Wie lange kann ich mir Journalismus noch leisten?
Karla Kolumna war ihr Vorbild. Im Job angekommen, fragt sich Mareice Kaiser: Hatte Kolumna auch Geldprobleme? Foto: Jana Rodenbusch
Journalismus ist ihr Traumjob, doch als Freie kann unsere Autorin davon kaum leben. Wird der Beruf zum Elitenprojekt? Sie hat Kolleg*innen befragt, wie es ihnen ergeht. Die Antworten sind alarmierend.
Text: Mareice Kaiser
04.05.2026
Seitdem ich schreiben kann, wollte ich Journalistin werden. Na ja, vielleicht nicht ganz. Aber auf jeden Fall, seitdem ich Bibi Blocksberg-Kassetten hören konnte. So wie Karla Kolumna werden, das wollte ich. Da wusste ich noch gar nicht, was der Beruf Journalistin eigentlich genau bedeutet. Im Fall von Karla Kolumna war es: Unterwegs sein, den Mächtigen (hier: dem Bürgermeisterchen) auf die Finger schauen, darüber berichten, damit etwas bewegen. So habe ich mir mein berufliches Erwachsenenleben vorgestellt.
Heute, fast 40 Jahre später, arbeite ich in dem Beruf, den ich immer machen wollte. Als freie Journalistin und Buchautorin. Vieles an diesem Beruf ist mein Traumjob. Aber an eine Sache hatte ich dabei nicht gedacht: Die Geldsorgen. Karla Kolumna arbeitet beim Neustädter Abendblatt. Ich arbeite frei. Das scheint einen Unterschied zu machen, denn dass Karla Kolumna nicht weiß, wie sie die nächste Miete oder die Steuern zahlen soll, das habe ich nicht gehört.
Auszug aus meiner Mailbox im Januar: „Mehr als 250 Euro können wir leider nicht zahlen”, „Sachzwang ist der beschissenste Zwang”, „wir beauftragen aktuell leider keine Freien mehr”. Das Jahr startete nicht gut. Denn Sachzwänge habe auch ich: Die Miete meiner Wohnung, die Klassenfahrt meines Kindes. Man könnte jetzt sagen: mein privates Problem. Allerdings zeigen alle Gespräche, die ich mit Kolleg*innen dazu führe: Es scheint ein strukturelles Problem zu sein. Und wenn es das ist, dann ist es nicht nur ein Problem für die Medienbranche, sondern für die ganze Gesellschaft, den Journalismus und am Ende auch die Demokratie.
Wir leben in einer global angespannten wirtschaftlichen Lage. Die Krisen stapeln sich und auch der Journalismus ist in der Krise – oder sogar in mehreren. Mindestens in der wirtschaftlichen und in der Vertrauenskrise. Vielleicht gehört beides auch zusammen. Viele Menschen spüren die Auswirkungen dieser Krisen, aber wir spüren sie unterschiedlich stark. Zum Beispiel Menschen, die im Journalismus arbeiten: Wenn meine Miete steigt, macht es einen Unterschied, ob ich einen unbefristeten Vertrag habe und weiß, die kommenden Monate wird regelmäßig Geld auf meinem Konto landen. Oder ob meine Auftraggeber*innen mir schreiben, dass sie aktuell keine freien Autor*innen mehr beschäftigen und die, die das noch tun, zu wenig Geld zahlen wollen oder es verspätet oder gar nicht zahlen.
Fast ein Jahr war ich Kolumnistin beim Magazin Emotion, ein Job aus meinen Träumen. Eine feste Kolumne in einem gedruckten Magazin. Ich hab‘s geliebt. Lieben konnte ich leider nicht die Zahlungsmoral des Magazins. Irgendwann bin ich dazu übergegangen, meinen Text für die nächste Kolumne erst zu schicken, wenn die vorangegangene bezahlt war. Eine Recherche von Übermedien Anfang des Jahres hat gezeigt: Ich war kein Einzelfall. Rund 20 Autorinnen berichteten von offenen Rechnungen oder von Rechnungen mit teilweise monatelangem Zahlungsverzug und Zahlungen erst nach der Kommunikation über Anwälte. Eine feste Einkommensquelle war damit für mich weg. Eine andere feste Serie wurde von der Chefredakteurin mit dem Argument „Sachzwänge” beendet. Ein anderes Magazin erklärte mir nach dem zweiten abgelehnten Pitch (und erst auf meine Nachfrage, ob sie denn überhaupt noch freie Autor*innen beauftragen würden, denn dann könnte ich mir die Pitches ja sparen), dass sie bis in absehbarer Zeit keine Aufträge mehr an Freie geben. Auch damit bin ich kein Einzelfall.
„Viele Kolleg*innen beklagen die Zusammenarbeit mit Festangestellten. Oft fehlt das Verständnis für die Arbeitsbedingungen von Freien.“
Auf LinkedIn habe ich gefragt: Wie läuft es bei freien Journalist*innen? Ich konnte die Mails und Nachrichten von prekär lebenden freien Journalist*innen nicht mehr zählen. Fast alle wollen anonym bleiben – viele aus Angst, dass Redaktionen sie dann vielleicht gar nicht mehr beschäftigen wollen. Auch als ich mit dem journalist-Chefredakteur zu diesem Text telefoniere, sagt er: „Du bist dir sicher, dass du zu dem Thema schreiben möchtest? Denn dann wird man dich dazu finden.” Glücklicherweise habe ich schon viel zu den Themen Geld und Klassismus geschrieben, unter anderem mein Sachbuch Wie viel – Was wir mit Geld machen und was Geld mit uns macht. Durch meine Recherchen dazu weiß ich: Es ist ein Trick des Systems, in dem wir leben, dass wir denken, wenig Geld zu haben würde vor allem an uns selbst liegen. Klar – wenn ich gar nicht arbeiten würde, würde es natürlich an mir liegen, dass nicht genug Geld auf meinem Konto landet. Oder wenn ich schlecht arbeiten würde. Aber auch dafür arbeite ich zu lange. Ich weiß, was ich kann. Und Journalismus kann ich.
Dass es für mich mit dem Journalismus aktuell so schwierig ist, liegt nicht an der Qualität meiner Arbeit. Vielleicht sogar im Gegenteil. Mir wurden auch schon Jobs abgesagt, einfach mit der Begründung, ich sei zu teuer oder ich sei überqualifiziert. An dieser Stelle sei auch gesagt, dass ich von Verhandlungstipps nicht viel halte. Ja, als von Klassismus betroffene und weiblich wahrgenommene Person sind Honorarverhandlungen keine Sache, die ich liebe, denn ich habe die schlechteren Karten. Sie sind auch eine Sache, in der ich strukturell benachteiligt bin. Immer wieder stelle ich fest, dass durchschnittliche Männer mehr Geld bekommen als gute Frauen. Die Lösung dafür kann nicht sein, dass Menschen Verhandlungen lernen müssen (denn auch das muss man sich ja wieder leisten können). Die Lösung muss sein, dass Honorare transparent und fair gestaltet werden.
Die Frage, die ich mir aktuell stelle: Wie lange kann ich mir freien Journalismus eigentlich noch leisten? Als Journalistin?
Flucht aus dem Beruf
Meine Umfrage zeigt: Vielen Kolleg*innen geht es ähnlich. Auch gemeldet haben sich bei mir Kolleg*innen, die genau deshalb den Journalismus verlassen haben und jetzt in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Kulturinstitutionen, in der Politik oder bei NGOs tätig sind. Und viele, die nicht wissen, wie lange sie es noch schaffen, zu diesen Bedingungen zu arbeiten. „Die Bedingungen sind schlechter geworden”, sagt eine Kollegin in einer Sprachnachricht. „Ich bekomme weniger Anfragen, für redaktionelle Arbeiten und für Workshops und Podien”. Seminare, die sie selbst für Journalist*innen gibt, würden oft verschoben, weil es nicht genug Anmeldungen gibt (die von den Medienunternehmen bezahlt werden).
Eine andere Kollegin schreibt: „Klassische Artikel-Ideen pitche ich gar nicht mehr.” Sie musste Tage oder Wochen auf Antworten warten, so dass das Thema dann oft schon durch war. „Die Zeit, die ich dafür brauche und was ich am Ende dafür bekomme, das lohnt sich einfach nicht mehr.“ Von ghostenden Redaktionen berichtete auch Kira Brück im journalist. Ein Kollege schreibt: „Die Bedingungen sind schlechter geworden. Von den Redaktionen kommen vermehrt keine Rückmeldungen oder Absagen.” Er arbeitet vor allem für die Öffentlich-Rechtlichen: „Viele Redakteure sind anscheinend nur noch mit internen Themen und Konferenzen beschäftigt und haben für das Tagesgeschäft kaum noch Ressourcen.” Und somit auch nicht für die Kommunikation mit freien Autor*innen. Bei Kolleg*innen spielen auch die erhöhten Preise für das Leben eine Rolle – während in den vergangenen Jahren alles teurer wurde, haben sich die Honorare nicht verändert. Statt Inflationsanpassungen gibt es dreiste Honorarvorschläge. Eine Auswahl: 300 Euro für eine Reportage über eineinhalb Seiten in der Wochenausgabe einer großen Regionalzeitung. 233 Euro für eine mehrtägige Hörfunkinterview-Recherche im ÖRR. 80 Euro für eine regelmäßige Kolumne. 60 Euro für einen Aufmacher.
Und wie davon leben? Eine Kollegin schreibt: „Ich lebe relativ sparsam. Ich habe kein Auto und nutze ÖPNV und Fahrrad, kaufe mir wenig Luxusartikel wie Kleidung, Taschen, Schmuck oder technische Geräte”. Einige Kolleg*innen können nur als freie Journalist*innen leben, weil sie mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin zusammenleben. Das zeigt auch die Recherche von Tamara Keller und Corinna Cerruti. In ihrem Report Störfaktor Kind heißt es: „Mehrere Befragte schildern, dass sie nur deshalb weiterhin im Journalismus arbeiten können, weil das Einkommen des Partners oder der Partnerin den Lebensunterhalt sichert. Dies belastet vor allem Mütter, die nicht in klassische Geschlechterrollen rutschen wollen.” Andere Kolleg*innen können sich freien Journalismus leisten, weil sie Teilzeitjobs in anderen Bereichen haben. „Journalismus ist mein schlecht bezahltes Hobby”, schreibt ein Kollege mit festem Job.
Einem Kollegen wurde gesagt, dass leider kein Budget da sei, er den Artikel aber pro bono schreiben könne. „Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich da ein, zwei Mal drauf eingegangen bin, was komplett unsolidarisch ist”, sagt er. Einer Kollegin geht es ähnlich, sie hat den Aufmacher mit 6.000 Zeichen auch schon für 60 Euro geschrieben. Als junge Journalistin habe sie das Gefühl, das machen zu müssen, „da ich ein Portfolio und Erfahrungen sammeln muss”.
Vor allem investigativer Journalismus scheint für Freie fast nicht mehr möglich zu sein. Eine erfahrene Kollegin schickt mir eine Sprachnachricht: „Investigativ frei ist nicht möglich ohne Selbstausbeutung. Und ich habe gesehen, dass die, die ich früher bewundert habe, sich auch selbst ausgebeutet haben. Investigativer Journalismus als Freie ist aktuell ein Ehrenamt.”
Viele Kolleg*innen beklagen die Zusammenarbeit von Festangestellten und Freien. Oft sei kein Verständnis für die Arbeits- und Lebensbedingungen von Freien vorhanden. Bei größeren Projekten wird selbstverständlich davon ausgegangen, dass die freien Mitarbeitenden auch an Meetings teilnehmen, ohne extra Vergütung. Oder es wird der (Zeit-)Druck aus der Redaktion weitergegeben, wenn dann der Text oder das Stück geschickt wurde, wird sich teilweise wochenlang nicht gemeldet (und so auch die Rechnungsstellung verschoben).
Hier könnten wir jetzt sagen: Dann halt nicht, wir suchen uns neue Jobs oder bewerben uns auf feste Stellen in Redaktionen. Abgesehen davon, dass es von diesen Jobs nicht unendlich viele gibt, wollen die meisten Freien aber nicht festangestellt arbeiten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Viele brauchen die flexible Zeiteinteilung wegen chronischer Krankheiten oder der Pflege von Angehörigen oder der Care-Arbeit für Kinder. Eine Kollegin, die investigativ arbeitet, schätzt die freie Arbeit, weil sie intensiver recherchieren kann: „Als Freie kann ich mehr vor Ort sein, mehr bei den Menschen, über die ich berichte. Dafür bleibt im Redaktionsalltag bei Festangestellten oft zu wenig Zeit.” Eine andere Kollegin findet das freie Arbeiten wichtig, weil so verschiedene Perspektiven in Redaktionen kommen. „Manchmal ist es gut, wenn eine Person auf ein Thema draufschaut, die nicht in 15 Meetings dazu war.” Eine Kollegin, die lange frei gearbeitet hat und wegen der finanziellen Sicherheit seit drei Jahren fest angestellt als Redakteurin arbeitet, erinnert sich an ihre Zeit als Freie. „Wenn ich so weitermache, bin ich irgendwann kaputt. Und ruiniere mich finanziell und körperlich”, dachte sie damals. Heute fühlt sie sich gut aufgehoben in ihrem festen Job, „denn ich kann jetzt auch mal krank werden und muss nicht jeden Monat neu um meine Miete kämpfen.” Sie sagt aber auch: „Ich habe das Frei-Sein immer sehr geliebt und meine schönsten Beiträge in dieser Zeit gemacht.”
Leben ohne jeglichen Luxus
Alle, die mir geschrieben haben, lieben ihren Job. Sie haben es genau so geschrieben, oder es war zwischen den Zeilen zu lesen. Und alle hadern mit diesem Job, weil das damit verdiente Geld nicht für ein gutes Leben reicht. Manchmal noch für ein sparsames Leben allein, für mehr aber nicht. Ein Leben ohne Urlaub und ohne Verantwortung für andere, denn die wäre nicht drin. „Immerhin kann ich mir gerade so die Versicherung für meinen Hund leisten”, schreibt mir eine Kollegin zum Beispiel.
Auch der Freischreiber-Verband spürt die angespannte wirtschaftliche Lage. Wenn Mitglieder austreten, werden sie nach ihren Gründen gefragt. „Viele Freie sehen sich gezwungen, 20 Euro Mitgliedsbeitrag monatlich zu sparen”, sagt die Co-Vorsitzende Elisa Kautzky. „Sie wechseln in Festanstellungen oder verlassen den Journalismus ganz.” Was bedeutet es, wenn es irgendwann keine freien Journalist*innen mehr gibt? Oder frei nur noch die arbeiten, die es sich leisten können – weil sie eine*n Partner*in mit Geld haben oder reiche Eltern (ja, auch erwachsene Menschen lassen sich von ihren Eltern finanzieren oder die Eigentumswohnung schenken). Journalismus wird dann wieder das, was er mal war: Ein Elitenprojekt.
„Den Mächtigen auf die Finger schauen – so habe ich mir mein berufliches Leben vorgestellt.“
Kurze Zeit wurde diskutiert, dass doch auch Arbeiterkinder schreiben und recherchieren können und vielleicht gut wären für einen Journalismus von allen für alle. Oder dass rassifizierte Menschen eine wichtige Perspektive haben, die auch in noch immer mehrheitlich weißen Redaktionen wichtig sein könnte. Diese Zeiten scheinen vorbei zu sein. Das zeigt sich auch in den Themen von Journalismus. Denn Journalismus wird immer aus der eigenen Position heraus gemacht. Journalist*innen finden meistens wichtig, was sie selbst betrifft. Wenn vor allem weiße Menschen mit Studium und Geld Journalismus machen, wird das sicher kein Journalismus für alle sein.
Karla Kolumna hatte keine Geldprobleme, soweit ich mich erinnern kann; sie hatte allerdings auch kein Kind. Ich habe sie in den 1980er Jahren gehört, eine andere Journalismuszeit als heute. Journalismus hatte ein besseres Image und wurde besser bezahlt. In einem Interview mit der Erfinderin von Karla Kolumna, Elfie Donnelly, sprechen wir darüber, wie Karla wohl heute arbeiten würde. Sie würde die mächtigen Alphamänner kritisieren, sagt Elfie Donnelly. Und, dass sie sicher frei arbeiten würde. Wer eine machtkritische Journalistin wie Karla Kolumna heute beschäftigen und gut bezahlen würde, diese Frage bleibt offen.
Mareice Kaiser arbeitet als freie Journalistin, Autorin und Moderatorin in Berlin und im Internet.