„Die Sicherheitslage ist sehr unerfreulich"
Hauke Friederichs: „Es gibt ein steigendes Interesse an sicherheitspolitischen Themen.“ Foto: Christian O. Bruch
Hauke Friederichs ist sicherheitspolitischer Korrespondent der Zeit und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit den Themen Bundeswehr, Nato und Zivilschutz. Wäre Deutschland aktuell auf einen Krieg vorbereitet? Im Interview erzählt Friederichs, wie er die Bedrohungslage in Deutschland einschätzt und welche Rolle Medien für unser Gefühl von Sicherheit spielen.
Interview: Catalina Schröder, Fotos: Christian O. Bruch
01.04.2026
„Generell sollte sich jeder besser auf Krisen vorbereiten“, sagt Hauke Friederichs. „Es gibt nicht wenige Experten, die Kabelbrände, Weichenstörungen und Zugausfälle bei der Bahn unmittelbar mit Tests durch ausländische Nachrichtendienste in Verbindung bringen.“ Ist es wirklich sinnvoll, einen gepackten Notfall-Rucksack zu Hause zu haben?
journalist: Herr Friederichs, Sie haben Ende vergangenen Jahres zusammen mit dem Journalisten Rüdiger Barth ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Wenn morgen bei uns Krieg wäre“. Darin schreiben Sie, dass wir in Deutschland noch nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden leben, weil Russland bereits heute zuschlage: Mit Sabotage, Desinformation und Cyberangriffen.
Hauke Friedrichs: Ja, als unser Buch herauskam, hatten wir die Sorge, dass es bald schon wieder überholt sein könnte. Denn das russische Militär hatte zu dem Zeitpunkt gerade Kampfdrohnen in den polnischen Luftraum geschickt und damit die Schwelle des Hybriden überschritten.
Was genau heißt in diesem Zusammenhang hybrid?
Es bedeutet normalerweise, dass nicht klar ist, wer der Aggressor ist, bei Sabotage oder Cyberangriffen etwa. Oder es lässt sich zumindest nicht beweisen, wer dahintersteckt. Aber wenn Militärdrohnen in den Luftraum eines anderen Landes fliegen, dann ist es offensichtlich. Darüber hinaus sind vor einigen Monaten russische Kampfjets in den Luftraum des Baltikums eingedrungen. Auch das war eine Verschärfung der Sicherheitslage – und eine gezielte Provokation.
Wie ist die Situation jetzt, im Frühjahr 2026?
Die Lage an der NATO-Grenze im Osten hat sich ein bisschen beruhigt, aber wir sehen immer noch Drohnenflüge in verschiedenen europäischen Ländern. Der Münchner Flughafen war im Oktober betroffen, Anfang des Jahres überflogen Drohnen dann einen wichtigen Standort der Bundeswehr in Ostdeutschland, ausgerechnet dort, wo die neue Raketenabwehr aufgebaut wird. Das zeigt, dass Russland auf einem gewissen Niveau immer weiter eskaliert und damit die Sicherheitslage immer unberechenbarer wird. Aus jedem dieser Zwischenfälle kann ja etwas entstehen, das schlimmer ist als ein Drohnen-Überflug.
Zum Beispiel?
Eine Drohne, die abstürzt, vielleicht sogar auf einen Kindergarten, ein volles Stadion oder eine Chemiefabrik, würde eine politische Reaktion erfordern. Und deswegen würde ich sagen: Die Sicherheitslage ist aus deutscher Sicht sehr unerfreulich und für die Nachbarländer Russlands tatsächlich bedrohlich.
Wie könnten weitere Eskalationsstufen von russischer Seite aussehen?
Da hilft ein Blick in die Pläne sowjetischer Geheimdienste für den Kalten Krieg. Aus dieser Welt stammen Wladimir Putin und wichtige Weggefährten des russischen Präsidenten: demnach könnte es Attentate und Anschläge geben. Eine Drohne, die heute Bahnstrecken ausspioniert und über Gasterminals fliegt, kann natürlich genauso gut gezielt darein gelenkt werden. Es ist relativ leicht, diese Drohne mit Sprengstoff zu bestücken – wenn sie nicht ohnehin wie im Krieg in der Ukraine bewaffnet ist. Rettungsorganisationen berichten mir, dass sie sich auf solche Szenarien zumindest vorbereiten.
Wie geht Russland dabei vor?
Russland benutzt für Aktionen der Sabotage und Spionage derzeit meist Wegwerfagenten – so heißen sie in Sicherheitskreisen. Das sind in der Regel junge Männer, die über WhatsApp, Telegram oder Signal angeworben werden und für wenige hundert Euro bereit sind, Straftaten zu begehen. Einen Drohnenflug zur Spionage der Bundeswehr etwa, Brandstiftung bei Logistikkonzernen oder sogenannte „False Flag Operationen“ wie wir sie vor dem Bundestagswahlkampf hatten, als im Auftrag russischer Dienste Autos beschädigt wurden und angeblich Grüne-Aktivisten dafür die Verantwortung übernommen haben. Es ist aber auch möglich, dass wir ein Krim- oder Donbass-Szenario in Osteuropa erleben.
Was heißt das?
Dann würden – wie es auf der Krim und im Donbass 2014 der Fall war – bewaffnete Kämpfer ohne Hoheitsabzeichen auf der Uniform in ein Land im Baltikum eindringen und dort Dörfer mit hohem russischen Einwohneranteil besetzen. Russland müsste für solche Angriffe keine Verantwortung übernehmen – auch wenn jeder weiß, wer den Angriff geplant hat. Der Politologe Carlo Masala hat etwa beschrieben, wie das in Narwa passieren könnte – oder auch auf wenig besiedelten Inseln, die zu NATO-Staaten gehören.
Inwiefern kann der Krieg im Nahen Osten dazu beitragen, die Situation bei uns weiter zu destabilisieren?
Durch die Blockade der Straße von Hormus durch die iranischen Revolutionsgarden und Raketen sowie Drohnenangriffe auf die Ölindustrie in den Golfstaaten ist das Benzin bereits erheblich teurer geworden. Das stört den wirtschaftlichen Aufschwung und damit die Stabilität im Land. Zudem versucht Donald Trump, die NATO in seinen Krieg hineinzuziehen. Damit steigt auch das Anschlagsrisiko in Deutschland, etwa auf Synagogen oder US-Einrichtungen.
Iran hat damit gedroht, Ziele in Europa als legitimes Kriegsziel zu betrachten, wenn die EU sich in den Krieg einmischt. Wie bewerten Sie diese Drohung?
Der europäische NATO-Staat Türkei und das EU-Mitglied Republik Zypern sind bereits vom Iran getroffen worden. Andere Staaten liegen ebenfalls in der Reichweite iranischer Waffen. Die meisten EU-Länder rechnen aber eher mit Anschlägen durch iranische Sympathisanten oder auch Agenten. Es gab bereits Festnahmen, um solche Terrorakte zu verhindern.
„Eine Drohne, die heute Bahnstrecken ausspioniert und über Gasterminals fliegt, kann natürlich genauso gut gezielt darein gelenkt werden.“
Es heißt, dass Russland ab 2029 in der Lage sein soll, Westeuropa anzugreifen. Sehen Sie das auch so?
Mittlerweile höre ich bei der Bundeswehr, dass dies ein sehr optimistisches Datum war. Warum sollte Russland so lange warten? Gerade jetzt, wo die europäischen NATO-Staaten ohne die USA nur bedingt verteidigungsbereit sind, wäre ein besserer Zeitpunkt für ein Donbass-Szenario im Baltikum. Es gibt aber auch Kritiker eines solchen Szenarios, die sagen: Nur weil Russland den Westen angreifen kann, heißt das nicht, dass dies auch passieren muss. Schließlich beruht die Aussage, dass Russland 2029 für einen Angriff bereit sei, auf Berechnungen der russischen Aufrüstung – nicht auf Erkenntnissen aus dem russischen Machtapparat.
Könnte man nicht auch argumentieren: Russland ist offenbar nicht einmal in der Lage, die Ukraine zeitnah zu besiegen. Wieso sollte Putin das Risiko eingehen, es mit der NATO – oder zumindest den europäischen Verbündeten der Allianz – aufzunehmen?
Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass eine militärische Auseinandersetzung heute so aussehen würde wie der Erste oder Zweite Weltkrieg. Krieg kann für uns auch bedeuten, dass Rüstungsfabriken durch von Saboteuren gelegte Sprengsätze explodieren, dass es Attentate auf Politiker gibt, die Wirtschaft schweren Schaden nimmt, dass marode Öltanker, die zur russischen Schattenflotte gehören, mit Absicht vor unseren Küsten versenkt werden – und gleichzeitig eben andere NATO-Staaten von irregulären Kämpfern attackiert werden. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, uns schwer zu schaden und das Land zu destabilisieren – die alle unter der im Artikel 5 des Nordatlantikpaktes festgehaltenen Beistandspflicht bleiben.
Warum kommt Russland in der Ukraine denn nicht schneller voran?
Das liegt auch daran, dass Putin in seiner Logik keinen Krieg führt, sondern eine Spezialoperation. Auch wenn bei uns fast alle Experten sagen, dass die Machthaber im Kreml hier Propaganda betreiben, schließlich hat ihr Land bereits hunderttausende Soldaten verloren und viele Milliarden Rubel ausgegeben. Aber Putin hat der Ukraine nicht den Krieg erklärt, er hat keine Reservisten flächendeckend einberufen und Frauen für den Dienst in Lazaretten verpflichtet. Er greift die Ukraine auch nicht mit allen seinen militärischen Mitteln an, was man ja tun würde, wenn es ein richtiger Krieg wäre. Stattdessen füllt Russland bereits wieder die Arsenale auf, produziert mehr Waffen und Munition, als es in der Ukraine einsetzt. Putin bereitet sein Land also bereits auf weitere Auseinandersetzungen vor.
Warum führt Putin keinen „richtigen“ Krieg?
Beide Seiten führen einen Abnutzungskrieg. Russland drückt einfach jeden Tag ein bisschen weiter. Mal gewinnt die Ukraine auch ein bisschen Terrain zurück. Aber wenn man auf die Karte schaut, kommt Russland seinen Zielen sehr viel näher als die Ukraine. Die Unterstützung im Westen für die Regierung in Kyjiw geht bereits zurück. So liefern die USA nur noch Kriegsgerät, wenn die Europäer dafür bezahlen. Viele ukrainische Städte sind schwer zerstört. Wenn man das jetzt auf zehn weitere Jahre rechnet, wird Putin wahrscheinlich an seinem Ziel sein: ein großer Teil der Ukraine steht unter seiner Kontrolle, er hat mindestens vier Oblasten nicht nur besetzt, sondern seinem Staatsgebiet einverleibt. Und am wichtigsten für Putin: Das Land wird nicht Mitglied der EU und der NATO.
Was bedeutet das für uns in Deutschland?
Mein Kollege Michael Thumann sagt: Putins eigentliches Ziel sei nicht die Ukraine, sondern der Westen. Vor allen Dingen denkt Putin offenbar an seine Rolle in den russischen Geschichtsbüchern. Er will nicht als Verlierer dastehen. Und wenn man hört, wie er bei öffentlichen Auftritten sagt, dass da, wo einst russische Soldatenstiefel standen, auch heute noch russisches Territorium ist, dann muss man als Deutscher sagen: In im Osten der Bundesrepublik standen einst viele russische Soldatenstiefel.
Was würde es für die NATO bedeuten, gegen die russische Armee zu kämpfen?
Die NATO würde auf eine Armee treffen, die kampferprobt ist und Technik einsetzt, die in Europa noch zu wenig vorhanden ist, wie Drohnen und elektronische Kampfführung. Zudem hat Russland auf Kriegswirtschaft umgestellt, produziert viel Munition, Drohnen und Raketen. Ohne die USA ist Europa derzeit nicht in der Lage, sich zu verteidigen.
„Für eine glaubhafte Abschreckung braucht es die Option, einen Angreifer schwer schaden zu können.“
Angenommen, es gelingt durch politische Verhandlungen, eine Feuerpause oder gar einen Waffenstillstand in der Ukraine herbeizuführen. Was hieße das für Westeuropa?
Zunächst einmal: Das wünsche ich den Menschen in der Ukraine sehr, keine Frage. Es bedeutet aber auch, dass sich die Gefahrenlage für den Rest Europas zuspitzt. Denn dann haben die russischen Geheimdienste Kapazitäten frei, die sie zum Beispiel gegen Deutschland einsetzen können.
Wie groß kann vor diesem Hintergrund das Interesse deutscher Politiker sein, den Krieg in der Ukraine wirklich zu befrieden?
Keiner will einen Krieg so nah haben, wie es momentan der Fall ist. Und man muss auch sagen: Wenn die Lage für die Ukrainer noch schlimmer wird, kann das wieder große Flüchtlingsströme gen Westeuropa auslösen. Die würden die politischen Systeme weiter belasten und rechtsextremen Parteien Auftrieb geben. Die meisten Regierungen haben also sehr wohl ein Interesse daran, den Krieg einzufrieren. Ich kenne aber niemanden, der davon ausgeht, dass die Ukraine militärisch gewinnen kann. Und natürlich will auch niemand, dass Russland militärisch gewinnt. Das ist das Dilemma. Die USA und China wollen sicherlich, dass da endlich Ruhe einkehrt, damit sie wieder leichter Geschäfte machen können.
Von welchem Szenario gehen Sie aus?
Ich hoffe, dass die sehr, sehr vielen Milliarden, die wir jetzt in Rüstung investieren, zur Abschreckung beitragen. Wir brauchen beispielsweise Waffen, mit denen wir in der Lage sind, Russland zu treffen. Die Bundeswehr hat momentan kaum Waffen, die das schaffen. Für eine glaubhafte Abschreckung braucht es aber die Option, einem Angreifer schwer schaden zu können. Dazu muss die Flugabwehr in allen Bereichen sehr viel besser werden.
Haben Sie das Gefühl, dass den Menschen in Deutschland der Ernst der Lage bewusst ist?
In Umfragen geben immer mehr Menschen an, Russland als größte Sicherheitsbedrohung zu sehen. Früher war es der Klimawandel oder die Sorge vor einer neuen Pandemie. Umfragen zeigen auch, dass viele Deutsche für eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben und eine größere Bundeswehr sind. Das führt aber nicht unbedingt dazu, dass die Menschen privat etwas ändern.
Was sollten sie denn ändern?
Generell sollte sich jeder besser auf Krisen vorbereiten. In der NINA-Warnapp des Bundes gibt es etwa Hinweise, wie man sich bei einem Raketenangriff verhält. Wer hat die schon einmal gelesen? Die zuständige Behörde gibt auch Tipps, wie sich jede Bürgerin und jeder Bürger auf Extremsituationen von Naturkatastrophen bis zu einem Angriff vorbereiten kann. Ich werde öfter gefragt, ob ich einen Rucksack gepackt habe, mit dem ich notfalls aus dem Haus fliehen könnte. Damit gilt man schon so ein bisschen als Prepper, obwohl die grundsolide Bundesbehörde empfiehlt, einen Notrucksack zu packen.
Haben Sie so einen Rucksack?
Ich habe den Rucksack bereits besorgt und die Dinge, die da hinein sollen, wie ein Kurbelradio, eine gute Taschenlampe und kopierte Ausweisdokumente. Aber ich muss ihn tatsächlich noch fertig packen. Ich bin niemand, der sich ein Rambo-Messer kauft, aber ich glaube, dass man schon ein besseres Gefühl hat, wenn man vorbereitet ist. Gerade, wenn man, wie ich, nicht nur mit Soldaten spricht, sondern auch mit den zivilen Katastrophenschützern. Dann merkt man, wie wichtig es ist, sich auf Krisen einzustellen.
Was empfehlen die?
Jeder sollte wissen, wo das nächstgelegene Krankenhaus ist und wo man Schutz finden kann, falls es einen militärischen Angriff gibt. Eine nahegelegene Tiefgarage oder U-Bahnstation zum Beispiel. Das zuständige Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe arbeitet an einer App, die anzeigen soll, wo es sichere Orte gibt. Solange die noch nicht fertig ist, hilft eine schnelle Internetrecherche. Für solche Überlegungen wäre man vor 15 Jahren verspottet worden. Aber heute ist es anders: deutsche Beamte sind damit beschäftigt, zu prüfen, wo es noch Bunker gibt und welche Gebäude sich als Schutzräume eignen.
Was sollte ich noch vorbereiten?
Idealerweise hat man einen sogenannten lebenden Vorrat zuhause: Wenn ich eh Haferflocken zum Frühstück esse, dann kann ich auch gleich drei Packungen im Haus haben und nicht erst eine neue kaufen, wenn eine Packung alle ist. Denn mit drei Packungen Haferflocken komme ich notfalls einige Tage über die Runden. Dazu lagert man einige Liter Trinkwasser, haltbare Milch oder Hafermilch und einige Konserven ein, deren Inhalt man auch kalt essen kann. Nüsse halten ebenfalls lange und geben viel Energie. Das ist kluge Daseinsvorsorge. Die Flut im Ahrtal oder auch der Stromausfall in Berlin haben gezeigt, dass es sinnvoll ist, Sachen zuhause zu haben. Der Deutsche verlässt sich wahnsinnig gern auf den Staat. Aber in Krise und Krieg können sich die Behörden nicht um jeden Einzelfall kümmern. Da hilft man sich am besten kurzfristig selbst.
Im Fall eines Krieges, der mit Panzern und Soldaten geführt wird, wäre Deutschland die Drehscheibe der NATO – was heißt das?
Ich war gerade zwei Tage bei einer NATO-Übung dabei: Tausende Soldaten aus der Türkei, Spanien, Italien und Tschechien wurden dabei durch Deutschland gelotst, nachdem sie hier mit Schiffen angekommen waren. Genauso wäre es auch im Kriegsfall. Vor Trumps Amtsübernahme hatte man geplant, dass in Häfen wie Emden amerikanische Truppentransporter anlanden und tausende Soldaten ausspucken. Es wären bis zu 800.000 Männer und Frauen in Uniform, die dann durch Deutschland an die Ostflanke der NATO gebracht würden.
Deutschland wäre also als Dreh- und Angelpunkt besonders gefährdet.
Ja, denn wenn man militärisch-strategisch schaut, macht es natürlich keinen Sinn, einem Gegner zu ermöglichen, seine Truppen ungestört durch Europa zu schicken. Mit einem zynischen militärischen Blick wäre es viel wichtiger, den Aufmarsch dort zu stoppen, wo er beginnt. Und das wäre in Deutschland. Unser Land würde dann von der Drehscheibe zur Zielscheibe. Es gibt nicht wenige Experten, die Kabelbrände, Weichenstörungen und Zugausfälle bei der Bahn unmittelbar mit Tests durch ausländische Nachrichtendienste in Verbindung bringen. Solche Vorfälle gab es in allen großen NATO-Ländern. Da scheint jemand zu prüfen, wie stabil die kritische Infrastruktur ist und wie lange wir brauchen, um Störungen zu beseitigen.
„Die Flut im Ahrtal oder auch der Stromausfall in Berlin haben gezeigt, dass es sinnvoll ist, Sachen zuhause zu haben.“
Lassen Sie uns über staatliche Schutzvorkehrungen für die Bevölkerung sprechen. Einsatzfähige Bunker gibt es in Deutschland praktisch nicht mehr.
Länder wie Finnland oder Schweden haben – rein rechnerisch – Schutzräume für fast die gesamte Bevölkerung. Dazu bevorraten die Regierungen Nahrungsmittel für die Bevölkerung. All das hat Deutschland nicht. Wenn in Israel, aber auch in der Schweiz ein Krankenhaus gebaut wird, dann denken die Architekten die Tiefgarage gleich als Schutzraum mit. Die Israelis haben dann zum Beispiel auch die Möglichkeit, ihre OPs dorthin zu verlegen. Wir haben nicht einmal flächendeckend funktionierende Sirenen und unser Zivilschutz ist absolut unterfinanziert.
Kann man sagen: Der Bevölkerungsschutz wurde kaputtgespart?
Wir haben lange geglaubt, dass Deutschland von Freunden umgeben sei und Wandel durch Handel funktioniert, Russland eng an den Westen gebunden wird und ähnliche Werte und Ziele hat, wie wir. Diese Hoffnungen sind nicht aufgegangen. Aber als die Bundesregierung entschieden hat, kein Geld mehr für Schutzräume und Sirenen bereitzustellen, wirkte die Welt erheblich friedlicher als heute. Und die Wartung und der Unterhalt von Bunkern ist unglaublich teuer. Andererseits macht der Staat einige Sachen auch sehr gut.
Welche denn?
Wir haben sicherlich mit die besten Feuerwehren in Europa: Die Freiwilligen Feuerwehren und die Berufsfeuerwehr sind ausgezeichnet. Die Landespolizeibehörden und die Bundespolizei sind ebenfalls gut ausgerüstet und aufgestellt – und sie bekommen auch noch weitere Mittel, zum Beispiel zur Drohnenabwehr.
Sie haben vorhin gesagt, dass Sie kürzlich bei einem NATO-Manöver waren. Welche Haltung haben die Soldaten gegenüber uns Medien? Haben sie das Gefühl, dass wir die Situation gut abbilden?
Es gibt bei der Bundeswehr derzeit 184.000 Soldaten und die denken natürlich nicht alle gleich. Viele wollen, dass ehrlich und offen über die Truppe berichtet wird, aber das ist gar nicht immer so einfach. Es gibt keinen Termin in einer Kaserne, auf dem Übungsplatz oder an Bord eines Schiffes, der nicht eng von Presseoffizieren begleitet wird. Für Reportagen oder Interviews kann man sich die Protagonisten meist auch nicht frei auswählen, es wird vorsortiert und Presseoffiziere sind bei jedem Treffen dabei. Wie offen redet wohl ein einfacher Gefreiter über Missstände, wenn ein Hauptmann danebensteht, dessen Auftrag ist, ein möglichst gutes Bild der Bundeswehr zu zeichnen? Was viele Soldaten meiner Erfahrung nach wirklich ärgert, ist, wie leichtfertig manche Kollegen über die Bundeswehr berichten. Dann wird aus einem unbewaffneten Versorger eine Fregatte oder aus einem Schützenpanzer ein Kampfpanzer, aus einem Oberstleutnant ein Oberleutnant. Das sind keine Nickeligkeiten. In anderen Themenfeldern würden wir solche Fehler auch nicht akzeptieren.
Woran liegt es, dass oft ungenau berichtet wird?
Viele Journalisten sind Akademiker, politisch eher links und hatten bislang wenig oder gar keinen Kontakt zum Militär. Ich war immer ein Exot, weil ich Wehrdienstleistender gewesen bin. Ich glaube, ich war der Einzige in meinem Jahrgang an der Henri-Nannen-Schule. Da merkt man, dass vielen Wissen fehlt und dass sie auch keine Zeit haben, sich das anzueignen. Das führt dazu, dass dann TV-Kollegen einen Obergefreiten zur Strategie an der Ostflanke befragen – den Volontär würde man auch nicht zur wirtschaftlichen Ausrichtung des Verlages interviewen. Die Soldaten merken natürlich, ob man Ahnung hat. Wenn man anderer Meinung ist, akzeptieren sie das in der Regel. Ein Slogan der Bundeswehr war ja: „Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst.“ Bis auf wenige Ausnahmen hat die Bundeswehr das Ideal vom „Staatsbürger in Uniform“ schon verinnerlicht.
Es gab aber auch diverse Skandale rund um Rechtsextreme in der Bundeswehr.
Letztlich ist die Bundeswehr ein Spiegel der Gesellschaft. Ja, es gibt dort Rechtsextreme, aber deutlich mehr kluge, empathische Männer und Frauen. Und genau da wünsche ich mir oft auch in der Berichterstattung: einfach ein bisschen weniger Häme und mehr Genauigkeit. Ich habe hunderte Soldatinnen und Soldaten in den vergangenen Jahren kennengelernt. Eine große Mehrzahl von ihnen sind überzeugte Demokraten, die im schlimmsten Fall ihre Gesundheit und ihr Leben riskieren, um unsere Werte zu verteidigen. Klingt pathetisch, aber das schwört jeder Bundeswehrangehörige in seinem Eid.
Apropos Soldaten: Wie viele fehlen uns derzeit?
Als Boris Pistorius vor drei Jahren das Amt des Verteidigungsministers von Christine Lambrecht übernahm, hatten wir 183.000 Soldatinnen und Soldaten in Deutschland. Jetzt sind es 184.000. Wir brauchen mindestens 260.000, sagt der Minister. Man kann sich ausrechnen, wie lange das dauert, wenn es in diesem Tempo weitergeht.
„Generell sollte sich jeder besser auf Krisen vorbereiten. In der NINA-Warnapp des Bundes gibt es etwa Hinweise, wie man sich bei einem Raketenangriff verhält. Wer hat die schon einmal gelesen?“
Ist es vor diesem Hintergrund sinnvoll, die Wehrpflicht wieder einzuführen?
Ich bin dagegen, weil die Wehrpflicht einen schweren Eingriff in die Freiheitsrechte junger Menschen darstellt. Die Bundeswehr hat lange Zeit nicht wirklich vernünftig versucht, Leute zu bekommen. Wehrpflichtige brauchte man für die Auslandseinsätze nicht. Und ganz ehrlich: Junge Männer, die für sechs Monate bei der Bundeswehr sind, helfen kaum dabei, die Truppe verteidigungsbereit zu machen. Die Waffensysteme sind so komplex, deren Einsatz lernt man nicht in wenigen Wochen. Wenn es gut läuft, lernt man in der Zeit, einen Schützengraben anzulegen und zu schießen. Ein Miliz-System, wie in der Schweiz, wäre viel klüger: Die machen eine kurze Grundausbildung und kommen dann in den nächsten Jahren immer mal wieder für kurze Zeit in die Kaserne und frischen ihr Wissen auf.
Was wäre die Alternative?
Auf mich wirkt es so: Die Bundeswehr kriegt die Rekrutierung nicht hin – und deshalb will sie die Wehrpflicht einführen. Was sie aber braucht, sind attraktivere Bedingungen. Ursula von der Leyen hatte als Verteidigungsministerin den Kampf um die besten Köpfe ausgerufen. Dabei macht die Bundeswehr bislang nicht die allerbeste Figur.
Entscheidend für einen Kriegsfall sind nicht nur die Streitkräfte, sondern auch die Einstellung der Bevölkerung. Für wie resilient halten Sie die deutsche Gesellschaft?
Wir können auf jeden Fall noch dazulernen. Es sollte Erste-Hilfe-Kurse mit Selbstschutz an Schulen und in Unternehmen geben. In Skandinavien ist das ganz selbstverständlich. Jeder Einzelne sollte überlegen, was er für seine Sicherheit und die seiner Familie tun kann. Das stärkt letztlich die Resilienz unserer Gesellschaft.
Ist die Zeit auf einen Kriegsfall vorbereitet?
Gute Frage. Also hier in Hamburg haben wir auf jeden Fall recht tiefe Keller. In Berlin sitzen wir allerdings im „Grasblau“, einem Neubau mit sehr viel Glas, das wäre kein guter Ort, wenn es in der Nähe Explosionen geben sollte. Aber Spaß beiseite: Ich merke, dass sich viele Kollegen mit diesen Themen beschäftigen. Ich bemerke ein steigendes Interesse an sicherheitspolitischen Themen im Haus. Die Zeit hat da ja eine große Tradition: Helmut Schmidt war nicht nur Kanzler, sondern auch Verteidigungsminister, bevor er unser Herausgeber wurde. Und Theo Sommer hat für Schmidt im Verteidigungsministerium gearbeitet, den Planungsstab aufgebaut. Und Constanze Stelzenmüller hat lange kompetent über Krieg und Militär berichtet – ich werde heute noch oft auf ihre klugen Analysen angesprochen.
Wie steht es um die Ausrüstung der Kolleginnen und Kollegen für den Kriegsfall?
Zumindest für Auslandseinsätze ist es Usus, dass Kollegen Schutzwesten bekommen und dass Risikoversicherungen abgeschlossen werden. Wir haben mit Olivia Kortas eine tolle Korrespondentin in der Ukraine. Wolfgang Bauer und Christian Vooren sowie andere Kolleginnen und Kollegen berichten zudem regelmäßig aus Konflikt- und Kriegsgebieten. Und die Redaktionsleitung kümmert sich um unsere Leute, die in solchen gefährlichen Regionen unterwegs sind. Dann ist immer jemand erreichbar und es werden auch Notfälle mitgedacht.
Gibt es in dieser angespannten Lage denn auch etwas, das uns Hoffnung machen kann?
Ja, durchaus. Wenn wir auf vorangegangene Krisen schauen – zum Beispiel auf das Ahrtal, dann wollten dort mehr Menschen helfen, als man eigentlich brauchen konnte. Deutschland ist kein Land der Egoisten. Was mir zudem Hoffnung macht, ist, dass Europa zuletzt bei Druck von außen, etwa in der Grönlandfrage, doch gut zusammengehalten hat: Es gibt eine Gruppe, die aus den skandinavischen Staaten, Finnland, dem Baltikum, den Benelux-Ländern, Deutschland, Polen, hoffentlich künftig auch noch Frankreich und Großbritannien besteht, die zusammenhalten, wenn es wichtig wird. Und tatsächlich glaube ich daran, dass die russischen Machthaber keine Todessehnsucht hegen und wie alle Autokraten ihren illegal erworbenen Reichtum genießen wollen. Das spricht dagegen, dass sie bei einer Konfrontation mit Europa ins letzte Risiko gehen werden.
Gilt das auch für das Regime im Iran?
Ich bin kein Experte für die iranische Führung. Militärisch geht von dem Iran jedenfalls derzeit keine Gefahr für Deutschland aus. Das Regime in Teheran schießt derzeit wild um sich, gefährdet eine ganze Region, weitet den Krieg aus. Anders als Russland, das im Angriffskrieg gegen die Ukraine eindeutig der Aggressor ist und völkerrechtswidrig ein Nachbarland überfallen hat, ist der Iran zudem das Land, das attackiert wurde. Die USA haben dafür zahlreiche Gründe genannt. Einer aus diesem Reigen, nämlich, dass die Machthaber kurz davor waren, einsatzfähige Atomwaffen einzusetzen, erinnert doch sehr an die vorgeschobenen Gründe für den US-Krieg gegen den Irak. Fest steht, dass der Iran heute sehr viel gefährlicher ist als vor dem jüngsten Krieg.
Catalina Schröder ist freie Reporterin in Hamburg.
Christian O. Bruch arbeitet als Fotograf in Hamburg.