Eine Bühne für die Vielfalt
Regine Glaß arbeitet von Schweden aus für den Spiegel, Frankfurter Rundschau und Deutschlandfunk Kultur. Foto: Lily Ray
Was passiert, wenn wir unser eigenes Netzwerk aufbauen? Die freie Journalistin Regine Glaß geht dieser Frage in unserer Serie „Mein Blick auf den Journalismus“ nach. Mit dem Gothenburg Media Hub schenkt sie Freien in Schweden eine Community.
Text: Regine Glaß
15.04.2026
Warum mache ich das hier überhaupt? Das fragte ich mich nach einer Hostel-Nacht im Mehrbettzimmer in Stockholm, als ich mir mein Frühstück nicht am Buffet, sondern bei der Bäckereikette um die Ecke kaufte und völlig ausgelaugt war von einer Konferenz am Tag davor. Keine Krone hatte ich dafür verdient, dort zu sein. Ich bin die Vorsitzende des Non-Profit-Vereins Gothenburg Media Hub. Dieser Titel auf dem laminierten Namensschild, das ich mir an die Bluse stecke, hat mir schon so manche Tür geöffnet, die mir sonst als deutsche Freelancerin in Schweden verschlossen geblieben wäre. Der Titel führt mich zu Chefredakteurinnen, die eifrig meine Hand schütteln, er führt zu Traffic auf meinem LinkedIn-Profil und buchstäblich zu dem Schlüssel zum Literaturhaus von Göteborg, einer prestigeträchtigen Institution. Hier möchte unser Verein noch vielen anderen nicht-schwedischen Journalistinnen und Journalisten die Tür in den schwedischen Journalismus öffnen.
Der Konkurrenzdruck im schwedischen Journalismus ist hoch. Wir haben wenig Hoffnung auf eine Festanstellung. Deshalb haben wir uns zusammengetan: Das Gothenburg Media Hub habe ich im Herbst 2023 gemeinsam mit sieben ausländischen Journalistinnen und Journalisten in Göteborg gegründet.
Glasfenster, Eichenmöbel, eine Bühne – einmal pro Woche bieten wir hier einen kostenlosen Platz zum Arbeiten und Austausch mit Kollegen an. Die meisten von uns haben mehrjährige Erfahrung im Bereich Medien und Journalismus. Mein Vize und ich sind EU-Bürgerinnen, haben große Auftraggeber wie BBC, The Times oder Deutschlandfunk Kultur. Damit gehören wir zu den privilegierteren Mitgliedern, die gerade so über Ressourcen verfügen, um ehrenamtliche Arbeit zu leisten.
Andere mussten uns verlassen, weil sie in ihrem Heimatland als Journalisten verfolgt werden und Angst haben, an die Öffentlichkeit zu treten oder wegen ihrer prekären Situation keine Kapazitäten mehr haben. Ein Noch-Mitglied schiebt nachts Schichten im Altenheim, während er tagsüber investigativ recherchiert. Andere Mitglieder und Leute, die unseren offenen Co-Working-Space aufsuchen, sind Absolventinnen, die uns als Kontakt- und Anlaufstelle schätzen. Eine einzige Schwedin ist aktuell in unserem Team: Sie will nach einem Abstecher in die Verlagsbranche wieder in den Journalismus einsteigen.
Angefangen hat alles mit einer mysteriösen Ausschreibung: Es wurden Journalistinnen und Journalisten für ein Medienprojekt mit einer Förderung von bis zu 10.000 Euro gesucht. Die Medienorganisation dahinter heißt Are We Europe. Sie finanziert aus EU-Geldern verschiedene Hubs in ganz Europa. Ein Hub ist eigentlich ein technischer Begriff und bezeichnet den mittleren Teil eines Rads, von dem aus alles in Bewegung gerät. In der Start-Up-Szene steht er für das Zentrum einer Region oder eines Netzwerks. Die Städte, in denen Are We Europe die Ausschreibung für die Hubs veröffentlicht hat, sind oftmals keine Hauptstädte. Porto statt Lissabon und Göteborg statt Stockholm.
Zunächst bewarb ich mich nicht, weil ich genug mit laufenden Auftraggebern zu tun hatte. Als mir später eine der Organisatorinnen eine E-Mail schrieb und mich aktiv anwarb, fragte ich nach dem genauen Projekt. Doch sie sagten nur: „Das Medienprojekt wird die Gruppe selbst bestimmen und auch, wie das Geld ausgegeben wird.“ Sehr vage. Ich bewarb mich trotzdem. War es Neugier oder Naivität?
Design-Sprint eröffnet ganz neue Möglichkeiten
Da saßen wir nun, acht freie Medienschaffende aus acht verschiedenen Ländern, und machten einen Design-Sprint zu einem Projekt, für das wir 10.000 Euro Förderung bekommen wollten. Design-Sprint bedeutet: Man brainstormt so viele Ideen wie möglich, keine Idee ist zu gewagt. Bei Problemen fragt man sich: Wie könnten wir sie lösen? Ich habe als Journalistin gelernt, immer so eng und auf den Punkt genau wie möglich zu arbeiten. Nun sollte ich plötzlich komplett ohne Limit in alle Richtungen denken? Aber es funktionierte. Wir identifizierten während der Konferenz Bedürfnisse, an die wir zuvor überhaupt nicht gedacht hatten. Was, wenn es einen Ort gäbe, um Kontakte auszutauschen? Was, wenn wir als Journalistinnen in nordischen Ländern zusammenarbeiteten und vielleicht eines Tages sogar unsere eigene Konferenz veranstalten könnten? Was, wenn Exiljournalisten in Göteborg einen sicheren Hafen zum Arbeiten fänden? Ich hatte die Ausschreibung ursprünglich für ein Projekt gehalten, in dem wir vielleicht einen Podcast co-produzieren würden. Der Design Sprint erlaubte uns, mutiger zu sein. Plötzlich entstand die viel größere Möglichkeit: die ganze Medienbranche zu revolutionieren.
Klingt das für Sie zu schön, um wahr zu sein? Dann kann ich Sie beruhigen: Auf die anfängliche Euphorie folgte ein halbes Jahr voller Debatten und Konflikte. Es ging darum, wer wie viel Zeit und Verantwortung übernahm und wie wir unseren gemeinsamen Kickstart von 10.000 Euro am besten einsetzen würden. Aber es gab auch erste Erfolge: Ein Event, bei dem ein kompletter Raum in einem Kulturzentrum mit schwedischen Redakteurinnen und ausländischen Journalisten gefüllt war. Die eingeladenen Panelgäste erzählten zum Beispiel, wie man an schwedische Medien pitcht oder welche Geschichten gut ankommen.
Ein Offline-Treffpunkt musste her
Und siehe da – eines unserer Mitglieder schrieb das erste Mal auf Schwedisch in einer renommierten, schwedischen Tageszeitung und recherchierte ein paar Monate später ihre erste investigative Recherche, für die sie mit einem anderen Mitglied zusammenarbeitete. Ich erstellte gemeinsam mit vier anderen Mitgliedern meine erste Videoreportage als Editorial Lead. Mein Vize und ich wurden auf ein Panel eines ehrwürdigen Vereins schwedischer Publizistinnen und Publizisten eingeladen. Wir sollten darüber sprechen, wie es sich so lebt als ausländische Journalisten in Schweden.
Uns kam die Idee, all denen einen Raum zu bieten, die sich fragten: Wie schreibe ich eigentlich als freie Korrespondentin über Schweden? Und wie kann ich sonst noch so als Journalistin Geld verdienen? Ein Treffpunkt musste her!
Wir waren müde davon, an unseren Küchentischen zu sitzen und uns nur in Video-Calls zu sehen, oder im Co-Working-Space, wo wir doch immer nur Gäste waren. Wir starteten zusammen mit dem Literaturhaus in Göteborg ein Pilot-Projekt: ein offenes Büro. Einmal die Woche steht von 10 bis 14 Uhr der Veranstaltungssaal offen, wir sitzen an einem schweren Eichenholztisch und arbeiten nebeneinander. Wer netzwerken will, setzt sich auf eine Couch daneben. Auf diese Weise gewannen wir neue Mitglieder, viele von uns bekamen organisatorische To-Dos besser auf die Reihe, begannen, zusammen an Projekten zu arbeiten. Dem Literaturhaus gefiel es, dass wir Diversität und ein eigenes Netzwerk mit in das Haus brachten. Und so bekam das Gothenburg Media Hub ein Pop-Up-Zuhause. Mittlerweile sind wir ein eingetragener Verein.
Ohne Geld und Wertschätzung geht auf Dauer nichts
Ohne das Gothenburg Media Hub hätte die schwedische Öffentlichkeit nicht in solcher Tiefe von einem Korruptionsskandal rund um die Wahl in Portugal erfahren, und auch nicht von schwedischer Pizza in London, von Pannen bei der deutschen Briefwahl oder von schwedischen Rechtspopulisten, die mit einem englischen Fake-News-Magazin ein falsches Bild von Schweden verbreiten. All diese Beiträge sind durch unser Netzwerk entstanden. Ohne uns gäbe es keine Anlaufstelle für internationale Journalistinnen in Göteborg, in der sie kostenlos arbeiten und Kontakte knüpfen können.
Dahinter steckt zusätzliche Arbeit, um etwas zu bieten, das aktuell weder die schwedischen Medien, noch das schwedische Arbeitsamt übernehmen: Die gezielte Ansprache an Neuschweden und jungen Leute in den sozialen Medien, die Organisation eines Raumes einmal die Woche, die Planung von Fortbildungsevents einmal im Monat, der ständige informelle Austausch – und für mich als Vorstand eben auch die Teilnahme an Konferenzen.
Nur leider auf eigene Kosten. Wir brauchen Geld, damit wir nicht all unsere engagierten Mitglieder an Nebenjobs verlieren, sie aus Schweden wegziehen müssen oder vor lauter unbezahlter Arbeit ausbrennen. Es wird uns irgendwann nicht mehr reichen, die Hände von Chefredakteurinnen zu schütteln und unser Logo in den Einladungen prestigeträchtiger Institutionen zu sehen. Unsere Arbeit muss als das angesehen werden, was sie ist: Unbezahlbar wertvoll.
Regine Glaß ist freie Journalistin und Vorsitzende des Gothenburg Media Hub und freut sich über Kollaborationen und Ideen aus Deutschland für einen vielfältigeren Journalismus.
In unserer Serie „Mein Blick auf den Journalismus“ fragen wir kluge Köpfe der Branche, wie wir den Journalismus besser machen.
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