"Für Journalisten kann KI zur Superkraft werden"

Anders als andere Journalisten fürchtet Jakob Vicari die Künstliche Intelligenz nicht. Er bezeichnet sich selbst als KI-Euphoriker. (Foto: Christian O. Bruch)

Der Wissenschaftsjournalist Jakob Vicari ist Vordenker beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Er glaubt an neue Produkte, personalisierte Nachrichten und neue Wege der Recherche – und spricht sich dagegen aus, Künstliche Intelligenz zu regulieren. Interview: Catalina Schröder,

Fotos: Christian O. Bruch

Jakob Vicari hat schon Kühe und Wiesen zum Sprechen gebracht. Er stattete sie mit Sensoren und Künstlicher Intelligenz aus, so konnten sie kommunizieren, ob Wasser fehlt oder in welcher Wachstumsphase sie sind. Für seine Projekte hat er mehrere Preise bekommen. Er ist überzeugt: KI kann den Journalismus besser machen. Und er glaubt, man sollte ihr erlauben, über Sex zu sprechen.

journalist: Herr Vicari, ich habe ChatGPT gebeten, eine Einstiegsfrage für unser Interview vorzuschlagen. Welche Frage hat die KI wohl genannt?

Jakob Vicari: (überlegt) Wahrscheinlich sowas wie: Wie wird KI den Journalismus verbessern?

Nicht ganz. Ich lese die Frage mal vor: „Herr Vicari, in Ihren Arbeiten betonen Sie oft die ethischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, die mit der Entwicklung und Implementierung Künstlicher Intelligenz verbunden sind. Könnten Sie aus Ihrer Sicht beschreiben, welche aktuellen Entwicklungen in der KI Sie am meisten beunruhigen und welche Chancen Sie sehen, diese Technologie verantwortungsvoll zu gestalten?“

Ganz schön umfangreich.

Finde ich auch. Was sagen Sie dazu?

Ich würde sagen: Da hat die KI aber nicht so gut recherchiert! (lacht) Ich beschäftige mich in meinen Arbeiten ja gar nicht so sehr mit der Ethik von KI. Außerdem hätte ich gleich den Verdacht geschöpft, dass die Frage von einer KI stammt.

Wieso?

Der Investigativjournalist Henk van Ess hat eine Liste mit Kriterien veröffentlicht, an denen man erkennt, dass ein Text von einer KI geschrieben wurde. Da treffen jetzt schon einige Punkte zu.

Welche denn?

Mir sind die vielen Adjektive aufgefallen, die Fragen klingen ganz schön aufgebauscht und beim ersten Hören kam es mir auch so vor, als würden sie inhaltlich nicht hundertprozentig zusammenpassen. Und die Wischiwaschi-Phrasen wie Implementierung oder Chancen – das klingt, wie Politiker:innen sprechen.

Haben Sie trotzdem eine Antwort darauf?

Wie lauten die Fragen nochmal?

Welche aktuellen Entwicklungen in der KI beunruhigen Sie am meisten? Und welche Chancen sehen Sie, die Technologie verantwortungsvoll zu gestalten?

KI wird für alle von uns die wichtigste Technologie nach dem Smartphone. Prompten ist die neue Superkraft für Journalist:innen. Was mich am meisten beunruhigt: die Monopolstellung von ChatGPT, die es derzeit gibt, die durch die Kooperation von Microsoft und dem Copilot weiter zementiert wird. Und wir können wieder die übliche Entwicklung beobachten, die es bei neuen Technologien immer gibt: Die Europäer diskutieren und die Amerikaner nehmen Geld in die Hand und machen einfach. Im Zweifel lösen sie die Fragen, über die wir noch diskutieren. Oder sie lösen rechtliche Verstöße im Nachhinein mit Geld. Mich beunruhigt auch, dass viele Entscheider:innen in unserer Branche KI als Spielerei sehen. So wie man das Internet oder Social Media-Plattformen zu Beginn unterschätzt hat.

Und welche Chancen sehen Sie?

Die Chancen liegen natürlich in besserem Journalismus. Es fängt jetzt an richtig spannend zu werden. Ich glaube an neue Produkte, an personalisierte Nachrichten. Auch in Sachen Computer-basierte Recherche mittels KI wird noch eine ganze Menge passieren.

Welche Redaktionen arbeiten heute schon besonders gut mit KI?

Ich habe den Eindruck, dass generative KI in allen Redaktionen benutzt wird, um Texte besser zu machen. Alles wird glatt, ich stolpere nicht mehr beim Lesen. Bemerkenswert, wie Redaktionen damit auch neue Services und Produkte entwickeln: Zeit Online hat zum Beispiel eine KI gebaut, mit der ich die Artikel der letzten 30 Tage befragen kann. Frage ich die KI beispielsweise, ob Olaf Scholz gerade auf dem Abstieg ist, dann gibt sie mir auf dieser Basis eine Antwort. Genau diese Dinge brauche ich doch als Leser: Das, was mich interessiert, wird mir schnell zugänglich gemacht, ohne dass ich mich durch einen Papierstapel kämpfen muss. Der macht mir eh ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn nicht lese.

Welche positiven Beispiele gibt es noch?

Viele Lokalzeitungen haben sich eigene kleine GPTs gebaut, um auf Spins für ihre Texte zu kommen.

Wie genau funktioniert das?

Die Leser:innen haben ja unterschiedliche Bedürfnisse: Der eine will informiert werden, der andere möchte inspiriert oder emotional berührt werden. Wenn ich mir eine entsprechende KI baue, kann ich dort ein Thema eingeben und dann spuckt sie mir verschiedene Drehs aus. Gerade für Lokalredaktionen, die oft auf der Berichtsebene unterwegs sind, ist es total gut, auf diese Weise mal etwas anders an Themen heranzugehen und aus der Routine auszubrechen.

„KI ist ein wunderbar kreativer Sparringspartner und ich arbeite total gerne damit, um auf das Unerwartete zu kommen.“

Was sind die negativen Aspekte?

Natürlich sind durch KI auch Jobs verschwunden. Wie viele Lokalzeitungschef:innen haben mir schon erzählt, dass es bei ihnen nun kein Lektorat mehr gibt? Aber grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass KI in den Redaktionen zu ganz viel neuer Kreativität führt: Ich lese bessere Überschriften, bessere Einstiege und kreativere Drehs.

Sie haben gerade aber auch gesagt, dass KI an vielen Redaktionen vorbeizieht. Wie passt das zusammen?

Naja, es ist das eine, KI-Tools zu nutzen, die schon da sind – wie ChatGPT. Das machen fast alle. KI birgt aber auch ein technologisches Versprechen für neue journalistische Produkte. Das Beispiel von Zeit Online, das ich gerade genannt habe – diese Investition in die neue Technologie und die Anstrengung, ein eigenes KI-Modell aufzubauen, sehe ich längst noch nicht bei allen Verlagen. Unsere Artikel sind nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Was, wenn die KI auch die Recherchen kennen würde und interessierte Leser:innen mit Tiefeninformationen versorgte?

Wo steige ich als Journalist am besten ein?

Das fängt mit der Auswahl der richtigen KI an: Jeder Journalist sollte wissen, wo ChatGPT mit GPT-4 anders klingt als Mistral Large, wie sich Luminous-World von Claude-3-Opus unterscheidet. In unseren Workshops gibt es oft diesen Aha-Moment: Das klingt ja plötzlich viel besser als ChatGPT. Wenn ich an die Produktentwicklung denke, können wir KI dort für alle Bereiche nutzen: Von User Research über die Formatentwicklung bis zum individualisierten Ausspielkanal – da ist meine Fantasie unbegrenzt. Ich habe dafür zum Beispiel gerade ein Modell trainiert, das sich verhält wie meine 15-jährige Tochter. Das whatsappt mit mir und ich nutze es für User Testings.

Wie funktioniert das genau?

Wenn ich eine Formatidee habe und sage: Ich will junge Leute erreichen und ich will Nachrichten auf TikTok machen, dann kann ich das Modell fragen, ob es das für eine gute Idee hält.

Und was sagt das Modell dazu?

Es antwortet verblüffend. So wie meine 15-jährige Tochter es auch tun würde, hat es mir erklärt, dass TikTok „voll cringe“ ist. Ein kurzes Nachrichtenformat würde sie schon gut finden. Aber vielleicht eher als Signal- oder WhatsApp-Channel. Das ist ein simples erstes User Testing mithilfe von KI.

Wie haben Sie die KI trainiert, damit sie antwortet, wie Ihre 15-jährige Tochter?

„Trainiert“ ist fast ein bisschen übertrieben. Ich habe ihr in einem Prompt gesagt, wie meine Tochter heißt und was für Vorlieben sie hat, dass sie Vegetarierin ist und gerne Nina Chuba hört und auf Konzerte geht. Und dann habe ich ihr noch gesagt, dass ihr Feedback nicht auf Beobachtungen basieren soll, sondern auf Meinung. Außerdem habe ich ihr fünf Beispiel-Nachrichten mitgegeben, also kurze Dialoge, die ich mit meiner Tochter mal geführt habe. Damit die KI weiß, wie meine Tochter schreibt, wie viele Emojis sie benutzt, dass sie hauptsächlich klein schreibt und so weiter. All das habe ich ihr in einem Prompt mitgegeben. Der war gar nicht so lang – eine halbe Seite vielleicht. Ich finde das Ergebnis ganz überzeugend.

Und Ihre Tochter?

Die ist noch nicht so begeistert. Aber Spaß beiseite: In der journalistischen Formatentwicklung arbeiten wir doch bislang eigentlich immer so, dass wir uns synthetische Personen ausdenken: den Otto Normalverbraucher zum Beispiel. Wenn ich aber eine KI mit Informationen über eine echte Person füttere, die ich anschließend befrage, dann ist das doch für unsere Nutzerforschung total sinnvoll. Ich liebe es auch, Dinge mit KI zu remixen.

Wie zum Beispiel?

Nehmen wir mal an, ich möchte ein neues Politikformat für junge Erwachsene entwickeln. Dann frage ich die KI beispielsweise: Wie sähe ein Format aus, wenn ich Hart aber fair mit Wer stiehlt mir die Show? zusammenbringe? Und dann kann ich weiter spinnen: Wie könnte das Format funktionieren, wenn es in einem Taxi stattfindet? KI ist ein wunderbar kreativer Sparringspartner und ich arbeite total gerne damit, um auf das Unerwartete zu kommen.

Mit Ihrer Agentur Tactile News und der Mitteldeutschen Zeitung erproben Sie gerade ein eigenes KI-Produkt – die Dialogbank. Was genau ist das?

Unsere Dialogbank ist ein intelligentes Zuhörmöbel. Sie sieht auf den ersten Blick ganz normal aus. In die Bank ist ein KI-Telefon integriert. Die Redaktion kann die Bank überall aufstellen, zum Beispiel auf dem Marktplatz ihrer Stadt. Und dann sind die Bürgerinnen und Bürger eingeladen, sich zu setzen. Wenn sie den Telefonhörer abnehmen, stellt eine KI ihnen Fragen – die hat die Redaktion zuvor ausgewählt. Zum Beispiel: „Wenn Sie sich hier auf dem Marktplatz so umschauen, was würden Sie gerne verändern?“ Und dann sagt die Person vielleicht: „Wir bräuchten hier mehr Bäume für bessere Luft.“ Die KI kann diese Aussage verarbeiten und wiederum antworten: „Ah ja, Bäume finde ich eine ausgezeichnete Idee.“ Und so entsteht ein Dialog zwischen der Person und der KI in natürlicher Sprache. Der wird aufgezeichnet und die Redaktion kann die Informationen live aufbereiten: Als Umfrage zum Beispiel. Oder sie kommt dadurch auf neue Themen – der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Wir planen, die Dialogbank an Redaktionen zu vermieten. Welche Redaktion hat keinen Bedarf an besseren Dialogkanälen?

Haben Sie solche Ideen gemeint, als Sie vorhin gesagt haben, dass KI helfen kann, den Ausspielkanal zu individualisieren?

Die Dialogbank ist ja schon ein haptisches Produkt. Was ich mit Ausspielkanal meinte, ist viel simpler: Ich lese morgens zum Beispiel die Elbvertiefung, den Hamburg-Newsletter der Zeit. Aber warum ist der nicht so aufbereitet, wie es mir gefällt? In kurzen Bulletpoints zum Beispiel, ohne – Verzeihung – das Geschwafel drumherum? Der Inhalt sollte immer stimmen, aber die Art und Weise, wie er aufbereitet wird, kann ich mittels KI individualisieren und an die Nutzerbedürfnisse anpassen.

Newsletter: Vicari ist Tierfan. Mithilfe einer KI hat er sich ein eigenes Morning-Briefing kreiert, unter anderem mit Nachrichten aus der Fauna. Sollte es ein neues Zwergflusspferd geben – Vicari wird es nicht verpassen.

Ich habe den Eindruck, dass viele Journalist:innen überfordert sind vom Thema KI. Die Technologie entwickelt sich rasend schnell. Wie bleibe ich auf dem Laufenden? Und woher weiß ich, welche Tools ich mir wirklich anschauen muss?

Das stimmt schon, es gibt viel zu viele Newsletter und viel zu viele neue Tools. Es kommen ja jeden Tag auch in meine Inbox 30 Newsletter mit 40 neuen Tools. Ich glaube, es ist viel eher die Methode: Jeder testet was und dann tauscht man sich im Team darüber aus und stellt es den anderen vor. So machen wir das auch.

Was haben Sie zuletzt getestet?

Geospy, ein Dienst, der jedes Foto auf der Welt dem Ort zuordnet, an dem es aufgenommen worden sein könnte. Das ist ein super Tool für Recherchen. Früher saßen wir da mit der Lupe und haben überlegt: Wo könnte das sein? Ist irgendwo eine Landmarke zu erkennen? Und jetzt schmeißt man das Bild in diese Maschine und sie sagt: Das ist in Ägypten aufgenommen. Oder: Das ist im Wattenmeer aufgenommen. Ich finde es wichtig, dass jeder wirklich selbst Dinge ausprobiert. Man neigt ja dazu, solche Aufgaben dem Volontär zu überlassen, weil man selbst scheinbar Wichtigeres zu tun hat. Aber so funktioniert das nicht, wenn man wirklich den Umgang mit KI lernen will. Fragen Sie sich: Welche Routinen kann ich mit einem KI-Dienst ersetzen?

Welche KI-Tools können Sie noch empfehlen?

Lexpage ist auch ein super Beispiel. Das ist eine KI-basierte Textverarbeitung, die schon ganz viel kann: Texte schreiben, Texte verbessern, Feedback geben. Das funktioniert wirklich gut. Ich kann nur dazu raten, mit KI als Sparringspartnerin zu arbeiten und zu versuchen, auf dem Laufenden zu bleiben. Ich bin übrigens überzeugt, dass KI gerade für freie Journalisten zur Superkraft werden kann, die sich auch finanziell lohnt.

Wieso?

Weil ich mir damit meine eigene Knowledge-Base aufbauen kann, in die ich vielleicht meine zehn letzten Interviews einspeise. Dann lernt die KI, wie ich Fragen stelle, und sie ist ein super Sparringspartner, wenn ich einen Fragenkatalog für ein neues Interview entwickle. Das gleiche gilt für fertige Texte: Wenn ich die KI mit meinen bisherigen Texten füttere – oder mit denen, die ich von mir selbst besonders gelungen finde – kann sie mir hervorragend dabei helfen, künftige Texte zu redigieren. Um das zu lernen, brauche ich kein Zusatzstudium. Ich mache eine Fortbildung und werde binnen vier, fünf Tagen nahezu zum KI-Profi.

Viele Freie fürchten auf Grund von KI aber auch um ihre Aufträge.

Ich glaube: Wenn ich der Freie bin, der KI professionell beherrscht und der sich seine eigene Knowledge-Base zu einem Thema aufgebaut hat, ist diese Furcht nicht nötig. Wenn ich daraus viel schneller und akkurater Artikel schreiben kann als andere, dann habe ich einen Marktvorteil und werde auch in Zukunft gebucht werden.

Mit Tactile News helfen Sie Redaktionen und Unternehmen dabei, KI-Prototypen zu entwickeln. Wie gehen Sie vor?

Wir veranstalten zum Beispiel Makerdays für Redaktionen. Dann setzen wir uns morgens zusammen und fragen die Redakteure, welche ungelösten Probleme sie haben. Dann sagt vielleicht jemand, dass ihm oft Inspiration dafür fehlt, wie er Themen neu drehen kann. Jemand anderes will Texte für Linkedin umschreiben. Und dann basteln wir gemeinsam an einer kleinen KI, die genau bei dieser Fragestellung hilft. Wir wollen niemandem Softwareprodukte als Blackbox verkaufen, sondern die Leute befähigen, sich selbst zu helfen.

Was haben Sie schon alles umgesetzt?

Wir gehen nicht nur in Redaktionen, sondern auch in andere Unternehmen. In einem dieser Unternehmen gab es mal das Problem, dass Mitarbeiter Texte fürs Intranet geschrieben haben – natürlich waren das keine Journalisten und sie konnten auch nicht besonders gut schreiben. Also haben wir eine KI-Textchefin gebaut, die wir Maria genannt haben. Maria bringt die Texte der Mitarbeiter soweit auf Vordermann, dass sie im Intranet veröffentlicht werden können.

Gibt es weitere Beispiele?

Für eine überregionale Zeitung haben wir mal ihre Reisereportagen in eine KI eingespeist. Dann konnte man sich von der KI ein eigenes Reiseprogramm zusammenstellen lassen. Also zum Beispiel: Ich bin fünf Tage auf Borneo – erstell mir einen Reiseplan mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Und ich konnte die KI auch befragen, z.B.: Kann ich auf Borneo Orang Utans fotografieren? Sowas kann doch ein tolles neues Geschäftsmodell für Verlage sein – basierend auf klassischem Journalismus.

Wir haben bislang fast ausschließlich über die positiven Seiten gesprochen. Wie stehen Sie dazu, dass durch KI auf einfache Weise schnell große Mengen Fake News in Umlauf gebracht werden?

Das ist ein Wettlauf zwischen Fälschern und Aufdeckern. Wir müssen eine eigene Infrastruktur gegen Fakenews aufbauen. Es wird ja seit langem diskutiert, ob wir KI-basierte Texte kennzeichnen müssen und ich finde: Wir müssen kennzeichnen, was echte Menschen produziert und überprüft haben. Made by Human Brains. Ich bin sicher, dass wir Fake News an sich nicht aufhalten können. Auch nicht durch irgendeine Regulierung. Wir Journalisten müssen uns hier hervortun, indem wir nicht einfach ohne Ende Content veröffentlichen, sondern wirklich geprüfte, vertrauenswürdige Inhalte liefern. Ich glaube, Vertrauen bleibt das Erfolgsgeheimnis für den Journalismus.

„Wir Journalisten müssen uns hier hervortun, indem wir nicht einfach ohne Ende Content veröffentlichen, sondern wirklich geprüfte, vertrauenswürdige Inhalte liefern.“

Das andere, was wir regulieren könnten, ist die KI selbst.

Es geht ja schon damit los, dass einige KI-Systeme sich nicht mehr oder nur noch sehr vorsichtig politisch äußern. Andere dürfen nichts über Sex sagen oder keine Stars imitieren. Aber ob es das jetzt bringt? Es hat auch nichts gebracht, Soziale Netzwerke zu regulieren – dann kam TikTok und ließ sich nicht regulieren.

Auf Ihrer Website habe ich gelesen, dass Sie kein Gespräch verlassen, ohne vier neue Ideen mitzunehmen. Welche vier Ideen sind Ihnen in diesem Gespräch in den Sinn gekommen?

Tatsächlich habe ich vorhin darüber nachgedacht, ob ich mir einen kleinen Forensik-KI-Workflow bauen könnte, mit dem ich mit verschiedenen Metriken bewerte, ob ein Text von einer KI geschrieben wurde oder nicht. Außerdem habe ich überlegt, den Fotografen zu fragen, ob er vorher mit KI mal das ideale Foto von mir erstellt, und dann versuchen wir das in der Realität so nach zu fotografieren. Es gibt ja die Wolf-Schneider-KI. Aber warum sollten wir die Texte in Alte-Weiße-Männer-Form bringen? Dritte Idee: Ich wünsche mir eine Ann-Kathrin-Gerstlauer-KI für knackige Texte, eine Angela Köckritz-KI oder eine Nicola Meier-KI für Reportagen, eine Christina Elmer-KI für Datenjournalismus. Für eine Anja-Rützel-KI, die das Dschungelcamp live kommentiert, ist die Technologie noch nicht weit genug. Da setze ich große Hoffnungen in GPT7. Und als viertes kam mir noch der Gedanke, dass in unserem Gespräch viel zu wenig Tiere vorkamen. Da geht noch was!

Sie spielen darauf an, dass Sie Kühe und Bienenstöcke schon mit Sensoren ausgestattet und dann KI-gestützt berichtet haben, wie es den Tieren geht. Wie lief das genau ab?

Die moderne Milchkuh ist ein vernetzteres Wesen als viele Menschen meiner Generation. Wir haben für den WDR 30 Tage lang drei Milchkühe auf drei verschiedenen Bauernhöfen begleitet. Die Tiere haben einen Sensor geschluckt und der hat uns Informationen aus dem Inneren der Kuh geliefert: Hat sie Fieber? Hat sie genug getrunken? Wie lange hat sie gefressen und wie viel Milch hat sie gegeben? Die Daten liefen in Echtzeit auf einer Website ein und in einen Chatbot, mit dem die Nutzerinnen und Nutzer interagieren konnten.

Und bei den Bienen?

Da war es ähnlich: Wir haben Bienenstöcke mit Sensoren und Kameras ausgerüstet und regelmäßig geschaut: Wie schwer ist der Bienenstock? Bei welchem Wetter bleiben die Bienen lieber zuhause? Einen Teil der Daten haben wir in Kurvendiagramme übersetzen lassen. Und die Bienenkönigin hat Whatsapp geschrieben.

Das klingt erstmal nach einer Spielerei. Welche größere Idee steckt dahinter?

Ich glaube, dass wir Menschen mit solchen Projekten eine ganz andere Verbindung zu unserer Umwelt und den Tieren um uns herum aufbauen können. Kürzlich haben wir auf der Re:publica unser Projekt Pflanzendialoge vorgestellt: „Who cares about Bianca Blühstreifen?“ Mit Studierenden der Hochschule Darmstadt haben wir drei Wiesen mit Sensoren ausgestattet und konnten darüber erzählen, wie es der Wiese geht: Was blüht gerade? Wie entsteht die Wiese? KI hat die Fähigkeit, der Natur um uns herum eine eigene Stimme zu geben. Und wenn ich eines Tages verstehe, was meine Pflanze, was meine Katze sagt, dann wäre das doch toll!

Wenn es soweit ist, treffen wir uns wieder! Ganz zum Schluss habe ich noch drei Sätze mitgebracht – selbst überlegt, nicht von der KI ersonnen – und möchte Sie bitten, diese zu vervollständigen. Der erste Satz lautet: Wer sich bis heute als Journalist noch nicht mit KI beschäftigt hat, der …

… sollte sich dringend Zeit nehmen, ganz tief eintauchen und KI zu seiner Superkraft machen.

In fünf Jahren werden wir mithilfe von KI im Journalismus …

… unseren Leser:innen und Zuschauer:innen individuellere, individualisierte, personalisierte Angebote machen, die alle automatisch überprüft und 100 % richtig sind.

In meinem Kopf schwirrt eine richtig coole Idee rum, die ich mithilfe von KI im Journalismus unbedingt umsetzen will, nämlich …

… Tieren eine Stimme zu geben. Also auf jeden Fall der Katze eine Stimme geben und dem Weißen Hai eine Stimme geben. Und dem Faultier, das einen Sensor mit sich herumträgt, möchte ich auch eine Stimme geben und mit ihm chatten können.

Herr Vicari, vielen Dank für dieses Gespräch!

Danke, das hat Spaß gemacht mal wieder so lange mit einem echten Menschen zu sprechen. So lang hört mir sonst nur unsere Dialogbank zu.

KI-Tool-Tipps von Jakob Vicari:

lex.page Zur Textverarbeitung
Voiceflow Damit lassen sich Workflows und Chatbots ganz ohne Code bauen
Anthropic Claude-3-Opus: Sprachmodell, das von ehemaligen Mitgliedern von OpenAI entwickelt wurde
Mistral Le Chat Sprachmodell, wie ChatGPT
Geospy Erkennt, wo ein Foto entstanden ist
AiorNot Prüft, ob ein Text von einer KI geschrieben wurde
Pimeyes.com Tool zur Gesichtserkennung
Midjourney Tool zur Bildgenerierung
Perplexity.ai Beantwortet Suchanfragen in natürlicher Sprache
Hilfreicher Prompt-Generator für midjourney
Jellypod Macht aus Newslettern Podcasts

Jakob Vicari, 42, hat die Deutsche Journalistenschule absolviert und Kommunikationswissenschaften, Politik und
Biologie studiert. Danach war er Wissenschaftsredakteur bei Wired Germany und freier Journalist. 2018 gründete er mit der Journalistin Astrid Csuraij die Agentur Tactile News in Lüneburg mit dem Ziel, den Journalismus mit Technologie besser zu machen. Vicari beschäftigt sich seit fast zehn Jahren mit dem Einsatz von KI im Journalismus. Sein Sensorjournalismus-Projekt „Superkühe“ war für den Deutschen Reporterpreis nominiert und wurde mit dem Ernst-Schneider-Preis ausgezeichnet. Das Projekt „#bienenlive“ gewann den Reporterpreis.

Catalina Schröder arbeitet als Wirtschaftsjournalistin in Hamburg. Christian O. Bruch ist Fotograf in Hamburg.