Bald misstrauen wir denen ohne KI
„In fünf Jahren werden wir nicht den Ärzten misstrauen, die KI nutzen, sondern denjenigen, die es nicht tun", sagt Gregor Schmalzried. Foto: Andreas Plotzitzka
Gregor Schmalzried ist KI-Experte, arbeitet als Podcaster für die ARD und ist Autor von „Wir aber besser – 7 Ideen, wie KI uns kreativer und menschlicher macht". In unserer 75-jährigen Jubiläumsausgabe haben wir 75 Ideengeberinnen und Ideengeber nach ihren Gedanken zum Journalismus gefragt. Er progrnostiziert: spätestens in 5 Jahren, werden wir uns daran gewöhnt haben, dass KI in einigen Punkten intelligenter ist als wir.
05.02.2026
Stellen Sie sich vor: Sie gehen zu Ihrer Hausärztin, erzählen von einem Wehleiden, und die Ärztin nickt höflich, dreht sich zu ihrem Computer und fragt ChatGPT über Ihre Symptome aus. Heutzutage wären die meisten Menschen nach diesem Erlebnis eher weniger überzeugt von ihrer Ärztin als vorher. Aber wie wird das in fünf Jahren sein?
Meine Prognose: Spätestens dann werden wir uns daran gewöhnt haben, dass KI-Systeme in einigen Disziplinen intelligenter sind als wir Menschen. Und damit wird es vollkommen legitim, dass die Ärztin ihren Roboterfreund um Hilfe fragt.
Sie wird dabei vielleicht ein paar Begriffe benutzen, die wir nicht verstehen. Sie wird Beobachtungen mit einfließen lassen, die uns gar nicht aufgefallen sind. Und doch … promptet sie. Mehr noch: In fünf Jahren werden wir nicht den Ärzten misstrauen, die KI nutzen, sondern denjenigen, die es nicht tun. In dieser gar-nicht-so-weit-entfernten Zukunft werden wir es für absurd halten, dass es im Journalismus jemals eine Debatte über eine KI-Kennzeichnung gab. Darüber, ob Artikel und Skripte, die größtenteils aus einer KI stammen, gelabelt werden sollten wie Zigarettenpackungen. Zwischen den Jahren 1974 und 1977 veröffentlichte die Band Queen vier Alben, alle mit einer pathetischen Deklaration im Booklet: „No Synthesizers!“ 1980 begann die Band, selbst Synthesizer in ihrer Musik einzusetzen. Das Label verschwand. Die Bemerkung findet sich heute noch beim Durchstöbern im Plattenladen.
Künstliche Intelligenz ist der Synthesizer für alles. Ein Hebel für das menschliche Gehirn. Sie ermöglicht uns, neue Klänge zu finden. In guter journalistischer Arbeit wird immer noch das menschliche Gehirn arbeiten, sichtbar sein und Verantwortung tragen. Aber das menschliche Gehirn wird dabei nicht mehr auf ein künstliches an seiner Seite verzichten wollen.
Gregor Schmalzried ist KI-Experte, arbeitet als Podcaster für die ARD und ist Autor von „Wir aber besser – 7 Ideen, wie KI uns kreativer und menschlicher macht".