsein: die Art der Berichterstattung, eigene digitale Kompetenzen sowie persönliche Erfahrungen mit Bedrohungen. Investigative Profis gelten meist als sensibilisiert. Anders sieht es in Lokalredaktionen aus. Dort halten viele Kollegen ihr Themengebiet für unspektakulär und wenig attraktiv für Angreifer. Doch das ist ein Trugschluss. Wer im Lokalen nicht wenigstens basale Schutzmaßnahmen ergreift, könnte ein Einfallstor ins Medienhaus bieten.
Auf der Führungsebene der 21 Medienhäuser, in denen wir geforscht haben, ist das Problembewusstsein ausgeprägt, aber unterschiedlich stark. Cyberangriffe gelten spätestens seit dem folgenschweren Hackerangriff auf die Funke-Mediengruppe 2020 als reale Gefahr – wochenlang erschienen ausschließlich Notausgaben der Zeitungen.
In den IT-Abteilungen der von uns untersuchten 21 Medienhäuser herrscht wohl das klarste Problembewusstsein. Denn hier werden alle Angriffe bemerkt, seien sie noch so klein. Der tägliche Großteil davon ist für alle anderen Bereiche gar nicht wahrnehmbar. Entsprechend deutlich wird hier das Präventionsparadox: Wenn alle glauben, genügend getan zu haben und sicher zu sein, wird es für die IT’ler schwierig, mehr unbequeme Sicherheitsmaßnahmen einzufordern.
Und wie steht es um die Nutzung von Sicherheitsverfahren? Auf der individuellen Ebene der befragten Journalisten sind allgemein bekannte Tools am weitesten verbreitet: Ende-zu-Ende verschlüsselte Messenger wie WhatsApp und Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA). Teilweise wird MFA von der hauseigenen IT zwingend vorgeschrieben. Ein Effekt unserer Trainings war, dass viele, die vom Passwort-Manager schon mal gehört hatten, nun anfingen, ihn regelmäßig zu nutzen.
Trotz vorhandenem Problembewusstsein gaben nur 22 Prozent an, zu wissen, wie man sich im digitalen Raum schützen kann. Warum ist das so? 42 Prozent der Befragten sehen Versäumnisse auf der Führungsebene, die das Thema nicht priorisiere. Dabei ergaben unsere neun Interviews mit Mitgliedern ausgewählter Chefredaktionen, dass sie sich der Bedrohung sehr bewusst seien und bereits in den digitalen Schutz investierten. Sechs von neun Befragten schätzen ihr Haus als „im Rahmen des Möglichen“ gut geschützt ein, wissen aber: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Sie scheinen auch gut mit anderen Medienhäusern vernetzt zu sein, teils sogar mit Sicherheitsbehörden. Jedoch kommen solche Bemühungen oft nicht bei den Mitarbeitenden an. Nur 26 Prozent der Befragten geben an, die digitale Infrastruktur des Arbeitgebers zu kennen. Und mehr als die Hälfte (56 Prozent) der Befragten ist sich unsicher, ob der Arbeitgeber genug tut, um Journalistinnen und Journalisten und Quellen im digitalen Raum zu schützen.
An diese Maßnahmen für mehr Cybersicherheit erinnern sich Redaktionsmitglieder:
• Schulungen und Phishing-Trainings
• neue Tools wie etwa 2-Faktor-Authentifizierung, Passwort-Manager oder Secure Drop
• allgemeine Maßnahmen (Empfehlungen, Sicherheitshinweise, Arbeitsabläufe).
„Angreifer werden schnell in Russland oder China vermutet. Doch auch die autoritäre Disruption in den USA führt zu Besorgnis in deutschen Medienhäusern.“
Vorab haben wir die IT-Verantwortlichen der kooperierenden 21 Medienhäuser gebeten, ihren Status quo bei Hard- und Software standardisiert zu beschreiben. Die Daten wurden von uns unter Wahrung von Geschäftsgeheimnissen zu Fact Sheets aufbereitet. Diese haben wir von dem Informatiker Tobias Hübers, der auch investigativ recherchiert, vertraulich evaluieren lassen. Hübers schätzte die Lage im Querschnitt als „mäßig bis überwiegend solide“ ein, sah aber „teils deutliche Verbesserungspotenziale“.
„Gefährlich schlecht“ sei es um die IT-Sicherheit deutscher Medienhäuser nur selten bestellt, so Hübers – etwa dann, wenn kein Passwortmanager eingesetzt wird oder keine 2-Faktor-Authentifizierung zwingend vorgeschrieben ist, zum Beispiel für den Zugang ins Redaktionssystem. Als typische Schwachstellen zeigten sich u. a. veraltete Systeme, die mit der Zeit unkontrollierbar gewachsen sind, inkohärente Prozesse beim Passwortmanagement und fehlende Dokumentation von Worst-Case-Prozessen.
„Durchgängig ausgezeichnet“ – diese Bestnote hat der Experte nicht vergeben. Viele Medienhäuser bewegten sich „irgendwo im Mittelfeld“.
Die Sicherheitsarchitektur eines Unternehmens ist immer ein Zusammenspiel von Hard- und Software, von Programmierung, Management und Redaktion. Doch die beste Architektur ist nichts ohne die Menschen, die sie annehmen und umsetzen. Auch das haben unsere Sicherheitstrainings und die Interviews ergeben: Es ist eben nicht immer nur das Management oder die Redaktionsleitung, die sich gegen Veränderungen sperrt, sondern auch die Journalistinnen und Journalisten selbst. Zeitmangel ist ein Grund, Sicherheitstools nicht zu nutzen – manchmal auch Bequemlichkeit. Für durchgreifende Verbesserungen braucht es Lösungen, die auf der institutionellen und der individuellen Ebene ansetzen.
Aus Sicht von IT und Management sollten Mitarbeitende noch sensibler für die Notwendigkeit von Security-Tools werden, die nicht immer einfach zu handhaben sind und die sie immer wieder neu lernen müssen. Die Mitarbeitenden wiederum erwarten sich Schulungen und Trainings, so wie wir sie den 21 Medienhäusern angeboten haben.
Regelmäßige sogenannte Phishing-Awareness-Kampagnen, bei denen ganze Redaktionen mit fingierten Phishing-Mails getestet werden, sind sinnvoll, dürfen aber nicht zum Blame Game werden. Grundsätzlich muss der interne Dialog über Sicherheit immer wieder geführt werden. Und alle müssen wissen, welcher Notfallplan greift, wenn die eigenen Systeme angegriffen werden.
Konfrontiert mit den Entwicklungen in den USA stellt sich für den deutschen Journalismus eine neue beunruhigende Frage: Sind US-Clouds ein sicherer Ort?
Wenn Medien aus dem digitalen Raum angegriffen werden, wenn ihre Websites mit DDoS-Attacken überlastet werden oder versucht wird, Daten aus dem Redaktionssystem abzuzapfen, werden die Angreifer schnell in Russland oder China vermutet. Doch auch die autoritäre Disruption in den USA führt zu Besorgnis in deutschen Medienhäusern.
Bis auf eine Ausnahme sehen alle zehn von uns befragten IT-Sicherheitsbeauftragten Probleme bei der Nutzung von Clouds, die mehrheitlich unter der Kontrolle US-amerikanischer Unternehmen stehen, und hätten gern eine europäische Alternative für mehr digitale Souveränität. Traditionell wurde IT in den Medienhäusern auf eigenen Servern betrieben („On-Premises“). Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit, der rapiden technischen Entwicklung und der zunehmenden Komplexität der Systeme setzen die Häuser verstärkt auf Clouds. „Aber was tue ich zum Beispiel, wenn eine Cloud-Infrastruktur angegriffen wird, auf die ich selbst keinen administrativen Zugang habe?“, fragt der Cybersecurity-Verantwortliche einer großen Tageszeitung.
Welche Datensicherheit können Microsoft, Google oder Amazon Web Services mit ihren Clouds wirklich gewährleisten? Und hielten sie dem Durchsuchungsverlangen einer US-Behörde stand, die gespeicherten Inhalte einer deutschen Redaktion über die Backdoor preiszugeben? Wahrscheinlich nicht. Die Journalisten sollten privat bei der Nutzung von Clouds vorsichtig sein, wollen sie nicht die Sicherheitsarchitektur des eigenen Hauses zum Einsturz bringen. Der IT-Verantwortliche einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt nennt eine drastische Zahl, die sich auf den leichten Cloud-Zugang via Webbrowser bezieht: „Mir ist klar, dass es bei uns wahrscheinlich Hunderte illegale Cloud-Applikationen gibt, die genutzt werden, denn die Leute müssen sich ja nur mit ihrer E-Mail-Adresse anmelden und können dann sogar die private nehmen.“
Dann wäre da noch die Frage nach dem Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Sie kann zu einer Verbesserung von journalistischer Arbeit beitragen, bringt aber neue Probleme mit sich. Beispielsweise trauen sich nur 13 Prozent der von uns befragten 230 Journalistinnen und Journalisten zu, KI-generierte Inhalte sicher zu erkennen.
Akteure, die die Integrität des Journalismus beschädigen wollen, nutzen KI längst als Booster für ihre Attacken. Eine neue Studie der International Federation of Journalists (IFJ) hat die Überwachung von Journalisten global untersucht und beklagt eine Normalisierung der Überwachung, auch in demokratischen Rechtsstaaten.
Mittels KI werde Surveillance automatisiert, hat die Studienautorin – Computer- und Kommunikationsingenieurin Samar Al Halal – herausgefunden. Gesammelte Daten würden in KI-Dashboards eingespeist, um so Anrufe, Nachrichten, Standortdaten und Online-Aktivitäten miteinander zu verknüpfen. Die Überwachung wird also beschleunigt, kann omnipräsent und ohne Mengenbegrenzung Daten verarbeiten und nimmt so fast totalitäre Züge an.
„In Konfliktgebieten wie dem Gazastreifen oder der Ukraine führen KI-Systeme mittlerweile Telekommunikations- und Drohnen-Daten zusammen, um Journalistinnen und Journalisten zu identifizieren und zu verfolgen, wodurch die Grenze zwischen Beobachtung und physischer Zielerfassung verschwimmt“, warnt die IFJ. Studienautorin Al Halal fügt hinzu: „Überwachung ist die Waffe, mit der die Meinungsfreiheit stillschweigend ausgehöhlt wird. Wenn Journalisten überwacht werden, verstummen Quellen, werden Recherchen eingestellt und wird Selbstzensur zur Normalität.“
Volker Lilienthal ist Journalist und war bis 2025 Professor für „Praxis des Qualitätsjournalismus“ an der Uni Hamburg.
Viviane Schönbächler war Postdoktorandin im Projekt „Sensible Recherchen und Quellenschutz“ an der Uni Hamburg.
Jannis Frech war Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Hamburg und ist heute beim Spiegel.