Wird es den Medien zu heiß?

„Klima hat immer auch etwas mit Politik zu tun, mit Wirtschaft, mit eigentlich allen Lebensbereichen“, sagt Gesa Steeger aus dem Klima-Team von Correctiv. Illustration: Karsten Petrat

Kriege und Krisen bestimmen die Schlagzeilen, nur über das Klima redet keiner mehr. Ist das so? Wie schlimm es wirklich um den Klimajournalismus steht.

Text: Anna Scheld, Illustration: Karsten Petrat

01.09.2025

Wer hat denn noch Lust, sich mit dem Klima zu beschäftigen? In einer Statista-Umfrage vom Juli 2025 sagten elf Prozent der Menschen, Klima und Energie seien die aktuell wichtigsten Themen. Vor gut zwei Jahren war es noch jeder Zweite.

Die Politik? Die Merz-Regierung geht im Koalitionsvertrag träge und widersprüchlich auf den Klimaschutz ein, möchte Gasförderung ausbauen und bleibt beim späten Ausstieg aus der Kohle 2038.

Die Medien? Eine Zeit lang sah es nach goldenen Zeiten für den Klimajournalismus aus. Mit dem Aufkommen von Fridays-for-Future schufen Medien Ressorts und Formate. Die Süddeutsche startete 2019 den Newsletter Klimafreitag. Seit einem Jahr erscheint er nicht mehr. Die Zeit gründete 2021 das Ressort Green. Die Print-Redaktion wurde kürzlich wieder aufgelöst, die Online-Redaktion gibt es schon länger nicht mehr. Auch sonst hat der Klimajournalismus seinen Drive verloren. Gaza, Ukraine, Trump oder eine geplatzte Richterwahl verdrängen Berichte über Kipppunkte, Artensterben, Wasserknappheit und erhöhte Meeresspiegel. Wir stecken in einer Katastrophe, da sind sich Wissenschaftler einig, aber die Berichterstattung spiegelt das kaum wider.

Steckt der Klimajournalismus in der Krise – und wenn ja, wie kommt er da wieder heraus? Jürgen Döschner hat das Netzwerk Klimajournalismus mitgegründet, das seit 2024 gemeinsam mit dem Netzwerk Recherche den „Deutschen Preis für Klimajournalismus“ vergibt. Im ersten Jahr gab es 180 Einreichungen, im zweiten Jahr nur noch rund 120. Nicht nur die Anzahl der Einreichungen ist gesunken. „Die Qualität hat in der Summe deutlich abgenommen“, sagt Döschner. Für ihn ein Indikator, in welche Richtung der Klimajournalismus sich aktuell entwickelt. 

Döschner sieht diese Entwicklung überall: Er hört von freien Kolleg:innen, die ihre Themen nicht unterbekommen. Er sieht kaum Klimathemen in den Medien. Neulich habe er während der extremen Hitzewelle Ende Juni ein großes ARD-Spezial gesehen, in dem es die Hälfte der Zeit darum ging, dass man viel trinken und sich im Schatten aufhalten solle. „So viel Sendezeit muss man doch dafür nutzen, den Menschen diese Hitzewelle einzuordnen.“

Dabei findet Döschner, dass der Journalismus nicht der Stimmung in der Bevölkerung folgen sollte. „Die Menschen stecken gerade angesichts der Klimakrise den Kopf in den Sand“, sagt er. „Wir Journalisten haben die Aufgabe, sie wachzurütteln und ihnen Lösungen aufzuzeigen. Beides findet so gut wie gar nicht mehr statt.“

 „Sagen was ist“, hat Augstein mal gesagt. Döschner erweitert den Satz: „Sagen was ist, auch, wenn es wehtut. Das ist unsere Aufgabe als Journalisten in der Klimakrise.“ Er hält nicht viel von dem Argument, man solle keine Angst schüren. Denn es werde ja ständig mit Angst Politik gemacht – siehe all die aufgepeitschten Schlagzeilen zu Messerattacken, zu Migration und Kriminalität. Nur, wenn es um den Klimawandel gehe, fielen Sätze wie: „Angst ist kein guter Berater.“ Döschner sagt: „Angst ist – an den richtigen Stellen – ein wichtiger Mechanismus, der Menschen davor bewahrt, Schaden zu nehmen.“ 

Wenn es um den menschengemachten Klimawandel gehe, werde Augsteins „Sagen was ist“ oft missachtet. Das offenbare nicht nur eine Krise des Klimajournalismus, sondern des gesamten Journalismus. „Wir rennen Nutzern zu sehr hinterher. Aber ich finde, das ist kein Argument: zu sagen, wir bringen nur das, was die Leute lesen wollen“, sagt Döschner. „Wenn es eine Krise gibt, können wir doch nicht darüber schweigen, bloß, weil die Leute Angst haben und im Verdrängungsmodus sind!“ Doch genau das passiere gerade.

Döschner nennt ein Beispiel für das Versagen. Ein Meteorologe sagte vor kurzem im Interview mit dem österreichischen Newsportal heute.at: Die neuesten Untersuchungen über die Erhitzung des Mittelmeeres seien so dramatisch, sie müssten mehrere Tage lang die Schlagzeilen bestimmen. War aber nicht so. Stattdessen, sagt Döschner, werde es so laufen: Im Herbst, wenn es viel regnet und es Überschwemmungen gibt, wird man sich im öffentlichen Diskurs fragen, wie es so weit kommen konnte. Dabei sei das leicht erklärbar. „Das Wasser, das die Überschwemmung im Ahrtal verursacht hat, kam aus dem Mittelmeer“, sagt Döschner. „Das ist ein einfacher physikalischer Prozess, der sich im Herbst abwickelt. Überhitztes Meer im Sommer führt zu Starkregen im Herbst.“ Diese Zusammenhänge von Ursache, Wirkung und Lösung müssen Journalist:innen immer wieder aufzeigen, sagt er. Doch das passiere selten.

Ein weiteres Beispiel: Die EU debattiert darüber, für Firmenflotten und Mietwagenunternehmen per Gesetz ein Verbrenner-Verbot bis 2030 zu verhängen, um dort vollständig auf Elektroautos zu setzen. Ein beschleunigender Hebel in Richtung E-Mobilität, denn die Verkäufe von Neuwagen laufen größtenteils über diese Schiene. „Und was machen CDU/CSU? Die versuchen das auf EU-Ebene zu verhindern. Darüber wird zu wenig diskutiert“, sagt Döschner. Er habe in vielen Tageszeitungen ein paar Einspalter zum möglichen Verbrenner-Verbot gelesen, mehr nicht. „Und der nächste Einspalter wird dann lauten: ‚Gesetz leider abgelehnt worden.‘ Damit fallen die Auswirkungen dieser Entscheidung auf Europas Klimapolitik unter den Tisch.“ So können Entscheidungen geräuschlos getroffen werden – gegen die Interessen der breiten Mehrheit, aus Döschners Sicht. „Ich finde, das ist ein deutliches Versagen des Klimajournalismus und des Journalismus allgemein“, sagt er.
 

„Klima hat immer auch etwas mit Politik zu tun, mit Wirtschaft, mit eigentlich allen Lebensbereichen.“
 

Gefragt nach Beispielen für guten Klimajournalismus in Deutschland nennt Döschner neben internationalen Publikationen wie dem Guardian sofort auch: Correctiv.

Der Ansatz für Klimaberichterstattung von Correctiv – das sich über Spenden finanziert –ist derselbe wie für alle anderen ihrer Bereiche: Sie setzen auf investigative Recherchen und langfristige Berichterstattung. Sie bleiben an Themen dran, berichten immer wieder über neue Aspekte. Dazu kommt ihr Grundsatz, nah dran zu sein an den Menschen und den Orten, über die sie berichten.

Gesa Steeger arbeitet seit dreieinhalb Jahren für das vierköpfige Klima-Team von Correctiv. Dort recherchiert sie vor allem zu Klimathemen in Verbindung mit Wirtschaft und Finanzen. Ihre Recherche aus 2024 zu angeblich klimaneutralen Erdgastarifen und irreführenden Bezeichnungen auf den Websites von Gasanbietern hatte zur Folge, dass mehrere Gasanbieter in verschiedenen Regionen ihre Angebote umbenannten. Außerdem reagierte die Politik, FDP und Grüne forderten beispielsweise Konsequenzen im Verbraucherschutz. Ein Erfolg für Correctiv, sagt Gesa Steeger, denn als investigative Redaktion sei es schön, wenn Recherchen Reaktionen oder Veränderungen auslösen.

„Viele denken, Klimajournalismus bedeutet, ständig über Extremwetter zu berichten“, sagt Steeger. „Aber Klima hat immer auch etwas mit Politik zu tun, mit Wirtschaft, mit eigentlich allen Lebensbereichen. Über diese Ecken können wir immer wieder neu über Aspekte des Klimawandels berichten.“ Es gehe zum Beispiel um die Verwendung von Steuergeldern, um Klimaanpassungen, um die Energiewende oder Lobbyismus. Steeger koordiniert bei Correctiv die Zusammenarbeit zwischen dem Klima-Team und dem Projekt Correctiv.Lokal, bei dem Correctiv regelmäßig mit ca. 2000 Lokaljournalist:innen zusammenarbeitet und sie miteinander vernetzt, finanziell gefördert durch die Mercator-Stiftung.

Das Netzwerk ist eine Möglichkeit, die finanziell eher schlechten Bedingungen im Lokaljournalismus auszugleichen, die Redakteur:innen oft keine hintergründigen, recherchelastigen Geschichten erlauben.

Vor kurzem hat Steeger zum Thema Extremwetter und Versicherungskosten recherchiert. Sie bereitete Daten des Gesamtverbands der deutschen Versicherer auf, in denen aufgelistet war, welche durchschnittlichen Schäden es durch Extremwetter von 2002 – 2022 in welchen Landkreisen gab und welche Bundesländer am meisten betroffen waren. Nachdem sie und ihr Team die Daten aufbereitet hatten, gaben sie sie ans Netzwerk der Lokaljournalist:innen weiter. Sie konnten jeweils nach ihrer Region suchen und sehen, welche Schäden bei welchem Sturm oder Hochwasser entstanden sind. Meist setzt Correctiv eine Sperrfrist, dann gehen mehrere Lokalzeitungen an einem bestimmten Tag gemeinsam mit dem Thema raus. „Das schafft viel mehr Aufmerksamkeit, als wenn eine Lokalzeitung allein berichtet“, sagt Steeger. Außerdem erreicht Correctiv damit viele Menschen außerhalb ihrer eigenen Zielgruppe, die sich nicht auf die Website verirren, sehr wohl aber die Tageszeitung ihrer Region auf dem Frühstückstisch liegen haben.

Steeger sieht eher kein Desinteresse an Klimathemen in der Bevölkerung, im Gegensatz zu Döschner. „Mein Eindruck ist, dass viele Menschen das Thema Klimawandel und alles, was damit zu tun hat, sehr beschäftigt“, sagt sie. Auch unter den Lokaljournalist:innen bei Correctiv.Lokal spürt sie großes Interesse.

Es gebe lokal und überregional viele einzelne Journalist:innen, die tolle Klimaberichterstattung machen. Allerdings gebe es noch zu wenige, die sich dauerhaft und investigativ damit beschäftigen, so wie bei Correctiv.

Döschner und Steeger plädieren beide dafür, besser keine einzelnen Klimaressorts zu gründen, sondern in jedem Ressort Redakteur:innen zu platzieren, die das Klima mitdenken und sich damit auskennen. So läuft es beispielsweise schon bei der taz mit dem Team Zukunft oder bei dpa mit ihrem Klima-Team, die jeweils ressortübergreifend arbeiten. Auch bei der Zeit sind fast alle Redakteur:innen aus dem ehemaligen Green-Ressort auf andere Ressorts gewechselt, sind also im Haus geblieben.

„Angst ist – an den richtigen Stellen – ein wichtiger Mechanismus, der Menschen davor bewahrt, Schaden zu nehmen.“
 

Nach der diesjährigen Vergabe des Preises setzten sich die Mitglieder des Netzwerk Klimajournalismus zusammen und besprachen, wie es weitergeht. Neben einer Preisvergabe für die besten Beispiele des Klimajournalismus wollen sie in Zukunft auch auf Negativbeispiele aufmerksam machen. Nicht, um jemanden runterzumachen – sondern um allen Journalist:innen ins Bewusstsein zu rufen, wo sie möglicherweise fremden Erzählungen aufsitzen.

Denn es gebe gezielte Medienkampagnen von hochbezahlten Agenturen, die versuchen, den öffentlichen Diskurs zu beeinflussen. Initiiert von Parteien oder Wirtschaftsverbänden. „Die Debatte um das Heizungsgesetz ist ein Beispiel dafür“, sagt Döschner. „Das war nicht einfach nur eine schwache Ausformulierung des Gesetzesentwurfs – es gab gezielte Kampagnen mit Protagonisten, die ein spezielles Wording gesetzt haben. Und die wurden dann mit den immer gleichen Worten in Talkshows und Radiosendungen gehört und zitiert.“

Das Netzwerk möchte in Zukunft mehr aufklären: Wie kommen solche Kampagnen zustande, welche Interessen stecken dahinter? Das soll Redaktionen helfen, zu erkennen, wenn sie instrumentalisiert werden. „Wir Journalisten denken immer, wir seien selbstbestimmt. Aber das stimmt nicht. Es gibt viele Kräfte in der Gesellschaft, die wissen, wie stark die Macht der Medien ist“, sagt Döschner, „und die versuchen, uns zu beeinflussen.“

Um das Bewusstsein dafür zu stärken, will das Netzwerk vermehrt auf Workshops, Vorträge und Veranstaltungen setzen, bei denen Menschen aus Journalismus, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammenkommen.

Vielleicht ist guter Klimajournalismus kein ständiger Katastrophen-Newsticker. Sondern guter Journalismus, der in allen Ressorts das Klima mitdenkt. Der sagt, was ist, und entsprechend einordnet. Ein Journalismus, der auf Aufklärung und Netzwerke setzt – innerhalb des Journalismus und darüber hinaus.
 

Anna Scheld lebt als freie Journalistin in Berlin. Sie ist Teil der journalist-Redaktion und schreibt unter anderem für Zeit, Süddeutsche und stern.